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Die Verbindung von Medizin und Ökonomie ist bisher nur un-zufriedenstellend.
 

Homo patiens

Der kranke Mensch im Spannungsfeld zwischen Gesundheitsökonomie und Biotechnologie

Am 5. März dieses Jahres fand unter dem Titel „Homo patiens“ die vierte Tagung (veranstaltet von der Internationalen Gesellschaft für Interdisziplinäre Studien in Kooperation mit der Universität Wien, Medizinischen Universität Wien und Wien Kultur) einer 2008 begonnenen Menschenbildserie statt. In Vorträgen und lebhaften Diskussionen wurde eine moderne Anthropologie und Ethik der Medizin – von der Ausbildung der Mediziner bis hin zur Gebührenordnung, die eine sprechende Medizin ermöglichen muss – erörtert.

Ein Menschenbild als kognitiv-affektives Schema dient der Verallgemeinerung von alltagsweltlichen beziehungsweise wissenschaftlichen Erfahrungen, um Menschen und ihr Verhalten zu verstehen. Nachdem sich die Philosophie Jahrtausende mit dem Wesen des Menschen befasste, stellten in den 1970-er Jahren Gadamer und Vogler eine interdisziplinäre Anthropologie in Verbindung mit Psychologie, Soziologie, Medizin und anderen Disziplinen zur Diskussion. War man damals in der Medizin mit dem bio-psycho-sozialen Modell und der „sprechenden Beziehungsmedizin“ um einen ganzheitlichen Ansatz bemüht, so sind wir heute oft mit einem reduktionistischem Menschenbild konfrontiert, wenn Hirnforscher, Genetiker oder Ökonomen menschliches Verhalten und Krankheit durch einfache Mechanismen zu erklären suchen. Im Kontext jener komplexen Entwicklung und gegenwärtigen Situation referierten und diskutierten bei dieser Tagung im Hotel Imperial angesehene Fachvertreter miteinander – aus ihren sehr kontroversen Perspektiven – ihre Sicht und Analysen.

Das medizinische Menschenbild

Eingangs stellte Prof. Dr. Dietrich von Engelhardt (Medizinethik, Lübeck u. München) die historischen Wurzeln des medizinischen Menschenbildes in unserer Kultur, und zwar im Sinne eines Homo patiens der Passionsgeschichte Christi und weiteren Beispielen aus der Kunstgeschichte, dar. Das ausgeprägte Merkmal des Menschen Leid, Schmerz, Kummer zu erfahren und die Krankheit zum Tode voraussehen zu können, scheint ihm gegenüber anderen Lebewesen eine Sonderrolle zuzuweisen. Darauf beruht auch das transkulturell erkennbare Prinzip der Fürsorge des Homo curans, in der besonderen Rolle als Heiler und Helfer.

Auf dieses Komplementaritätsprinzip wies auch Mag. Yvonne Schaffler (Ethnomedizin, Wien) aus der Sicht der Kulturanthropologie und Ethnomedizin hin. So ist das Rollenpaar Homo patiens / Homo curans offensichtlich konstitutiv für die meisten Gesellschaften. Auf die Nachrangigkeit des Erlebens des Kranken in Wissenschaft und Praxis der Medizin ging o. Univ-Prof. em. Dr. Marianne Springer-Kremser ein, die den zunehmenden Versuch der Medikalisierung der Psychotherapie anhand des Umgangs mit Trauerreaktionen kritisierte: So solle die Psychiatrie und Psychosomatik als „Psychodisziplin in der Medizin“ dem „biologistischen Trend“ zur Medikamentengabe folgen, ohne die existenziellen und sinnbezogenen psychischen Verarbeitungsprozesse von Verlustereignissen hinreichend zu würdigen, die Kosteneffektivität der Psychotherapie würde strittig, deren Diskussion entscheidend von Grundvorstellungen über psychische Prozesse abhängt.

