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Das Herz als Metapher für romantische Liebe hat seine Bedeutung bis heute nich verloren.
 

Romantische Liebe – Teil 1

Eine große Liebe

Wir schreiben das Jahr 1792. Ludwig Tieck (1773 – 1853) und Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773 – 1798) kennen sich von dem legendären Berliner Friedrichwerderschen Gymnasium und versichern sich in einem Briefwechsel, dass sie für diese Welt nicht geschaffen seien, dass sie das, was in dieser Welt als wichtig gelte, als unwichtig einstuften und dass diese Welt sie für „exzentrische Schwärmer“ (zitiert nach de Bruyn 2006, S. 122) halte. Wackenroder ist der Liebende und Leidende, der, der auf die Briefe von Tieck wochenlang wartet, warten muss, in „Rausch und Taumel“ (ebd. S. 124) verfällt, wenn er an ein Wiedersehen denkt, aber ansonsten schmachtet und verzweifelt ist. „Aber ich schwör´ es Dir bei den Seligkeiten, die ich je in den erhabensten Stunden von Deinen Lippen geküsst und aus Deinen Augen getrunken habe ...“ (ebd. S. 124). Küssen, und sollte es sich auch nur um eine Metapher handeln, ist nicht „geil“ oder „scharf“, wie wir heute eventuell sagen würden, zumindest wenn wir der Generation der 20-Jährigen angehören würden. Küssen wird bei Wackenroder mit Erhabenheit, also mit etwas Edlem, etwas Erhobenen in Verbindung gebracht. Einige Jahrzehnte später wird Nietzsche im „Zarathustra“ von der Höhe träumen und sie verehren.

„Aus den Augen trinken“ ist eine nährende oder kannibalistische Metapher. Wenn das Auge eine Metapher für das männliche Geschlecht ist (Bataille 1999), dann trinkt Wackenroder aus dem Penis von Tieck und will sich von seinem Sperma nähren. Diese Version klingt nun nicht mehr ganz so erhaben. Somit wird die Aufgabe der romantischen Erhabenheit sichtbar: Sie erhöht und verklärt den sexuellen Akt und gibt ihm ein unerhörtes Mehr. „Aus den Augen trinken“ ist etwas nahezu vollkommen anderes als Fellatio bzw., um die aktuelle Metapher zu verwenden, als ein Blow Job. Der Romantiker erschrickt sich vor dem nur Körperlichen, im Grunde schreckt er vor jeder Tat zurück.

Carl Schmitt, der Rechtstheoretiker des Dritten Reichs, graust sich ebenfalls vor dem nackten Sexuellen. Zirka 120 Jahre später weiß er seinem Tagebuch anzuvertrauen. „Wie ekelhaft ist alles Fleisch“, schreibt Schmitt 1912 (2005, S. 32). Am 5. Dezember 1912 notiert er: „Die Einheit des leeren blauen Himmels ist die Einheit des weiblichen Bewusstseins, die Einheit des Obelisken ist die Einheit des männlichen Bewusstseins. (Schon daraus ergibt sich, dass Freud ein Schwein ist.)“ (2005, S. 36) Ein Schwein ist man für Schmitt, wenn man die Dinge beim Namen nennt, wenn die Sexualität nicht umhüllt wird mit höheren Werten und Dingen. „In Wahrheit ist die Sexualität nur ein armseliger Schatten, eine ,verunglückte’ zotige Karikatur eines großen und erhabenen Begehrens.“ (2005, S. 48)

Erhabenheit ist das Gegenteil eines trivialen Alltags. Tieck beichtet seinem Freund in einem Brief, einen Abend nur Karten gespielt zu haben. Wie reagiert Wackenroder? „Um Himmels Willen, wie ist das möglich ... Das ist ja ganz schrecklich ... Das ist mir das schauerlichste, ich kann es gar nicht vergessen.“ (zitiert nach Bruyn 2006, S. 124) Der Romantiker ist entsetzt angesichts des Banalen, des Alltäglichen. Offenbar hasst er die Zerstreuung. Der Romantiker wird nie von der „geilen Party“ sprechen. Er wird beim Schreiben eines Buches nie „viel Spaß“ haben. Wackenroder und Tieck wandern zu verwunschenen Orten, lieben „verfallene Burgen und wilde Felsen“ (Bruyn 2006, S. 125). Sie besichtigen Gefängnisse, Irrenhäuser, Bergwerke und haben einen Sinn für jedes Detail. Sie ringen um die Intensität des Augenblicks, um eine außergewöhnliche Erfahrung, die sie aus der Normalität entführt. Kartenspielen ist beileibe nicht außergewöhnlich. Kartenspielen beschmutzt und entehrt die schöne Seele.

