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Hinter Schwermut wird auch immer wieder hohes kreatives Potenzial vermutet, das sich in Kunst oder Technik äußern kann.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 18. Dezember 2008

Schwermut

Kritische Betrachtungen zum Konzept der Melancholie

Ich möchte einige Argumente vorbringen, dass wir Melancholie synonym mit natürlicher Schwermut verstehen und nicht mit krankhafter Depression gleichsetzen sollten. Zur eingehenderen Begründung dieses Ansatzes ist zunächst ein Überblick über die historische Entwicklung des Konzeptes der Melancholie erforderlich.

Historische Entwicklung der Melancholie

Das Wort Melancholie (melancholia) bedeutet im Griechischen „schwarze Galle“. Die Melancholie war nach Hippokrates von Kos (um 400 v. Chr.) eines der vier Temperamente. Obwohl Melancholie ursprünglich einen seelischen Zustand von Schwermut oder Traurigkeit ohne einen bestimmten Anlass bedeutete, hatte es im Altertum bis herauf ins Mittelalter durchweg eine negative Konnotation. Das einzige antike Fragment (dem Aristoteles bzw. Theophrast zugeordnet), das die Melancholie positiv und als eine besondere Fähigkeit beschreibt, sieht in der Melancholie die Voraussetzung für den göttlichen Wahn (mania). So glaubt Aristoteles zu erkennen, dass alle hervorragenden Männer, ob Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler, Melancholiker gewesen sind.

Im Mittelalter wurde die Melancholie als Mönchskrankheit (acedia) gesehen und zum häufigen Thema der theologischen Literatur. Sie galt sogar als eine der sieben Todsünden. Im mittelalterlichen Protestantismus hat man aber dann die Melancholie nicht mehr in erster Linie als eine zu vermeidende Sünde, sondern als Versuchung des Teufels im Sinne einer zerstörerischen Kraft gesehen. Durch Gebete und verschiedene fromme Aktivitäten konnten die Gläubigen den melancholischen Einfluss des Teufels abwehren und überwinden. Dabei ist von Interesse, dass Luther selbst häufig von „melancholischen Phasen“ heimgesucht wurde, welche meines Erachtens nicht krankhafte Depressionen, sondern Schwermutszustände waren. Luther war daher fähig – wie viele vergleichbare große Menschen –, sich aktiv und kreativ in zahlreichen Trostschriften mit der Melancholie auseinanderzusetzen (Steiger, 1996).

In der spätmittelalterlichen Dichtung hat die Melancholie einen Bedeutungswandel erfahren. Sie hat die Bedeutung eines vorübergehenden Gemüts zustandes angenommen, eines von allen pathologischen und physiologischen Bedingungen unabhängigen Schwermutsgefühls. Klibansky et al. (1992) geben eine hervorragende Darstellung, wie sich diese „poetische Melancholie“ weiter zu einer „melancholia generosa“ entwickelt hat. Im Florentiner Neuplatonismus (Marsilio Ficinus) wird die Melancholie zum ersten Mal als positive Kraft gewertet. So wird Melancholie vor allem als natürliche Voraussetzung für die Genialität eines Menschen betrachtet, worauf eigentlich schon Aristoteles hingewiesen hat. Aber nicht nur in der Dichtung, auch in der Wissenschaft wird in der Melancholie eine konstruktive Kraft erkannt und sogar als conditio sine qua non für Entdeckung und Genialität gesehen. Diesen nichtkrankhaften Aspekt der Melancholie möchte ich ganz einfach Schwermut nennen.

Die schöpferische Schwermut hat auch in den folgenden Jahrhunderten das Schaffen großer Wissenschaftler, Dichter und Künstler bestimmt. So fasst Goethe die tragende Rolle der Schwermut in seiner Dichtung in folgende Verse:

Zart Gedicht, wie Regenbogen

wird nur auf dunklen Grund gezogen;

darum behagt dem

Dichtergenie das Element der Melancholie.

 

Ehe ich die Melancholie als natürliche Schwermut zu beschreiben und anhand der Dichtung zu diskutieren versuche, sei auf die zeitgenössische Anwendung der Melancholie als Krankheitskonzept in der Psychologie und vor allem in der Psychiatrie näher eingegangen. Zumindest die analytisch orientierte Psychologie ist von der Freud’schen Konzeption der Melancholie geprägt. Freud (1917) grenzt zunächst völlig berechtigt die Melancholie von der Trauer ab. Während die Trauer durch positive Trauerarbeit behoben werden kann, ist die Melancholie durch Trauerarbeit nicht beeinflussbar. Nach Freud ist die Melancholie seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und sich bis zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert. Freud weist aufgrund dieser massiven Selbstdestruktion des Melancholikers auch auf die Suizidgefährdung hin. Aber nicht nur durch den Einfluss Freuds, sondern auch durch die Psychiatrie ist in der modernen Psychologie der Begriff der Melancholie weitgehend durch den Begriff der Depression ersetzt worden.

