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Sucht im Alter wird unterschätzt

Ein grenzüberschreitendes Projekt reagiert auf den demografischen Wandel. Prof. Dr. Friedrich Martin Wurst und Mag. Isabella Kunz

Bei älteren Menschen wird Sucht im Gegensatz zu Jugendlichen und zu Erwachsenen im mittleren Lebensalter kaum thematisiert. Dies ist um so überraschender, als der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung durch den demographischen Wandel kontinuierlich ansteigt.

 

Sind derzeit 23 Prozent der österreichischen Bevölkerung 60 und mehr Jahre alt, so werden es mittelfristig (2020) rund 26 Prozent sein, langfristig (etwa ab 2030) sogar mehr als 30 Prozent. Gleichzeitig ist die Relevanz der Thematik hoch: Rund 50 Prozent der 60–70-Jährigen trinken regelmäßig Alkohol. In dieser Altersgruppe liegt bei zehn bis 20 Prozent der Männer und fünf bis zehn Prozent der Frauen ein mindestens schädlicher Alkoholkonsum vor.

Ein Abhängigkeitssyndrom besteht bei zwei bis drei Prozent der über 60-jährigen Männer und bei bis zu einem Prozent der über 60-jährigen Frauen. In Altenwohn- und Pflegeeinrichtungen ist die Zahl der alkoholabhängigen Personen deutlich höher. Hier werden Zahlen von bis zu zehn Prozent angegeben.

Konsum von Psychopharmaka und illegalen Drogen

Laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) weisen fünf bis zehn Prozent der Senioren einen problematischen Gebrauch von Psychopharmaka mit Abhängigkeitspotential auf. Die Dunkelziffer dürfte noch um einiges größer sein. Ein Dauerkonsum kann insbesondere bei institutionalisierten alten Menschen beobachtet werden. Betroffene sind im Vergleich zu Alkohol- und Drogenabhängigen eher sozial integriert und ruhig, kaum aggressiv und bleiben durch das Fehlen unmittelbarer Konsequenzen sehr lange unauffällig.

Der Konsum illegaler Drogen ist bei älteren Menschen eher selten, doch die Prävalenz nimmt zu. Nach Schätzungen aus den Vereinigten Staaten könnte sich die Zahl der über 50-jährigen, die illegale Drogen konsumieren und wegen ihres Drogenproblems behandelt werden müssen, zwischen 2001 und 2020 verdreifachen. Entsprechend ist zu erwarten, dass der Behandlung älterer, von illegalen Substanzen abhängiger Menschen in den nächsten Jahren auch bei uns weiter steigende Relevanz zukommt.

Vielschichtige Folgeschäden

Aufgrund physiologischer Veränderungen, die durch den Alterungsprozess auftreten, sind Menschen über 60 weit stärker von den negativen Auswirkungen regelmäßigen Suchtmittelkonsums betroffen als jüngere Konsumenten. Eine Gefahr stellt beispielsweise die reduzierte Toleranz dar, welche zum einen aus einer Verminderung des Körperwasseranteils und zum anderen aus der Verschiebung der Körpermasse von Muskel- hin zu Fettgewebe und der verminderten Stoffwechselgeschwindigkeit der Leber resultiert.

Die Folgeschäden der Abhängigkeit im Alter sind vielschichtig. Vermehrte Unfälle im Haushalt, aber auch im Straßenverkehr sowie Stürze mit schweren Verletzungen sind zu verzeichnen. Häufig beobachtete Phänomene sind kognitive Defizite, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Verwirrtheitszustände bis hin zum Korsakow-Syndrom sowie epileptische Anfälle. Weiter kann vermehrter, anhaltender Konsum zu einer Wesensänderung, die unter anderem durch Affekt- und Stimmungslabilität, emotionale Abstumpfung, Antriebsstörungen und Ängste gekennzeichnet ist, führen.

Der Doppeldiagnose Sucht und Depression ist besondere Beachtung zu schenken, da sich mit dieser Diagnosenkombination das Suizidrisiko älterer Menschen auf das 15-fache erhöht. Appetitlosigkeit und in der Folge Mangelernährung, Inkontinenz, Vernachlässigung der Körperhygiene, Isolation und familiäre sowie finanzielle Probleme sind als weitere mögliche Symptome bei älteren Menschen zu nennen.

