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Abb. 1: In der Veränderung des Kontextraums Schule liegen die erfolgsversprechendsten Möglichkeiten zur Bewältigung von Problemen mit Gewaltausbrüchen.
 

„School Shooting“

Rückblick auf die Grundlagen und die Möglichkeiten der Prävention

Einleitung

Ebenso wie sich beim Steuern eines Autos oftmals ein Blick in der Rückspiegel empfiehlt, um das, was in der nahen Zukunft liegen könnte, durch sein eigenes Verhalten beeinflussen zu können, empfiehlt sich im Falle des „School Shooting“ ein Blick auf die grundlegenden Fakten, um in eine für uns wünschenswerte Zukunft steuern zu können. Der für den deutschen Raum anglisierte Terminus „School Schooting“ weist wie der aus dem amerikanischen übersetzte Terminus „zielgerichtete Gewalt“, im Original „target school violence“, darauf hin, dass ein ursprünglich primär im amerikanischen Raum anzutreffendes Phänomen mittlerweile auch im europäischen Raum präsent wird. Das Schulmassaker in Erfurt (Deutschland, 17 Tote) 2002, das Schulmassaker in Jokela (Finnland, 8 Tote), wie auch das jüngste Beispiel in Kauhajoki (Finnland, 10 Tote) zeigen in deutlich, dass School Shooting auch im europäischen Raum ein ernst zu nehmendes Problem darstellt. Sie gleichen in Schwere und Ausmaß dem wohl bekanntesten Beispiel für School Shooting an der Columbine High School mit 13 Todesopfern in den USA.

Gerade weil klar ist, dass Ereignisse dieser Art Wellen der Bestürzung, oft auch Panik, in der Gesellschaft auslösen, ist es wichtig, auf die Möglichkeiten einer gewaltfreien Beeinflussung des Phänomens hinzuweisen. Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Fakten, dass in der Veränderung des Kontextraums Schule die erfolgversprechendsten Möglichkeiten zur Bewältigung liegen.

Dieser Artikel bezieht sich daher auf die bisher umfassendste Studie zum Thema School Shooting, in der 25 Jahre Entwicklung des Phänomens School Shooting dokumentiert wurden. Diese Studie gilt als Grundlage sowohl für die polizeilichen wie auch pädagogischen Präventions- und Interventionsstrategien in den USA. Implikationen und Fakten der Studie geben einen differenzierten Einblick in die dynamische Struktur des Phänomens School Schooting, aus dem Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Präventionsarbeit aufgezeigt werden sollen.

Geschichte, Aufbau und Methodik der Initiative Sichere Schule (ISS)

Die Studie „Initiative Sichere Schule“ wurde im Juni 1999 als Folge des Columbine Highschool Massakers ins Leben gerufen und vom Secret Service der Vereinigten Staaten gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung durchgeführt. Basierend auf einer Analyse von 37 Vorfällen und 41 Attentätern, die in den Vereinigten Staaten von 1974 bis 2000 stattgefunden haben, bildet sie seither die Grundlage des amerikanischen Interventions- und Präventionsprogramms gegen zielgerichtete Gewalt an der Schule.

Als Daten wurden prinzipiell auf die Vorfälle bezogene Primärquellen verwendet. Diese Quellen inkludieren gerichtliche, schulische, polizeiliche und psychiatrische Dokumente. Zusätzlich wurden Interviews mit zehn Tätern geführt. Diese Interviews ermöglichten die Vorfälle aus der Perspektive der Täter zu untersuchen und den Prozess der Angriffe von der Planung bis zur Ausführung durchzugehen. Die Einsichten aus diesen Interviews werden auch vom Secret Service in Training und Ausbildung im Umgang mit speziellen Aspekten des School Shootings verwendet. Die Analyse der Studie geht von zwei Grundfragen aus:

 

a) Hätte man wissen können, dass diese Angriffe geplant waren?

b) Was kann getan werden, um zukünftige Angriffe zu verhindern?