Medizin am Fließband

Therapieerfolge, wesentlich von der Qualität der Arzt-Patient-Beziehung geprägt, seien ein Wert, der in der Ökonomie in den letzten Jahren zunehmend zu kurz komme. Der Trend bestehe darin, auch die medizinische Praxis nach dem Fließbandprinzip zu organisieren. Auf die Kultur der Arzt-Patient-Beziehung, die allerdings über das rein Dienende des Arztes auch hinausgehen und auch paternalistische Züge aufweisen kann, und dass auch Patienten ihre Rolle kennen lernen müssten und nicht nur eine Haltung der Selbstbestimmung verabsolutieren können, wies Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner (Hamburg) hin.

Mögliche neurobiologische Wurzeln der Rollenkomplementarität von Kranken und Heilern, über alle Kulturen hinweg tief verwurzelt, referierte Univ.-Prof. Dr. Hans Förstl (Psychiatrie, München): Neurone, welche die Aktivität von anderen Menschen wie auch die spiegelbildliche Aktivität des betreffenden Beobachters repräsentieren, bekannt als Spiegelneurone, sind ebenso wie die schon frühkindlich gegebenen Fähigkeit, sich in Andere hineinzuversetzen, biologische Befunde, die den Bestand von Institutionen wie dem Gesundheitswesen auch evolutionsbiologisch verstehen lassen.

Wirtschaftliches Handeln

In modernen Gesellschaften besteht das „Gesundheitswesen“, ein hochkomplexes System, aus verschiedenen Berufsgruppen, Wirkungskreisen, und Organisationsformen mit hohem technischen Niveau. Das monetäre Umsatzvolumen von etwa zehn Prozent des Bruttosozialprodukts hat in seinen Organisations- und Managementstrukturen eine Eigendynamik bekommen und ist schwer steuerbar: Ärzte, Politiker, Juristen und Ökonomen können aus soziologischer Perspektive immer weniger gezielt Einfluss nehmen, so Univ.-Prof. Dr. phil. Jürgen Pelikan (Ludwig Boltzmann Institut, Wien).

Von besonderer Bedeutung sei die Gesundheitsökonomie. Auch sie habe eine Eigendynamik, die den „funktionalen Primat“ im Gesundheitswesen ausübe. Kalkulation von Input-Output-Relationen bei Personal, Geld und Sachmitteln einerseits und gesundheitsbezogenem „Outcome“ andererseits beherrsche das Denken der Gesundheitspolitik als jener Instanz, die als umfassender Regler des Gesundheitswesens fungiere (Dipl. Ök. Jan Zeidler, Versicherungsbetriebslehre, Hannover). Die Leitlinien wirtschaftlichen Handelns werden aus dem Industrie- und Dienstleistungssektor von Wirtschaftswissenschaftlern relativ unmodifiziert auf das Gesundheitswesen übertragen. Der unberechenbare Wert der Gesundheit stehe so im Bezugsrahmen monetärer Tabellenkalkulationen. So ist die Verbindung von Medizin und Ökonomie bisher nur un-zufriedenstellend.

Nur unter Zuhilfenahme der Ethik und ihrer rechtlichen Verankerung, als Korrelat eines Menschenbildes, können die Grenzen der Ökonomie und Medizintechnologie definiert werden. Auf solche spezielle, ethische Fundamente medizinischen Handelns wiesen Univ.-Prof. DDr. Matthias Beck (Moraltheologie, Wien) und Univ. Doz. DDr. Barbara Meier (Gynäkologie, Salzburg) hin. Die Orientierung beim ärztlichen Handeln sei unmittelbar im akut-, intensiv- und palliativmedizinischen Bereich bedeutend. (Prof. Dr. Herbert Watzke, Palliativmedizin, Wien) und in die Selbstbestimmungsperspektive des Patienten einzubetten. Darauf wies besonders Univ.-Prof. Dr. Eugen Haucke (Karl Landsteiner Gesellschaft) hin. Schließlich sind der geschlechtsspezifische Umgang und die beiderseitige Extrembelastung bei Patient und Arzt, wenn es um prognostisch ungünstige Erkrankungen geht, zu diskutieren (Meier, Watzke).

 

Dr. med. univ. Christine Grünhut  und Prof. DDDr. Felix Tretter

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