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Heute ist das Romantische etwas, das die Sinne anspricht – etwa das Bild einer schönen Blume.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 18. Dezember 2008

Romantische Liebe – Teil 2

Die Funktion der Romantik

Julie de Lespinasses emotionale Erpressung funktionierte nur deshalb, weil der Comte ein Bürger und ein Offizier war, ein Mensch mit einem Ehrbegriff und einem Bewusstsein davon, dass es wichtig ist, in der Öffentlichkeit hohes Ansehen zu genießen. Ein Mann jedoch, der eine Frau ins Unglück stürzt, gerät ins Zwielicht und in Misskredit. Das gilt für den Bürger, aber weder für den Adligen noch für den Romantiker. Der Adlige bekommt sein Ansehen im Prinzip mit der Geburt verliehen, der Romantiker wie z. B. Tieck pfeift auf Reputation. Reputation gehört für ihn zum bürgerlichen Schein. Der Comte de Guibert trägt zwar noch einen Adelstitel, aber er lebt in einer Zeit, in der das bürgerliche Zeitalter näher rückt, dessen Werte Fortschritt, Sicherheit und Wohlbefinden für alle sind. Nach außen übernimmt der Bürger Verantwortung in und für die Gesellschaft, aber ganz Mensch ist er nur zu Hause, bei seinen Liebsten, bei seiner Frau und seinen Kindern. Da muss er in keine öffentliche Rolle mehr schlüpfen. Da ist er so, wie er wirklich ist. Zumindest nimmt er dies an. War es in der höfischen Gesellschaft noch eine Selbstverständlichkeit, dass die Ehefrau ihren Liebhaber und der Ehemann seine Geliebten hatte und war das Fremdgehen nur peinlich, wenn es aufflog, war also Unaufrichtigkeit die zentrale Lebensmaxime, so setzte sich in der bürgerlichen Epoche ein Ehemodell durch, das forderte, dass Ehe auf aufrichtiger und individueller Liebe beruhen müsse. Keine Vernunftheirat, keine Heirat auf Anraten der Eltern, sondern eine Ehe, die auf zwei ehrlichen, entzückten und verliebten Herzen beruhte. Die Liebeshochzeit ist Teil des sogenannten Individualisierungsprozesses in der Moderne. Nicht Blut und Stand sollen mehr das Schicksal eines Menschen bestimmen, sondern die freie Wahl. Jeder Mensch soll sich eigene Ziele setzen und diese auch umsetzen. Selbstverwirklichung ist das Zauberwort der Individualisierung. Jeder Mensch hat es in der Hand, was aus ihm wird, so die Ideologie der Moderne. Selbstverwirklichung gelingt nur, wenn ich weiß, was ich will. Und ich weiß dies nur, wenn ich weiß, was ich fühle. Wenn nicht mehr meine Eltern auswählen, wen ich heiraten soll, dann muss ich selbst die Entscheidung fällen. Das bürgerliche Zeitalter, das so sehr auf Rationalität setzt, verbietet die Ehe, die auf einem Kalkül beruht. Alles muss rational bestimmt sein, nur das private Leben nicht. Die kühl berechnende Eheschließung wäre ein Tabubruch in der Moderne. Die Sphären des Öffentlichen und des Privaten dürfen nicht dem gleichen Gestaltungsmodus folgen. Da der Verstand, dort das Herz. Der Verstand sichert das Leben, das Herz die persönliche Identität, das Eigentliche unseres Daseins. Die imperiale Vernunft, die die vollkommene Naturbeherrschung zum Ziel hat, produziert eine Gegenwelt, in der sie vermeintlich nichts zu suchen hat: die individuelle Liebe, als schämte sich die imperiale Vernunft ihrer eigenen unerbittlichen Grausamkeit. Wäre der Bürger nur kalter Ingenieur, gnadenloser Beamter und brutaler Krieger, so würde er sich nicht als guter Mensch fühlen. Um sich so zu fühlen, braucht er die Liebe und die Romantik. Im zärtlichen Kuss vergisst der Bürger des 19. Jahrhunderts, dass sein Imperialismus einige Teile der Erde zerstört hat. Ein Adliger musste moralisch nicht gut sein, ein Bürger muss dies, sonst schwankt sein Selbstwertgefühl. Für die Adligen gab es Anstandsbücher, für den Bürger das Werk Kants und dessen kategorischen Imperativ.