Die schöne Seele wird in der Selbstwahrnehmung allerdings nicht beschmutzt von dem vor den Gläubigern Stets-auf-der-Flucht-sein. Das „Pumpgenie“ Tieck (Güntzel 1995, S. 336) hat es nie als nötig erachtet, hinreichend Geld für seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Dafür waren andere zuständig: seine Gläubiger und seine Mäzene. Nicht nur in dieser Hinsicht ist der Romantiker ein Anti-Bürger – sei es willentlich oder unwillentlich.

Wackenroder setzte sich auf Drängen des Vaters die Maske des Bürgers auf. Er arbeitete ab 1794 als preußischer Staatsdiener. Diese Arbeit war ihm inniglich verhasst und er ging daran zugrunde. Vier Jahre später starb er, wie Tieck es beschrieb, „endlich am Nervenfieber“ (zitiert nach Güntzel 1995, S. 363).

Das Programm der romantischen Liebe

Die romantische Seele von heute zieht es nicht mehr ins Gefängnis. Das ist zu exzentrisch und zu befremdlich. Mit dem Thema Romantik und insbesondere der romantischen Liebe assoziieren wir heute Nähe und Vertrautheit. Mit Romantik verbinden wir eigentlich populäre Bilder. Wir denken an einen bezaubernden Frühlingstag mit den ersten warmen Sonnenstrahlen, an einen Spaziergang im Herbstwald, an ein sehr intensives Gespräch mit einem guten Freund bei einer Tasse Tee, während draußen der Wintersturm tobt, natürlich an den ersten zarten Kuss, als wir alle noch jung waren, an das Zittern und Bangen, ob und wann sie oder er zurückruft, an das Candle-Light-Diner mit den Kerzen und mit dem erotischen Verlangen, das sich von Gang zu Gang steigert.

Beim Thema Romantik und romantischer Liebe denken wir aber nicht an die bürdenreiche und komplexe historische Aufgabe, die mit der Romantik verbunden ist. Die Romantik ist keine historische Beliebigkeit. Sie ist Wegbereiterin der und Gegenbewegung zur Moderne in eins. Sie ist das korrespondierende Gegengift zum Primat der Rationalität. Sie treibt die Individualisierung voran und träumt von nicht individualisierten Zeiten. Sie lockert die Zwänge des Zivilisationsprozesses und forciert die Entregelung und die Missachtung des Normativen sowie des Gesetzes. Und was ist mit der romantischen Liebe?

Sie ist das Gegengift zur Liebe als Lüge, Täuschung und Manipulation (Grawert-May 1980). Romantische Liebe will echte Gefühle und einen aufrichtigen Geist, sie will zwei entflammte Herzen, die sich alles sind:

„Ja! Ich würde es für ein Märchen gehalten haben, dass es solche Freude gebe und solche Liebe, wie ich nun fühle, und eine solche Frau, die mir zugleich die zärtlichste Geliebte und die beste Gesellschaft wäre und auch eine vollkommene Freundin. Denn in der Freundschaft besonders suche ich alles, was ich entbehrte und was ich in keinem weiblichen Wesen zu finden hoffte. In dir habe ich es alles gefunden und mehr als ich zu wünschen vermochte: aber du bist auch nicht wie die anderen.“ (Schlegel 1985, S. 20)

Lucinde - das ist die Frau, der Julius aus dem Roman von Schlegel („Lucinde“) diese Ode an die Liebe singt - ist deshalb so einmalig, weil sie für ihn alles ist: Geliebte, Gesellschaft, Freundin. Romantische Liebe ist ein Rundum-Paket, das alles enthält, was der Mann braucht, und von dem er zugleich ewiglich träumen kann:

„Du fühlst alles ganz und unendlich, du weißt von keinen Absonderungen, dein Wesen ist Eins und unteilbar. Darum bist du so ernst und so freudig: darum nimmst du alles so groß und so nachlässig, und darum liebst du mich auch ganz und überlässt keinen Teil von mir etwa dem Staate, der Nachwelt oder den männlichen Freunden. Es gehört dir alles und wir sind uns überall die nächsten und verstehen uns am besten.“ (ebd. S. 20)

„Alles“, „ganz“, „unendlich“: Julius beschreibt die Liebe als etwas radikal Possessives und Totalitäres. Julius gehört alleine und zudem mit Haut und Haaren ihr, seiner Lucinde. Für immer. Gesetzt den Fall, dass ein kleiner Teil von ihm seinen Freunden gehören würde, dann wäre die wahre Liebe nicht mehr vorhanden. Der Romantiker begnügt sich nicht mit einem Kompromiss. Niemals. Ansonsten würde er sich selbst untreu werden, sich selbst verraten.

