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Peter Hofmann
 
Psychiatrie und Psychotherapie 18. Dezember 2008

Die Pharmakotherapie der Angststörungen

Genaue klinische Diagnostik führt zu optimaler Therapie

Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Die Lebenszeitprävalenz liegt insgesamt bei 24,9 Prozent, und somit zählen sie zusammen mit den affektiven Störungen zu den häufigsten Erkrankungen auf dem Gebiet der Psychiatrie und stellen auch in vielen anderen medizinischen Disziplinen, z. B. der inneren Medizin, einen klinisch bedeutsamen Faktor dar.

Unterschied man vor 20 Jahren lediglich zwischen einer Angstneurose und den Phobien, findet man heute in der Literatur einen differenzierten, diagnostischen Zugang zum Thema „Angsterkrankungen“. Die verschiedenen Subtypen der Angststörungen weisen einen unterschiedlichen Erkrankungsbeginn und Verlauf auf. Um Patienten mit einer Angsterkrankung gezielt behandeln zu können, bedarf es einer genauen klinischen Diagnostik.

Ätiopathogenese und Diagnostik

Angst stellt in der Regel eine natürliche und notwendige Reaktion dar. Angstreaktionen schützen uns vor Gefahren, indem sie uns schnell und zuverlässig in Situationen der Bedrohung warnen. Erst durch diese Angstreaktionen werden vegetative Abläufe (Blutdruckanstieg, Tachykardie, Schwitzen etc.) aktiviert, die das Individuum auf eine Angriffs- oder Fluchtreaktion vorbereiten. Treten solche Angstreaktionen im Übermaß auf oder entstehen sie in Situationen, die eigentlich keine Gefahr bedeuten, spricht man von einer Angsterkrankung. Als Ursache der Angststörungen zieht man heute eine multifaktorielle Sichtweise in Betracht, in der psychologische, psychodynamische, psychosoziale, neurobiologische und genetische Einflüsse zusammenwirken.

 

  • Neurobiologische Grundlagen: Allgemeine neurobiologische Modelle der Angststörungen konzentrieren sich auf bestimmte neuroanatomische Regionen, vorrangig den Corpus amygdaloideum, dem eine zentrale Bedeutung als „Schnittstelle der Angst“ zugeschrieben wird. Exogene, angststimulierende Reize werden dort verarbeitet und weiter zu Regionen des Hypothalamus und des Hirnstammes geleitet, um entsprechende Furcht- und Angstreaktionen auszulösen. Ferner findet man als neurobiologisches Korrelat bei Angststörungen eine Dysfunktionalität zwischen den Neurotransmittern Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, GABA und Glutamat. Neben den neurobiologischen Erklärungsmodellen gibt es psychologische Modelle. Zu diesen zählen die Persönlichkeitsmodelle, das lerntheoretische Modell, kognitive Schemata und die psychodynamischen Modelle.

 

  • Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Mithilfe dieses Modells können neurobiologische und psychologische sowie genetische Modelle in Einklang gebracht werden. Besteht bei einem Patienten aufgrund einer genetischen Veranlagung eine erhöhte biologische Vulnerabilität, so kann es aufgrund von äußeren Einflüssen wie beispielsweise traumatisierenden Kindheitserfahrungen oder belastenden Ereignissen zum Ausbruch einer Angsterkrankung kommen.

 

Moderne Klassifikationssysteme (z.B.: ICD-10) haben eine symptomorientierte, hauptsächlich nach dem psychopathologischen Befund gerichtete Einteilung der Angststörungen geschaffen (siehe Tabelle 1).

I. Phobische Störungen

Dominierende Symptombildung in dieser Gruppe der Angststörungen ist eine irrationale, an bestimmte Situationen bzw. Objekte gebundene Angstsymptomatik. Für diese Objekte oder Situationen besteht im alltäglichen Leben ein Vermeidungsverhalten. In der Regel geht eine Erwartungsangst der Phobie voraus. Die klinische Symptomatik reicht von geringer innerlicher Unruhe bis hin zu ausgeprägten Angstsymptomen, wie etwa die Angst davor, zu sterben oder wahnsinnig zu werden. Phobische Störungen weisen eine hohe Komborbidität mit einer depressiven Erkrankung auf.