Schärfer noch! In den heutigen Diagnoseschemata der Psychiatrie wird die schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome synonym mit Melancholie klassifiziert (Dilling et al., 1993). Diese Entwicklung halte ich für ein eklatantes Missverständnis der Vielfalt menschlicher Existenz, wobei die „süße Schwermut“ schöpferischer Menschen in die Bitterkeit des schwer Krankhaften hineingezwungen wird. Den letzten großen Versuch in der Psychiatrie, die Eigenständigkeit der Melancholie aufzuzeigen und von der Depression abzugrenzen, hat Tellenbach unternommen. Tellenbach (1974) beschreibt in seinem Buch „Melancholie“ einen „Typus melancholicus“, inhaltlich und sprachlich stark an Heidegger orientiert. Leider ist dieses Werk ein aus meiner Sicht fataler Versuch, mit philosophischen, psychologischen und klinischen Argumenten die Depression mit der Melancholie gleichsam zu begründen. In den wenigen Passagen, in denen sich Tellenbach explizit zur Schwermut äußert, bezieht er sich zwar auf Szilasi (1946), der in der Schwermut durchaus eine kulturhistorische Eigenständigkeit erkennt, spricht aber dennoch – sogar unter Hinweis auf Aristoteles – von einer „Inklination zur Krankheit Melancholie“.

Melancholie als Schwermut

In Abgrenzung von der Depression möchte ich nun versuchen, die Eigenständigkeit der Schwermut darzustellen und Beispiele der Dichtung anzuführen bzw. zu diskutieren. Der zur Schwermut neigende Mensch hat ein tiefes Existenzempfinden. Von Zeit zu Zeit fühlt er sich niedergedrückt von seinem „Geworfensein ins Da“ (Heidegger), ausgeliefert einem Fatum, wogegen er sich scheinbar nicht wehren kann. Er will sich aber wehren, getrieben von der Sehnsucht nach dem Bleibenden, dem Schönen und der Überwindung des Todes.

Im Gegensatz zur Depression holt sich der schwermütige Mensch aus seinem tiefen, metaphysischen Wirklichkeitsempfinden immer wieder die Kraft, im Reigen des Kosmos mitzutanzen und durch seine Werke Bleibendes zu schaffen. So gesehen mag Aristoteles Recht haben, dass alle großen Männer melancholisch sind. Ob der Umkehrschluss zulässig ist, muss allerdings offen bleiben. Jedenfalls ist das kreative Potenzial, das die Schwermut in sich trägt, Grund genug, dass die Psychiatrie streng zwischen natürlich-kreativer Schwermut und krankhafter Depression unterscheidet. Man sollte daher den Begriff der Melancholie mit Schwermut synonym gebrauchen und nicht als Krankheit verkennen (Mitterauer, 2007).

Dieser meiner Auffassung und meinem persönlichen Erleben von Schwermut entspricht auch jene von Heinrich von Gent (1518). Beim Melancholiker ist es seine innere strukturale Wesensgesetzlichkeit selbst, die diesen Typus in Schranken weist, die er nicht transzendieren kann. Dass er das nicht vermag, kann ihm zur Melancholie gereichen, denn seine Begabung treibt ihn fortwährend empor und zum Überschwingen, indessen ihm dies doch seine Grenzen verwehren. Und so muss in ihm ein Gefühl quälenden Ungenügens wachsen, das ihn lähmt und schließlich in Schwermut zu Boden sinken lässt; denn das Denken der Ordnung allein lässt ihn noch nicht zum Absoluten, zur Schau der platonischen Ideen vordringen. Was Heinrich von Gent jedoch nicht sieht, ist, dass gerade aus dieser schwermütigen Konstellation die Kraft entspringen kann, das Erleben existenzieller Begrenztheit durch kreative Produkte wie Kunst, aber auch Technik zu bereichern. Tellenbach hat aber leider aus dieser Beschreibung der Schwermut von Gents ein depressives Nichtkönnen abgeleitet und seinem Typus melancholicus zugrunde gelegt.

