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Was als prickelndes Einkaufserlebnis beginnt, endet im schlimmsten Fall in der finanziellen, beruflichen und psychosozialen Katastrophe.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 31. Dezember 2008

Vom Kaufrausch zur Kaufsucht

Problematisches, krankhaftes Einkaufen ist letztlich eine Sucht wie jede andere auch.

Bei Diagnose und Therapie der Kaufsucht ist auf Komorbiditäten wie Depressionen oder Schlafstörungen zu achten. Denn Sucht und Begleiterkrankungen können sich gegenseitig bedingen. Wichtig ist bei der Behandlung, nicht nur die Defizienz im Auge zu haben, sondern den ganzen Menschen mit seinen Schwächen und vor allem Stärken und Ressourcen, die er zur Bewältigung der Erkrankung nutzen kann.

 

Studien über die Entwicklung in den „neuen“ deutschen Bundesländern zeigten, dass die Zahl der Kaufsuchtkranken direkt mit der Verfügbarkeit des „Suchtmittels“ korreliert. In Österreich ergab eine Untersuchung der Arbeiterkammer Wien, dass im Jahr 2004 5,6 Prozent der Bevölkerung stark und 19,4 Prozent deutlich kaufsuchtgefährdet waren. Ein Jahr später war eine Steigerung auf 7,7 Prozent stark Kaufsuchtgefährdete und 24,8 Prozent deutlich Gefährdete zu verzeichnen.

Viele Gesichter der Sucht

Pathologisches Kaufen kann sich unterschiedlich manifestieren. Manche Betroffene leiden an täglichen, andere an phasenhaft auftretenden Kaufattacken. Die meisten beklagen den Erwerb von unnötigen Waren, oftmals wird die gleiche Ware in großen Mengen gekauft, ohne dass man dafür Verwendung hätte. Aber auch vom Kauf von Geschenken wird berichtet. Der Akt des Kaufens und die mit der Kaufsituation verbundenen befriedigenden Gefühle werden immer wichtiger als das Besitzen. Wie im Rauschzustand durch psychotrope Substanzen, wo nicht mehr die Substanz mit ihren positiven Wirkungen, sondern nur mehr das Prolongieren des Berauschungszustandes bzw. das Verhindern von Entzugserscheinungen Hauptgrund der Suchtmitteleinnahme ist, wird der „Kaufrausch“ wichtiger als der gekaufte Gegenstand selbst. Es braucht immer mehr, um diesen Zustand zu erreichen, gleichzeitig verliert man zunehmend die Kontrolle, obwohl man alles daran setzt, nicht wieder in den letztlich nur Leid bringenden Kaufrausch zu verfallen.

Nach dem Kauf stellen sich schon sehr bald Schuld- und Schamgefühle ein. Die Einkäufe werden verheimlicht, die erstandenen Waren versteckt, gehortet, verschenkt oder auch einfach vergessen. Das Einkaufen kann in Geschäften erfolgen, typisch sind aber multiple Einkäufe per Katalog, Internet oder Teleshopping, womit man der Peinlichkeit einer möglichen Rechtfertigung der unnützen Einkäufe vor dem Verkaufspersonal entkommt und einem mit der Zeit häufiger werdenden Geldproblem zumindest mittels eines gewissen Zahlungsaufschubs vermeintlich entgegengewirkt.

Nur bestimmte Produktbereiche

Praktisch immer bezieht sich die Kaufsucht auf das Einkaufen ganz bestimmter Produktbereiche. Eine Studie von Dittmar, Beattie und Friese zeigte 1995, dass Männer offenbar häufiger Waren kaufen, die ihre Identität betreffen und ihre Werte und Ansichten widerspiegeln (technische Geräte, Sportartikel), während Frauen in erster Linie ihre soziale Identität im Auge haben; sie kaufen bevorzugt Dinge ein, die ihre Gruppenzugehörigkeit und ihren sozialen Status unterstreichen (Kleidung, Schmuck). Es ist aber im Einzelfall abzuklären, was die Motivationen sind, ganz bestimmte Produkte im Übermaß zu kaufen.

Eine Kaufsucht entwickelt sich oft über Jahre und meist stufenförmig. Jeder kann kaufsüchtig werden, wenn er nur lange genug exzessiv einkauft.