a) Agoraphobie

Typische Angstsituationen richten sich auf menschenüberfüllte oder räumlich begrenzte Orte wie Kaufhäuser, Restaurants … Es bestehen bei diesem Phobietyp ausgeprägte Erwartungsängste, wodurch der Patient die angstauslösende Situation vermeidet, was eine zunehmende Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit zur Folge hat. Dies kann so weit fortschreiten, dass die Patienten eine erhebliche Einschränkung ihrer alltäglichen Aktivitäten erleben. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Der Erkrankungsbeginn liegt im frühen Adoleszenzalter, der Verlauf ist häufig chronisch und oft mit dem komorbiden Auftreten einer Panikstörung vergesellschaftet.

b) Soziale Phobie

Die Betroffenen entwickeln – bei der spezifischen Form der sozialen Phobie – ausgeprägte Angstsymptome in einer spezifischen sozialen Situationen, in denen sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen (z. B. Sprechen in der Öffentlichkeit, Teilnahme an einer Hoch zeitsfeier). Andere Situationen oder Sozialkontakte können in der Regel mühelos gemeistert werden. Die Erkrankung beginnt zumeist im frühen Erwachsenenalter und tritt häufig in Verbindung mit einem niedrigen Selbstwertgefühl und einer verminderten Kritikfähigkeit auf. Typische Symptome sind Erröten, Vermeiden von Blickkontakt, Schwitzen, innere Unruhe, Übelkeit und Harndrang. Ein komorbider Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch kommt in dieser Patientengruppe gehäuft vor. Bei der generalisierten Form der sozialen Phobie beziehen sich die Ängste auf vielfältigste soziale Situationen und beruhen häufig auf einer allgemeinen Selbstunsicherheit, sodass ein Selbstsicherheitstraining angezeigt ist. Die Betroffenen fürchten sowohl öffentliche Leistungssituationen (vor anderen reden, essen, schreiben usw.) als auch alle möglichen sozialen Situationen (z. B. Kontaktaufnahme mit Fremden oder Personen des anderen Geschlechts).

c) Spezifische Phobien

Die Angst bezieht sich hierbei auf zahlreiche Objekte und Situationen, wobei die Intensität der verspürten Angst einer großen Variabilität (von gering irritiert bis hin zu ausgeprägten Panikattacken) unterliegen kann. Die häufigsten Formen sind Tierphobien (Angst vor Hunden, Insekten), Angst vor geschlossenen Räumen (Klaustrophobie), Höhenangst oder Flugangst. Durch Vermeidung gelingt in der Regel eine ausreichende Angstkontrolle. Die Prognose hängt vom Erkrankungsalter ab. In der Kindheit erworbene Phobien klingen meist ohne Behandlung ab, bei späterer Erkrankung bleibt die Phobie meist bestehen.

II. Panikstörung

Unter Panikattacken versteht man das plötzliche Auftreten intensiver Angstsymptome, die nicht durch eine bestimmte Situation ausgelöst werden. Diese Angst wird regelhaft bestimmt von somatischen Symptomen (Herzrasen, Beklemmungsgefühl, Atemnot, abdominellen Beschwerden und Ohnmachtsgefühlen). Typischerweise kommt es zu einem crescendoartigen Ansteigen der Paniksymptomatik, bei der nach ca. zehn Minuten der Höhepunkt erreicht wird und innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Minuten ein Abflauen der Symptomatik erkennbar wird. Patienten mit akuten Panikattacken fühlen sich häufig unmittelbar körperlich oder psychisch bedroht, sie wenden sich deshalb häufig an medizinische Ambulanzen oder Notaufnahmen, um eine vermeintliche körperliche Ursache bestätigt zu bekommen.

III. Generalisierte Angststörung (GAD)

Bei dieser Form der Angststörung steht das starke und anhaltende Erleben von Ängsten und Sorgen im Vordergrund, die nicht an spezifische Situationen und Objekte geknüpft sind. Es treten keine attackenartigen Angstanfälle auf, sondern es ist eine Angstsymptomatik vorhanden, die mindestens mehrere Wochen andauert. Es kommt zu einer starken Grübelneigung, zu sozialem Rückzug und oft zu physischen Begleitbeschwerden (Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Schlafstörungen), die ihrerseits erneuten Anstoß zur Sorge geben. Die Erkrankung zeigt einen hohen Chronifizierungsgrad auf.