Der Bürger braucht das romantische Liebesmodell, wie es Schlegel umrissen hat, um sich zu individualisieren und um sich moralisch gut zu fühlen. Er braucht die Romantik, um eine Kompensation zur restlichen rational geprägten Welt zu haben. Er bedarf der romantischen Liebe, um die höfischen Verhaltensstandards mittels Gefühl und Spontanität zu überwinden. Wenn in der romantischen Liebe ganz unzweifelhaft ein anarchistisches Motiv mit schwingt: „Werft die Regeln der Höflichkeit und überhaupt alle Regeln über Bord, weil sie die individuelle Liebe nur einengen und stören“, dann wird mit der Romantik der von Elias beschriebene Prozess der Zivilisation unterlaufen. Der romantische Mensch will sich nicht mehr ängstlich an die Etikette halten, vielmehr will er sich so verhalten, wie er sich fühlt. So viel Zivilisation, Affekt- und Selbstkontrolle vertrage ich einfach nicht, sagt der Romantiker, die Zivilisation hat mir meine Seele geraubt. So tragen der Prozess der Individualisierung und damit auch die Romantik dazu bei, dass die ausdifferenzierte Seele samt dem Unbewussten im 19. Jahrhundert sozusagen erfunden wurde.

Aber der Bürger will nicht die ganze Romantik, es reicht ihm eine gezähmte Romantik für die schönen Spaziergänge und das Picknick. Das Sicherheitsdenken des Bürgers verhindert, dass das radikale Liebesmodell der Romantik gänzlich Eingang findet in das bürgerliche Leben. Keine ausschließliche Konzentration auf den geliebten Tieck, wie Wackenroder dies getan hat, schließlich soll der normale Bürger auch überlebensfähig sein. Ein bisschen unglückliche Liebe ist echt schön, aber man darf nicht übertreiben. Das Leben geht weiter. Keine totale Liebe wie die von Lucinde zu Julius, schließlich soll Erhebliches von Julius und Lucinde für Freunde und den Staat übrig bleiben. Kein sich in den anderen Verbeißen, wie es Lespinasse prototypisch tut, schließlich hat man auch seinen Stolz. Und lange hat die Lespinasse nicht gelebt (1732 – 1776, die Briefe schrieb sie von 1773 – 1776). Klar, ein Seitensprung ist unmoralisch und gefährdet die Ehe, aber ein bisschen Spaß muss sein. Man lebt nur einmal. Der oder die Andere muss es ja nicht erfahren.

Die Romantik bildet so einen Möglichkeitsraum des Anderen, zum Verrückten, sie markiert eine Grenze zum Unvernünftigen, die der Bürger dringend braucht, um in dieser Welt der Planung und des Kalküls leben zu können, und dennoch wird der Möglichkeitsraum nicht voll ausgeschöpft, wird die Grenze nur zögerlich um ein paar Zentimeter überschritten, um alsbald zurück zu kehren: in die sichere Welt des Büros, der Familie oder des Single-Daseins. Romantik verkümmert zu Urlaubsfotos, Balladen und Kerzenschein. Diejenigen, die bei Konzerten ganz romantisch mit Wunderkerzen wedeln, bemerken nicht einmal, wie sehr sie das ursprüngliche Programm der Romantik verwerfen. In gewisser Weise missbraucht der Bürger die Romantik: Er kann auf sie nicht verzichten, will sie aber auch nicht ausschöpfen. Im Stall des Bürgers steht das wilde Pferd Romantik. Von ihm werden nur Fotos gemacht. Auslauf hat es fast nie.

Die romantische Bewegung muss den parasitären Zugriff der bürgerlichen Welt von Anfang an geahnt haben. Die sexuellen Provokationen in der „Lucinde“ sollten den Bürger abschrecken. Aber die bürgerliche Mentalität lässt sich von nichts abschrecken. Oder sie ignoriert einfach. Jeder Mensch, der heute lebt, glaubt zu wissen, was Romantik ist, aber das Programm der Frühromantik ist kollektiv verdrängt. Schlegel fährt die Stacheln der sexuellen Provokation aus. Tieck baut auf das Düstere. In seinem Märchen „Der blonde Eckbert“ lässt dessen zukünftige Frau Bertha ein Tier verhungern und bestiehlt eine alte Frau, Eckbert selbst erschießt seinen besten Freund Walther mit einer Armbrust und wird wahnsinnig. Geständnisfreudige und intime Freundschaft, das will Tieck mitteilen, ist nur eine Illusion und kippt um in Paranoia. Aber auch die Geschichten des sinistren Tiecks halten heute niemanden davon ab, beim Anblick einer schneeverhangenen Tanne heiter auszurufen: „Ach, wie romantisch!“

