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Abb. 1: Der Zirkelprozess von Planung, Durchführung und Überprüfung

Abb. 2: Kontinuität sozialpsychiatrischer Betreuung nach dem Risiko der Patienten* * Nutzer des Integrationshilfeprodukts „sozialpsychiatrische Betreuung“ der drei Praxisgruppen Bregenz, Dornbirn und Feldkirch der Psychosozialen Gesundheitsdienste (PGD) 2008

Abb. 3: Regionale Inanspruchnahme für das Landeskrankenhaus Rankweil* * Zahl stationär behandelter Patienten 2008 und regionale Verteilung nach den Angaben zur Wohnadresse auf dem Datenblatt C, bezogen auf 1.000 Einwohner der jeweiligen Region

Abb. 4: Regionale Inanspruchnahme für das Produkt Sozialpsychiatrische Betreuung* * Zahl ambulant betreuter Patienten 2008 im Integrationshilfeprodukt „Sozialpsychiatrische Betreuung“ nach Angaben der Träger PGD und aks auf dem Datenblatt B, regionale Verteilung nach Angaben zur Wohnadresse auf dem Datenblatt C, bezogen auf 1.000 Einwohner der jeweiligen Region

 

Regionale Psychiatrieberichterstattung

Einführung der Berichterstattung in Vorarlberg und einige Ergebnisse für das Jahr 2008

Zusammenfassung: In diesem Beitrag werden zunächst die Motivation, das Konzept und die Datenquellen der 2006 eingeführten Vorarlberger Psychiatrieberichterstattung dargestellt. Dann erfolgt, mit Hilfe definierter Kennzahlen, anhand der Ergebnisse für das Berichtsjahr 2008 ein Überblick über die in die Berichterstattung einbezogenen Hilfsangebote und ihre Nutzer. Die Kennzahlen beschreiben den Umfang der Hilfen, das dafür eingesetzte Fachpersonal und die betreuten Patienten. Beispielhaft werden sodann Möglichkeiten der empirischen Überprüfung des Zielgruppenbezugs und der regionalen Bedarfsgerechtigkeit der Hilfen erläutert. Der Beitrag schließt mit einigen Bemerkungen zu den geplanten nächsten Schritten auf dem Weg zu einer kontinuierlichen Qualitätsentwicklung der regionalen psychiatrischen Versorgung, die das gesamte Netzwerk der Hilfen einbezieht und dabei auch die Notwendigkeit und Wirksamkeit der therapeutischen Maßnahmen im Einzelfall in den Blick nimmt.

Summary: First of all the motivation, the concept and the data acquisition of the Vorarlberg Psychiatry Report, introduced in 2006, are illustrated. Based on the results of 2008, and by means of defined key data, an overview of the included forms and offers of psychiatric assistance and support and their clients is given. The key data describe the scope of the various forms of support, the skilled staff deployed for this purpose, and the treated patients. Possibilities of empirical verification of the achieved target group and the regional demands are discussed. Next steps to a continuous quality development process of the regional psychiatric care are recommended considering the complexity of psychiatric supports and the necessity and effectiveness of the therapeutic individual measures.

Gesundheitsberichterstattung im Allgemeinen, und Psychiatrieberichterstattung im Besonderen, macht nur Sinn, wenn sie nutzbar ist für eine ziel-, prozess- und ressourcenorientierte Gestaltung der regionalen Versorgung insgesamt. Eine datengestützte Situationsanalyse sollte Vor aussetzung sein für die Formulierung politischer Entscheidungen. Die durch die Umsetzung von Entscheidungen erreichten Ergebnisse müssen messbar sein und sind dann wiederum Ausgangspunkt für eine neue Situationsanalyse (Abb. 1).

Die Vorarlberger Landesregierung hat 2003 in Umsetzung eines im Vorjahr beschlossenen Psychiatriekonzepts einen Psychiatriebeirat berufen. In ihm sind neben den Selbsthilfe-Initiativen der Betroffenen und ihrer Angehörigen auch die niedergelassenen Fachärzte und Kliniken, die Leistungserbringer und Kostenträger von Integrationshilfen vertreten. Als externer Sachverständiger beteiligt sich auch der Erstautor an der Arbeit im Beirat, der alle drei Monate zusammentritt und daneben mehrere Arbeitsgruppen eingesetzt hat. 2006 wurde im Konsens aller Beteiligten die Einführung einer regionalen Psychiatrieberichterstattung beschlossen, um empirische Daten für die Planung und Evaluation der Hilfen für psychisch kranke Menschen im Land zu gewinnen.