Die Angebetete muss nicht nur alles für ihn sein, sie muss selbst „Eins“ sein, also selbst eine Totalität – ohne Fragmentierung, ohne Brüche, ohne Konflikte. Romantische Liebe atmet den Hauch von Diktatur, wie umgekehrt die revolutionären Bewegungen im 20. Jahrhundert ohne romantischen Geist nicht zu denken sind.

Schlegel, der Autor von „Lucinde“ entwirft diese Frauengestalt in seinem Roman im Übergangsbereich zwischen Realität und Fiktion. Dagegen gab es im Leben von Schlegel ein Vorbild für seine Romanfigur: Dorothea (1764 – 1839), die älteste Tochter des Philosophen Moses Mendelsohn, die dreizehn Jahre unglücklich verheiratet war, im Sommer 1997 den jüngeren Schlegel kennen lernte, sich in ihn verliebte und wegen dieser Liebe ihren Mann verließ. Und was macht Schlegel? Er formt aus dieser Liebe ein Roman: „Lucinde“, was Dorothea nicht wenig verstörte. Die Enthüllung ihres Liebeslebens machte ihr schwer zu schaffen (Bruyn 2006, S. 109). Schlegel hingegen nicht. Etwas Unerhörtes und Einmaliges erleben, um es dann in Schriftform zu gießen – so lässt sich die Logik des romantischen Schreibens zusammenfassen, wobei das Schreiben wichtiger zu sein scheint als die romantische Erfahrung. Ein halbes Jahr später, nachdem Friedrich Schlegel und Dorothea zusammen gekommen waren, schreibt Schlegel an seinen Bruder: „Meine Freundin lebt glücklicherweise sehr eingezogen und schont meine Zeit aufs äußerste.“ (zitiert nach Bruyn 2006, S. 119) Welch glückliche Fügung: Die Angebetete lässt ihn arbeiten, so viel er will. Romantische Programmatik und (romantisches) Leben müssen nicht unbedingt übereinstimmen.

Romantik versus Lebenskunst

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Romantik kein willkürliches historisches Phänomen ist, sondern diverse historische Funktionen hat. Eine hiervon ist folgende: Romantische Liebe ist die Antwort auf den Untergang der höfisch-aristokratischen Welt, die Liebe als Machtspiel und Stellungskrieg inszeniert hat.

Chloderlos de Laclos beschreibt diese Form der Liebe und ihren Untergang in dem Briefroman „Schlimme Liebschaften“. Im einundachtzigsten, an den Vicomte von Valmont gerichteten, Brief zeigt sich die Marquise von Merteuil von seiner bisherigen Leistung sehr enttäuscht. Der Vicomte hatte die Aufgabe, die Präsidentin zu verführen und sie dann kalt fallen zu lassen. Doch dies gelingt ihm nicht. Statt dessen verliebt sich dieser Tor in sie:

„Was haben Sie denn eigentlich getan, was ich nicht tausendfach übertroffen hätte? Sie haben viele Frauen verführt, sogar zugrunde gerichtet: aber welche Schwierigkeiten haben Sie zu brechen gehabt? Welche Hindernisse zu überwinden? Wo ist darin das Verdienst, das wirklich Ihnen gehört? Ein schönes Gesicht, reiner Zufall; gute Manieren, die Übung fast immer verleiht; Geist allerdings, den zur Not aber Geschwätz ersetzen würde; eine Unverschämtheit, die ziemlich lobenswert ist, die Sie vielleicht aber einzig und allein der Mühelosigkeit Ihrer ersten Erfolge verdanken – das sind, irre ich nicht, alle Ihre Hilfsmittel.“ (Laclos 1796, 1972, S. 219)