Schwermut in der Dichtung

Was wir unter Melancholie als Schwermut verstehen sollten, sei an der Dichtung beispielhaft gezeigt. Lenau, der Dichter der Schwermut, hat in seinem Gedicht „Waldlied“ die Stimmung der Schwermut in einfache Verse gefasst:

 

Der Nachtwind hat in den Bäumen sein Rauschen eingestellt, die Vögel sitzen und träumen am Aste getraut gesellt.

Die ferne schmächtige Quelle, weil alles andre ruht, läßt hörbar nun Welle auf Welle hinflüstern ihre Flut.

Und wenn die Nähe verklungen, dann kommen an die Reih die leisen Erinnerungen und weinen fern vorbei.

Daß alles vorübersterbe, ist alt und allbekannt; doch diese Wehmut, die herbe, hat niemand noch gebannt.

 

Man könnte nun zahlreiche andere Dichter anführen, deren Schaffen nicht von krankhafter Depression, sondern von Schwermut geprägt ist. Für den Psychiater liegt aber die eigentliche diagnostische Herausforderung darin, ob und wie man bei einem Patienten mit wiederkehrenden depressiven Episoden seine psychopathologische Symptomatik von jener der nicht pathologischen Schwermut unterscheiden kann.

Die Schwermut Georg Trakls

Ich möchte nun versuchen, diese diagnostische Herausforderung am Beispiel von Georg Trakl, dem großen Dichter meiner Heimatstadt Salzburg, aufzunehmen. Seine Biografie lässt sich im Wesentlichen wie folgt skizzieren (Mahrholdt, 1959).

Georg Trakl ist am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren. Er war das fünfte von insgesamt sieben Kindern eines wohlhabenden Eisenhändlers. Die Mutter führte das Leben einer normalen Bürgersfrau. Eine Gouvernante war den Kindern Mutterersatz und hatte durch das Vorlesen französischer Literatur auch Einfluss auf Trakls spätere Lyrik. Vor allem aber hat sich eine enge Beziehung zu seiner jüngeren Schwester Margarete entwickelt, in der er sein Abbild sah und die auch in seiner späteren Dichtung eine bedeutende Rolle spielte.

Trakl besuchte von 1897 bis 1905 das Humanistische Gymnasium in Salzburg und galt als schlechter Schüler. Da er 1905 erneut das Klassenziel nicht erreichte, verließ er das Gymnasium ohne Matura. Zu dieser Zeit begann er zu schreiben und schloss sich einem Dichterzirkel an. Auch die ersten Erfahrungen mit Drogen fallen in diese Zeit. Im September 1905 begann er ein dreijähriges Praktikum in einer Salzburger Apotheke. Die Aufführung seiner ersten Theaterstücke (1906) war nicht sehr erfolgreich, sodass er diese vernichtete und in eine schwere Schaffenskrise fiel. Ab 1908 ging es wieder aufwärts. Trakl konnte das erste Gedicht in einer Zeitschrift veröffentlichen, schloss das Apothekerpraktikum ab und begann in Wien Pharmazie zu studieren.

Der Tod des Vaters 1910 brachte die Familie in finanzielle Schwierigkeiten. Trakl konnte jedoch noch in Pharmazie promovieren. Er trat freiwillig in den Militärdienst ein und war in Wien als Sanitäter tätig. Zu dieser Zeit kam es vermehrt zu Drogenmissbrauch und zu wiederkehrenden depressiven Stimmungslagen. Trotzdem gelang ihm gleichzeitig der dichterische Durchbruch. Er dichtete aus diesen Krisen heraus eine reife, schwermütige Lyrik, in der er sein Dichtergenie entfalten konnte. Als Apotheker wieder Fuß zu fassen, gelang ihm nicht wirklich, sodass er nach Innsbruck zog, wo er seinen großen Förderer Ludwig von Ficker – Herausgeber der renommierten Zeitschrift Brenner – kennenlernte und mit wichtigen Personen der österreichischen Literatur- und Kulturszene bekannt wurde. Von da an wurden Trakls Gedichte regelmäßig im Brenner veröffentlicht. Trotz dieser scheinbar guten Lebenssituation litt Trakl wieder zunehmend unter Angst und Depressionen, die er mit Alkohol und Drogen gleichsam selbst behandelte.