 

Als Schlüsselbegriff wurde „Target School Violence“ als zielgerichtete Gewalt in der Schule gewählt, ein Begriff, der sich aus früheren Untersuchungen des Secret Service entwickelte.

Entwicklung und Definition des Terminus „zielgerichtete Gewalt“

Die Untersuchung Initiative Sichere Schule prüfte die Vorfälle von zielgerichteten Gewalttaten in der Schule, für die die Schule bewusst als Handlungsschauplatz oder Kontext für gezielte Gewalttaten genommen worden ist und nicht bloß als zufälliger oder als gelegen gekommener Ort des Geschehens ausgewählt worden ist. Der Terminus entwickelte sich aus der fünfjährigen Studie des Secret Service „Exceptional Case Studies Project (ESCP) über Personen, die Anschläge auf Personen im Staatsdienst ausgeführt oder geplant hatten. Ziel des ESCP war es, ein besseres Verständnis für diese Attacken gegen Öffentlichkeit zu erlangen, um ihnen vorbeugen zu können und die betroffenen Personen zu schützen.

Wie in den Fällen von zielgerichteter Gewalt an Schulen kann das Ziel solcher Attacken sowohl eine einzelne Person, beispielsweise ein Lehrer oder Schulkollege, eine Gruppe wie Snobs oder Außenseiter oder auch das gesamte System, die Schule selbst, sein.

Das Ausmaß von Gewalt an amerikanischen Schulen

Betrachtet man das Phänomen Gewalt an den Schulen im Kontext der dokumentierten Vorfälle, so lag die Wahrscheinlichkeit für einen Schüler, in der Schule mit einer Waffe bedroht oder verletzt zu werden, bei 7 bis 8 Prozent, die Wahrscheinlichkeit, in einen physischen Kampf verwickelt zu werden, bei 15 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, bei einer solchen Attacke getötet zu werden, war jedoch nicht höher als 1 zu 1 Million.

Obwohl damit zielgerichtete Gewalt in der Schule als äußerst seltenes Ereignis zu betrachten ist - für einen 25-jährigen Zeitraum wurden 37 Vorfälle festgestellt, bei einer ungefähren Anzahl von 60 Millionen Schülern, die in den Vereinigten Staaten auf mehr als 119 000 Schulen verteilt sind - stellte das Phänomen der zielgerichteten Gewalt in Schulen jedoch eine signifikante Komponente des Gesamtphänomens Gewalt in der Schule dar.

Jede einzelne Attacke hatte tiefgreifende und nachhaltige Auswirkungen auf die Schule und die Gemeinschaft, in der sie stattgefunden hatte, die die Notwendigkeit der Aufmerksamkeit für diese Problematik, sowohl auf nationaler, wie internationaler Ebene offensichtlich gemacht haben.

Analyse der Daten zur Charakterisierung der Attentäter

Schlüsselfaktum: Es gibt kein akkurates oder allgemein nutzbares Profil für Schulattentäter

 

a) Weder gibt es ein hervorstechendes ethnisches Profil noch einen zwingenden Zusammenhang zwischen der familiären Situation und Bereitschaft zu Gewalt bei Schulattentätern. Fast zwei Drittel aller Angreifer (63%) kamen aus Familien mit zwei Elternteilen, in 44 Prozent der Fälle waren bei Elternteile die biologischen Eltern, in 19 Prozent gab es ein biologisches Elterteil und ein Stiefelternteil.

b) Auch die durchschnittlichen schulischen Leistungen der Attentäter variieren stark. Die größte Gruppe (41%) hatten gute bis sehr gute Leistungen, einige sogar hervorragend, (37%) hatten mittelmäßige Leistungen, verhältnismäßig wenig waren im Begriff, am schulischen Vorankommen zu scheitern (5%).

