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Foto: wikipedia / Ärzte-Woche-Montage
 

Die hormonelle Gestimmtheit

Ist Hypercholesterinämie psychosomatisch? Zusammenhang zwischen Cholesterin, Testosteron und Psyche.

Arteriosklerose, Hypertonie, Insult, Infarkt – Erkrankungen, denen nachgesagt wird, dass ihnen eine Hypercholesterinämie zugrunde liegt. Doch was ist die Ursache der Hypercholesterinämie? Der Zusammenhang mit der Psyche liegt auf der Hand und wird doch nicht erkannt!

 

Cholesterin ist der Baustein, aus dem die Steroidhormone gebildet werden. Durch Abspaltung dreier Methylgruppen, Hydrierung und Isomerisierung entsteht aus dem Cholesterin Testosteron und aus Testosteron mit Hilfe der Aromatase Östradiol.

Testosteron ist nicht das „männliche Hormon“, sondern das „Lebenshormon“ für Männer und Frauen. Frauen erzeugen mindestens genauso viel Testosteron wie Männer, um daraus Östradiol, das „weibliche Hormon“, zu bilden, auch wenn dieses Testosteron nur sehr kurz – und daher geringer messbar – im Blut ist, da es gleich in Östradiol umgewandelt wird.

Testosteronerzeugung wird über das Gehirn gesteuert

Durch das hypothalamische Hormon Gonadoliberin (GnRH) werden im Hypophysenvorderlappen die Gonadotropine FSH (Follikel-stimulierendes Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon), also Botenstoffe, ausgeschüttet, welche vor allem in Ovarien und Hoden die Eizellen- beziehungsweise Spermienreifung (FSH) und die Produktion von Testosteron (LH) anregen. In den Ovarien wird dann, wie beschrieben, Testosteron in Östradiol umgewandelt.

Ist ausreichend Testosteron vorhanden, wird das durch einen Rückkoppelungsmechanismus dem Gehirn gemeldet und entsprechend wird die Ausschüttung der Vorbotenstoffe reguliert. Ist zu wenig Testosteron vorhanden, wird gleichzeitig mit der Rückmeldung ans Gehirn die Produktion des Rohstoffes Cholesterin gesteigert und damit die Erzeugung des Testosteronnachschubs ermöglicht.

Zusätzlich zu dem Feedback-Mechanismus gibt es auch die direkte Information ans Gehirn. So wurde festgestellt, dass bei Männern, die bei der Blutabnahme einer für sie attraktiv empfundenen Frau mit Ausstrahlung (Pheromone) gegenüber saßen, die Testosteronproduktion sofort messbar gestiegen ist.

Hormonwerte sind eine Momentaufnahme und dadurch ein Spiegelbild der Seele. Es muss immer ein durch eine gesunde Psychosomatik abgestimmtes Zusammenspiel vorhanden sein, das sich im Verhältnis, nicht in der absoluten Zahl des jeweiligen Hormon- beziehungsweise sonstigen Laborwertes äußert.

Laborwerte und Anamnese

Ein isolierter Laborwert ist nicht aussagekräftig und darf nicht als Grundlage einer Therapie herangezogen werden, vor allem, wenn diese medikamentös ist und damit potenzielle Gefahren und tatsächliche Nebenwirkungen nach sich zieht. Ebenso ist ein Laborbefund ohne Anamnese nicht aussagekräftig, da eine ausführliche Erhebung der Lebensumstände erforderlich ist, um die einzelnen Laborwerte (s. Kasten) in ihrer Gesamtheit erfassen zu können.

Psyche beeinflusst Testosteronproduktion

Eine ausführliche Anamnese der Lebensumstände umfasst das Zusammenspiel zwischen Körper, Seele, Familie-Freunden-Umwelt, Gedanken aufgrund vorgegebener Erfahrungen sowie von Sexualität, die mehr bedeutet als Erektion oder Geschlechtsverkehr, sondern Mann-Sein, Frau-Sein, Kind-Sein und die in allen vorher genannten Teilbereichen enthalten ist. Unterschiedliche biopsychosozio-mentalsexuelle Gründe führen zu Störungen an verschiedenen Stellen des Körpers beziehungsweise der Hormonproduktion.

Wird aufgrund der Lebensumstände zu wenig Testosteron gebildet, wird durch Wiederverwertung immer mehr Cholesterin als Rohstoff für Testosteron bereitgestellt. Aufgrund der psychosomatischen Nichtproduktion des Testosterons verstopft das übermäßig bereitgestellte Cholesterin die Gefäße. Dies führt dann zu Arteriosklerose, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall – auch oder besonders bei schlanken Menschen.Bei Stress wird der Grundbaustein Cholesterin zur vermehrten Bildung von Cortisol „verbraucht“ und verdrängt die Bildung von Testosteron, was zu einem Testosteronmangel führt. In der Natur kommt Stress nur kurz, etwa auf der Flucht, vor, und dient einer Art „Vollgas geben“, das aber wie beim Autofahren nicht auf Dauer sein darf. Bildet die Frau aufgrund der Lebensumstände zu wenig Östradiol, bleibt zu viel Testosteron über, was etwa zu Akne oder verstärkter Behaarung führt und weiterreichende Folgen hat.

