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Foto: Archiv

Prim. Dr. Georg Psota Psychosozialer Dienst, ärztlicher Leiter des Sozialpsychiatrischen Ambulatoriums Josefstadt, Wien

Foto: Archiv

Prof. Dr. Christian Simhandl Ordination BIPOLAR Zentrum, Wiener Neustadt

 

Bipolarität frühzeitig behandeln

Die erste Episode tritt häufig bereits im jungen Erwachsenenalter auf.

Mitte Oktober fand in Wien die erste wissenschaftliche Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie-Erfahrene (ÖGPE) statt. Sie bot praxisnahe Fortbildung vor allem für Betroffene sowie empathisch-neue Sichtweisen für Betreuende und Mediziner. Ausgehend von medikamentösen Strategien und diagnostischen Neuerungen spannte sich der Themenbogen quer durch das interdisziplinäre Tagungsprogramm. Ein Schwerpunkt war den bipolaren Erkrankungen gewidmet.

 

Die Kooperation der Österreichischen Gesellschaft für bipolare Erkrankungen (ÖGBE) mit Pro Mente Wien lockte ein vielschichtiges Publikum an. Prof. Dr. Christian Simhandl, international anerkannter Experte für bipolare Erkrankungen, moderierte in seiner Funktion als Gründer und Vorsitzender der ÖGBE die wissenschaftliche Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie-Erfahrene (ÖGPE).

Unfrei, manipuliert und gelangweilt

Gewohnt prägnant fasste Prim. Dr. Georg Psota vom Psychosozialen Dienst (PSD) Wien und ärztlicher Leiter des Sozialpsychiatrischen Ambulatoriums Josefstadt die medikamentöse Führung bipolar Erkrankter zusammen (siehe Grafik 2). Die Einwände der Patienten hinsichtlich der medikamentösen Nebenwirkungen hält Psota für berechtigt. Medikamente würden den Betroffenen nicht nur täglich vor Augen führen, dass sie „krank“ sind – zusätzlich würden sich Betroffene unter Medikamenteneinfluss unfrei, manipuliert und gelangweilt fühlen. Bedenken hinsichtlich Gewichtszunahme setzen Betroffenen ebenso zu wie konkrete Ängste vor Zwangsmaßnahmen.

Die Patientenperspektive erscheint insbesondere auch im Lichte des frühen Erkrankungsalters bedeutsam. Die erste Episode tritt bei Bipolar Typ 1 durchschnittlich bereits im 19. Lebensjahr auf, bei Bipolar Typ 2 durchschnittlich im 24. Lebensjahr. Nach der ersten Episode besteht ein hohes Risiko für weitere Episoden (siehe Grafik 3). 90 Prozent der Erkrankten erleiden nach einer unbehandelten Episode binnen fünf Jahren eine weitere Episode. Vor diesem Hintergrund nannte Psota als pharmakotherapeutisches Ziel auch die Vermeidung unerwünschter Nebenwirkungen. Längerfristige Stimmungsstabilisierung, Aufklärung, Beziehungsarbeit und Hintanhalten von Zwangsmaßnahmen im Rahmen einer notwendigen intensiven Akuttherapie sind erklärte Therapieziele im bipolaren Erkrankungsspektrum. Compliance ist laut Psota „nicht leicht erzielbar, jedoch ein wichtiges Thema; im Langzeitverlauf vermutlich das wichtigste Thema“.

In der Akuttherapie kommt die Sicherheit zuerst

Der Grundsatz „Sicherheit zuerst, rasche Verhaltenskontrolle und stationäre Aufnahme“ beherrscht laut Psota die Akuttherapie der voll ausgeprägten manischen Episode. Zusätzlich zur Phasenprophylaxe seien atypische Antipsychotika unentbehrlich. In der akuten Depression (Bipolar Typ 1 und 2) hingegen gelte es, das subjektiv empfundene Leid pharmakologisch vor allem mit SSRIs (geringes Switch-Risiko!) zu lindern und die Stimmungslage des akut betroffenen Patienten bestmöglich zu stabilisieren. Die Phasenprophylaxe sei dabei auf jeden Fall fortzuführen. Bei Suizidgefahr müsse selbstverständlich die stationäre Aufnahme – gegebenenfalls unter Inanspruchnahme des Unterbringungsgesetzes – angestrebt werden.