Der Vicomte, so die Meinung der Marquise, musste sich gar nicht richtig anstrengen, um zu verführen. Sie dagegen hat sich echten Herausforderungen gestellt und sie auch bestanden. Und wie gelang ihr das? Welche Waffen besitzt sie? Es sind im Wesentlichen zwei: die der Kontrolle ihrer eigenen Gefühle und die Fähigkeit, sich zu verstellen:

„Diese nützliche Neugierde diente dazu, mich zu bilden, und lehrte mich zugleich, mich zu verstellen. Oftmals genötigt, die Gegenstände meiner Aufmerksamkeit vor den Augen meiner Umgebung zu verheimlichen, probierte ich es, meine eigenen nach meinem Gefallen zu lenken. Schon damals erreichte ich es, dass ich beliebig den zerstreuten Blick bekam, den Sie so oft gelobt haben. Durch diesen ersten Erfolg ermutigt, trachtete ich, mein Mienenspiel ebenso zu regeln. Empfand ich etwa Kummer, befleißigte ich mich, heiter auszusehen und sogar freudig. So habe ich über meine Physiognomie die Macht erlangt, über die ich Sie manchmal so in Erstaunen gesehen habe.“ (ebd. S. 222f)

Diese Kunst benutzt sie zur Aufrechterhaltung einer guten Ehe:

„Diese Art von Studium fing mir bald zu gefallen an; doch meinen Grundsätzen treu und in dem vielleicht instinktiven Gefühl, dass niemand meinem Vertrauen ferner stehen müsse als mein Gatte, beschloss ich, gerade deswegen, weil ich viel empfand, mich vor seinen Augen unempfindlich zu zeigen. Diese anscheinende Kälte war in der Folge die unerschütterliche Grundlage seines blinden Vertrauens.“ (ebd. S. 225)

Die Marquise zeigt sich bei ihrem Gatten frigide, damit er nicht den Verdacht hegt, sie könne andere Männer begehrenswert finden. Und sie hat mit dieser Strategie Erfolg. Er vertraut ihr blind. Umgekehrt wird in „Schlimme Liebschaften“ Liebe geheuchelt, um sich zu rächen, um den anderen zu zerstören, um über ihn zu triumphieren. Derjenige gewinnt, der das Schachspiel der Liebe mit einem Pokerface gewinnt. Lasse niemanden in Deine Karten schauen. Ein Narr, der aufrichtig liebt.

Diese Liebeskunst orientiert sich an barocker Lebenskunst (die Marquise agiert im Spätbarock), die am Besten von Balthasar Grazián formuliert worden ist. In seinem von Schopenhauer übersetzten Werk „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ gibt er u. a. folgende wertvolle Tipps:

Über sein Vorhaben in Ungewissheit lassen. Mit offenen Karten spielen ist weder nützlich noch angenehm. Indem man seine Absicht nicht gleich kundgibt, erregt man die Erwartung, zumal wenn man durch die Höhe seines Amts Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit ist. Bei allem lasse man etwas Geheimnisvolles durchblicken und errege, durch seine Verschlossenheit selbst, Ehrfurcht.“ (1647, Grazián 2005, S. 7)

Abhängigkeit begründen. Wer klug ist, sieht lieber die Leute seiner bedürftig als ihm dankbar verbunden; sie am Seil der Hoffnung zu führen, ist Hofmannsart, sich auf ihre Dankbarkeit verlassen Bauernart, denn letztere ist so vergesslich als erstere von gutem Gedächtnis.“ (ebd. S. 8)

„Nicht abwarten, dass man eine untergehende Sonne sei. Es ist eine Regel der Klugen, die Dinge zu verlassen, ehe sie uns verlassen. Man wisse, selbst aus seinem Ende sich einen Triumph zu bereiten. Sogar die Sonne zieht sich oft, noch bei hellem Scheine, hinter eine Wolke zurück, damit man sie nicht versinken sehe und ungewiss bleibe, ob sie untergegangen sei oder nicht“ (ebd. S. 64)

Grazián präsentiert eine Lebenskunst, die auf taktischem Verhalten beruht, mit dem Ziel, sein Überleben zu sichern und seine Ehre zu bewahren. Die Marquise aus „Schlimme Liebschaften“ heuchelt Liebe auf der Grundlage der Ratschläge von Grazián. Allerdings verfolgt sie aus unserer Sicht destruktivere Ziele. Heute würden wir derartiges taktisches Verhalten als verlogen und als unmoralisch einordnen. Denn wir sind letztlich alle Romantiker. Unser romantisches Herz verbietet uns, danach zu fragen, ob wir nicht auch in der Tradition von Grazián stehen, ob wir nicht in Liebesangelegenheiten mehr oder weniger unbewusst in hohem Maße taktisch sind.