c) Den größten Teil der Attentäter würde man hinsichtlich der sozialen Kontakte als durchschnittliche Schüler zuordnen bzw. sahen sie sich selbst als durchschnittliche Schüler (41%). Etwa ein Viertel war Teil einer Gruppe von Außenseitern (27%), wenige hatten keine Freunde (5%). Ein Drittel der Attentäter wurden von anderen als Einzelgänger beschrieben oder beschrieb sich selbst so. Insgesamt auffällig ist, dass fast die Hälfte (44%) aller Attentäter an organisierten schulischen oder außerschulischen sozialen Aktivitäten, wie z. B. Sport- oder Schulvereinen teilgenommen hatte.

d) Weder die disziplinären noch psychiatrischen Taten, noch der Missbrauch von Drogen weisen signifikante Gemeinsamkeiten auf. Von den meisten Schulattentätern waren kaum oder gar keine disziplinären Probleme bekannt (63%), etwa ein Viertel hatte schon einmal einen Schulverweis (27%). Nur bei einem Drittel der Angreifer kam es je zu einer psychiatrischen/psychologischen Begutachtung (34%), bei weniger als einem Fünftel wurde eine psychische Störung vor ihrem Attentat diagnostiziert (17%). Bei etwa einem Viertel waren der übermäßige Gebrauch von Alkohol oder der Konsum von Drogen bekannt (24%).

e) Die meisten Attentäter fielen vor ihrer Attacke nicht durch eine außergewöhnliche Veränderung ihres schulischen oder sozialen Verhaltens auf.

f) Mehr als die Hälfte zeigte bemerkbares Interesse an Gewalt, ohne dass jedoch ein gemeinsamer Typus des Interesses an Gewalt als kennzeichnend eingestuft werden konnte (59%). Etwa ein Viertel hatte Interesse an gewalttätigen Filmen (27%), ein Viertel an gewalttätigen Büchern (24%), etwa ein Achtel an gewalttätigen Videospielen (12%). Die größte Gruppe zeigte ein Interesse an Gewalt im eigenen Schreiben von Aufsätzen, Gedichten, Journaleinträgen usw. (37%).

Auffälligste Gemeinsamkeiten:

a) Die meisten Attentäter Suizidgedanken hatten oder sogar bereits vor ihrer Tat Suizidversuche unternommen hatten (78%).

b) Mehr als die Hälfte hatte eine dokumentierte Geschichte von schweren Depressionen oder Verzweiflung gemein (68%).

c) Fast drei viertel (71%) aller Attentäter fühlten sich als gemobbt, bedroht oder verfolgt bzw. waren vor ihrem Attentat von anderen Mitschülern verletzt worden.

Zehn Schlüsselfakten und ihre Implikationen:

1.) Faktum: Diese Vorfälle sind selten ein Ausdruck plötzlicher unvermuteter Gewalt.

School Shootings sind typischer Weise nicht das Resultat einer augenblicklichen Überforderung, die zum Ausbruch von „blinder“ Gewalt führt. In den meisten Fällen sind sie das Resultat eines über lange Zeit nachvollziehbaren Prozesses von Verhalten und Denken. Der Ablauf dieses Verhaltensmusters lässt sich in vier Phasen kategorisieren:

 

a) Festsetzen der Idee

b) Entwicklung eines Plans

c) Realisierung der zur Verwirklichung dieses Plans notwendigen Mittel

d) Umsetzung des Plans – Tatsächliche Durchführung der Tat

Implikationen:

Da der Zeitraum zwischen dem Entschluss zur Tat und der tatsächlichen Durchführung gering sein kann, ist es wichtig, dass Schulbehörde und Exekutive einen klaren Handlungsplan entwickelt haben für den Fall, dass sie über eine mögliche Gefährdung informiert werden.

Auffällig ist, dass im Rahmen der Studie der Kontext der Interaktionen für das Festsetzen der Idee und der Entwicklung des Plans nicht näher beschrieben worden ist, obwohl mehrere Schlüsselfakten auf ein vielschichtiges Interaktionsgefüge von Täter und Schulumfeld hin- weisen.

2.) Faktum: In den meisten Fällen gab es andere Personen, die von der Idee oder dem Plan des School Schooters wussten, bevor die Tat ausgeführt war.

