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Fast fünf Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter sind depressiv.
 

Depressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen

Das Alter ist ausschlaggebend für die Symptomatik.

Bis vor einigen Jahre wurden depressive Stimmungen bei Kindern und Jugendlichen noch als Teilsyndrom von anderen kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen angesehen. Differentialdiagnostisch ist besonders der Unterschied zu typisch normativen Krisen in der Entwicklung von Kindern zu Erwachsenen zu beachten, die zwar auffällig imponieren können, aber keine Krankheit darstellen.

 

Die Prävalenz klinischer Depressionen liegt bis zum Alter von 17 Jahren bei etwa neun Prozent, wobei Kinder im Vorschulalter kaum betroffen sind. Bei Kindern im Schulalter steigt die Rate jedoch auf fast fünf Prozent, bei Jugendlichen auf bis zu elf Prozent. Vor der Pubertät würden mehr Buben an einer Depression leiden, danach gäbe es einen zunehmend stärkeren Überhang an weiblichen Jugendlichen mit Depression, betonte Prim. Dr. Ralf Gößler, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Behindertenpsychiatrie für Erwachsene, Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel in Wien.

Depressive Störungen weisen eine hohe Komorbidität mit anderen psychiatrischen Krankheitsbildern wie Angststörungen, ADHS, posttraumatischen Belastungsstörungen, Zwangsstörungen, Suchterkrankungen etc. auf, ein neu hinzugekommener Risikofaktor ist Migrationshintergrund.

In klinischen Stichproben beträgt die Prävalenz dann auch bis zu 25 Prozent. Die Diagnosekriterien (ICD-10) für Kinder und Jugendliche sind unbefriedigend und eine Präzisierung wäre wünschenswert. Die klinische Symptomatik ist nach Alter und Entwicklungsphase sehr unterschiedlich (s. Kasten). Bei Jugendlichen besteht aufgrund jugendlichen (parasuizidalen) Risikoverhaltens und/oder Imponiergehabe auch die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Suizid und Unfall. Suizid ist in der EU die zweithäufigste Todesursache, vor allem bei Jugendlichen ab 15 Jahren ist ein steiler Anstieg zu beobachten.

Positiver Effekt der Kombinationstherapie

Die Behandlung erfolgt nach eingehender Diagnostik gemäß einem individuellen Behandlungsplan, der abhängig von Alter, Schweregrad und Art der Depression neben psychotherapeutischen und systemischen Maßnahmen auch eine psychopharmakologische Behandlung beinhalten kann. Letztere erfordert jedoch eine engmaschige fachärztliche Verlaufskontrolle mit „Drug-monitoring“.

Aus der breiten Palette von Antidepressiva ist jedoch nur Fluoxetin, ein SSRI, für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen (ab 8 Jahren) zugelassen. Für die SSRIs Sertralin und Citalopram konnte zwar ebenfalls ein signifikant besserer Wirksamkeitsnachweis als Placebo bestätigt werden, die Verwendung erfolgt jedoch wie für die meisten modernen Substanzen (SNRI, SARI, NaSSA) nur „off label“. Der Einsatz von Trizyklika hat aufgrund des beträchtlichen Nebenwirkungspotenzials und der hohen Toxizität nur mehr geringe Bedeutung. Für MAO-H, NDRI und Johanniskraut gibt es keine validen Studien, obwohl Johanniskrautextrakte für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen sind.

Besonders positive Effekte zeigen Kombinationstherapien, auch hinsichtlich der Suizidalität. Reinecke konnte 2005 die Überlegenheit von Fluoxetin und einer Kombinationstherapie (Verhaltenstherapie + Fluoxetin) gegenüber Verhaltenstherapie alleine oder Placebo zeigen. Auch Clarke fand 2005 einen positiven Trend für die Kombinationstherapie SSRI+Verhaltenstherapie.

Risiko Suizidalität

Eine möglicherweise erhöhte Suizidalität in Verbindung mit SSRI und SNRI stand immer wieder im Mittelpunkt der Diskussion. Mittlerweile wurde der Verdacht zwar relativiert (es kam zwar zu einer Zunahme suizidaler Ideation, aber zu keiner Zunahme von Selbstmordversuchen), die Einstellung auf diese Medikamente sollte jedoch nur nach umfassender Diagnostik und im Rahmen eines stationären Aufenthalts erfolgen. Ambulant ist sie nur mit engmaschiger Kontrolle bei geringer Entwicklungsdynamik und guten psychosozialen Rahmenbedingungen möglich.

 

Quelle: 11. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie, 19.-20. November 2009, Wien

Die klinische Symptomatik ist gemäß den Entwicklungsphasen sehr unterschiedlich
• Säuglinge, Kleinkinder: primär Verhaltensveränderungen: Weinen, Irritierbarkeit, Schlafstörungen, Jaktationen, gestörtes Essverhalten, Apathie, Rückzug = anaklitische Depression
• Schulalter: psychosomatische Beschwerden (Kopf-, Bauchschmerz, etc.), Stimmungslabilität, Reizbarkeit, Intro- oder Extrovertiertheit, zwanghafte Rituale, Entschlusslosigkeit, Schlafstörungen, Appetitveränderungen, Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle, „depressive / aggressive Spiele“, dramatische Zeichnungen, Fantasieverlust, Todesvorstellungen, Todeswünsche
• Jugendalter: nähert sich in der Symptomatik und im klinischen Bild zunehmend der Depression des Erwachsenenalters an: Antriebs-, Befindlichkeits- oder Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle, fehlende Perspektiven, Interesselosigkeit, „Leere“, Schlaf- oder Appetitstörungen, psychosomatische Beschwerden, sozialer Rückzug, präsuizidales Syndrom, Suizidalität Cave: gesteigertes Risikoverhalten und Imponiergehabe (Grenzgänger)

Von Dr. Friederike Hörandl , Ärzte Woche 7 /2010

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