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Naturvölker verstehen Voodoo-Tod als die von übernatürlichen Kräften verursachte Konsequenz eines Zaubers, einer Verfluchung oder einer Verbots-Verletzung.
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Gary Bruno Schmid, Ph.D. Atomphysiker und Analytischer Psychologe mit eigener Praxis in Zürich und Ausbilder/Supervisor für medizinische Hypnose (SMSH)

Tod durch Vorstellungskraft: Das Geheimnis psychogener Todesfälle Schmid, Gary Bruno 371 Seiten, € 44,95 Springer Wien, 2009 ISBN 9783211898680 Fakten und Anekdoten über den psychogenen Tod werden kritisch bewertet und mit neuen Daten zu den wissenschaftlichen Grundlagen unterlegt. Das Spektrum reicht dabei vom Voodoo- und Tabutod über den Heimweh-Tod bis zur tödlichen Katatonie. Eine Fortsetzung erscheint 2010 unter dem Titel Selbstheilung durch Vorstellungskraft.n

 

Der psychogene Tod

Die toxische Wirkung der Vorstellungskraft.

Unerklärliche Todesursachen haben Rechtsmediziner und Pathologen seit jeher beschäftigt. Der psychogene Tod ist als Phänomen seit über einem Jahrhundert in der medizinischen Literatur dokumentiert: Information kann töten. Es bedarf einer vertieften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen plötzlicher Todesfälle unter psychischen Belastungen.

 

Kein psychologischer Einfluss auf den Körper kann größer sein als jener, der den Tod herbeiführt. Ausgelöst durch psychische Beeinflussung, verstärkt durch die Vorstellungskraft und vollzogen durch die eigene Physiologie: Der sogenannte psychogene Tod stellt das dramatischste Beispiel für die Macht der inneren Bilderwelt und der Sprache über das menschliche Leben dar. Das Spektrum der umschriebenen Todesphänomene reicht vom Voodoo-, Tabu- und Heimweh-Tod bis hin zu plötzlichen unerwarteten oder außergewöhnlichen Todesfällen (SUDS/AGT).

Fakten und Anekdoten

Eine eingehende Literaturrecherche ermöglicht einen ausführlichen Überblick über den aktuellen Stand der medizinischen Forschung und zeichnet ein strukturiertes Bild der psychogenen Auslöser und des Verlaufs des plötzlichen, unerwarteten Todes. Erst durch die kritische Bewertung der Fakten und Anekdoten über psychogene Todesfälle, unterlegt mit neuen Daten zu den wissenschaftlichen Grundlagen, können zahlreiche dokumentierte Beispiele weitgehend unerforschter Aspekte des Tabuthemas Tod behandelt sowie die Charakteristika psychogener Todesarten spezifiziert werden.

Die Wechselwirkung soziopsychologischer und psychobiologischer Faktoren beim Tod durch Vorstellungskraft ist belegt, obwohl über den genauen physiologischen Wirkmechanismus noch spekuliert wird. Psychodynamisch gesprochen bringen die tragischen Konstellationen einer Art Todestrieb (S. Freud) oder einer Art Todesarchetypus (C. G. Jung) einen normalen, aber entsprechend eingestellten Menschen in einen hypnotisch veränderten, außergewöhnlichen Bewusstseinszustand, der schließlich in den psychogenen Tod mündet. Diese exorbitant negative, gespannte Erwartungshaltung treibt den verzweifelten Menschen in eine Käfigsituation, die charakterisiert ist durch Gefühle von Hilf- und Hoffnungslosigkeit und emotionaler Isolation ohne erkennbaren Ausweg, was ihn zusätzlich resignieren lässt.

Das todbringende Ritual

Ein Zusammenspiel von Ausweg-, Hilf-, Hoffnungs- und Beziehungslosigkeit auf der persönlichen wie kulturellen Ebene in Kombination mit der negativ-suggestiven Aura einer wichtigen Person, eines speziellen Objektes, eines besonderen Ortes oder einer stark geprägten Einbildung funktioniert wie eine Art Informationskompressor für den Mind-Body, der den Menschen buchstäblich in den Tod führen kann.