Konzeption

Die Vorarlberger Psychiatrieberichterstattung orientiert sich an einem Konzept, das in der Region Hannover (1,2 Mio. Einwohner) seit 1998 für die Erstellung und Fortschreibung sozialpsychiatrischer Pläne genutzt wird1. Als Datenquellen werden neben der Jahresstatistik der Gebietskörperschaften nach einheitlichem Muster erstellte statistische Jahresberichte der an der Versorgung teilnehmenden Einrichtungsträger genutzt (Tab. 1). Die Daten können als Papier-Bleistift-Version in entsprechende Formulare eingetragen oder online über Internet in das zentrale EDV-Programm eingegeben werden, in dem auch die Kennzahlen berechnet werden. Für die Herstellung von Vergleichbarkeit werden die verschiedenen Angebote eines Einrichtungsträgers nach der Art ihrer Hilfeleistung einer Angebotsform zugeordnet. Für jede der drei Leistungsarten (ambulante, teil- und vollstationäre Hilfen) sind neun abgrenzbare Angebotsformen definiert, alle dort nicht einzuordnenden Hilfsangebote sind für jede Leistungsart in einer Restkategorie „sonstige Hilfen“ zusammengefasst.

Die Datenauswertung erfolgt mit Hilfe von insgesamt 28 aus den Rohdaten berechneten Kennzahlen. Aus den Angaben auf den Datenblättern A und B lassen sich acht Kennzahlen für Hilfsangebote berechnen (K1-K8), aus denen auf dem Datenblatt C elf Kennzahlen für Patientengruppen im Hinblick auf ein Hilfsangebot oder auch auf eine Region Vorarlbergs (K9-K19). Weitere Kennzahlen beschreiben die Größe und Sozialstruktur einer Region (K20-K25) nach der Gemeindestatistik des Amtes der Vorarlberger Landesregierung. Drei Kennzahlen zur regionalen Versorgung beziehen sich auf alle in einem Gebiet lokalisierten Hilfsangebote einer Angebotsform und gelten der Inanspruchnahme (K26), dem Platzangebot (K27) beziehungsweise dem Fachkräfteeinsatz (K28), jeweils bezogen auf 100.000 Einwohner des Gebietes. Die Kennzahlen K17 bis K19 sowie K26 bis K28 werden erst aussagekräftig, wenn sich die Einrichtungsträger einigermaßen vollständig an der Datenerhebung beteiligen.

Spektrum der Hilfsangebote

Im Jahr 2008 waren 16 Einrichtungsträger in die Berichterstattung einbezogen, ihr Leistungsspektrum gliedert sich in 75 (48 ambulante, 7 teil- und 20 vollstationäre) Hilfsangebote (Tab. 2). Mit Ausnahme der vier Hilfsangebote des Landeskrankenhauses (LKH) Rankweil werden praktisch alle in der Psychiatrieberichterstattung aufgeführten Leistungen über Integrationshilfen vom Amt der Vorarlberger Landesregierung finanziert. 69 Angebote des Berichtsjahres 2008 sind im Produktekatalog Integrationshilfe verzeichnet, verteilt auf sechs Produktgruppen. Fünf große Einrichtungsträger vereinigten 67 Prozent aller Hilfsangebote, betreuten 90 Prozent aller Patienten und setzten dafür 88 Prozent aller Fachkräfte ein. Für 46 Prozent der in ihren Angeboten betreuten Patienten konnte ein Datenblatt C ausgewertet werden.

In den ambulanten Hilfsangeboten wurden 14.295 Patienten betreut, wobei Doppelzählungen durch Versorgungskombinationen bei komplexem Hilfebedarf zu berücksichtigen sind. Den größten Anteil daran haben die Ambulanz des LKH Rankweil sowie die dezentral operierenden sozialpsychiatrischen Träger Psychosoziale Gesundheitsdienste (PGD) und Arbeitskreis Sozialmedizin (aks). Umfangreich ist auch die ambulante Betreuung von Suchtkranken durch insgesamt sechs Träger. Noch wenig entwickelt sind Hilfen zu Arbeit beziehungsweise Ausbildung und spezielle gerontopsychiatrische Angebote.

