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Abstinenz als Form der sozialen Kontrolle? Zum Wandel des Abhängigkeitsparadigmas

In dem Artikel wird das medizinische Abhängigkeitsparadigma im historischen Verlauf und seinen impliziten Grundannahmen untersucht. Als wesentliche Grundannahme dieses am Beispiel des Alkoholkonsums formulierten Paradigmas kann dabei das vor etwa 200 Jahren formulierte Konzept der Abhängigkeit gesehen werden. Dies besagt, dass der Konsum von Alkohol zu Veränderungen der konsumierenden Person führt, welches längerfristig wiederum den fortgesetzten Konsum von Alkohol begründet. Im Verlauf wurde vor dem Hintergrund dieser Grundannahme insbesondere um 1900 eine Abstinenzerwartung im psychiatrischen Diskurs formuliert, welche die durch die Bewegung der Aufklärung gesellschaftlich verankerte Nüchternheitserwartung kompetitiv verdrängte. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts geriet dieses Abstinenzparadigma zunehmend unter eine lebensweltliche Kritik. Der Nachvollzug dieser Kritik erlaubt die Relativierung der Abstinenzorientierung psychiatrischer Behandlungsangebote, ohne die Eigendynamik der Abhängigkeit, das „Abhängigkeitspotential“ bestimmter Substanzen sowie deren potentiell schädliche Folgewirkungen bei erheblichem Konsum oder die (weitgehende) Nüchternheitsorientierung des gesellschaftlichen Miteinanders negieren zu müssen.

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