Die Zeit zwischen 1912 und 1914 war einerseits von der Suche nach einer beruflichen Stelle, andererseits von Rastlosigkeit und Sorge um seine erkrankte Lieblingsschwester bestimmt. Trotz seiner literarischen Erfolge spricht Trakl selbst von einer „Kette von Krankheit und Verzweiflung“. Im August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Trakl rückte als Medikamentenakzessist nach Galizien ein. Nach der Schlacht bei Grodek musste er allein 90 Schwerverwundete betreuen, ohne helfen zu können. In dieser extremen Belastungssituation und Verzweiflung wollte er sich erschießen, was Kameraden jedoch verhindern konnten. Er beruhigte sich wieder und versah weiter seinen Dienst. Einige Wochen später wurde er zu seinem Schrecken zur Beobachtung seines geistigen Zustandes in die psychiatrische Abteilung des Garnisonspitals in Krakau eingewiesen. Dort starb er 27-jährig vermutlich an einer Überdosis von „Gift“, welche er am Vorabend eingenommen haben dürfte. Ob es sich dabei um einen Selbstmord gehandelt hat, muss offen bleiben. 1925 wurden die Gebeine des Dichters nach Tirol überführt und auf dem Friedhof in Mühlau bei Innsbruck bestattet.

Es gibt zahlreiche Studien, die davon ausgehen, dass Trakl unter Depressionen (nach psychiatrischer Definition) gelitten hat und suchtkrank war. Dabei wird auch die Beziehung von Depression und Dichtung zu interpretieren versucht (Mentzos & Münch, 2002). Wenngleich es schwierig ist, eine operationalisierte Diagnostik für eine Pathografie verlässlich durchzuführen (Spitzer et al., 2006), da man auf diverse subjektive Verhaltensbeschreibungen und beobachtungen angewiesen ist, so sprechen zunächst die wiederkehrenden Angst- und Verzweiflungszustände bis hin zur Suizidalität für depressive Episoden, denen eine biologische Eigengesetzlichkeit zugrunde liegen könnte. Man kann dann den – zumindest zeitweise – massiven Alkohol- und Drogenmissbrauch als Selbstbetäubung oder auch Selbstbehandlungs- und Linderungsversuch interpretieren. Während an der Suchterkrankung kein Zweifel bestehen kann, muss hingegen offen bleiben, ob bei Trakl wirklich depressive Episoden nach psychiatrischen Kriterien aufgetreten sind. Dasselbe gilt für die Frage, ob Trakl tatsächlich Selbstmord begangen hat.

Trakl hat uns aber seine Dichtung zurückgelassen. Diese ist eindeutig von seiner Schwermut getragen. „Immer klingt aus der Pracht des Geschilderten, aus seinen Frühlingen eine Melancholie mit in seinen Worten“ (Mahrholdt, 1959). Heidegger (1959) hat in „einer Erörterung von Georg Trakls Gedicht“ die Schwermut des Dichters tief erkannt und philosophisch gedeutet. „Die Schwermut der Seele erglüht nur dort, wo die Seele auf ihrer Wanderung in die weiteste Weite ihres eigenen, das heißt ihres wandernden Wesens eingeht. ... Das Gestörte, Vehemente, Unheile und Heillose, alles Leidvolle des Verfallenden ist in Wahrheit nur der einzige Anschein, in dem sich das Wahrliche verbirgt: der alles durchwährende Schmerz.“ Die philosophische Analyse Heideggers der Trakl’schen Gedichte entdeckt den metaphysischen Hintergrund der Schwermut, aus der die Kraft einzigartiger Verse kommt, in den verschiedensten Facetten. Selbst wenn Trakl in seiner Dichtung vom „Wahnsinnigen“ spricht, so warnt Heidegger davor, dass hier ein Geisteskranker gemeint ist. Trakl stellt sich in seiner Dichtung als der „Abgeschiedene“ dar. „Der Abgeschiedene ist der Wahnsinnige, weil er anderswohin unterwegs ist. Von dort her darf sein Wahnsinn ein ‚sanfter‘ heißen, denn er sinnt Stillerem nach.“ (Heidegger, 1959)

Ein weiterer Aspekt Trakl’scher Schwermut zeigt sich in seiner wahrscheinlich inzestuösen Beziehung zu seiner Lieblingsschwester, die er in seinen Gedichten bisweilen „Mönchin“ nennt. Bei Trakl ist die vereinende Begegnung mit der Schwester ein verzweifelter Versuch, die Schwermut seiner Abgeschiedenheit wenigstens in der schmerzlichen Vergänglichkeit dieser Begegnung tatsächlich zu erfühlen. Das hat nichts mit Depression zu tun.

