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Foto: photos.com
 

Neuer Anfang

Das Projekt „Brisant“ hilft Langzeitarbeitslosen, nach einem stationären Alkoholentzug wieder eine Stelle zu finden.

Im März startete das Reintegrations-Projekt „Brisant“ (Berufliche ReIntegration Stationärer Alkoholabhängiger Patienten Nach der Therapie) des Anton Proksch Institutes. Arbeitssuchenden Männern und Frauen ab 40 Jahren, die nach einem stationären Alkoholentzug kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, soll mit dieser Hilfe der Sprung zurück in die Beschäftigung gelingen.

 

Oft sind es Allgemeinmediziner, die Patienten an das Anton Proksch Institut (API) zuweisen, wo in einer Erstbegutachtung beschlossen wird, ob ein stationärer Aufenthalt notwendig ist. „Im Anschluss daran können Betroffene aus dem Wiener Raum am Projekt Brisant teilnehmen“, erklärt Dr. Oliver Scheibenbogen, der gemeinsam mit der diplomierten Sozialarbeiterin Gabriele Gottwald-Nathaniel, MAS, das Projekt „Brisant“ ins Leben gerufen hat, den Ablauf.

„Außerdem können praktische Ärzte auch Patienten, die vor längerer Zeit stationär waren, für das Projekt empfehlen. Ein Einstieg in das Programm ist alle 14 Tage möglich; die Gesamtlaufzeit beträgt sechs Wochen. Das primäre Ziel ist die berufliche Reintegration, aber auch in der Sekundär- und Tertiärprävention zeigen sich positive Effekte: Rückfälle von Programmteilnehmern etwa dauern kürzer und sind leichter aufzufangen.“

Selbstwert auf der Probe

Studien aus Deutschland belegen eine verdoppelte Abstinenzrate bei ehemals alkoholerkrankten Menschen, die erfolgreich wieder an den Arbeitsmarkt vermittelt wurden. Der ohnehin geschwächte Selbstwert von alkoholerkrankten Menschen wird beim Wechsel von der stationären Therapie in den regulären Alltag auf eine harte Probe gestellt. Scheibenbogen: „Wir wollen den Teufelskreis zwischen alltäglichen Krisensituationen und dem damit verbundenen Rückfallrisiko unterbrechen und als kompetenter Partner die Betroffenen zurück in ein normales Leben begleiten.“

Bei einer Arbeitslosenquote von 45 Prozent unter den jährlich etwa 12.000 Patienten des API wird die Relevanz solcher Projekte deutlich. Reintegrationsprojekte gehören deshalb für die Experten des Institutes zum festen Bestandteil einer nachhaltig erfolgreichen Therapie und sollten auch seitens der Politik noch intensiver gefördert werden.

Gottwald-Nathaniel weiß um die schwierige Lage, in der sich die Teilnehmer befinden: „Viele unserer Patienten denken, für sie sei der Zug bereits abgefahren oder ihre Qualifikationen und persönlichen Ressourcen würden nicht ausreichen, um sich in der Arbeitswelt zu behaupten. In gemeinsamen Gesprächen, psychologischen Tests und diversen Trainings bringen wir verloren gegangene Kompetenzen ans Tageslicht, fördern wichtige Fertigkeiten und zeigen neue Perspektiven auf.“

Sucht als chronische Krankheit

Projekte wie „Brisant“ sind kein leichtes Unterfangen, denn die Betroffenen kämpfen gegen Ausgrenzung und Vorurteile. „Leider ist die Gesellschaft noch nicht so weit, Alkoholsucht als das zu sehen, was sie ist: eine chronische Krankheit, die jeden treffen kann. Auch hier sind wir auf Unterstützung von außen angewiesen, um dieser ungerechtfertigten Stigmatisierung entgegenzusteuern“, fügt Scheibenbogen hinzu.

Das neue Projekt zeichnet sich durch Arbeitsmarkt-relevante, aktuelle Inhalte – unterteilt in sieben aufeinander aufbauende Module – sowie eine detailliert durchdachte Coaching-Strategie aus. In insgesamt sechs Wochen (35 Stunden / Woche) sollen die Teilnehmer ab 40 Jahren fit für die Vermittlung in den Arbeitsmarkt gemacht werden.

Modul 1 des Programms soll die individuelle Ausgangssituation der Teilnehmenden analysieren. Modul 2 befasst sich mit Zielvorstellungen und deren Realisierbarkeit. Im dritten Modul lernen die Teilnehmer wichtige Fertigkeiten der Arbeitsmarkt-Recherche und -Beurteilung.

Richtig bewerben

Im praktischen Teil des vierten Moduls werden verschiedenste Bewerbungsfähigkeiten vermittelt. Gerade an diesem Punkt sind Betroffene mit gewichtigen Problemen konfrontiert, denn das Verfassen einer professionellen Bewerbung oder die Vermittlung eines positiven Eindruckes beim Bewerbungsgespräch verlangen spezielles Wissen und Erfahrung, auf welche die meisten Projektteilnehmer nicht zurückgreifen können. Im anschließenden Qualifizierungsmodul werden fachliche und soziale Kompetenzen trainiert sowie das individuelle Selbsthilfepotenzial der künftigen Wiedereinsteiger erhöht.

Erste Rückmeldungen aus den Feedbackrunden fielen durchwegs positiv aus. Scheibenbogen: „Die von der oft frustrierenden Jobsuche demotivierten Teilnehmer schöpfen durch die Arbeit und den Erkenntniserwerb im Projekt neue Kraft, lernen Vertrauen in ihre Fähigkeiten und wissen nun, wie sie ihren weiteren Weg selbst in die Hand nehmen können. Jetzt bleibt abzuwarten, wie sich die Arbeit langfristig auswirkt.“

 

 

Quelle: Pressemitteilung Anton Proksch Institut, Agentur Martrix

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