Die jahrtausendelange Geschichte des psychogenen Todes und die Fülle an wissenschaftlicher Literatur aus der Neuzeit belegen diese Feststellung in allen erdenklichen kulturellen und wissenschaftlichen Kontexten. Zauberer und Priester bei den Naturvölkern wissen das tödliche Potenzial ihrer Voodoo-Praktiken und Tabus geschickt mit der Kenntnis des Opfers über kulturelle Implikationen von Gefühl, Handlung und Sinn zu kombinieren. Wissen und autosuggestiver Einfluss des Opfers plus eine käfigartige Situation aus kulturellen Faktoren und Suggestionskräften des böswilligen Behandlers optimieren die Effizienz des todbringenden Rituals. Tod durch Vorstellungskraft beinhaltet vier klassische Kategorien: Voodoo-Tod, Tabu-Tod, Heimweh-Tod und Seelen-Tod (Phänomene wie perniziöse Katatonie, SUDS/AGT etc.) (siehe Abbildung).

Drei Glaubensbedingungen

Unter Berücksichtigung des konsensuellen psychosozialen und kulturellen Kontextes kann die glaubhafte Suggestion einer mächtigen Autorität (Voodoo), eines Verbotes in Bezug auf bestimmte Objekte, Orte, Zeiten oder Ereignisse (Tabu), einer physisch-emotionalen Verbannung (Heimweh) oder einer imaginierten persönlichen Situation oder Kondition (Seelenlage) eine veränderte Realität konstituieren, die zum plötzlichen und unerwarteten Tod einer Person führt, wenn noch drei zusätzliche (fatale) Glaubensbedingungen erfüllt sind:

  • Der Glaube wird nicht als solcher erkannt, sondern vom Betroffenen und auch seinen wichtigsten Bezugspersonen als gesichertes Wissen (kognitiv, emotional, intuitiv, sensorisch) und/oder unbestreitbare Wahrheit oder Realität aufgefasst und angenommen.
  • Der Glaube schließt die Vorstellung ein, dass eine Befolgung (oder Verletzung) der jeweiligen Vorschriften stattgefunden hat, die als ausreichend zur Beendigung (respektive notwendig zur Aufrechterhaltung) des Lebens angesehen wird.
  • Die Person und ihr Umfeld haben ihre Lebensprinzipien unauflösbar an diese Autoritäten, Objekte, Orte oder persönlichen Situationen und Konditionen gebunden.

Die Macht zu heilen oder zu töten

Negative psychogene Einflüsse können auch in der modernen Industriegesellschaft wie ein Gift wirken. Gerade in Zeiten erhöhten und chronischen Stresses schädigen destruktive, sogar tödliche Ängste, Depressionen, Massenhysterie (mass psychogenic illness), Zweifel und so weiter unsere Immunabwehr wie radioaktive Substanzen und schwächen langsam, aber sicher unsere Gesundheit. Es lassen sich aber mit umgekehrten Vorzeichen auch entsprechende Kategorien und Beispiele zum positiven Einfluss der Vorstellungskraft auf die Genesung bilden: Vorstellungskraft als Heilmittel.

Der Tod ist die letzte Etappe im diesseitigen menschlichen Reifungsprozess. Kein Einfluss auf das Leben ist tiefgreifender als derjenige, der diesen Prozess beschleunigt oder verzögert. Der Mensch hat diese Macht traditionellerweise den Göttern und den Sternen überlassen.

Lösen deswegen Heiler und Mörder, die auf eigene Art und Weise über Leben und Tod bestimmen, so viel Ehrfurcht beziehungsweise Angst in ihren Mitmenschen aus? Nun sollen die Fakten über den psychogenen Tod zur ähnlichen Würdigung der eigenen Vorstellungskraft bewegen, denn: Die Macht zu beidem – sich selbst heilen sowie töten – liegt in uns.

Von Gary Bruno Schmid, Ph.D., Ärzte Woche 17/2010

  • Herr German JaCobi, 28.05.2010 um 12:38:

    „Vorstellungskräfte entstehen durch Kommunikation mit uns selbst. Leider sind viele Menschen "fremdbestimmt vom eigenen Ich" und damit auch Krankmacher ihrer Partner, weil sie nicht wissen, wie sehr das menschliche Hirn Wahrnehmung als wichtigem Faktor jeglicher Verständigung (Ziel aller Kommunikation) bestimmt. Ich hoffe, dass die heilende Wirkung der menschlichen Vorstellungskraft recht bald von mehr Zeitgenossen genutzt wird, um letztlich auch die Krankheiten zu beseitigen, die Gesellschaften entwickeln, weil sie die wichtigsten Dirigenten ihres bisschen Daseins ignoriert haben.“

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