Die bürgerliche Revolution fegt die Liebe als aristokratisches Intrigenspiel weg und fordert ehrliche Gefühle von authentischen Bürgern. Der aus spontaner Leidenschaft entstandene Seitensprung wird dann nicht verschwiegen, sondern der betrogenen Frau oder dem betrogenen Mann en detail erzählt. Die höfische Intrige á la Laclos ist ersetzt worden durch die potenziell sadistische Gewalt der Aufrichtigkeit.

Das ehrliche und leidenschaftliche Liebesgefühl, das wir heute als romantisch begreifen, begünstigt nicht nur ehrliche Sex-Geständnisse, die den anderen quälen können, es steht auch für die irrationale Liebe, eben jenseits des Taktierens und rationalen Einschätzens des Möglichen. Es ist dann möglich und legitim, sich in jemanden zu verlieben, der garantiert die Liebe nicht erwidert. Wer in Liebesdingen nicht kühl und rational bleibt, macht sich potenziell unglücklich. Die leidenschaftliche und eventuell Unglück und Verzweiflung herauf beschwörende Liebe ist historisch das Liebesmodell des Orients (Klotter 1999), für die Liebe sterben ihr Motto. Bereits Ovid (1991) hat diese Liebe vor 2000 als unvernünftig und töricht gescholten. Der Mann soll die Frau mit kühlem Kopf jagen. Er gibt Tipps, wie dies am Besten zu bewerkstelligen ist. Die Romantik verweigert Ovid die Gefolgschaft, weil sie sich von dem raffinierten und höchst taktischen höfisch-aristokratischen Liebesleben absetzen musste. Die Romantik orientalisiert die Liebesvorstellungen. Seinen Kopf zu verlieren und für die Liebe zu sterben, wird wieder schick. Wer heutzutage noch niemals unglücklich verliebt war und gelitten hat, gilt als Gefühlskrüppel. Gerade das Unrealistische und Irrationale ist das Attraktive. Die Romantik attackiert den Bürger, weil er nicht nur in Liebesdingen auf Vernunft und Sicherheit setzt. Im Zeichen des Fortschritts und der permanenten Erhöhung der Lebenserwartung, erwartet man sich den Kick vom Unerwarteten und Ungewissen. Die Romantik versucht dies zu garantieren.

Die Romantisierung der Liebe kann nicht nur zu unerfreulichen Sex-Geständnissen führen, nicht nur zu hoch dosierter Verzweiflung, weil der andere mich nicht so liebt, wie ich ihn, sie kann auch den Weg ebnen, das geliebte Objekt nicht los zu lassen, ein Gefühl zu haben, ein Recht darauf zu haben, den anderen zu bekommen, weil ich ihn so sehr liebe. Das Jagdmodell der Liebe (siehe Ovid) wird radikalisiert durch die permanente Verfolgung des Gejagten. Der Jäger akzeptiert nicht, dass das Opfer entkommen ist. Die höfischen Intrigen werden ersetzt durch das Darbieten des absoluten Gefühls, dem der andere Folge zu leisten hat. Romantische Liebe gibt Taktik nicht auf, sie setzt nur auf eine andere Taktik. Wenn ich den anderen verfolge, dann bin ich nur meinem großen Gefühl gefolgt, das mich zu Recht überwältigt. Das mich legitimierende große Gefühl ist die taktische Meisterleistung der romantischen Liebe. Der Jäger sagt: Ich will das Tier jagen. Der Romantiker sagt: Meine Liebe will den anderen einverleiben, nicht ich. Romantik ist potenziell totalitär. Sie musste 100 Jahre auf den Satz von Freud warten, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist, um dann diesen Satz sofort gegen Freud zu wenden und zu verkünden: „Hier stehe ich und kann nicht anders, als meinen Gefühlen zu folgen. Sie reißen mich hinfort.“ Ich-Stärke im Sinne Freuds tötet Romantik. Freud hat die anmutigsten und zugleich unpersönlichsten und stereotypen romantischen Briefe an seine spätere Frau, Martha Bernays, geschrieben:

„Ich bin glücklich, dass Du Deinem Widerstand gegen mein Kommen entsagt hast. Erinnerst Du Dich noch an das erste Kompliment, das ich Dir, der Ahnungslosen, vor mehr als dreieinhalb Jahren gemacht habe? Es war, dass Dir, wie der Prinzessin im Märchen Rosen und Perlen von den Lippen fallen und dass man nur zweifeln müsste, ob Güte oder Verstand bei Dir die Oberhand haben. Von jenem Wort her hast Du den Namen Prinzesschen erhalten.“ (1988, S. 125)

Freud bezeichnet Martha Bernays außerordentlich originell als seine Prinzessin und spricht ihr gar noch Güte und Verstand zu. Wenn dies kein individuelles Portrait ist! Er wendet sich an die Frau, in die er verliebt ist, bzw. bei der er so tun muss, als sei er unsterblich verliebt. Freud schreibt aus sicherer räumlicher Entfernung und macht vier Jahre lang nie Anstalten, sich wegen ihr zu verzehren. Diese Form der Triebkontrolle ist uns heute suspekt geworden. Wir sind aus Überzeugung Romantiker.

Romantische Liebe als Verfolgung, wir bezeichnen heute eine gewisse Variante hiervon als Stalking, basiert auf tief empfundenen Gefühlen, die ohne moralische Hemmung handlungsleitend werden. Eines der frühesten Beispiele hierfür sind die Briefe, die Julie de Lespinasse (1732 – 1776) an den Comte de Guibert geschrieben hat. Als sie posthum 1809 veröffentlicht werden, erregen sie Aufmerksamkeit, weil Lespinasse ihren Gefühlen freien Lauf lässt – für die damalige Zeit war dies außerordentlich ungewöhnlich. Zu stark wirkte die Marquise von Laclos in dieser Zeit noch nach. Auch Lespinasse argumentiert teilweise noch im Sinne der „Schlimme Liebschaften“. Das aber, was sie von der Marquise unterscheidet, ist die Transformation einer intersubjektiven Inszenierung der Liebe in die Selbstillusion wahrer Liebesgefühle. Aus einem sozialen Raum wird ein persönliches Gefühl. Der zentrale Nebeneffekt, vielleicht ist es auch der Haupteffekt, besteht hierbei darin, dass Lespinasse den Comte mit ihren starken Gefühlen förmlich umzingelt. Das heftig geäußerte Liebesgefühl ist verbunden mit einer Rhetorik der Einkerkerung. Die beiden haben sich nur einige Male gesehen und sind noch kein Paar. Dies hindert Lespinasse nicht daran, ihn zu ergreifen.

„Mir will es scheinen, als spräche ich nur noch mit Ihrem Schatten. Alles, was mir an Ihnen vertraut war, ist verschwunden. Kaum noch werden Sie in Ihrer Erinnerung die Spuren jener Zuneigung finden, die Sie während der letzten Tage, die Sie in Paris weilten, beseelten und erregten, und das ist auch besser so. Sie wissen nur zu gut, dass wir uns darin einig waren, Weichherzigkeit sei ein Merkmal der Mittelmäßigkeit, während Ihr Charakter Sie zur Größe bestimmt, Ihre Talente Sie zum Ruhm verurteilen. Überantworten Sie sich also Ihrem Schicksal, und gestehen Sie es sich ein, dass Sie nicht für dieses süße und nach innen gerichtete Leben geschaffen sind, das der Zärtlichkeit und des Gefühls bedarf.“ (Lespinasse 1997, S. 13)

Allein mit dieser Passage ist der Comte bereits festgenagelt. Sie beginnt mit einem Vorwurf, dass sie nur noch mit ihm als Schatten spreche, sie beklagt also seine Abwesenheit. Eigentlich müsste er bei ihr in Paris weilen. Dann operiert Lespinasse mit einer paradoxen Intervention. Sie rühmt ihn als bekannten Offizier, der er nur sein könne, wenn er auf tiefe Gefühle und Zärtlichkeit verzichte. Um nicht als Verräter in Sachen Zuneigung und Liebe da zu stehen, muss sich der Comte zwangsläufig in seinem nächsten Brief als zärtlicher Liebhaber darstellen. Er muss sich zu ihr und der Liebe bekennen, um nicht seine Ehre zu verlieren, die er auf dem Feld des Krieges so meisterlich zu verteidigen weiß. Die Aufrichtigkeit des Gefühls kann also, an Lespinasse ist dies gut abzulesen, perfekt mit einer rhetorischen Fesselung der geliebten Person verbunden werden. Die höfische Liebe und Intrige sieht dagegen blass aus. Gegen romantische Taktik ist kein Kraut gewachsen.