Diese Personen waren meist Freunde, Verwandte oder andere Schüler. In wenigen Fällen ist diese Information zu einem Erwachsenen durchgedrungen.

Implikationen:

Die Tatsache, dass der Plan oder zumindest Teile des Plans anderen bekannt sind, unterstreicht die Bedeutung des sozialen Kontexts beim Phänomen School Schooting. Dass diese Informationen selten zu Angehörigen des Schulsystems bzw. zu sozialen Einrichtungen oder zur Exekutive vordringen, zeigt eine Kommunikationsbarriere auf, die es für erfolgreiche Präventionsarbeit zu überwinden gilt.

3.) Faktum: Die meisten Angreifer haben ihre späteren Opfer bis zum Vollzug der Tat nicht direkt bedroht.

Implikationen:

In dieser Hinsicht ist es wichtig hinsichtlich der Handlungen möglicher Täter nicht bis zur tatsächlichen Drohung gegen eine konkrete Person zu warten. Stattdessen ist es wichtig generell gewalttätige Dynamiken im Umfeld der Schule ausfindig zu machen und zu thematisieren.

Im Schulbereich geäußerte Drohungen oder Anzeichen des Eskalierens von Gewalt, die Mitnahme von Waffen oder die geäußerte Absicht der Mitnahme von Waffen dürfen nicht ignoriert werden. Generell problematisch ist hierbei die Entwicklung von „Parallelgesellschaften“ in der Schule. Eine aktive und offene Kommunikation in und um die Schule ist notwendig, um zwischen tatsächlichen Gefahren und Formen der Selbstdarstellung unterscheiden zu können.

4.) Faktum: Es gibt kein allgemein zutreffendes Personenprofil, das zur Identifizierung von Gewalttätern und Schulattentätern verwendet werden könnte.

Der nutzbringenden Arbeit mit einen Täterprofil stehen vor allem zwei Tatsachen gegenüber:

 

a) Zu viele Schüler und Studenten würden einem Täterprofil entsprechen, ohne jedoch tatsächlich gefährdet zu sein oder eine tatsächliche Gefahr darzustellen.

b) Der Fokus auf dem Gebrauch von Täterprofilen würde hinderlich sein, tatsächliche gefährliche Personen wahrzunehmen, die den Täterprofilen nicht entsprechen oder nur wenige Gemeinsamkeiten mit den bisherigen Attentätern aufweisen.

Implikationen:

Anstatt zu versuchen ein „Profil“ oder die Art von Schülern ausfindig zu machen, die potentielle Gewalttäter sein könnten, ist es sinnvoll auf das Verhalten und die Kommunikation zu achten, die anzeigen, ob jemand eine Gewalttat in der Schule plant oder vorbereitet. Es ist produktiver sich zu fragen, welche Aktivitäten auf die Vorbereitung eines Gewaltverbrechens hinweisen, als sich zu fragen, ob ein Schüler wie ein potentieller Gewalttäter wirkt.

5.) Faktum: Die meisten Schulattentäter haben vor ihrem Anschlag ein Verhalten gezeigt, das bei anderen Besorgnis erregt hat oder das indiziert hat, dass sie Hilfe benötigen.

Implikationen:

Schulattentäter sind in der Regel keine „unsichtbaren“ Personen, die plötzlich zuschlagen. Fast alle betroffenen Jugendlichen haben gegenüber anderen entweder direkt oder indirekt signalisiert, dass sie Hilfe brauchen. Fast ausnahmslos waren sie mit einer Person, zumeist einem Erwachsenen, in Kontakt gewesen, die über ihre Situation besorgt war. In den meisten Fällen waren zumindest drei Personen informiert. Auch hier zeigt sich, dass ein wesentliches Problem in der Fragmentisierung des gesellschaftlichen Beziehungssystems liegt. Die besorgten Personen konnten das Problem entweder nicht in entsprechender Weise ernst nehmen oder wussten nicht, an wen sie sich wenden sollten.