Der Begriff der Romantik wurde vom Bürger transformiert und annektiert. Heute ist das Romantische etwas, das die Sinne anspricht (Sonnenuntergang und Spitzendessous), etwas, das schön ist (das Bild einer Blume) und besänftigend wirkt (eine streichelnde Hand), etwas Warmes (Kerzenlicht) und Außergewöhnliches (der Ausflug in die Natur). Schlegel wollte hingegen eine neue libertäre Liebesordnung, ein Abschied vom Gesetz, Tieck beschwor die Abgründe des Lebens. Auch die Radikalisierung der Frühromantik in eine todesversessene Schwarze Romantik (Klotter 2004) konnte nicht verhindern, dass Romantik heute einfach etwas Liebes ist. Romantische Liebe unserer Tage ist demnach im Wesentlichen lieb und zart. Das Dunkle und Radikale ist verbannt und kehrt dennoch in jede liebe Liebe zurück. Die Rückkehr des Verdrängten, weswegen die romantischen Lieben nicht funktionieren. Oder nur für ein paar Tage.

Ungeklärt ist bislang, warum die Romantik dunkel und radikal sein muss. Warum ist dies kein historischer Zufall? Eine Antwort auf diese Frage lautet: Das strahlende Licht der Aufklärung, das qua Vernunft den Menschen Glück auf Erden geben will, produziert und provoziert ihr Gegenteil: das Dunkle und das Böse. Die Siegesgewissheit der Aufklärung wird durch die Romantik unterhöhlt. Aber ohne Aufklärung wäre Romantik gar nicht denkbar. Insofern gehören beide inniglich zusammen. Sie werden als Gegenspieler begriffen, ohne wahrzunehmen, dass sie ein Team bilden, dass das aufklärerische Primat der Vernunft quasi wartet auf die Ergänzung um das Gefühl, auch um gänzlich unvernünftige Gefühle wie eine Liebe ohne Erwiderung. Der Prozess der Individualisierung wäre stecken geblieben, wenn Gefühlserkundung und Gefühlsarbeit die Vernunft nicht begleitet hätten. Nur wenn ich meine Gefühle kenne, kann ich die Person finden, die ich liebe und die mich liebt. Ohne Kenntnisse meiner Gefühle falle ich bei der Partnerwahl immer wieder auf die Nase. Nur wenn ich meine Gefühle kenne, kann ich andere verstehen und mit ihnen kommunizieren. Nur wenn ich Zugang zu meinem Unbewussten habe, verstehe ich, warum ich mich so und nicht anders verhalten kann.

Eine Variante der eben gegebenen Antwort lässt sich so formulieren, dass das strahlende Licht der Aufklärung die affektiven und dunklen Seiten des Menschen ausblenden wollte. Kant konnte mit Gefühlen nichts anfangen. Angenommen, Freuds Menschenbild wäre angemessen, dass der Mensch sowohl gute als auch böse Anteile hat, dann hätte die Aufklärung die bösen Anteile übersehen, übersehen wollen. Für diese musste jemand zuständig werden: die Romantik.

Mit der Illusion der lieben Romantik, dass die Welt fast nur liebe und kuschelige Bewohner beherbergt, korrespondiert die vornehmlich das Unergründliche und das Böse beschwörende Romantik. Beide Positionen basieren auf Spaltung, auf der Ausklammerung ihres Gegenstückes und beiden haftet deshalb etwas Lächerliches an.

Was übrig bleibt I

Der kleinen Revolte der Frühromantik in Berlin war keine lange Dauer beschieden:

„Tiecks Krise in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts (des 19., Anm. des Autors) war auch eine der gesamten Frühromantik. Das ,Athenaeum‘ (das Zentralorgan der Frühromantiker, Anm. des Autors) war eingegangen, Wackenroder war 1798, Novalis 1801 gestorben, Friedrich Schlegel hatte Berlin verlassen, sein Freund Schleiermacher (Hermeneut und Platon-Übersetzer, Anm. des Autors) hatte 1802 eine Predigerstelle im hinterpommerschen Stolp angenommen, und auch Tieck hatte Berlin den Rücken gekehrt.“ (Bruyn 2006, S. 288)