IV. Zwangsstörung (OCD)

Die Zwangsstörung ist durch sich wiederholende Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen gekennzeichnet. Diese Zwangsgedanken (z. B.: Furcht vor Ansteckung, sich aufdrängende sexuelle Vorstellungen …) drängen sich dem Betroffenen auf, ohne dass er sie unterdrücken kann, obwohl diese Gedanken von den Patienten als unsinnig, unangemessen empfunden werden. Diese Zwangsgedanken können zu Zwangshandlungen, wie beispielsweise verschiedenen Kontrollzwängen oder Waschzwang führen. Die Krankheit beginnt zumeist im frühen Adoleszenzalter, wobei Männer häufiger als Frauen erkranken. Zwangsstörungen verlaufen meist chronisch und können zu vermehrtem sozialen Rückzug führen, da die gesetzten, zeitaufwändigen Zwangshandlungen und -rituale andere Aktivitäten zu kurz kommen lassen.

V. Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen

Diese Erkrankungen unterscheiden sich sowohl ätiopathogenetisch als auch symptomatologisch von den restlichen Angststörungen. Sie entwickeln sich als direkte Folge einer akuten schweren Belastung oder eines kontinuierlichen Traumas. Je nach syndromaler Ausprägung werden folgende Typen unterschieden: akute Belastungsstörung, posttraumatische Belastungsstörung und Anpassungsstörung.

a) Akute Belastungsstörung

Eine durch eine außergewöhnliche physische oder psychische Belastung bedingte Störung, die im Allgemeinen innerhalb von Stunden oder Tagen abklingt. Die individuelle Vulnerabilität und die zur Verfügung stehenden Bewältigungsmechanismen (Coping-Strategien) bestimmen den Schweregrad der akuten Belastungsreaktion.

b) Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)

Ausgelöst durch ein traumatisches Ereignis außergewöhnlicher Schwere (z.B.: Naturereignisse, vom Menschen verursachte Katastrophen wie Kampfhandlungen oder schwere Unfälle), zumeist innerhalb der ersten sechs Monate aufretend. Diese Traumatisierungen übersteigen die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten des Individuums und gehen mit Gefühlen der Hilflosigkeit sowie einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses einher. Das klinische Bild wird von „Flash-backs“ (plötzlich aufsteigende, traumatische Bilder im Zeitraffer) und von Intrusionen (unwillkürliches Wiedererleben von traumatisierenden Erlebnissen) sowie von Albträumen, die Bezug zu den traumatischen Erlebnissen haben, bestimmt.

c) Anpassungsstörung

Im Vergleich zur PTSD errreicht die zugrunde liegende Belastung kein katastrophales Ausmaß. Dieser Störung liegen zumeist ein Trauerfall, Eheprobleme oder aber auch Mobbing am Arbeitsplatz zugrunde. Die Symptomatik beginnt meist innerhalb eines Monates und dauert nicht länger als sechs Monates, imponiert als affektive Störung oder somatoforme Störung, wobei die Kriterien dieser einzelnen Störungen nicht erfüllt werden.

Therapie der Angststörungen

Medikamentöse Therapie

In der pharmakologischen Therapie der Angsterkrankungen gab es seit den 50er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts große Veränderungen. Anfänglich wurden Angstsymptome mit einer reinen Benzodiazepin/Barbiturat-Monotherapie behandelt. Die stetige Weiterentwicklung der Antidepressiva rückte diese Medikamentengruppe bei der Behandlung der Angststörungen zunehmend in den Vordergrund. In Anlehnung an die Behandlung einer Depression sollte auch die pharmakologische Therapie der Angsterkrankungen in drei Phasen gegliedert werden:

Phase I: Sie stellt die Akutphase der Erkrankung dar, in der der Patient eine zunehmende Anspannung erlebt. Zumeist kann in dieser Phase auf Anxiolytika vom Benzodiazepin-Typ nicht verzichtet werden.

Trotzdem erweist es sich als sinnvoll, bereits in dieser Phase eine antidepressive Therapie einzuleiten.

Phase II: Nach der primären Stabilisierung folgt nun eine Erhaltungstherapie, die sich auf die Gabe von Antidepressiva stützt und ein langsames Ausschleichen der Benzodiazepine vorsieht.

Phase III: In dieser Phase sollte eine rückfallprophylaktische Therapie durchgeführt werden.

