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Das Projekt „Brisant“ hilft Lang zeitarbeitslosen nach einem statio nären Alkoholentzug bei der beruflichen Re-Integration.
 

Projekt „Brisant“

Ein Brückenschlag zwischen stationärer Suchttherapie und beruflicher (Re-)Integration

Die hier vorgestellte Maßnahme versucht die Lücke zwischen stationärer Entwöhnungsbehandlung und dem beruflichen (Wieder-)Einstieg zu schließen. Gerade nach der Entlassung kommt es innerhalb der ersten drei Monate häufig zu Rückfällen. Grund dafür ist unter anderem der Umstand, dass viele Verhaltens- und Denkweisen erstmals seit langer Zeit nüchtern und in abstinentem Zustand ausgehalten werden müssen. In dieser hoch sensiblen Phase ist es daher verständlich, dass viele Patienten verunsichert und nicht ausreichend stabilisiert sind für die Herausforderungen der Arbeitswelt beziehungsweise der aktiven Jobsuche.

Kursinhalte und Ziele

Ziel ist primär eine Vermittlung in den ersten beziehungsweise in den erweiterten Arbeitsmarkt im Rahmen von Gruppen und Einzelcoaching.

  • Potentialanalyse: Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sind heute schon für morgen vorhanden?
  • Kommunikationstraining, Telefontraining, Konfliktmanagement
  • Bewerbungstraining mit Video-Unterstützung
  • Arbeitserprobung, Arbeitssimulation, Fahrradwerkstätte
  • Qualifizierung
  • Europäischer Computer Führerschein (ECDL) Core oder ECDL Advanced
  • Europäischer Wirtschaftsführerschein (EBCl)
  • Projektmanagement
  • Berufswegplan
  • Vermittlung in Betriebe über Outplacement

Die negative Arbeitsspirale

Kursteilnehmerin Frau Müller*, 46 Jahre, ledig, keine Kinder, erkrankte bereits vor mehr als zehn Jahren an einer Alkoholabhängigkeit, wobei ein genauer Zeitpunkt aufgrund des schleichenden Verlaufs nicht auszumachen ist. Zunächst absolvierte die Patientin mehrere erfolglose stationäre Entwöhnungstherapien, unter anderem auch im Anton Proksch Institut Wien (API). Die erzielte Abstinenz hielt zumeist nur wenige Wochen an, immer wieder führten Belastungssituation und psychosoziale Krisen zu neuerlichem Alkoholkonsum – ein typisches Drehtürphänomen in der Suchtbehandlung.

2003 schien die Patientin ihre Sucht überwunden zu haben, sie begann im Lebensmittelhandel als Verkäuferin zu arbeiten, sie stabilisierte sich zunehmend, psychisch und sozial. 2008 kam das nächste „Life Event“. Aufgrund einer körperlichen Erkrankung ohne Teilätiologie Alkoholabhängigkeit kam es zu einem längeren Krankenhausaufenthalt. Frau Müller wurde fristlos gekündigt. Krankheit, Frustration durch die ungerechtfertigte fristlose Kündigung und die damit existenziellen, bedrohlichen finanziellen Einbussen sowie Strukturverlust waren neuerlich auslösende Faktoren ihrer psychischen Grunderkrankungen Depression und Angststörung.

Um die Symptome zu lindern griff Frau Müller auf ihr „altes Verhaltensmuster“ zurück, welches immer wieder mit Kontrollverlust einherging. Sie konsumierte zweimal wöchentlich Wein, Schnaps oder bis zu einem halben Liter Rum.

Exkurs: Die fristlose Kündigung wurde während der Kursmaßnahme 2010 seitens des Arbeitsgerichtes angefochten und für Frau Müller positiv entschieden – sämtliche ausständigen Entschädigungen seitens des Dienstgebers wurden Frau Müller rückwirkend bezahlt.

2009 absolvierte Frau Müller ihren insgesamt vierten stationären Entzug im API mit positivem Erfolg. Im Anschluss versuchte Frau Müller wieder in den Verkauf im Lebensmittelhandel zurückzukehren. Nach Monaten der erfolglosen Jobsuche zweifelte Frau Müller massiv an ihren eigenen Kompetenzen und ihrem Selbstwert; ihre Verunsicherung stieg und damit sank auch ihre Motivation weiterhin beruflich Fuß zu fassen. Wie Untersuchung zeigen, verändert sich auch mit der Dauer der Arbeitslosigkeit die Einstellung zu einer neuerlichen Erwerbstätigkeit drastisch. Von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffene sehen in der intendierten Arbeitsaufnahme lediglich den Verdienst als Anreiz, andere Aspekte wie soziale Integration und das Gefühl wieder Verantwortung und eine Aufgabe zu übernehmen treten zunehmend in den Hintergrund. Arbeit wird zunehmend negativ konnotiert.

Die Frage, was die Absagen eventuell mit ihr beziehungsweise ihren Bewerbungsunterlagen zu tun hätten, stellte sich Frau Müller zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Patientin resignierte, ging nicht mehr zu jedem Bewerbungsgespräch, hinterfragte bereits den Sinn ihrer Abstinenzhaltung und befand sich bereits am Weg „einer negativen Arbeitsspirale“.

Ausschlagegebend, dass Frau Müller wieder Kontakt zum Anton Proksch Institut aufgenommen hat, war folgendes Erlebnis in einem ihrer Vorstellungsgespräche: Frau Müller wurde von einem großen Wiener Lebensmittelkonzern zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Gleichzeitig mit mehreren anderen Bewerbern saß Frau Müller in einem Raum, in dem alle vom Personalleiter dieses Unternehmens auf ihre beruflichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Stärken geprüft wurden. In diesem „Selektionsverfahren“ ging die Teilnehmerin unter.

Zuerst wurde sie mit ihrem mangelhaften Lebenslauf und Bewerbungsschreiben konfrontiert; später stellte der Personalchef diese vor den Mitbewerbern plakativ zur Schau. Diese Kränkung endete mit dem neuerlichen Alkoholkonsum. In der ambulanten Nachbetreuung, welche die Patientin trotz Rückfalles für sich in Anspruch nahm, erfolgte eine unmittelbare Zuweisung zum Projekt „Brisant“.

Ressourcen aktivieren

Letztendlich ist es die Interaktion von stationärer sowie ambulanter Therapie und beruflicher (Re-)Integrationsmaßnahme, die eine nahezu lückenlose Betreuung der Patientin ermöglichte. Die Krise konnte abgefangen, die Patientin zunehmend wieder stabilisiert werden. Zusätzlich starb der Wunsch nach beruflicher Tätigkeit bei der Patientin nicht aufgrund dieser zahlreichen Frustrations- und Misserfolgserlebnisse und der damit einhergehenden Verunsicherung und Angst ab, vielmehr gelang es den Kurstrainern die verborgenen Ressourcen und Stärken von Frau Müller wieder zu aktualisieren und diese für einen neuerlichen Bewerbungsprozess nutzbar zu machen.

Das positive Ergebnis

„Sie wünschen? Außer den drei Kornspitz – darf es sonst noch etwas sein?“ Frau Müller hat sich bereits eingearbeitet, fühlt sich wohl, stabil und, was vielleicht am Wichtigsten ist, von Nutzen.

1 Anton Proksch Institut Wien

* Name von der Redaktion geändert

C. Suchl1, O. Scheibenbogen1, psychopraxis. neuropraxis 3/2010

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