Der kurze Sommer der Frühromantik geht fast unbemerkt zu Ende. Das, was von der Frühromantik bleibt, ist einerseits eine gewisse Form von Morbidität und Todessehnsucht. Als Beispiel hierzu kann das Leben der Karoline von Günderrode (1780 – 1806) dienen, das Gersdorf (2006) unter dem bezeichnenden Titel „Die Erde ist mir Heimat nicht geworden“ erzählt hat. Caroline von Günderrode ist eine permanent Leidende, eine ins Unglück Gestoßene, die das Leben nur aushält, wenn sie weiß, dass der Dolch bereit liegt, mit dem sie sich jederzeit umbringen kann. Sie ist von zahlreichen Krankheiten heimgesucht und ist körperlich nie richtig gesund. Die einzige Freude ist die Poesie, sie verschlingt die Bücher der Frühromantik und dichtet selbst. Wenn sie sich verliebt, das kommt selten vor, dann geht es garantiert schief. In ihrem kurzen Leben hat sie eigentlich nur gewartet. Und irgendwann war sie des Wartens leid.

Am Ende des 19. Jahrhunderts findet sich der Typus der Günderrode wieder im Kultus um die TBC, die Lungentuberkulose, die als ausgemachte Erkrankung von Künstlern gilt. Wehe dem Künstler, der von ihr nicht eingeholt wird. Er kann gar kein Künstler sein. Todessehnsucht und Romantik sind so fast Synonyme geworden.

Das, was andererseits von der Frühromantik bleibt, und was in die liebe, romantische Liebe des Bürgers nicht einging, fand anderweitig Unterschlupf. Die radikale Romantik überwinterte in der Lebensreformbewegung (Frecot et al. 1972), um dann in Deutschland in die revolutionären, seien es linke oder rechte, Bewegungen einzufließen, allerdings in einer transformierten Version. Aus dem Wort soll Tat werden. Aus der Unentschiedenheit der Romantik, tändelnd zwischen Realität und Fiktion, soll Entschiedenheit und Unerbittlichkeit werden. Carl Schmitt (1985) formuliert dies auf seine Weise:

„Den deutschen Romantikern ist eine originelle Vorstellung eigentümlich: das ewige Gespräch; Novalis und Adam Müller bewegen sich darin als der eigentlichen Realisierung ihres Geistes. Die katholischen Staatsphilosophen, die man in Deutschland Romantiker nennt, weil sie konservativ und reaktionär waren und mittelalterliche Zustände idealisierten, de Maistre, Bonald und Donoso Cortes hätten ein ewiges Gespräch wohl eher für ein Phantasieprodukt von grausiger Komik gehalten. Denn was ihre gegenrevolutionäre Staatsphilosophie auszeichnet, ist das Bewusstsein, dass die Zeit eine Entscheidung verlangt ... Alle formulieren ein großes Entweder-Oder, dessen Rigorosität eher nach Diktatur klingt als nach einem ewigen Gespräch.“ (S. 66)

Der zentrale Begriff ist der der Entscheidung, der Dezision: Lieber etwas Falsches tun, als nichts tun. Damit ist die Romantik überwunden und zugleich aufgehoben. Diesen Begriff der Dezision hat die radikale Linke in der 68er-Bewegung von dem Rechten, Carl Schmitt, übernommen und umgesetzt. Jünger bringt den Bruch mit der Romantik auf den Punkt. Der Romantik wirft er vor, sie habe nur Gegenspieler zum Bestehenden sein wollen, er hingegen wolle ein „Vabanquespieler“ sein (1982, S. 47). Weiter führt er aus:

„Dem Schritt vom romantischen Protest zur Aktion, deren Kennzeichen nun nicht mehr die Flucht, sondern der Angriff ist, entspricht die Verwandlung des romantischen in den elementaren Raum. Dieser Vorgang vollzieht sich, indem das Gefährliche, das an die äußersten Grenzen verbannt war, mit großer Geschwindigkeit in die Zentren zurückzuströmen scheint. ... Nunmehr aber flammen die gesicherten Bezirke der Ordnung selbst wie Schießpulver auf, das lange trocken gelegen hat, und das Unbekannte, das Außergewöhnliche, das Gefährliche wird nicht nur das Gewöhnliche – es wird auch das Bleibende.“ (Jünger 1982, S. 57)