Trakl ist eigentlich der Dichter des existenziellen Aufschreies des Menschen. Seine Schwermut ist es, die ihn befähigt hat, dem todgeweihten Menschen die unergründbaren Grenzen seiner Existenz in dichterischer Sprache vor Augen zu führen. Obwohl viele seiner Gedichte von Schmerz, Verzweiflung und gar von Wahnsinn sprechen, strebt das schwermütige Grundelement von Trakl nach Einklang und Vollendung. Gerade die im Zeitraum irdischer Existenz nicht erreichbare Vollendung ist die eigentliche schöpferische Triebkraft der Schwermut, welche Trakl im folgenden Gedicht „Einklang“ in Verse fasst:

 

Sehr helle Töne in den dünnen Lüften, Sie singen dieses Tages fernes Trauern, Der ganz erfüllt von ungeahnten Düften uns träumen macht nach niegefühlten Schauern.

Wie Andacht nach verlorenen Gefährten Und leiser Nachhall nachtversunkner Wonnen, Das Laub fällt in den längst verlaßnen Gärten, Die sich in Paradiesesschweigen sonnen.

Im hellen Spiegel der geklärten Fluten Sehn wir die tote Zeit sich fremd beleben Und unsre Leidenschaften im Verbluten, Zu ferner’n Himmeln unsre Seelen heben.

Wir gehen durch die Tode neugestalt Zu tiefern Foltern ein und tiefern Wonnen, Darin die unbekannte Gottheit waltet - Und uns vollenden ewig neue Sonnen.

 

Nehmen wir nun an, Trakl wäre ein Zeitgenosse, der diagnostisch eindeutig unter depressiven Episoden leidet und sich mit Alkohol und Drogen gleichsam selbst behandelt. Er lässt sich überreden, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Eine einschlägige Medikation führt zu einer Stimmungsstabilisierung, und auch das Suchtverhalten kann zumindest eingegrenzt werden. Wie aber würde es dann um sein kreatives Potenzial bestellt sein? Wie würde sich die Medikation auf die persönlichkeitstypische Schwermut auswirken, die ja scheinbar paradox die Dichtung beflügelt? Würden seine Verse vielleicht nicht mehr von der bisherigen Genialität geprägt sein? Aus der Biografie wissen wir jedenfalls, dass Trakl in Zeiten einer vermuteten Depression dichterisch trotzdem produktiv war. Ein depressives „Nichtkönnen“ war zumindest im Bereich der Dichtung nicht vorhanden.

Was ich am Beispiel Trakls zu zeigen versuchte, ist einerseits die Abgrenzung der Depression von der Schwermut im Sinne eines kulturellen und humanistischen Melancholiebegriffs. Andererseits möchte ich auf die große Verantwortung der Psychiatrie hinweisen, wenn es um die biologische Behandlung kulturtragender Patienten geht, die zwar die diagnostischen Kriterien der Depression erfüllen, gleichzeitig aber schwermütig sind, so wie ich Schwermut beschrieben habe.

 

Hartmann Hinterhuber gewidmet.

Dilling, H., et al. (1993): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. Huber-Verlag, Bern.

Freud, S. (1917): Trauer und Melancholie. In: Gesammelte Werke. Bd. X. S. Fischer, Frank furt/Main.

Heidegger, M. (1959): Unterwegs zur Sprache. Neske-Verlag, Pfulbingen.

Heinrich von Gent (1518): Quodlibeta. Fol. XXXIVr. Paris.

Klibansky, R., et al. (1992): Saturn und Melancholie. suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt/Main.

Mahrholdt, E. (1959): Der Mensch und Dichter Georg Trakl. In: Erinnerungen an Georg Trakl. Otto Müller-Verlag, Salzburg.

Mentzos, S., Münch, A., Hrsg. (2002): Psychose und Sucht. Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen.

Mitterauer, B. (2007): Einzigartigkeit. In: Herr erbarme Dich unser. Paracelsus-Verlag, Salzburg.

Spitzer, C., et al. (2006): Rezidivierende depressive Störung bei Caspar David Friedrich. Fortschr. Neurol. Psyachiatr. 74:392-399.

Steiger, J. A. (1996): Melancholie, Diätik und Trost: Konzepte der Melancholie und 17. Jahrhundert. Manutius-Verlag, Heidelberg.

Szilasi, W. (1946): Macht und Ohnmacht des Geistes. Alber-Verlag, Freiburg.

Tellenbach, H. (1974): Melancholie. Problemgeschichte, Endogenität, Typologie, Pathogenese, Klinik. Springer-Verlag, Berlin.

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Hinter Schwermut wird auch immer wieder hohes kreatives Potenzial vermutet, das sich in Kunst oder Technik äußern kann.

B. J. Mitterauer, Salzburg, psychopraxis. neuropraxis 6/2008

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