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Psychosomatik ist für viele Fachrichtungen interessant

Körperliche Symptome und Krankheiten können Hinweischarakter auf seelische Hintergründe haben. 

Der Psychosomatik kommt im Menopause-Kontext besonderer Stellenwert zu. Im Vorfeld des Wiener Menopause-Kongresses sprach die Ärzte Woche mit dem Mediziner und Theologen Prof. DDr. Matthias Beck vom Wiener Institut für Moraltheologie über „Psychosomatik als Wechselwirkung von Körper und Geist“. Dabei geht es nicht zuletzt darum, in welchen Gesundheitsbereichen psychosomatische Denkansätze hilfreich und sogar notwendig sein können, aber auch um die Frage, wo die Psychosomatik allein an ihre Grenzen stößt.

 

Sie haben einen sehr offenen Titel für Ihren Vortrag gewählt – aus welchem Grund? Beck: Weil ich gerne den Überstieg vollziehe von der Psychologie, Psychosomatik hin in eine im weitesten Sinne existenzielle oder spirituelle Dimension, die auch das Seelenleben des Menschen betrifft: Was sind die existenziellen Umbrüche in der Lebensmitte, was verändert sich? Bei Frauen hört die Generativität auf, es stellen sich Fragen nach der Endlichkeit des Lebens, nach dem Lebenssinn, der Identität, Wahrheit und „Berufung“ – damit befasst sich auch die psychosomatische Medizin, aber aus meiner Sicht zu wenig.

 

Versucht die Psychosomatik, psychologische Defizite in der Medizin wettzumachen? Beck: Über fast 200 Jahre gab es ein Menschen-Modell, das diesen als Maschine sah. Dieses Menschenbild ist immer noch nicht ganz überwunden. Freud hat dann gesagt: „Da gibt es doch ein Innenleben, ein psychologisches, psychisches Leben.“ Daraus hat er seine Psychologie entwickelt – in weiterer Folge ist die psychosomatische Medizin entstanden.

Die christliche Philosophie hat immer von der Leib-Seele-Einheit des Menschen gesprochen. Das einseitig mechanistische Weltbild ist im Grunde nach Descartes aufgekommen, wo sich die Naturwissenschaften entwickelt haben und die Welt sehr physikalistisch betrachtet wurde. Mit Aufkommen der Neuzeit bricht die innere Einheit des Menschen auseinander: Die Naturwissenschaft wendet sich der Materie zu, und die Philosophie – vor allem im deutschen Idealismus – befasst sich mit dem Geist.

In diese Schere hat sich Sigmund Freud hineinbegeben und festgestellt: „Es gab doch einmal eine Leib-Seele-Einheit, hier ist in unserem Menschenbild etwas verloren gegangen. Er hat dann eine neue Seelen-Lehre entwickelt: Die Seele ist das Unbewusste im Menschen, seine Triebstruktur, Über-Ich, Ich und Es. Freud hat einen neuen Seelen-Begriff geprägt und fasst die Seele nicht mehr als innere Ganzheit einer Leib-Seele-Einheit auf wie noch die Philosophie eines Thomas von Aquin, sondern nur mehr als Ebene des Erlebens und Verhaltens. Bei Freud werden die religiösen Fragen ausgeklammert und das Religiöse selbst als krankmachend angesehen.

 

Welche psychosomatischen Prinzipien sollten die Basis ärztlichen Handelns sein, welche Hilfestellung kann die Psychosomatik leisten? Beck: Die Psychosomatik ist keine Ganzheitsmedizin. Denn es fehlt der integrative Aspekt, das Geist-Sein des Menschen, das in die angedeutete existenzielle Dimension hineinreicht. Die Psychosomatik besitzt im Grunde noch immer einen Dualismus, denn sie betrachtet die physiologische, psychologische und soziale Seite des Menschen, nicht aber seine individuelle Geistverfasstheit und seine Letztausrichtung.

Natürlich versucht sie Wechselwirkungen zu erfassen: Wenn sich die Hormone ändern, ändert sich das seelische Gleichgewicht. Dann wird gefragt, wie man damit umgeht, welche Therapien angeboten werden können. Aber es bleibt auf einer rein innerweltlichen, „messbaren“ Ebene stehen – die Psychologie versucht ja auch, Dinge interindividuell vergleichbar und messbar zu machen. Es gibt jedoch einen dritten Bereich im Menschen, der nicht messbar ist: das „je Einzelne“. Wir haben keine Wissenschaft für den „je Einzelnen“. Der je Einzelne hat aber eine einmalige, unvergleichliche Biographie. Das ist diese dritte Dimension, die meiner Ansicht nach eine integrative Ganzheit schaffen würde zwischen dem, was man psychologisch und naturwissenschaftlich messen kann.