6.) Faktum: Die meisten Attentäter hatten Schwierigkeiten, mit schweren persönlichen Verlusten oder mit als schwerwiegend empfundenem Versagen zurechtzukommen. Viele haben einen Selbstmord in Betracht gezogen oder versucht.

Implikationen:

Wenn der Verdacht besteht oder ein Schüler gefährliches Verhalten zeigt, ist es wichtig in Betracht zu ziehen, ob der Schüler dem Druck großer persönlicher Verluste ausgesetzt ist oder wiederholt Situationen von schwerwiegendem Versagen erlebt. Auch sollte antizipiert werden, wie bevorstehende Entmutigungen, Versagen, Demütigungen oder sozialer Druck das Verhalten der betroffenen Person beeinflussen bzw. es sollte wahrgenommen werden, wie der Betroffene mit Situationen dieser Art umgeht.

7.) Faktum: Viele Attentäter fühlten sich gemobbt, verfolgt und verletzt durch andere, bevor Sie ihre Gewalttat begingen.

Implikationen:

„Bullying“ or „Mobbing“ war nicht in allen Fällen ein Faktor für die Gewalttat, auch ist nicht jeder Schüler, der „Mobbing“ ausgesetzt ist, in Gefahr Gewalttäter zu werden. Trotzdem gab es zahlreiche Fälle, in denen Mobbing ein wesentlicher Faktor war und in denen Unterdrückung und Mobbing, dem die betroffenen Täter ausgesetzt waren, in einer Arbeitsplatzsituation gesetzliche Konsequenzen gehabt hätten.

8.) Faktum: Die meisten Attentäter hatten Zugang zu Waffen und benutzten Waffen bereits vor ihrer Gewalttat.

Implikationen:

Gewalttaten werden sowohl mit legal erworbenen, wie auch mit illegal erworbenen Waffen ausgeführt. Es geht daher nicht nur um eine Einschränkung der Möglichkeit des Waffenbesitzes, sondern vor allem auch um den kontextuellen Umgang, die Art der Kommunikation, dort, wo Waffen legal benützt werden können.

9.) Faktum: In vielen Fällen waren andere Schüler zumindest teilweise in den Angriff involviert.

Implikationen:

Diese Einsicht unterstreicht die Bedeutung des Einflusses des persönlichen und schulischen Umfelds, was in die Gewaltprävention mit einzubeziehen ist. Entsprechendes positives wie negatives Feedback von Personen, die ein potentieller Attentäter als Vertrauter oder Kamerad empfindet, kann eine mögliche Tat abwenden oder aber einen vagen Gedanken soweit verstärken, dass er zur konkreten Planung oder Umsetzung der Tat führt.

Die Verantwortung für das Ausführen einer stattfindenden Tat liegt natürlich beim Täter, trotzdem zeigt diese Einsicht, dass der Kommunikation vor der Tat ein maßgeblicher Faktor zuzuschreiben ist, in dem alle Beteiligten die Verantwortung für ihren Umgang mit der Situation tragen.

10.) Faktum: Trotz des generell raschen Eingreifens von exekutiven Kräften werden die meisten School Schootings durch andere Interventionen beendet und sind meist nur von kurzer Dauer.

Implikationen:

Die kurze Dauer von Amokläufen in der Schule verstärkt die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen, da es meist außerhalb der polizeilichen Möglichkeiten liegt einzugreifen. Außerdem zeigt es die Bedeutung von Maßnahmenprotokollen und sorgfältiger Vorbereitung von Krisenmanagement in Akutsituationen, wodurch Ablauf und Ausmaß eines Anschlages beeinflusst werden könnten.