Die Inanspruchnahme teil- und vollstationärer Hilfen beträgt nur ein Viertel derjenigen ambulanter Hilfen, erfordert aber fast 50 Prozent mehr Einsatz an Fachpersonal. Hier geht es vor allem um Krankenhausbehandlungen für Jugendliche und Erwachsene durch das LKH Rankweil. Die Stiftung Maria Ebene unterhält rehabilitativ ausgerichtete Stationen für Suchtkranke, die klinische Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher liegt in den Händen des Trägers Carina in Feldkirch. Häufig sind auch teilstationäre Betreuungen mit Tagesstätten-Charakter. 2008 wurde in Vorarlberg ein neues Angebot zur Betreuung junger Menschen in Gastfamilien eingerichtet. Therapeutische Wohngruppen und Heime sowie eine psychotherapeutische Tagesklinik für Borderline-Patienten komplettieren das Spektrum der Hilfen.

Die Ergebnisse zur Kennzahl K5 in Tabelle 2 geben Auskunft über den Berufsgruppenmix nach Grundqualifikationen (GQ) der in den Hilfsangeboten eingesetzten Fachkräfte. Hoch ist mit 67 Prozent der Anteil akademischen Fachpersonals (GQ 1) in den Ambulanzen der Kinder-und Jugend-Psychiatrie und der psychotherapeutischen Tagesklinik. In der Wohnbetreuung für Suchtkranke wird nur diplomiertes Fachpersonal (GQ 2) eingesetzt, ganz vorrangig auch in allgemeinpsychiatrischen Ambulanzen (87 %), Tagesstätten (83 %) und Arbeitsprojekten (76 %). Besonders hoch ist der Anteil sonstigen Fachpersonals (GQ 3) in Tageskliniken, auf Klinik-Stationen, in Kontaktstellen sowie in der allgemeinpsychiatrischen Wohnbetreuung.

Merkmale der betreuten Patienten

Die Kennzahlen zur Charakterisierung von Patientengruppen werden aus einer schlank gehaltenen Basis- und Leistungsdokumentation (Datenblatt C) berechnet. Der Männeranteil (K9) bezeichnet die Geschlechtsverteilung, die Altersverteilung erschließt sich über die Anteile von Personen unter 18 Jahren (K10), unter 45 Jahren (K11) und ab 65 Jahren (K12). Die Kennzahl K13 gibt Auskunft über den Anteil an Patienten mit einer juristischen Flankierung ihrer Betreuung. Dies kann in Form einer Sachwalterschaft geschehen, im Rahmen des Unterbringungs- beziehungsweise Heimaufenthaltsgesetzes oder auch – bei straffällig gewordenen, psychisch kranken Menschen – als Maßnahmenvollzug. Die Dauer der Betreuung (K15) ist bezogen auf das Berichtsjahr (nicht auf eine Behandlungsepisode!) und wird für eine teil- oder vollstationäre Klinikbehandlung in Tagen gemessen. Sonst gilt überall die Anzahl der Quartale, die der Betroffene im jeweiligen Hilfsangebot im Berichtsjahr betreut wurde. Ein weiteres Merkmal gibt Auskunft über die Region, in der der Patient wohnt beziehungsweise vor einem Heim- oder Klinikaufenthalt zuletzt gewohnt hat (K17). Bei Vorliegen einer Zuständigkeit für die Angebots-übergreifende Fallkoordination (K18) im Sinne eines Clinical casemanagement werden auch eventuelle Versorgungskombinationen im Berichtsjahr (K19) erhoben und ausgewertet.

Aus insgesamt acht Merkmalen des Datenblattes C lässt sich der psychosoziale Risikoscore (psR; K14) ermitteln. Er wurde (mit ursprünglich sechs Merkmalen) entwickelt, um wichtige und leicht messbare Einflussfaktoren auf den Verlauf einer seelischen Erkrankung in einer Kennzahl zusammenzufassen2. Vier Merkmale betreffen die Schwere und Chronizität der psychischen Erkrankung der Betroffenen, vier weitere das Ausmaß ihrer sozialen Desintegration. Je stärker die Ausprägung des Merkmals, desto höher das Risiko für einen komplizierten Verlauf der Erkrankung, insbesondere einer Langzeithospitalisierung3. Der psR kann nur bei erwachsenen Menschen berechnet werden; er soll dabei helfen, den Zielgruppenbezug sozialpsychiatrischer Hilfsangebote zu überprüfen4.