 

Im nun folgenden Abschnitt soll auf die wichtigsten Präparate eingegangen werden:

I. Benzodiazepine

Benzodiazepine zeichnen sich durch ihren sehr raschen Wirkungseintritt aus (20 Minuten bis eine Stunde nach der Einnahme beginnt die Wirksamkeit). Diese Medikamentengruppe sollte nur bei Patienten mit ausgeprägten Angstsymptomen angewendet werden, da sie vorrangig bei Angstpatienten zu einer psychischen Abhängigkeit führen, andererseits aber auch eine physische Abhängigkeit induzieren kann. Benzodiazepine können mit Antidepressiva kombiniert werden, wobei bei bestehender komorbider Depression (bis zu 50 Prozent der Betroffenen) ein nur geringer klinisch-therapeutischer Effekt zu erwarten ist. Benzodiazepine sollten eine „Überbrückung“ bis zum Einsetzen der serotonergen Langzeitwirkung der Antidepressiva darstellen. Im klinischen Alltag sollte den kurzwirksameren Benzodiazepinen aufgrund der einfacheren und übersichtlicheren Pharmakokinetik der Vorzug gegeben werden.

II. Antidepressiva

Bereits in den frühen 50er-Jahren wurde das besonders günstige Ansprechen des trizyklischen Antidepressivums Imipramin bei der Behandlung von Panikattacken beschrieben. Durch die Einführung der selektiven Serotoninwieder aufnahmehemmer sowie einige andere moderne Antidepressiva wurde aufgrund ihres günstigen Nebenwirkungsprofils eine neue Ära der medikamentösen Angstbehandlung eingeleitet. Im Weiteren soll kurz auf die verschiedenen Gruppen der Antidepressiva eingegangen werden. Einen Überblick über das Spektrum dieser Medikamentengruppe liefert Tabelle 2:

a) Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI)

Durch eine Rückwiederaufnahmehemmung in den Neuronen bedingen SSRIs eine Erhöhung des Neurotransmitters Serotonin im synaptischen Spalt. Derzeit sind sechs SSRIs am österreichischen Markt erhältlich: Citalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin und Escitalopram. Die Therapie der SSRI sollte einschleichend durchgeführt werden, da es zu Beginn zu einer Angstverstärkung, Zittrigkeit, Schlaflosigkeit sowie zu Unruhezuständen kommen kann. Insofern ist auch die additive Gabe eines Benzodiazepins bei Behandlungsbeginn gerechtfertigt, jedoch sollte diese auf die Akutbehandlung beschränkt bleiben.

b) Serotonin und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)

Zu dieser Gruppe zählen unter anderem Venlafaxin, Milnacipran und Duloxetin. Venlafaxin zeigte in verschiedensten Studien bei der Behandlung von generalisierten Angststörungen und sozialer Phobie eine gute Wirksamkeit, die der von SSRIs gleichzusetzen ist. Milnacipran wirkt in dieser Indikation ebenso gut und stellt zusätzlich für Patienten mit Lebererkrankungen aufgrund des fehlenden First-pass-Effektes in der Leber eine gute Alternative zu Venlafaxin dar. Ebenso erwies sich Duloxetin in Studien als sehr gut wirksam in der Behandlung von Angststörungen.

c) Mirtazapin

Dieses Antidepressivum bewirkt über die präsynaptische Blockade von Alpha-II Adrenozeptoren eine Erhöhung der synaptischen Freisetzung von Serotonin und Noradrenalin. Ebenso blockiert es postsynaptisch die Rezeptoren 5-HT2 und 5-HT3 sowie den H1-Histaminrezeptor. Studien belegen die gute Wirksamkeit bei der Behandlung von Angstsymptomen, ferner konnte ein positiver Effekt auf den Schlaf-Wach-Rhythmus festgestellt werden.

d) Trizyklische Antidepressiva (TZA)

Diese Gruppe von Medikamenten entfaltet ihren anxiolytischen Effekt über eine Wiederaufnahmehemmung von Serotonin und Noradrenalin. Beim Auftitrieren in den für die Behandlung der Angststörung notwendigen Dosisbereich treten jedoch die anticholinergen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Obstipation, orthostatische Hypotension, Tachykardie, Sedierung oder psychomotorische Störungen in den Vordergrund, wodurch sie als Medikamente der dritten Wahl angesehen werden sollten.

e) Andere Antidepressiva

Reboxetin: Ist ein selektiver Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor (NARI). Bis dato gibt es Hinweise für die Wirksamkeit bei der Behandlung von Panikstörungen und sozialer Phobie, weitere Studien zum Beleg der Wirksamkeit sind jedoch notwendig.