Ernährung überbewertet

Mehr als zwei Drittel des Cholesterins werden vom Körper selbst produziert, nur höchstens ein Drittel wird mit der Nahrung zugeführt, in manchen Studien ist sogar nur von fünf Prozent die Rede. Die Rolle der Ernährung ist damit minimal und in der Patientenberatung überbewertet.

Gedanken und Emotionen steuern

Vielmehr geht es darum, die direkten Informationen an das Gehirn – also Gedanken, Emotionen, Empfindungen, Wünsche – so zur Verfügung zu stellen, dass Gonadotropine des Hypophysenvorderlappens, Bildung von Sexualhormonen und Stresshormonen, sowie Recycling von Cholesterin zur Rohstoffbereitstellung im Gleichgewicht sind.

Die Ursachen einer „falschen“ Information sind immer biopsychosoziomentalsexueller Natur. Wenn man etwa konträr zu seinen Instinkten lebt, zum Beispiel so, wie es die gesellschaftliche Struktur erwartet, und man gleichzeitig glaubt, dass die Natur das so vorsieht, dann spürt der Körper diesen Widerspruch, kennt sich nicht aus und ein Ungleichgewicht entsteht, in welcher Form auch immer. Als Beispiel: Ein verheirateter Mann, der seiner Frau treu sein will, redet sich ein, nicht mehr an anderen Frauen interessiert zu sein, ja, sie nicht einmal anzuschauen und als Frauen wahrzunehmen. Das widerspricht der Natur: Evolutionsbedingt wollen sich Männer möglichst oft vermehren, Kinder zeugen und damit ihre Gene weitergeben, weshalb sie versuchen, bei möglichst vielen Frauen anzukommen.

Dieser Gegensatz zwischen Instinkten, die unbewusst in jedem von uns verankert sind, und einem von sich erwarteten Verhalten führen zu einer Fehlproduktion und zu einem Testosteronmangel. Untersuchungen zeigen, dass bei Männern die Testosteronwerte in der Ehe generell niedriger sind als bei Nichtverheirateten. Wenn der Mann hingegen weiß, es ist zwar gegen die Natur, aber sein Wunsch, nur seine Frau als Frau zu sehen, dann kann sich der Körper – und damit das Cholesterin und die Hormone – darauf einstellen.

Wirkung von Testosteron

Testosteron wirkt auf alle Hormonsysteme, wechselseitig, zum Beispiel auf die Schilddrüsenhormone, die jede einzelne Zelle im Körper anregen und aktivieren, oder auf Vitamin D. In einer Wechselwirkung mit dem Erythropoietin – Epo, wie es bei der Tour de France genannt wird –fördert Testosteron die Bildung der Erythrozyten, die Sauerstoff in alle Organe transportieren. Es sind Testosteronrezeptoren, die Zucker aus dem Blut in die Zelle aufnehmen. So kommt es durch Stress und Depression, wobei mehr Stresshormon als Lebenshormon gebildet wird, zu einem Testosteronmangel und damit zu einer Hyperglykämie (Diabetes).

Ein Testosteronmangel führt also zu den unterschiedlichsten Erkrankungen im gesamten Körper. Daher ist es so wichtig, bei jeder Erkrankung eine ausführliche biopsychosoziomentalsexuelle Anamnese zu machen und eine Bestimmung der Hormone im Blut zu veranlassen, um Zusammenhänge zu sehen.

Nicht Alter, sondern Lebensform

Es wird oft gesagt, dass der Testosteronspiegel sowie das Interesse an Sexualität im Alter sinken. Das ist absolut unrichtig. Der vielleicht bei vielen Männern zu niedrige Testosteronspiegel hat nichts mit dem Alter, sondern mit der Lebensform zu tun.

Konkret haben ein 72-jähriger sowie ein 77-jähriger Patient ganz normale Testosteronwerte. Auffällig sind die erhöhten Botenstoffe aus dem Gehirn, Gonadotropine, die trotz „normal hohen Testosterons“ die Produktion weiter anfeuern.

Bei einem 92-jährigen Patienten ist das gemessene Testosteron im Blut zwar unter der Norm, aber auch hier ist das Steuersystem im Gehirn sehr aktiv. Und obwohl er jeden Tag drei Eier und jeden zweiten Tag eierreiches Tiramisu isst, zeigt sich ein normaler Cholesterinspiegel, denn sein Körper braucht es, um Sexualhormone zu produzieren. Bei diesen drei Patienten sieht man auch den unglaublich hohen Lebenswillen und Lebensdrang. Diese Einstellung sorgt für die Ankurbelung von Testosteron und die Hormonwerte zeigen, wie ein Spiegelbild, wo sich die Psyche befindet.