Phasen der Entwicklung

Analog zu den Stadien zur Alkoholabhängigkeit wird auch bei der Entwicklung einer Kaufsucht ein Anfangstadium, in dem noch der Lustgewinn am Gekauften im Vordergrund steht („Gewinnphase“), dann von einer kritischen Gewöhnungsphase abgelöst, in der immer weniger das Gekaufte und immer mehr der Kaufakt selbst Befriedigung verschafft und erste ernsthaftere, schamvoll und schuldhaft erlebte Kontrollverluste und damit auch erhebliche finanzielle Verluste auftreten („Verlustphase“). Hier muss bereits von einem problematischen Kaufen gesprochen werden. Es ist das Vorstadium der Suchterkrankung. Das Vollbild der Abhängigkeitsstörung ist geprägt von tiefer Verzweiflung der Betroffenen über die Symptome und Auswirkungen der Suchterkrankung („Verzweiflungsphase“). Meist wird das Krankheitsgeschehen noch nicht als solches erkannt, sondern als schuldhaftes Verhalten fehlgedeutet.

Pathologisches Kaufen hat über kurz oder lang immer negative Konsequenzen. Massive finanzielle Probleme und familiäre, berufliche und darüber hinausreichende soziale Konflikte sind die Folgen, die in extremen Fällen sogar in Gefängnisstrafen münden können. Obwohl dadurch die Integrität des Individuums bedroht wird, kann vom Kaufen nicht gelassen werden. Der Abhängigwerdende verstrickt sich immer mehr in psychosoziale Probleme, aus denen er keinen Ausweg sieht.

Komorbiditäten: Ein Teufelskreis

Depressive Zustände, Angstattacken und Schlafstörungen sind oft zu beobachtende Folgeerscheinungen, die als krankheitsauslösende und krankheitserhaltende Faktoren den Krankheitsprozess bewirken, prolongieren und amplifizieren können. Die bis jetzt geringe Zahl der Komorbiditätsstudien ergab, dass Personen mit pathologischem Kaufverhalten eine erhöhte Lebenszeitprävalenz für Impulskontrollstörungen, Essstörungen, Substanzmissbrauch und Angststörungen aufweisen. Auch affektive Störungen und andere psychiatrische Erkrankungen werden berichtet.

Unklar bleibt dabei in vielen Fällen, welche Störung nun Ausgangspunkt und welche die Folgestörung ist. In den meisten Fällen handelt es sich um Kreisprozesse: Die Folgestörungen der Kaufsucht können sich ihrerseits als krankheitserhaltende Faktoren wieder in das pathogenetische Geflecht der Suchtstörung einfügen.

In jedem Fall muss in der Behandlung des Kaufsüchtigen jede einzelne pathogenetisch wirksame Störung mitberücksichtigt werden. Es genügt nicht, nur das süchtige Verhalten zu behandeln, auch wenn es plausibel erscheint, z. B. eine depressive Symptomatik und eine Schlafstörung als Folge eines primären Suchtproblems zu sehen. Oft wirkt eine Folgedepression auf die Sucht wieder zurück, indem sie den für die Kaufsucht typischen Kontrollverlust fördert. Die Therapie braucht daher als Basis eine genaue Erfassung und differenzialdiagnostische Gewichtung der im Bedingungsgefüge wirksamen Einzelfaktoren.

Diagnosekriterien

Patienten mit pathologischem Kaufen erfüllen die gleichen diagnostischen Kriterien wie andere Suchtkranke auch. Daher schlagen wir vor, die Kaufsucht zukünftig nach folgenden Kriterien zu diagnostizieren:

• Starker Wunsch oder Drang zum Kaufen (Craving).

• Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Kaufens (Kontrollverlust).

• Körperliches Entzugssyndrom bei Reduktion oder beim Versuch, das problematische Kaufen zu beenden (körperliches Entzugssyndrom).

• Nachweis einer Toleranz hinsichtlich der Frequenz des Kaufens und der Menge des Gekauften (Toleranzentwicklung).

• Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen (psychische Abhängigkeit I).

• Weiterbetreiben problematischen Kaufens trotz Nachweis schädlicher Folgen (psychische Abhängigkeit II).

Damit würde dem klinischen Erscheinungsbild des pathologischen Kaufens Rechnung getragen, und die Verwendung dieser Kriterien würde das Simulieren pathologischen Kaufens weitgehend verunmöglichen. Im Begutachtensfall könnte man sich vor allem auf das fünfte Kriterium beziehen, das kaum über Monate und Jahre simulierbar ist.