Der Diagnosenmix (K16) erlaubt einen groben Überblick über die Verteilung der Krankheitsbilder in einer Patientengruppe. Der Anteil schizophren, wahnhaft oder schwer affektiv erkrankter Patienten (Diagnosegruppe 3) liegt in den meisten Angebotsformen unter 30 Prozent, ein in der gemeindepsychiatrischen Versorgung relativ geringer Wert. Ausnahmen bilden die Nutzer von Kontaktstellen (52 %), von Hilfen zur Arbeit (41 %) und von Angeboten zur Wohnbetreuung (48 %). Bei den Tagesstätten fällt aber auch der hohe Anteil von Datenblättern C auf, bei denen die psychiatrische Erstdiagnose als „unbekannt / unklar“ angegeben wurde, sodass der tatsächliche Anteil von Psychosekranken dort höher ausfallen dürfte. Führend ist die Diagnosegruppe 2 (Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen) bei den sonstigen ambulanten Hilfen (84 %); das erklärt sich aus dem Schwerpunkt der dort eingeordneten Psychotherapie-Angebote auf Suchtkranke. Organische psychische Störungen (Diagnosegruppe 4) spielen bisher – neben den ambulanten Demenzprojekten – nur auf den Stationen der Erwachsenenpsychiatrie eine nennenswerte Rolle.

Ausgewählte Ergebnisse

Zur Veranschaulichung werden hier ausgewählte Ergebnisse dargestellt, zusammengefasst für alle ambulanten Hilfsangebote sowie die teil- und vollstationären Angebotsformen (Tab. 3). Die Geschlechterverteilung ist von Bedeutung, weil Männer im Durchschnitt größere Schwierigkeiten haben, psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfen in Anspruch zu nehmen, diese häufiger abbrechen und insgesamt einen schwereren Krankheitsverlauf zeigen.

Die therapeutischen und rehabilitativen Strategien der Sozialpsychiatrie sind auf eine kontinuierliche ambulante Betreuung von Patienten mit einem hohen psychosozialen Risiko ausgerichtet. Das soll dazu beitragen, dass die Betroffenen in ihrem gewohnten Lebensumfeld verbleiben können und weniger stationäre Hilfen in Anspruch nehmen müssen. Psychisch erkrankte Menschen mit einem geringen psychosozialen Risiko sollten dagegen nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe auf eine eigenständige Lebensführung ohne langfristige sozialpsychiatrische Betreuungsnotwendigkeit vorbereitet werden.

Die Ausrichtung ambulanter Hilfsangebote auf diesen Ansatz lässt sich überprüfen, indem man Umfang und Betreuungskontinuität der Patienten nach der Höhe ihres psychosozialen Risikos berechnet. Als Beispiel dient das Integrationshilfeprodukt „sozialpsychiatrische Betreuung“ des Trägers PGD (Abb. 2). Bei Einteilung der Patienten nach der Höhe ihres psychosozialen Risikos zeigt sich, dass die Gruppe mit deutlichem Risiko (psR 20–25) relativ größer ist und etwas kontinuierlicher betreut wird als die Gruppen mit einem geringen (psR < 14) oder mäßigen (psR 15 – 19) Risiko. Bei Patienten mit einem hohen Risiko (psR > 25) sind erfahrungsgemäß meist intensivierte, aufsuchende Hilfen nötig, die nicht zum Leistungsumfang dieses Integrationshilfeprodukts gehören. Wenn für andere Träger und andere Angebotsformen genügend auswertbare Datensätze vorliegen, können mit Hilfe der regionalen Psychiatrieberichterstattung vergleichende Analysen vorgenommen werden, die ein „Lernen vom Besten“ erleichtern (Benchmarking).

Regionale Inanspruchnahme psychiatrischer Hilfen

Vorarlberg ist vom demographischen Wandel bisher noch wenig betroffen. Die Bevölkerung ist in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent angestiegen, umfasste 2008 knapp 368.000 Einwohner und zeigt eine ausgewogene Altersstruktur (<18 Jahre: 21 %; 18 bis <45 Jahre: 64 %; ab 65 Jahre: 15 %). Die 89 Gemeinden wurden nach ihren Nachbarschaftsverhältnissen zu insgesamt 18 Regionen zusammengefasst. Die Regionen lassen sich nach ihrer Zugehörigkeit zu einem Bezirk und nach ihrer Siedlungsdichte, gemessen als Einwohner pro Hektar (E./ha), einteilen.