Der dritte Klammerbogen wäre das je Individuelle, die Frage nach der Identität des Einzelnen, nach seiner Wahrheit und seiner Berufung sowie Fragen, die über den Tod hinausreichen. Wir wissen aus der Genetik, dass jeder Mensch seine eigenen Gene besitzt, sein individuelles Immunsystem sowie seine individuellen Verschaltungsmechanismen zwischen den Genen und ihrer Umgebung. Wir müssen daher den Zugang der Verwissenschaftlichung ausdehnen auf das je Einzelne.

 

Mit welchen fachlichen Grundlagen hat ein Mediziner im Idealfall die beste Möglichkeit, auf das je Individuelle einzugehen? Beck: Man muss zunächst ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Mensch aus messbaren, vergleichbaren und objektivierbaren „Daten“ besteht, aber auch aus dem Nichtmessbaren und Nicht-Objektivierbaren. Bei dieser Sicht kommt uns auch die aktuelle Naturwissenschaft sehr zu Hilfe, derzufolge jeder Mensch ein einmaliges Genom und einzigartige Umgebungsbedingungen hat. Selbst bei genetisch identen eineiigen Zwillingen sind die Umgebungsbedingungen, das Innenleben des Einzelnen und damit auch die epigenetischen Verschaltungen unterschiedlich. Wir wissen, dass innere Stimmungslagen nicht nur auf das Immunsystem Einfluss haben, sondern auch auf die genetische Ebene mit ihren epigenetischen Verschaltungen.

Mediziner müssten schon im Studium lernen, dass es beim Menschen eine verallgemeinerbare Basis gibt und darüber hinaus das je individuelle Geistige, Religiöse, Spirituelle und Existenzielle. Mediziner sollten immer mehrdimensional denken: An das Allgemeine wie z.B. Kopfschmerzen, die harmlos oder beispielsweise auch von einem Gehirntumor verursacht sein können. Dazu kommen psychologische Elemente mit z.B. Fragen nach Qualität des Berufs oder der Partnerschaft. Danben könnte man weiter fragen – was häufig zu kurz kommt –, ob diese oder jene Krankheit womöglich eine Bedeutung im Leben des Patienten hat. Idealerweise sollte der Arzt alle diese drei Ebenen im Blick haben. Er muss dabei nicht alles selber leisten, sollte aber eine Offenheit dafür haben, dass es solche Zusammenhänge gibt.

 

Sollte Psychosomatik für alle ärztlichen Fächer von Interesse sein? Beck: Die Grundfragen der Psychosomatik betreffen zunächst einmal die nichtoperativen Fächer. In der Gynäkologie mit ihren Bereichen der Geburt, Schwangerschaft, des Schwangerwerdens, Kinderlosigkeit etc. spielen psychosomatische Fragen eine wesentliche Rolle. Aber auch in der Inneren Medizin, Kinderheilkunde, der Psychiatrie, sogar in der Zahnmedizin wissen wir einiges über psychosomatische Zusammenhänge. Bei der Frage von Krankheitsursachen könnte man den Fokus noch stärker auf die Geschichte von z.B. chronischen Krankheiten werfen. Allerdings muss man auch den Patienten respektieren, wenn er über mögliche Hintergründe seiner Erkrankung nicht nachdenken will. Menschen haben auch Angst vor der Psychosomatik, weil sie sagen: „Jetzt bin ich schwer krank, und jetzt will mir der Arzt noch einreden, dass ich schuld an meiner Krankheit bin.“

Andersherum haben viele Mediziner einen gewissen Vorbehalt gegen die Psychosomatik, weil sie meinen, dazu gäbe es zu wenige greifbare Daten und zu schwammige Zugänge. Möglicherweise stimmt daran zweierlei: Zum einen darf man den Patienten nicht mit psychologischer „Nachbohrerei“ und Besserwisserei überfrachten. Zum anderen könnte bei den Ärzten eine richtige Intuition dahinter stecken, dass die Psychosomatik zum Erfassen des ganzen Menschen nicht ausreicht. Mancher Schulmediziner folgert daraus, die Psychosomatik abzulehnen. Ich für meinen Teil ziehe den Schluss daraus, dass die Psychosomatik nicht ausreicht und das Psychische einen größeren Aspekt umfasst, als dies in der herkömmlichen psychosomatischen Medizin gesehen wird.

Es geht nicht darum, den Menschen zu bevormunden, ihn für psychisch krank zu erklären oder ihm die Schuld an seiner Erkrankung zu geben, sondern ihm Hilfestellungen bei seinen Fragen nach tieferen „Erklärungen“ für seine Krankheit zu leisten. Es geht darum, die mehrdimensionale Einheit des Menschen zu erfassen und zu fragen, ob einzelne Symptome oder auch Krankheiten einen Hinweischarakter haben können. Auch sollte der Patient angeleitet werden, selbst an seiner Gesundung mitzuarbeiten. Er muss lernen, dass er nicht nur eine Maschine ist, die der Operateur repariert, sondern dass er an seiner Heilung oder Gesundwerdung mitarbeiten kann und eine Mitverantwortung für Krankheit und Gesundheit trägt.

 

Der Gespräch führte Peter Bernthaler

Peter Bernthaler, Ärzte Woche

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