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© Kristina Johnsen
Die beiden Autorinnen Dr. Martina und Dr. Alice Sendera mit Univ.-Prof. Dr. Gerhard Lenz
Borderline
Buchtipp
Borderline - die andere Art zufühlen

Beziehungen verstehen und leben

Alice und Martina Sendera
2010, XI, 233 S. 50 Abb., Softcover
ISBN: 978-3-211-99710-9

Euro 29,95

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Mit Borderline umgehen lernen

Wer Borderlinern professionell begegnen möchte, im Alltag mit ihnen zu tun hat oder ihnen helfen will, muss möglichst viel über diese Störung, deren Entstehung, Verlauf und Auswirkungen wissen. In ihrem Buch „Borderline – die andere Art zu fühlen“ haben Dr. Alice und Dr. Martina Sendera über Borderline geschrieben und wie damit – auch in Partnerschaften – umgegangen werden kann. Nicht umsonst haben sie den Untertitel „Beziehungen verstehen und leben“ gewählt.

Verständnis für die Störung

„Borderline – die andere Art zu fühlen“ haben die beiden Autorinnen am 14. Jänner 2010 im Festsaal des Perchtoldsdorfer Rathauses vorgestellt. Mit Fachvorträgen und künstlerischen Darstellungen haben sie ihrem Publikum die Vielschichtigkeit und Komplexität der Borderline-Störung deutlich gemacht. An die hundert Besucher hatten damit die Gelegenheit, ihr Wissen über ein Phänomen zu vertiefen, über das in der Öffentlichkeit noch immer viele falsche Informationen kursieren. Gegen diese „Horrorbilder“, wie Alice und Martina Sendera im Vorwort ihres Buches schreiben, gilt es gezielte und umfassende Aufklärung zu setzen. Bereits in „Skills-Training bei Borderline- und Posttraumatischer Belastungsstörung“ haben die beiden über Therapiemöglichkeiten und DBT informiert, in „Borderline – die andere Art zu fühlen“ geht es jetzt um verschiedene Aspekte der Beziehung und letztlich darum, die Probleme von Menschen mit Borderline- oder posttraumatischer Belastungsstörung verständlich zu machen. Dieses Verständnis ist vor allem deshalb notwendig, weil die Neigung zu Suizidversuchen bei 60 Prozent der Betroffenen, und das Suizidrisiko schließlich bei sieben Prozent, liegt. Noch dazu, so die Autorinnen, leben Borderline-Patienten „oft in einer Form der chronischen Suizidalität, die das Leben unerträglich macht“.

Schauspielerische und lyrische Einlagen sollten einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt von Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung geben. In seinem Fachvortrag erörterte der Wiener Psychiater Univ.-Prof. Gerhard Lenz, die Möglichkeiten der Therapie. Traumatisierungen in der Kindheit, so Lenz, seien oft Auslöser der Störung. Gewalt und sexueller Missbrauch haben bei Borderlinern in mehr als der Hälfte aller Fälle eine Rolle gespielt. Bulimie oder selbstverletzendes Verhalten können bereits in der Jugend erste Borderline-Sypmtome sein, die Diagnose, so Lenz, sollte aber erst im Erwachsenenalter erfolgen.

Leben mit Borderlinern

Erträglich soll das Leben mit Borderlinern auch für jene sein, die mit ihnen im Alltag zu tun haben oder mit ihnen zusammenleben. Sie erfahren in „Borderline – die andere Art zu fühlen“ kompakt, aber dennoch umfassend über die Störung selbst, über die Diagnose (auch bei Kindern und Jugendlichen), über Konzepte zur Borderline-Pathologie, die Bedeutung der Gefühle und die Gefühlswelt von Borderlinern, weiters über Beziehungsverhalten und Bindungserfahrung, so genannte Schemata, Selbstbild und Selbstvertrauen, Angehörige und Freunde, Kommunikationsstile und Achtsamkeit. Letzteres meint „kein bestimmtes Tun, sondern eine Lebenshaltung, bei der unsere Aufmerksamkeit, bewertungsfrei, auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet ist“, will sagen: Es wird möglich, einen Schritt zurück zu machen und eine Situation von außen zu betrachten sowie Muster und Alternativen zu erkennen.

Für Angehörige und Freunde sind selbstschädigende Verhaltensweisen, Wutausbrüche, Stimmungsschwankungen, Angst vor Verlust oder Verlassenwerden, ein rascher Wechsel von Wunsch nach Nähe und Ablehnung des Partners eine große Herausforderung. Aber auch für Menschen, die mit Borderlinern in einer Partnerschaft leben, kann sich das Zusammenleben zu einer Herausforderung entwickeln.

Borderline-Partner können nämlich eigene Bedürfnisse nicht wahrnehmen, artikulieren oder umsetzen; möchten alles richtig machen und versuchen perfekt zu sein; scheuen Streit und Konflikte; stellen die Ansprüche des Partners immer über die eigenen; finden Ausreden für jedes Fehlverhalten des Partners; haben ein geringes Selbstwertgefühl und zu wenig Selbstachtung; wollen Verantwortung für alle oder alles übernehmen; legen Wert auf Außenmeinungen; haben den Wunsch die Probleme des Partners zu lösen; nehmen emotionale oder physische Misshandlungen hin; isolieren sich, damit Konflikte nicht von außen bemerkt werden; haben Schuld- und Schamgefühle; weisen Stress-Symptome auf und erkranken mitunter körperlich; leiden selbst unter Stimmungsschwankungen, nachdem sie Borderline-Gefühle des Partners übernommen haben.

Die Bedeutung der Achtsamkeit

Funktionieren kann eine solche Partnerschaft dann, wenn man ein stimmiges und ausgeglichenes Selbstbild bewahrt, sich den Schwankungen des Partners nicht anpasst, Grenzen setzt und deren Einhaltung beachtet (was Borderlinern oft schwer fällt) und schließlich achtsam mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen umgeht. „Achtsamkeit“, wie erwähnt ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang, meint die wertungsfreie Einschätzung einer Situation, die Schärfung der Wahrnehmung für den eigenen Körper, das Erkennen der jeweils richtigen Distanz und Abgrenzung. Diese Methode, man ahnt es vielleicht, stammt aus dem fernöstlichen ZEN. Alice und Martina Sendera widmen der Verbindung von westlichem und östlichem Denken daher auch einigen Platz, denn von einer akzeptierenden und objektivierenden Haltung sich selbst und einer Partnerschaft gegenüber können Borderline-Patienten nur profitieren.

Schließlich möchten die Autorinnen vor allem zeigen, dass Borderliner keine bösartigen Menschen sind, sondern solche, denen man mit Empathie und vor allem mit Wissen um ihren Zustand begegnen muss, um ihren Bedürfnissen gerecht werden zu können. Und das nächste Buch von Alice und Martina Sendera wird übrigens schon geschrieben: „Wenn Gefühle Wellen schlagen“ wird es heißen. Darüber bald mehr.

 

Dr. Ernst Grabovszki

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