Tianeptin: Ist ein Serotonin-Reuptake-Enhancer (SRE). Es konnte eine Wirksamkeit in der Behandlung von Angstsymptomen bei depressiver Störung nachgewiesen werden.

Trazodon: Es stellt einerseits einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer dar, besitzt jedoch auch einen ausgeprägten Antagonismus gegenüber 5-HT2-Rezeptoren und α-Adrenorezeptoren, hat aber praktisch keine anticholinerge Wirkung. Die Wirksamkeit bei der Behandlung von Angstsymptomen im Rahmen einer depressiven Erkrankung konnte in mehreren Studien erwiesen werden.

Bupropion XR: Es handelt sich um einen selektiven Noradrenalin- und Dopaminwiederaufnahmehemmer, der seit Ende 2007 unter dem Handelsnamen Wellbutrin XR® auf dem österreichischen Markt erhältlich ist. Die Anfangsdosierung beträgt 150 mg und kann bei guter Verträglichkeit auf 300 mg Tagesdosis gesteigert werden. Vergleichende klinische Studien haben die Gleichwertigkeit von Bupropion XR und Sertralin, Paroxetin sowie Fluoxetin als Antidepressivum demonstriert. Hinsichtlich des günstigen Nebenwirkungsprofils (keine Gewichtszunahme sowie kein Einfluss auf die sexuelle Funktionalität) erscheint sein Einsatz, obgleich noch spezifische Studien zur Wirksamkeit bei der Behandlung von Angststörungen vonnöten sind, als sinnvolle Alternative. [2,3,4]

III. Andere Präparate

a) 5-HT1a-Rezeptor-Agonisten

Buspiron: Die Wirksamkeit bei der Behandlung von generalisierten Angststörungen konnte belegt werden. Zur Behandlung von Panikstörungen ist es jedoch nicht geeignet, da die zumeist erforderliche Benzodiazepingabe die Wirksamkeit von Buspiron abschwächt. Buspiron besitzt kein Abhängigkeitspotenzial, bewirkt keine Sedierung und auch keine Absetzeffekte. Die Dosierung liegt zwischen 15 und 30 mg pro Tag.

b) Hydroxycin

Dieses Medikament bewirkt eine Blockade am H1-Histaminrezeptor mit zusätzlicher adrenolytischer sowie anticholinerger Aktivität. Bei schwächerer Anxiolyse (im Vergleich zu Benzodiazepinen) gilt es als „Second-line-Therapeutikum“. Es zeigt kein Abhängigkeitspotenzial. Die Dosierung liegt bei 50–400 mg.

c) Antiepileptika

Pregabalin, ein Antiepileptikum der neueren Generation, das zusätzlich noch die Zulassung zur Behandlung des neuropathischen Schmerzes hat, zeigte in jüngeren Studien vielversprechende Ergebnisse hinsichtlich Wirksamkeit bei der generalisierten Angststörung. [5]

d) Antipsychotika

Insbesondere bei der Behandlung der generalisierten Angststörung kam es durch die Gabe eines klassischen Neuroleptikums in niedriger Dosierung zu einer Besserung der Angstsymptome. Die Wirksamkeit der modernen atypischen Antipsychotika in der Behandlung von Angsterkrankungen ist derzeit Gegenstand der Forschung. Ein Effekt ist aufgrund der 5-HT2-Blockade anzunehmen. [6] Insbesondere Quetiapine zeigte in Studien eine gute Wirksamkeit bei der Behandlung sowohl der generalisierten Angststörung als auch der Zwangserkrankung. [7,8]

Psychotherapeutische Behandlung

Die moderne Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, erweist sich als effiziente Therapiemöglichkeit in der Behandlung von Angststörungen, insbesondere der phobischen Störungen. Eine psychotherapiespezifische Diagnostik bezüglich der einzelnen Subgruppen von Angststörungen, die vom Therapeuten durchgeführt wird, stellt die Grundlage für ein psychotherapeutisches Arbeiten dar, damit eine gezielte Formulierung der Therapieziele erfolgen kann. Die Verhaltenstherapie bietet den Patienten eine ausführliche Aufklärung über ihre Erkrankung. Durch praktische und gedankliche Übungen und Strategien (Expositionsverfahren, kognitives Verfahren) wird versucht, die Angststörung zu bewältigen. Auch die systemischen und psychodynamischen Psychotherapieansätze, bei denen eine Bearbeitung der „ängstlichen“ Persönlichkeitsstruktur erfolgt, führen zu einer Besserung der Symptombewältigung.

