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Foto: Ambra Duda (API)
Prim. Prof. Dr. Michael Musalek
 

Die Kunst der Behandlung

Die Naturwissenschaft allein ist nicht genug: Die Psychiatrie braucht den kunstvollen Dialog.

Die 10. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), die vom 21. bis 24. April in Gmunden stattfindet, beschäftigt sich heuer mit der „Kunst der Behandlung in der Psychiatrie“.

 

Prim. Prof. Dr. Michael Musalek, Präsident der ÖGPP und Leiter des Anton-Proksch-Institutes, sprach mit der Ärzte Woche über die Tagung, den kunstvollen Zugang zum Patienten und die Zusammenführung von Wissenschaft und Kunst.

 

Wie kam es zur Themenwahl für die 10. Jahrestagung?

musalek: Wir brauchen eine evidenzbasierte Behandlung, aber zugleich können Erkenntnisse, die aus Studien gewonnen wurden, nicht das Endprodukt sein, das am Patienten appliziert wird. Für eine zielführende Therapie ist auch die Kunst des Psychiaters unerlässlich. Dabei beschreibt „Kunst“ nicht ein Künstlertum im Sinne dessen, dass jeder tun kann, was er will, sondern ein Kunsthandwerk.

 

Was ist die Kunst der Behandlung?

MUSALEK: Die Kunst beginnt schon beim Erstkontakt: Wie gehe ich auf den Menschen zu? Dazu gibt es keine evidenzbasierten Daten. Da reicht es nicht, einen Fragenkatalog abzuarbeiten, denn sonst gerät das erste Zusammentreffen zum Mittelding zwischen einer statistischen Erhebung und einem Verhör. Das wäre kein besonders kunstvoller Zugang zum Patienten. Es gibt auch hier eine spezielle Ästhetik, wie man mit dem Menschen umgehen kann und auch soll – denn wir wissen: Je vertrauensvoller das Erstgespräch ist, umso besser ist auch die Information, die wir über den Patienten erhalten und umso wirksamer kann die Therapie sein. Das bedeutet nicht, mit jedem Patienten ein Freundschaftsverhältnis aufzubauen, sondern meint ein freundliches Gespräch im Gegensatz zu einer unpersönlichen Erhebung.

 

Wie werden Kunst und evidenzbasierte Medizin optimal vereinbart?

MUSALEK: Es geht bei diesem Kunsthandwerk nicht darum, eine Gegenposition zur Wissenschaft herzustellen – ganz im Gegenteil. Die Wissenschaft ist die unverzichtbare Basis für das Handeln, den kunstvollen Umgang mit dem anderen Menschen, den Dialog.

 

War die Psychiatrie früher mehr Kunst als heute?

Musalek: Sie war nicht mehr Kunst, sie war weniger Wissenschaft ...

Was erwarten Sie von der Tagung?

musalek: Ich erwarte mir, dass neben den neuesten Erkenntnissen der Naturwissenschaften auch die der Humanwissenschaften diskutiert werden. So können evidenz- und humanbasierte Medizin zusammengeführt werden. Dazu gibt es auf der Tagung auch einen Schwerpunkt zur Ästethik der Psychiatrie. Denn ein humanistischer Zugang zum Menschen ist nicht nur auf Effektivität, sondern auch auf Attraktivität ausgerichtet. Davon profitieren etwa chronische Patienten, die bei attraktiven Therapieangeboten eine bessere Compliance zeigen.

 

Was wünschen Sie sich für die Psychiatrie der nächsten Jahre?

musalek: Neben naturwissenschaftlichen Fortschritten wird hoffentlich das Wissen der Humanwissenschaften nicht vernachlässigt, denn es ist unerlässlich für eine kunstvolle Behandlung in der Psychiatrie.

 

Das Gespräch führte Mag. Tanja Fabsits

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