Sekundärprophylaxe ist das große Ziel

Nach Stabilisierung von Stimmungslage und Reduktion des subjektiven Leidensdruckes empfiehlt Psota grundsätzlich eine leitliniengerechte Langzeittherapie und Phasenprophylaxe. Im Unterschied zu vor 25 Jahren gäbe es zur Sekundärprophylaxe nun wesentlich mehr Medikamente zur Auswahl und auch wesentlich mehr Kombinationsoptionen. Psotas Empfehlungen zur Langzeittherapie: „So früh, so gut, so nebenwirkungslos, so konstant und so lang wie möglich!“

Eine effektive Langzeittherapie beginnt bei Bipolar Typ 1 bereits ab der ersten Manie und bei Bipolar Typ 2 ab der dritten Phase bzw. ab zwei Phasen innert fünf Jahren. Lithium, Valproat und Lamotrigin sind noch immer erste Wahl bei Mood Stabilizers (Carbamazepin als zweite Wahl). Als Atypika in der Langzeittherapie empfiehlt Psota bei Bipolar Typ 1 und 2 Mixed State und Rapid Cycling Olanzapin. Quetiapin kann auch bei bipolarer Depression gegeben werden. Aripiprazol ist Mittel der Wahl zur Prophylaxe der manischen Phasen. Bei häufigen schweren depressiven Phasen ist Lamotrigin erste Wahl. SSRIs sind auch längerfristig möglich. Auch Quetiapin ist zunehmend gut belegt. Neben der Pharmakotherapie gehören ergänzende Verhaltenstherapie, Kreativtherapie und Bewegungstherapie ebenso wie biologische Verfahren zum modernen Therapieschema.

Jede Phase „bahnt“ die nächste

Als nachgewiesen gilt, dass mit steigendem Patientenalter und fortschreitender Krankheitsdauer die symptomfreien Intervalle abnehmen. Schließlich kommt es zur Phasenakzeleration. Jede Phase „bahnt“ die nächste. 20 Prozent der bipolar Erkrankten erleben kaum ein freies Intervall und schlittern in ein Rapid-Cycling-Muster. Derart Betroffene stürzen aus der manischen Überfülle ihrer inneren Getriebenheit direkt in die „unendlich-schwarze Leere“ und Traurigkeit ihrer tiefen Depression. Suizidrisiko und die Gefahr des Überganges in ein psychotisches Zustandsbild sind entsprechend hoch. Der Leidensdruck der Patienten ebenso! Die sozioökonomischen Folgen zeigen sich in erhöhter Scheidungsrate, sinkender Lebenserwartung, Arbeitsplatzverlust und früher Erwerbsunfähigkeit. Der durchschnittliche Eintritt in die Erwerbsunfähigkeitsrente erfolgt im 46. Lebensjahr. Die Major Depression Disease ist die Nummer eins in der Liste der Gründe für Erwerbsunfähigkeit, dicht gefolgt von der Nummer zwei, der bipolaren Erkrankung. Die sozioökonomischen Folgekosten für Österreich erreichen alljährlich Euromilliardenbeträge.

„Wenn man depressiv ist, …

… glaubt man nicht, dass etwas getan werden kann. Wenn man manisch ist, glaubt man nicht, dass etwas getan werden soll“, spricht Psota den Betroffenen aus der Seele. Wo liegt nun also die Grenze zwischen „Normalität“ und pathologischem Zustandsbild? Laut ÖGBE-Vorsitzendem Prof. Dr. Christian Simhandl „wohl dort, wo sich der Mensch in seinem konstanten Lebensvollzug behindert fühlt.“

Von Dr. Regina B. Ewald, M.A.S., Ärzte Woche 6 /2010

  • Frau bianca ist nicht wichtig, 28.07.2012 um 03:59:

    „und wohin wendet man sich als betroffener???“

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