Während die Bevölkerung im Bezirk Bludenz, abgesehen von der Stadt Bludenz, in ländlichen (1,0 bis <3,0 E./ha) oder nur gering besiedelten (<1,0 E./ha) Regionen wohnt, gibt es im Bezirk Dornbirn ausschließlich städtisch verdichtete Siedlungsräume (≥3,0 E./ha). Im bevölkerungsreichsten Bezirk Bregenz unterscheidet sich der gering besiedelte Bregenzerwald deutlich von den übrigen Regionen; im Bezirk Feldkirch sind das ländliche Vorderland und die Stadt Feldkirch mit Kummenberg zu differenzieren. Die Arbeitslosenrate (Anteil Arbeitsloser an der Bevölkerung zwischen 18 und unter 65 Jahren) nimmt mit steigender Siedlungsdichte zu: von zwei Prozent in gering besiedelten Regionen über vier Prozent in ländlichen auf fünf Prozent in städtischen Regionen. Die Altersstruktur verändert sich dagegen kaum.

Bei größeren Patientengruppen lohnen sich regionale Vergleiche zur Inanspruchnahme psychiatrischer Hilfen, um Hinweise auf eine mögliche Unter-, Über- oder Fehlversorgung in einzelnen Teilen des Landes zu bekommen. Bezogen auf die Klinikbehandlungen in der Erwachsenenpsychiatrie zeigen die Ergebnisse für die Inanspruchnahme der suchtmedizinischen Angebote der Stiftung Maria Ebene eine relative Gleichverteilung zwischen den Bezirken und den erwarteten Anstieg mit der Siedlungsdichte des Wohnortes der Patienten. Ungleichmäßiger sind die Verhältnisse für das LKH Rankweil (Abb. 3): Hier kontrastiert eine hohe Inanspruchnahmeziffer pro 1.000 Einwohner im Nahbereich der Klinik, also dem Vorderland im Bezirk Feldkirch (8,1) mit einem geringen Wert im ebenfalls ländlichen Walgau im Bezirk Bludenz (2,3). Erwartungsgemäß steigt in beiden Fällen der durchschnittliche Risikoscore der Patienten mit höherer Siedlungsdichte ihres Wohnortes an.

Ähnlich lässt sich auch die Inanspruchnahme des Integrationshilfeprodukts einer ambulanten sozialpsychiatrischen Betreuung analysieren (Abb. 4). Diese Leistung wird von den Trägern PGD und aks an vielen Orten im Land angeboten. Patienten mit einem erhöhten psychosozialen Risiko können so wohnortnah multidisziplinär betreut werden, auch um klinisch behandlungsbedürftigen Krisen vorzubeugen. Hier führt der Vergleich höhere Werte im Bezirk Bregenz und niedrigere im Bezirk Bludenz zutage. Für die Ambulanz des LKH Rankweil zeigt sich wiederum eine starke Konzentration auf den Nahbereich der Klinik.

Perspektiven

Psychische Erkrankungen verlaufen oft chronisch und gehen dann nicht selten auch mit sozialen Problemlagen einher. Dann kann sich ein komplexer Hilfebedarf ergeben, der neben einer fachgerechten psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung ergänzende (komplementäre) Hilfen erforderlich macht. Diese betreffen je nach Einzelfall unter Umständen Wohnen und Selbstversorgung, Arbeit und Ausbildung, Tagesstrukturierung, soziale Beziehungsgestaltung und materielle Existenzsicherung. Eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung im Netzwerk der hier tätigen Einrichtungsträger mit ihren Hilfsangeboten muss die institutionellen Grenzen zwischen den einzelnen Leistungserbringern überschreiten und auf die regionale Verfügbarkeit bedarfsgerechter und wohnortnaher Hilfen ausgerichtet sein. Die Qualitätsentwicklung muss ihren Blick aber auch auf die individuellen Langzeitverläufe der behandelten und betreuten Menschen richten.

Das Land Vorarlberg hat mit der jüngst eingeführten regionalen Psychiatrieberichterstattung einen wichtigen Schritt in diese Richtung getan; das große Interesse und die breite Beteiligung der verschiedenen Akteure sind gute Voraussetzungen für die nächsten Schritte. Wichtig ist die Auswertung der Ergebnisse gemeinsam mit denen, die die Daten geliefert haben. Dabei ist möglichen Hinweisen auf Unter-, Über- und Fehlversorgung nachzugehen und das Hilfsangebot immer wieder neu auf veränderten Bedarf abzustimmen; Unterschiede zwischen vergleichbaren Hilfsangeboten sind zu analysieren, um „vom Besten zu lernen“. Ein zweiter Ansatzpunkt ist die individuelle Planung und systematische Evaluation von Integrationshilfen für psychisch beeinträchtigte Menschen in Vorarlberg, die seit Juli 2009 schrittweise eingeführt wird.