Additive oder alternative Therapieoptionen stellen autogenes Training, die progressive Muskelentspannungstherapie sowie die Biofeedbacktherapie dar. [9]

Zusammenfassung:

Angsterkrankungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen und weisen einen hohen Chronifizierungsgrad auf. In den meisten Fällen besteht eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Störungen wie Depressionen oder Suchterkrankungen. Eine etablierte Therapieform stellt eine Kombination aus dem breiten Spektrum der oben angeführten Psychopharmaka dar, die einen hohen Evidenzgrad zur effizienten Behandlung der Angststörungen aufweist. Eine weitere, neue Behandlungsstrategie stellt eine Kombination aus einer Therapie mittels Psychopharmaka und einer psychotherapeutischen Therapie dar. Dadurch kann eine Linderung der Angstsymptome und sekundär eine Verbesserung der Lebensqualität bewirkt werden.

Literatur

1 Kasper S. et al.: Konsensus-Statement der ÖGBP: Angststörungen-Medikamentöse Therapie. CliniCum Psy; Sonderausgabe Nov. 2004

2 Brunello N., Blier P., Judd L.L., Mendlewicz J., Nelson C.J., Souery D., Zohar J., Racagni G.: Noradrenaline in mood and anxiety disorders: basic and clinical studies. Int Clin Psychopharmacol. 2003 Jul;18(4):191-202. Review.

3 Bystritsky A., Kerwin L., Feusner J.D., Vapnik T.: A pilot controlled trial of Bupropion XL versus Escitalopram in Generalized Anxiety Disorder. Psychopharmacol Bull. 2008;41(1):46-51

4 Papakostas GI., Stahl S.M., Krishen A., Seifert C.A., Tucker V.L., Goodale E.P., Fava M.: Efficacy of brupropion and the selective serotonin reuptake inhibitors in the treatment of major depressive disorder with high levels of anxiety (anxious depression): a pooled analysis of 10 studies. J Clin Psychiatry. 2008 Aug;69(8):1287-92

5 Montgomery SA.: Pregabalin for the treatment of generalised anxiety disorder. Expert Opin Pharmacother. 2006 Oct;7(15):2139-54. Review

6 Gao K., Muzina D., Gajwani P., Calabrese JR.: Efficacy of typical and atypical antipsychotics for primary and comorbid anxiety symptoms or disorders: a review. J Clin Psychiatry. 2006 Sep;67(9):1327-40. Review.

7 Katzmann M.A., Vermani M., Jakobs L., Marcus M., Kong B., Lessard S., Galarraga W., Struzik L., Gendron A.: Quetiapine as an adjunctive pharmacotherapy for the treatment of non-remitting generalized anxiety disorder: A flexible-dose, open-label pilot trial. J Anxiety Disord. 2008 Dec;22(8):1480-6

8 Savas HA., Yumru M., Ozen ME.: Quetiapine and ziprasidone as adjuncts in treatment-resistant obsessive-compulsive disorder: a retrospective comparative study. Clin Drug Invetig. 2008;28(7):439-42

9 Kapfhammer HP.: Psychotherapy and pharmacotherapy of anxiety disorders.

Neuropsychiatr. 2008;22(2):51-70. Review.

 

Weitere Literatur beim Verfasser.

Tab. 1
F 40 Phobische Störung
F 40.0 Agoraphobie
.00 ohne Panikstörung
.01 mit Panikstörung
F 40.1 soziale Phobie
F 40.2 spezifische Phobie
F 41 Andere Angststörung
F 41.0 Panikstörung
F 41.1 generalisierte Angststörung
F 41.2 Angst und depressive Stimmung gemischt
F 42 Zwangsstörung
F 42.0 vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang
F 42.1 vorwiegend Zwangshandlungen (Zwangsrituale)
F 42.2 Zwangsgedanken und -handlungen gemischt
F 43 Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen
F 43.0 akute Belastungsreaktion
F 43.1 posttraumatische Belastungsstörung
F 43.2 Anpassungsstörungen
.20 kurze depressive Reaktion
.21 längere depressive Reaktion
.22 Angst und depressive Reaktion gemischt
.23 mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen
.24 mit vorwiegender Störung des Sozialverhaltens
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Peter Hofmann

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Christoph Ebner

C. Ebner, P. Hofmann, Graz, psychopraxis. neuropraxis 6/2008

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