Jünger beschreibt hier das Programm der nationalrevolutionären Bewegung, die Hitler politisch spielerisch rechts überholte. Natürlich sind das romantische Inhalte: das Suchen des Unbekannten, des Außergewöhnlichen und des Gefährlichen. Träumte der traditionelle Romantiker nur von diesem, so will Jünger dies in der Wirklichkeit einholen. Dieses deutsche Großprojekt ist mit dem Nationalsozialismus grundlegend gescheitert. Zurück bleibt ein fundamentaler Schrecken und eine heimliche Identifikation mit den großen, wenn auch bösen Taten des großen Deutschlands. Davon zeugen nicht nur die unverbesserlichen Neonazis, sondern auch das Interesse an den Personen Carl Schmitt und Ernst Jünger. Zu diesen sind die Menschen gerade zu gepilgert. Der deutsche Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und der Franzose Francois Mitterand haben Ernst Jünger besucht, vermutlich wissend, dass er in der Zeit der Weimarer Republik im Dunstkreis rechtsradikaler Terroristen gelebt hat. Carl Schmitt steht nach wie vor im Zentrum intellektueller Debatten. Von vielen wird er verehrt.

Was übrig bleibt II

Die liebe Romantik ist nicht nur staatstragend geworden (Wir sind alle liebe und gute Menschen.), sie ist auch ein wichtiger Motor wirtschaftlichen Reichtums. Große Teile der Unterhaltungsindustrie kreisen um das Thema unschuldiger und trauriger Liebe. Die Musikindustrie führte ein marginalisiertes Dasein ohne den Liebessong. Auch die Filmindustrie hätte mächtig zu knabbern, gäbe es keine Liebeskomödien und dergleichen mehr. Ohne die gezähmte romantische Liebe würden Adoleszente – und sind wir nicht alle ein bisschen adoleszent geblieben? - überhaupt nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Am Ende gar müssten sie zu einem Buch greifen und sich bilden. Das ist nicht auszudenken.

Roland Barthes (1915-1980) stellt in seinem Werk „Fragmente einer Sprache der Liebe“ (1984), das drei Jahre vor seinem Tod in Frankreich erschienen ist, zu Recht fest, dass es im 20. Jahrhundert keinen Diskurs über die Liebe mehr gibt, sieht man einmal von der lieben Romantik ab, zu der es aber keinen Diskurs, sondern nur eine endlose Redundanz gibt. Er konstatiert dies nicht nur, vielmehr füllt er die Lücke. Ohne jeden Anflug von Ironie beginnt er seine Ausführungen mit dem Satz: „Es ist also ein Liebender, der hier spricht und sagt“ (1984, S. 23). Er hätte ergänzen müssen: „Es ist ein romantisch Liebender, der ...“. Noch genauer: „Ein Liebender, der sich der Frühromantik verpflichtet fühlt.“ Barthes ist aber nicht nur ein schlichter Nachfolger. Vielmehr unterzieht er die Frühromantik einer Psychoanalyse, mit der Barthes in seinen Veröffentlichungen eigentlich nie viel zu tun hatte. Zugleich zerlegt er die Totalität der romantischen Liebe à la „Lucinde“ in Fragmente, in Figuren, in Tableaus. In der Sprache der Psychologie könnte man von Verhaltensanalysen sprechen. Für Barthes gibt es nicht das totale Liebesgefühl, sondern situationsbezogene Erfahrungen, die aus uns Liebende machen.

„Die Mechanik der Lehnspflicht des Liebenden setzt eine bodenlose Belanglosigkeit voraus. Denn damit die Abhängigkeit ganz rein in Erscheinung treten kann, muss sie sich unter den lächerlichsten Begleitumständen äußern und aufgrund allzu großen Kleinmuts uneingestehbar werden: einen Telefonanruf erwarten ist eine gewissermaßen zu grobe Abhängigkeit; ich muss sie über alle Grenzen hinaus verfeinern: also werde ich mich über das Geschwätz der Klatschbasen aufregen, das mich in der Apotheke aufhält und meine Rückkehr an den Apparat verzögert.“ (1984, S. 25)

Barthes müsste sich heute etwas anderes aushecken, um Abhängigkeit und damit Liebe zu erfinden und zu gestalten. Heute hätte Barthes in der Apotheke ein Handy dabei. Aber es würde ihm bestimmt etwas einfallen: Die Sorge, dass der Akku gleich leer ist, die schlechte Verbindung, das geringe Guthaben auf der Prepaid-Karte. Entscheidend ist, dass Barthes sagen will: Wir inszenieren die Abhängigkeit in Liebesangelegenheiten, um Liebende zu sein. Und wir wollen Liebende sein, um ich sagen zu können. Der Geliebte oder die Geliebte ist laut Barthes a priori der oder die Abwesende: „Das immer gegenwärtige ich konstituiert sich nur angesichts eines unaufhörlich abwesenden du.“ (1984, S. 27) Die notwendige Abwesenheit des Anderen ist nicht nur subjektkonstituierend, sie stellt einen direkten Draht zum Göttlichen her:

„Hier beginnt ein ewiger Hunger, der niemals gesättigt wird: Er besteht in einem innerlichen Gieren und Trachten der liebenden Kraft und des irdischen Geistes nach einem überirdischen Gute. Und diese Begierde des Geistes nach einem Genuss, zu dem der Geist von Gott eingeladen und angeeifert wird, die will sich mit aller Macht erfüllen.“ (1984, S. 31)

Keine Frage, der Hunger wird nie gestillt, aber der Liebende ist erfüllt von diesem Hunger und zum Himmel hin erhoben. Vielleicht ist dies die Erhabenheit, von der Wackenroder geschrieben hat. Auf jeden Fall wird mit Barthes umissverständlich klar, dass die irrationale Liebe, die, die unerwidert bleibt, die, die unglücklich macht, das moderne Subjekt erst schafft. Ovid würde heute die Sachlage falsch einschätzen, wenn er für unsere Tage die irrationale Liebe ablehnen würde. Masochismus und Frustration sind heute keine Fallstricke, sondern Kletterseile und Karabinerhaken, um den schwierigen Berg der Individualisierung zu meistern. Die Aufgabe der gezähmten Liebe würde deshalb darin bestehen, in der unendlichen Wiederholung der gleichen lieblichen Bilder vom tragischen Kern der Liebe heute abzulenken. Die zentralen Gedanken der Frühromantik sind gewiss kollektiv abgewehrt, aber an „Lucinde-light“ führt kein Weg vorbei.

PS: Der Autor und Fotograf Herve de Guibert hat Barthes nicht gerade als Romantiker kennengelernt. Als Guibert ihn bat, ein Vorwort zu einem Buch von ihm zu schreiben, schlug Barthes einen deal vor: Er würde ein Vorwort schreiben, wenn Guibert mit ihm ins Bett steigen würde. So unromantisch können Romantiker sein. Und merke: Wo viel Romantik ist, da ist auch vieles andere.

Barthes, R. (1984). Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt: Suhrkamp.

Bataille, G. (1999). Das obszöne Werk. Reinbek: Rowohlt.

Bruyn, G. v. (2006). Als Poesie gut. Frankfurt: Fischer.

Frecot, J., Geist, J. F., Kerbs, D. (1972). Fidus – Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen. München: Rogner & Bernhard.

Freud, S. (1988). Brautbriefe. Frankfurt: Fischer.

Gersdorf, D. v. (2006). Die Erde ist mit Heimat nicht geworden – Das Leben der Karoline von Günderrode. Frankfurt: Insel.

Grawert-May, E. (1980). Zur Geschichte von Polizei- und Liebeskunst. Tübingen: Konkursbuch Verlag.

Grazián, B. (2005). Handorakel und Kunst der Weltklugheit. München: dtv – Beck.

Güntzel, K. (1995). Die deutschen Romantiker. Zürich: Artemis & Winkler.

Guibert, H. (1990). Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat. Reinbek: Rowohlt.

Jünger, E. (1982). Der Arbeiter. Stuttgart: Klett-Cotta.

Klotter. Ch. (1999). Liebesvorstellungen im 20. Jahrhundert. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Klotter, Ch. (2004). Schwarze Romantik – schwarze Liebe. Psychologische Medizin, 3, 15, 9 - 15

Laclos, Ch. de (1972). Schlimme Liebschaften. Frankfurt: Insel.

Lespinasse, J. d. (1997). Briefe einer Leidenschaft. München: Beck.

Ovid (1991). Ars Amatoria – Remedia Amoris. München und Zürich: Artemis & Winkler.

Schlegel, F. (1985). Lucinde. Frankfurt: Insel.

Schmitt, C. (1985). Politische Theologie. Berlin: Duncker & Humblot.

Schmitt, C. (2005). Tagebücher. Oktober 1912 bis Februar 1915. Berlin: Akademie Verlag.

Tieck, L. (2003). Die schönsten Märchen. Frankfurt: Insel.

Foto: pixelio.de/manschi

Heute ist das Romantische etwas, das die Sinne anspricht – etwa das Bild einer schönen Blume.

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Kerzenlicht wird als etwas Besänftigendes und Romantisches wahrgenommen.

Ch. Klotter, Fulda, psychopraxis. neuropraxis 6/2008

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