Schlussfolgerungen und Ansätze für Präventionsarbeit

Alle zehn festgestellten Schlüsselfakten implizieren eine mögliche gewaltfreie Einflussnahme auf die Dynamik des Phänomens School Schooting, wobei sich diese Einflussnahme während der Attacke selbst als wahrscheinlich am schwierigsten erweist. Die Studie widerspricht dem Versuch einer monokausalen Deutung. Die Täter lassen sich nicht als „geistesgestörte Einzeltäter“, als Schulversager aus zerrütteten Familienverhältnissen, oder sozial isolierte Waffennarren abstempeln. Trotzdem handelt es sich in den meisten Fällen um im privaten und an ihrer Schulsituation leidende Jugendliche. Daher ist es wichtig, wenn man die auffälligsten Gemeinsamkeiten betrachtet, einen gemobbten, einen depressiven oder suizidgefährdeten Jugendlichen, der vielleicht sogar zu Gewalt neigt, nicht primär als potentiellen Schulattentäter, sondern als prinzipiell hilfesuchende Person zu sehen.

Es gilt einen Kontext zu schaffen, der die Jugendlichen ermutigt, Probleme oder Ängste zu kommunizieren, ohne dass sie Sorge haben müssen, wie Erwachsene darauf reagieren.

Wichtig ist, dass die Jugendlichen einen differenzierten und vertraulichen Umgang erwarten können. Es bedarf eines authentischen Interesses an den Problemen, Gefühlen und Vorstellungen der Jugendlichen, damit gefährdende Dynamiken frühzeitig erkannt werden können. In akuten Gefahrensituationen wird so das hohe Maß an notwendigem Vertrauen vorherrschen, damit die Möglichkeiten eines deeskalierenden Umgangs mit Problemsituationen entwickelt und verstanden werden. Die Aufgabe der Gewaltprävention wird darin liegen, Strategien zu entwickeln, wie gefährdete Personen unterstützt werden können bzw. wie systemisch, das heißt unter Mitwirkung aller Beteiligten, auf potentiell gefährliches Verhalten reagiert werden kann.

 

Korrespondenz: Univ. lekt. Mag. Dr. Lucas Pawlik Fraungrubergasse 2-4/5/10 1120 Wien email: Tel. 02952/ 37 22

Quellen beim Autor


Fazit für die Praxis
Konkrete Handlungsstrategien müssen Folgendes leisten, um eine sich anbahnende Dynamik von Gewalt zu transformieren:
  • Mobbing in der Schule verhindern bzw. es den Betroffenen ermöglichen, zuständige Stellen zu informieren, auf sich anbahnende Problematiken aufmerksam machen und sie frühzeitig auflösen.
  • Eine gesellschaftliche Neukontextuierung von Gewalt und Umgang mit Waffen. Dies trifft auch auf virtuelle Gewaltspiele und Tötungssimulationen wie „Egoshooterspiele“ zu. Gerade dort, wo der Umgang mit Waffen ausgeübt oder imaginiert wird, hat die Gesellschaft einen dringenden Bildungsauftrag hinsichtlich des differenzierten Umgangs mit Gewalt.
  • Mitwisser einer potentiellen Gewalttat müssen andere über die Gefahr informieren können, besorgte Personen müssen die Möglichkeit haben, sich an unterstützende vertrauliche Stellen zu wenden.
  • Die persönliche Entwicklung der Schüler muss ins Zentrum des Bildungsauftrages rücken, nicht Faktenwissen alleine, sondern die gelebte Beziehung, auch der Umgang mit tatsächlichen Problematiken wie Depression, Tod, Verzweiflung, wie auch Perspektivenschaffung für die Zukunft der Schüler muss integraler Bestandteil von Bildung sein.
  • Lehrer müssen im Umgang mit Gewalt in den Schulen geschult, vorbereitet und unterstützt werden. Diese Unterstützung muss bis hin zum möglichen Ernstfall begleitend in allen Phasen des Auftauchens von Gewalt vorhanden sein und mit dem sozialen Kontext der Gesellschaft vernetzt sein.
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Abb. 1: In der Veränderung des Kontextraums Schule liegen die erfolgsversprechendsten Möglichkeiten zur Bewältigung von Problemen mit Gewaltausbrüchen.

Univ. Lekt. Mag. Dr. Lucas Pawlik, Donau Universität Krems, Pädiatrie & Pädologie

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