„Ich bin nämlich nichts anderes als ein treuherziges, recht dummes, sehr natürliches Geschöpf, dem das Glück und das Vergnügen dessen, den er liebt, weitaus mehr am Herzen liegen als alles, was mich anbelangt oder mir bestimmt ist.“ (ebd. S. 15)

Kein Mensch glaubt ihr, dass sie treuherzig, dumm und natürlich ist, und dennoch scheint diese Imago unwiderstehlich zu sein. Es ist das Imago der Kindsfrau, das möglicherweise in der damaligen Zeit geschaffen worden ist. Das Perfide dieser Selbstbeschreibung besteht darin, dass sie stimmt und zugleich in keiner Weise stimmt. Ihre vollkommene Hingabe ist selbstlos, wenn vergessen wird, dass das Ziel ihrer Selbstlosigkeit darin besteht, ihn zu gewinnen – mit ihrer Selbstlosigkeit.

„Ja, ich kann es mir eingestehen und es Ihnen auch sagen, dass ich Sie zärtlich liebe. Ihre Abwesenheit ist mir so schmerzlich, aber ich vermag nicht mehr, gegen das Gefühl anzukämpfen, das Sie in mir geweckt haben. Der Zustand meiner Seele steht mir klar vor Augen. Ach, das Ausmaß meines Unglücks rechtfertigt alles weitere: Ich habe keine Schuld auf mich geladen, aber dennoch und bevor das Geringste geschehen ist, werde ich das Opfer sein.“ (ebd. S. 16)

Spätestens jetzt steht der Comte de Guibert mit dem Rücken zur Wand, er, der diese Gefühle in ihr geweckt habe, er, der sie so tief ins Unglück gestürzt habe. Wie steht er nun da, dieser Unhold, der eine unschuldige Frau ins Elend stürzt. Um sie zu retten, muss er ihre Liebe mit Liebe beantworten. Und tatsächlich werden sie alsbald ein Paar.

Barthes R (1984) Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt: Suhrkamp.

Bataille G (1999) Das obszöne Werk. Reinbek: Rowohlt.

Bruyn Gd (2006) Als Poesie gut. Frankfurt: Fischer.

Frecot J, Geist JF, Kerbs D (1972) Fidus – Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen. München: Rogner & Bernhard.

Freud S (1988) Brautbriefe. Frankfurt: Fischer.

Gersdorf Dv (2006) Die Erde ist mit Heimat nicht geworden – Das Leben der Karoline von Günderrode. Frankfurt: Insel.

Grawert-May E (1980) Zur Geschichte von Polizei- und Liebeskunst. Tübingen: Konkursbuch Verlag.

Grazián B (2005) Handorakel und Kunst der Weltklugheit. München: dtv – Beck.

Güntzel K (1995) Die deutschen Romantiker. Zürich: Artemis & Winkler.

Guibert H (1990) Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat. Reinbek: Rowohlt.

Jünger E (1982) Der Arbeiter. Stuttgart: Klett-Cotta.

Klotter Ch (1999) Liebesvorstellungen im 20. Jahrhundert. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Klotter Ch (2004) Schwarze Romantik – schwarze Liebe. Psychologische Medizin, 3, 15, 9 - 15

Laclos Ch de (1972) Schlimme Liebschaften. Frankfurt: Insel.

Lespinasse Jd (1997) Briefe einer Leidenschaft. München: Beck.

Ovid (1991) Ars Amatoria – Remedia Amoris. München und Zürich: Artemis & Winkler.

Schlegel F (1985) Lucinde. Frankfurt: Insel.

Schmitt C (1985) Politische Theologie. Berlin: Duncker & Humblot.

Schmitt C (2005) Tagebücher. Oktober 1912 bis Februar 1915. Berlin: Akademie Verlag.

Tieck L (2003) Die schönsten Märchen. Frankfurt: Insel.

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Das Herz als Metapher für romantische Liebe hat seine Bedeutung bis heute nich verloren.

Christoph Klotter, Fulda, psychopraxis. neuropraxis 5/2008

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