1 Abteilung für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover

2 Amt der Vorarlberger Landesregierung, Bregenz

1 Elgeti H (2007): Die Wege zur regionalen Berichterstattung sind lang. Ein Werkstattbericht aus Hannover über die Jahre 1997 – 2007. In: Elgeti H (Hrsg.): Psychiatrie in Niedersachsen – Jahrbuch 2008. Bonn; Psychiatrie-Verlag 132-147

2 Bartusch SM, Elgeti H, Bastiaan P, Machleidt W, Ziegenbein M (2006): Hannover study on long-stay hospitalization – part I: prediction of long-stay hospitalisation in cases of chronic mental illness Clinical Practice and Epidemiology in Mental health; 2:10 http://www.cpementalhealth.com/content/2/1/10

3 Bartusch SM, Brüggemann BR, Elgeti H, Ziegenbein M, Machleidt W (2007): Hannover study on long stay hospitalization – part II: characteristics and care conditions of long stay hospitalization in cases of chronic mental illness Clinical Practice and Epidemiology in Mental health; 3:27 http://www.cpementalhealth.com/content/3/1/27

4 Elgeti H, Bartusch S, Bastiaan P, Steffen H (2001): Sind Langzeithospitalisationen bei chronisch psychisch Kranken vermeidbar? Ein Beitrag zur Evaluation gemeindepsychiatrischer Versorgungsbedingungen. Sozialpsychiatrische Informationen 2001; 31(Sonderheft): 51-58

Tabelle 1 Datenquellen der Vorarlberger Psychiatrieberichterstattung
Gemeindestatistik des Amtes der Vorarlberger Landesregierung
  • Gebietsfläche in Hektar (ha)
  • Einwohnerzahl nach Altersgruppen (unter 18 Jahre, 18 bis unter 65 Jahre, ab 65 Jahre)
  • Zahl der Arbeitslosen
statistische Jahresberichte der Einrichtungsträger
  • Datenblatt A: allgemeine Angaben zu den verschiedenen Hilfsangeboten des Trägers
  • Datenblatt B: Angaben zu Größe und Kosten jedes einzelnen Angebotes sowie zu Umfang und Qualifikation des hier eingesetzten Fachpersonals
  • Datenblatt C: kurz gefasste anonymisierte Basis- und Leistungsdokumentation für jeden im einzelnen Angebot betreuten Patienten
Tabelle 2 Zahl der Patienten und Fachkräfte der Hilfsangebote nach Leistungsart (2008)
LeistungsartZahl HilfsangeboteK3: Patienten / JahrK4: Fachkräfte (VK)K5: Berufsgruppenmix
allemit DB A+Ballemit DB CGQ 1GQ 2GQ 3
ambulant 48 89 % 14.295 38 % 196,2 18 % 74 % 8 %
teilstationär 7 100 % 494 52 % 43,4 10 % 74 % 17 %
stationär 20 81 % 3 544 81 % 290,9 20 % 53 % 27 %
alle 75 93 % 18.333 46 % 530,5 18 % 62 % 19 %
Tabelle 3 Merkmale der in teil-/ vollstationären Angeboten betreuten Patienten (2008)
Angebotsform mit Code-NrAnzahl DB CK9K10K11K12K13K14K15
Männer< 18 J.< 45 J.≥ 65 J.jur. Fl.psRDauer
alle ambulante Hilfen 5.384 50 % 10 % 64 % 6 % 10 % 17,9 2,7
21 Tagesklinik KJP 18 83 % 94 % 100 %       133
23 Tagesstätten 216 43 %   60 % 6 % 6 % 22,0 2,5
29 Tagesklinik PT 25 32 %   88 %     17,7 102
alle teilstationäre Hilfen 259 45 % 7 % 66 % 5 % 1 % 20,1  
30 Klinik-Stationen 2.654 54 % 5 % 55 % 12 % 14 % 20,4 30
31 Klnik-Stationen KJP 61 75 % 100 % 100 %       107
33 Wohnheime 147 52 %   68 % 1 % 27 % 22,7 3,3
alle stationäre Hilfen 2.862 54 % 7 % 56 % 11 % 14 % 20,6  

H. Elgeti1, E. Bechter2 und H. Böckle2, psychopraxis. neuropraxis 1/2010

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