Stigma Kaufsucht

Suchterkrankungen sind hoch stigmatisierte und stigmatisierende Krankheiten. Das gilt ganz besonders für die Kaufsucht: Sie wird landläufig und auch von Betroffenen als letztlich unverständliches Unvermögen, gezielt einkaufen zu können, oder als schuldhaftes, unbeherrschtes Kaufverhalten gesehen. Viele Kaufsuchtkranke leiden unter der Stigmatisierung mehr als unter den Krankheitssymptomen selbst. Für die Diagnostik und Therapie ist wichtig, dass das zentrale Anliegen nicht nur das Registrieren von Verhaltensstörungen und Symptomen ist, sondern vielmehr auch das Ressourcen-orientierte Fördern von Lebensgestaltungsmöglichkeiten, in denen das Einkaufen nicht mehr einen zentralen Stellenwert einnimmt, sodasswieder möglichst autonom und freudvoll gelebt und erlebt werden kann.

Ressourcen-orientierte Therapie

Der heutige Wissensstand über die Behandlungsmöglichkeiten muss als karg bezeichnet werden. Neben psychopharmakologischen Studien (Behandlung mit SSRIs Fluvoxamin und Citalopram, die aber nur eine indirekte Wirkung über die erfolgreiche Behandlung von ihren Begleiterkrankungen entfalten) gibt es nur wenige Untersuchungen zur Psychotherapie der Kaufsucht, die als Anleitung für eine fundierte Therapieplanung dienen können. Zuletzt wurden Ergebnisse von der Universität Erlangen publiziert, die zeigen, dass für die Kaufsucht spezifische kognitive Verhaltensinterventionen einen signifikanten Einfluss auf das Kaufverhalten haben.

Auch in der klinischen Praxis haben sich verhaltenstherapeutisch orientierte Gruppenbehandlungen als wirksam erwiesen. Auch problemzentrierte Gesprächstherapien, die das Verhalten und den Stellenwert des Kaufens im Interessensgefüge und darüber hinaus auch die Selbstwertproblematik des Einzelindividuums sowie dessen Lebensgestaltungsmöglichkeiten zum Thema haben, können als effektiv angesehen werden.

In jedem Fall stellt die Behandlung der Kaufsucht den Therapeuten vor große Herausforderungen, zumal das klassische Abstinenzparadigma nicht angewendet werden kann, sondern Umsetzungsmöglichkeiten einer partiellen Abstinenz entwickelt werden müssen. Das bezieht sich auf die Örtlichkeiten bzw. Konsumgüter – eine Kaufsucht ist ja immer auf ganz besondere Gegenstandsbereiche beschränkt, aber auch auf die Zeitlichkeit der Störung. Craving und Kontrollverlust bestehen nicht zu jedem Zeitpunkt in derselben Intensität.

In der Behandlung der Kaufsucht ist es demnach essenziell, mit dem Patienten eine erhöhte Sensibilität zu entwickeln, die es erlaubt, „Gefahrenzeiten“ (Zustände erhöhter Rezidivgefahr) zu erkennen, um einen selektiven Umgang mit Kaufsituationen zu ermöglichen.

Natürlich müssen auch Komorbiditäten im Behandlungsplan berücksichtigt werden.

Die Behandlung braucht immer eine Stärkung der gesunden Anteile der Betroffenen. Es ist wichtig, alle Kräfte und Möglichkeiten der Betroffenen auszuschöpfen. Dem Kaufsuchtkranken muss ein möglichst breites Angebot an Behandlungsmodulen zur Verfügung gestellt werden, um damit der Komplexität des Krankheitsgeschehens und den sich daraus ergebenden Behandlungsnotwendigkeiten gerecht werden zu können.

 

Der ungekürzte Originalartikel ist nachzulesen in Psychopraxis 4/2008:13–19, © SpringerWienNewYork

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Was als prickelndes Einkaufserlebnis beginnt, endet im schlimmsten Fall in der finanziellen, beruflichen und psychosozialen Katastrophe.

Fotos (2): Mag. Astrid Mazhar

Prof. Dr. Michael Musalek und Dr. Helma Liebich, Anton Proksch Institut Wien.

Von Prof. Dr. Michael Musalek und Dr. Helma Liebich, Ärzte Woche

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