Suche nach den Ursachen

Es ist essentiell, dass man den Grund findet, wieso es zu einer Störung des Zusammenspiels gekommen ist. Die Ursache spielt sich immer im familiären, sozialen, mentalen, sexuellen Bereich ab. Dieser umfasst einerseits kindliche Erfahrungen, kindliche Verletzungen, die man später versucht, wieder gut zu machen, was die Verletzungen aber nicht ungeschehen macht, und andererseits auch das Frauen- und Männerbild, das man mitgenommen hat und das man auch im Verhältnis zu anderen lebt. Durch psychosomatische Gespräche, das sind biopsychosoziomentalsexuelle ärztliche Gespräche, gilt es, all dem auf den Grund zu gehen und durch die Information darüber, wie die Zusammenhänge sind, eine Veränderung beim Patienten herbeizuführen.

Genauso wird der Begriff der Genetik meist missbräuchlich verwendet. Einerseits wissen wir viel zu wenig über die Genetik gesunder Menschen und ob sie nicht auch Gene aufweisen, die mit Krankheiten assoziiert sind. Andererseits hat der Nobelpreisträger Eric Kandel nachgewiesen, dass die Genexpression durch Information veränderbar ist. Durch Erklärungen wie „endogene Ursache“ oder „genetische Veranlagung“ wird der Blick auf die wahren Ursachen und Zusammenhänge verstellt.

Eigenproduktion versus Hormonzufuhr

Eigenproduziertes Testosteron ist Leben für Mann und Frau, zugeführt als Medikament, ist es genau das Gegenteil und führt zum Tod: Solange eine Eigenproduktion der Hormone möglich ist, also weder Ovarien / Hoden noch Schilddrüse etc. entfernt wurden, dürfen keine Hormone von außen zugeführt werden, da damit die Eigenproduktion komplett hinuntergefahren und unterdrückt wird. Es wird damit nicht die Ursache behandelt, die noch mehr Schaden nimmt. Hormone zu substituieren, bei bestehenden Organen, macht nicht nur keinen Sinn, sondern ist regelrecht katastrophal!

Es wird von außen etwas zugeführt, was man selber schwer steuern kann. Jede Hormonzufuhr ist wie eine Autofahrt mit einem fixen Gaspedal ohne Bremsen, auf das man keinen Einfluss hat. Wichtig ist aber, dass der Organismus lernt, selbst richtig zu steuern. Cholesterin ist für die Hormonproduktion unabdingbar. Cholesterin ist Hoffnung, dass etwas entsteht.

 

Dr. Julia Rüsch ist Ärztin für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Psychosomatik in der Steiermark.

Basis einer Untersuchung
Folgende Laborwerte sollten bestimmt werden: KBB, Retikulozyten, BSK, CRP, Glucose, Chol, LDL, HDL, TG, GOT, GPT, gGT, Bilirubin ges, alk. Phosphatase, LDH, CK, Eiweiß ges, Krea, HS, Fe, Ferritin, Transferrin, Na, K, Ca, Mg, Vit B12, Folsre, TSH, LH, FSH, Testosteron, SHBG, Östradiol, Progesteron, Prolaktin, Cortisol, ACTH, Prolaktin, Vit D.

Von Dr. Julia Rüsch, Ärzte Woche 25 /2010

  • Herr Ger Fabs, 25.06.2010 um 16:37:

    „Jetzt wird's schwierig. Diese Sichtweise weist auf eine ganzheitsmedizinische Betrachtung hin und geht damit einen Weg, der so gar nicht der modernen Medizin entspricht. Führt doch die enorm zunehmende Menge von Forschungsergebnissen zwangsläufig zu einer Zunahme der Spezialisierung und damit weg von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Allerdings, was würde eine solche dringend notwendige ganzheitliche Betrachtungsweise nützen, wenn anschließend die Möglichkeit einer entsprechenden Therapie fehlt. Diese ist ja immer nur punktuell und gleicht eher einer Polypragmasie, wirkt also somit heilungshemmend.“

  • Herr Ger Fabs, 25.06.2010 um 16:38:

    „Jetzt wird's schwierig. Diese Sichtweise weist auf eine ganzheitsmedizinische Betrachtung hin und geht damit einen Weg, der so gar nicht der modernen Medizin entspricht. Führt doch die enorm zunehmende Menge von Forschungsergebnissen zwangsläufig zu einer Zunahme der Spezialisierung und damit weg von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Allerdings, was würde eine solche dringend notwendige ganzheitliche Betrachtungsweise nützen, wenn anschließend die Möglichkeit einer entsprechenden Therapie fehlt. Diese ist ja immer nur punktuell und gleicht eher einer Polypragmasie, wirkt also somit heilungshemmend.“

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