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Kinderaugen erkennen mehr als gedacht.

Hochgatterer
Foto: Landesklinikum Tulln

Dr. Paulus Hochgatterer
Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Landesklinikum Donauregion, Tulln

 

Für eine Kultur der Wahrnehmung und des Sprechens

Kindern zu ermöglichen, über Verletzungen zu reden, ist ein wichtiger Teil der Primärprävention.

Der Kongress des Europäischen Forums für evidenzbasierte Prävention (EUFEP) wird sich heuer der mentalen Gesundheit widmen. Schwerpunkt des zweiten Tages ist die psychische Gesundheit von Kindern.

 

Dr. Paulus Hochgatterer, der die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Niederösterreichischen Landesklinikum Donauregion Tulln leitet, im Gespräch über das Potenzial der Prävention bei Kindern und Jugendlichen.

Warum ist die mentale Gesundheit von Kindern so besonders wichtig?

Hochgatterer: Sie ist wichtig, weil aus psychisch gesunden Kinder auch psychisch gesunde Erwachsene werden. Es ist also im Sinne einer Primärprävention Sorge dafür zu tragen, dass Kinder psychisch gesund bleiben. Nach dem Vulnerabilitätskonzept in der Psychiatrie sind Menschen unter bestimmten Einflüssen verwundbar. Bei Kindern gelingt es am ehesten, sie robust, resistent und weniger verwundbar zu machen.

 

Wie kann späteren psychischen Erkrankungen vorgebeugt werden?

Hochgatterer: Man kann, im Sinne der Primärprävention, Kinder dazu zu ermächtigen, über psychische Vorgänge zu sprechen. Damit tun sich Kinder, und natürlich auch Erwachsene, oft schwer. Ich möchte den Kindern ermöglichen, über psychische Prozesse und Verletzungen zu reden.

Es wird oft vergessen, dass psychisch kranke Menschen Kinder haben, bei denen die psychische Erkrankung ihrer Eltern oder Elternteile auch etwas auslöst. Wir wissen inzwischen, dass bei einem psychisch erkrankten Elternteil die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind psychisch erkrankt, je nach Studie zwischen zehn und 25 Prozent liegt. Sind beide Elternteile psychisch krank, liegt die Wahrscheinlichkeit zwischen 25 und 40 Prozent. Wir erreichen diese Kinder, wenn ihre Eltern zu einem Psychiater kommen, der auch für die Probleme der Kinder sensibilisiert wurde.

 

Kann das weitere Umfeld des Kindes helfend eingreifen?

Hochgatterer: Natürlich; auch dabei hilft wiederum eine Kultur der Wahrnehmung und des Sprechens. Die Primärprävention ist hier in Wahrheit am wirksamsten: Wenn das Umfeld eines Kindes geschult ist, gewisse psychische Phänomene wahrzunehmen und auch darüber zu reden, dann wird es leichter, Risikokinder zu erfassen und helfend einzugreifen.

Ein Beispiel: Die Mutter eines zehnjährigen Mädchens ist psychisch erkrankt. Das Kind erzählt den Verwandten, was es mit der Mutter erlebt. Die Verwandten winken ab und sagen, das solle das Kind nicht so ernst nehmen, die Mutter sei in den Wechseljahren. Erst viel später wird die Mutter in psychiatrische Betreuung gebracht. Das illustriert, dass Kinder nach wie vor in ihrer Belastbarkeit, in ihren Verarbeitungsmechanismen, aber auch in ihrer intellektuellen Differenziertheit ganz massiv unterschätzt werden.

Kinder verstehen, wenn man ihnen erklärt, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt. Das heißt nicht, dass sie nicht belastet sind. Aber je besser man dem Kind erklärt, um welche Erkrankung es sich handelt, welcher Verlauf, welche Phänomene und Symptome zu erwarten sind, umso besser wird es damit umgehen können.

 

Was kann die Kinder- und Jugendpsychiatrie für ihre Patienten tun?

Hochgatterer: Störungen, die früh behandelt werden, haben eine sehr gute Prognose. Wer bereits in seiner Kindheit oder Jugend eine Therapie bekommt, hat in der Regel einen so guten weiteren Verlauf, dass er keine oder nur mehr selten eine nachfolgende psychiatrische Behandlung braucht. Kinder tendieren dazu, gesund zu werden.

Kinder und Jugendliche gehen in der Regel auch recht entspannt mit den Einrichtungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie um. Den Angehörigen fällt das oft schwerer. Aber in Kooperationen mit Schulen gelingt es uns, die Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht nur zu entstigmatisieren, sondern auch als Einrichtung im psychosozialen Feld interessant zu machen.

 

Was braucht die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich?

Hochgatterer (lacht): Was braucht sie nicht? Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein ganz junges Sonderfach in Österreich und das zeigt sich auch an den mangelnden Ressourcen – es gibt noch keine Ambulanzen, keine Ambulatorien und keine niedergelassenen Fachärzte. Was die Kinder- und Jugendpsychiatrie deshalb in erster Linie braucht, ist ein ganz deutlicher politischer Wille von allen Seiten, das Fach als einen wesentlichen Baustein in der Gesundheitsversorgung ernst zu nehmen und zu unterstützen. Und das bedeutet nicht nur schöne Worte, sondern auch, dass eine Finanzierung bereitgestellt wird.

 

Nähere Informationen und Anmeldung zum UFEP-Kongress 2010 vom 16.-18.Juni unter www.eufep.at

 

Mag. Claudia Isaza Montoya, Mag. Tanja Fabsits , Ärzte Woche 22 /2010

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