Die Ursachen einer Suchterkrankung im Alter sind – wie bei jüngeren Erwachsenen – so vielfältig wie das Krankheitsbild selbst. Abhängigkeit lässt sich als das Ergebnis eines komplexen Wechselspiels verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Einzelfaktoren verstehen.

Zuflucht Sucht

Das Altern ist eine Phase der Neuorientierung, die durch den Verlust von Strukturen gekennzeichnet ist. Durch das Ausscheiden aus der Arbeitswelt kommt es zu Veränderungen im sozialen Leben. Betroffene erleben sich häufig als nicht mehr gefordert, gefragt oder erwünscht. Isolation, Langeweile und das Gefühl, eine Belastung für die Gesellschaft und die Angehörigen zu sein, können zur Suchtentwicklung beitragen.

Im Laufe des Alterungsprozesses treten beim Menschen – zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher Intensität – körperliche und psychische Veränderungen beziehungsweise Beschwerden auf. Häufig werden diese Veränderungen, der Verlust der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie der Verlust der Autonomie als sehr beängstigend erlebt. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod und Sterben sowie der Verlust nahestehender Personen und die damit einhergehende Vereinsamung kann mit dazu führen, dass ältere Menschen eine Zuflucht in Alkohol, Medikamenten oder illegalen Substanzen suchen.

Angepasste Therapie

Eine Suchttherapie im Alter wird häufig nicht oder erst sehr spät in Anspruch genommen. Bei Betroffenen und Angehörigen bestehen große Hemmschwellen, die Krankheit Suchtmittelabhängigkeit als Krankheit anzuerkennen und nicht als persönlichen Makel zu betrachten. Anstatt professionelle Hilfe aufzusuchen, wird die Abhängigkeit aus Scham verheimlicht.

Ein weiteres entscheidendes Hindernis, ältere Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen zu erreichen, ist die nach wie vor weit verbreitete Meinung begrenzter Therapiechancen. Diese Meinung resultiert aus verschiedenen Vorurteilen, beispielsweise dem, dass alte Menschen sich nicht mehr verändern könnten beziehungsweise wollten oder Therapieanstrengungen und -kosten sich wegen der nur noch kurzen Lebensspanne nicht mehr rentieren würden. Studien konnten allerdings zeigen, dass mit einem altersspezifischen Therapieangebot ältere Menschen bessere Therapieerfolge zeigen als jüngere.

Sowohl in Österreich als auch Deutschland sind spezielle therapeutische Angebote im Bereich der Abhängigkeitserkrankung von Senioren und Pflegebedürftigen wenig beschrieben. Vor diesem Hintergrund hat die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie II an der Christian Doppler Klinik in Kooperation mit der Caritas Berchtesgadener Land das euregionale INTERREG-Projekt Alter und Sucht konzipiert.

Das am 1. November 2009 initiierte Projekt gliedert sich in vier Phasen. In der ersten Phase des Projektes erfolgt die Erhebung des Ist-Zustandes. Durch die Befragung niedergelassener Allgemeinmediziner, Internisten, Pflegedienstleiter der Seniorenheime und alter Menschen im Salzburger Land und den benachbarten Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein sowie durch die Analyse objektiver Biomarker für Substanzkonsum soll das tatsächliche Ausmaß der Problematik erhoben werden.

In Phase 2 wird eine statistische Auswertung und eine Interpretation der Daten durchgeführt. Je nach Ergebnis und dem daraus resultierenden Bedarf werden Interventionsschritte der Phase 3 geplant, umgesetzt und evaluiert. Die Implementierung eines standardisierten, kostenfreien Manuals sowie spezifische Schulungen in Form von Seminaren für Pflegekräfte und Ärzte stellen den Projektabschluss dar. Als Hauptziel wird die Reduktion des schädlichen Konsums und somit eine Verbesserung der Lebensqualität betroffener, alter Menschen angestrebt.

Ingesamt sollten sowohl Suchtforschung als auch Suchtkrankenversorgung auf den demografischen Wandel reagieren und altersspezifische Beratungs- und Interventionsmethoden entwickeln und bereitstellen.

 

Prof. Dr. Friedrich Martin Wurst ist Vorstand der Salzburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie II, Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU), Christian Doppler Klinik, an der auch Mag. Isabella Kunz tätig ist.

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