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Wenn ein Kind nicht die richtige Unterstützung bekommt, um mit einem Trauma fertig zu werden, muss es einen eigenen Weg finden, so gut es eben kann – zum Beispiel durch Tobsuchtsanfälle, Beißen, Essen, Daumenlutschen etc.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 22. Dezember 2009

Trauma und Sucht

Selbstverletzung versus Selbstfürsorge

Zusammenfassung: Ausgehend von der Beobachtung, dass der Missbrauch psychotroper Substanzen bei traumaassozierten psychischen Erkrankungen gehäuft anzutreffen ist, werden mögliche wechselseitige Zusammenhänge zwischen Suchterkrankungen und Traumafolgestörungen erörtert. Selbstverletzendes Verhalten stellt kein einheitliches, sondern ein für die klinisch psychologische Forschung sehr komplexes und noch unzureichend erklärtes Phänomen dar. Selbstverletzendes Verhalten hängt zumeist mit frühen traumatischen Erlebnissen zusammen, auf die nicht angemessen reagiert werden konnte. Aufbauend auf den Ergebnissen einer Stichtagserhebung am Anton-Proksch-Institut wird ein ressourcenorientiertes Behandlungsmodul für traumatisierte, suchtkranke Frauen vorgestellt, welches Stabilisierung und die Entwicklung von Selbstfürsorge umfasst.

Summary: Based on the observation that the abuse of psychotropic substances occurs frequently in patients suffering from trauma-related mental disorders, possible interrelations between addictions and traumatic disorders are discussed. Self-harming is not a uniform phenomenon but a highly complex, and still inadequately explained form of behaviour in clinical psychological research. In most cases, self-harming behaviour is associated with early traumatic experiences to which no appropriate response was possible. Based on the results of an instantaneous survey at the Anton-Proksch-Institute a resource-oriented treatment module for traumatised female addicts, which includes stabilisation and the development of self-care, is presented.

Das Statement einer von Traumatisierung betroffenen, suchtkranken Frau (siehe folgende Seite) zeigt das enorme emotionale Leid sowie den massiven Leidensdruck, der sich hinter dem pathologischen Verhalten verbirgt. Zusätzlich zu den verschiedenen Arten sich selbst zu verletzen, um die Traumafolgeschäden in Schach zu halten, belasten Schuld- und Schamgefühle das Leben der Betroffenen massiv. Die klinische Erfahrung in der Behandlung suchtkranker Frauen und Männer zeigt schon seit langem, dass sich traumatische Lebenserfahrungen sehr häufig als Auslöser von selbstverletzendem Verhalten, zu dem auch ein Suchtverhalten zählen kann, identifizieren lassen.

Die Entwicklung von Traumafolgestörungen

Nicht jeder Mensch, der als Kind ein Trauma erlitten hat, und auch nicht jeder Erwachsene, der ein Trauma durchlebt, entwickelt eine Traumafolgestörung. Ausschlaggebend für die Verarbeitung eines Traumas ist, ob emotionale Fürsorge nach der Traumatisierung ausreichend vorhanden ist und genutzt werden kann.

Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen – in unterschiedlichem Ausmaß – von ihren signifikanten Bezugspersonen. Ein Kind lernt, emotionale Erregung zu erkennen und damit umzugehen, indem die unmittelbaren Bezugspersonen einerseits auf den Gemütszustand des Kindes aufmerksam werden, andererseits sich um das Kind kümmern und dessen Gefühl genau widerspiegeln und auch in Worten ausdrücken. Für kurze Zeit wird so das Gefühl von Kind und Erwachsenem geteilt. Wenn sich dann die Bezugsperson beruhigt, kann sich auch das Kind beruhigen, wobei diesmal das Kind die Gefühle der Bezugsperson wiederspiegelt. Wenn ein Kind so von seiner Bezugsperson getröstet wird, lernt es mit der Zeit, Gefühle mehr und mehr zu erkennen und auch emotionale Erregung zu reduzieren. Das Kind lernt auch, dass es andere Menschen um Hilfe und Trost bitten kann, wenn eine seelische Belastung zu groß ist, um damit alleine fertig zu werden.

Ein Trauma wird als ein oder eine Reihe von belastenden Erlebnissen definiert, denen ein Mensch einerseits nicht entrinnen kann, und die andererseits die Stressbewältigungsmechanismen eines Menschen überfordern. Wenn ein Kind nun nicht die richtige Unterstützung und Fürsorge erfährt um damit umzugehen, so muss es einen eigenen Weg finden – so gut es eben kann. Kinder können dabei ganz unterschiedlich reagieren. Zumeist geht es um „Aktionen“, die eine beruhigende Wirkung haben, wie zum Beispiel Daumenlutschen, Essen, Beißen, Tobsuchtsanfälle, aggressives Verhalten gegenüber anderen Kindern, Schaukeln etc. Unmittelbar können diese Verhaltensweisen dem Kind helfen, irgendwie mit der Traumatisierung fertig zu werden. Allerdings vermitteln sie dem Kind nicht, dass man bei anderen Menschen Trost und Unterstützung finden kann und vor allem, dass es andere Wege als Selbstverletzung gibt, um mit seelischen Belastungen zurecht zu kommen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit spielt auch das Alter zum Zeitpunkt der Traumatisierung eine entscheidende Rolle. Je jünger ein Kind im Moment eines vielleicht ungenügend beachteten traumatischen Ereignisses ist, desto wahrscheinlicher kommt es später zu einer Trauma folgestörung, zu „Verhaltensmustern, die schmerzhaften Erfahrungen in den ersten Lebensjahren entspringen“ (Simpson & Porter, 1981).

Gerade in jungen Jahren entwickeln wir Verhaltensmuster zur Stressbewältigung, die wir zumeist für den Rest unseres Lebens beibehalten, und gerade in den allerersten Lebensjahren ist es für eine gesunde Entwicklung entscheidend zu erfahren, was Fürsorge und die Erfüllung von Bedürfnissen bedeuten. Manche Menschen erleben aber in diesem Alter zum ersten Mal Vernachlässigung und das Gefühl von Wertlosigkeit. Von Traumatisierung betroffene, suchtkranke Frauen kommen zumeist aus Familien, in denen ihre seelischen Bedürfnisse nicht befriedigt wurde. Diese Frauen haben Vernachlässigung oder Verlusterfahrungen durch signifikante Bezugspersonen erfahren (Van der Kolk et al., 1991). Andere Frauen wiederum wuchsen in Familien auf, wo scheinbar sehr gut für sie gesorgt wurde. Bei näherer Betrachtung kann man dabei jedoch erkennen, dass zwar materielle und praktische Bedürfnisse erfüllt wurden, gleichzeitig jedoch emotionale Bedürfnisse nicht erkannt oder vernachlässigt wurden.

Selbstfürsorge

Selbstfürsorge ist eine Qualität des Umgangs mit sich, die mit den prägenden, also emotional bedeutsamsten, Beziehungserfahrungen im eigenen Leben zu tun haben. Diese Beziehungserfahrungen werden verinnerlicht, in früheren Lebensabschnitten mehr als in späteren. Der Umgang mit sich selbst ist auf diese Weise ein Spiegel der gemachten Beziehungserfahrungen. Die Haltung, die mit selbstfürsorglichem Verhalten gemeint ist, hat komplexe Bedin gungen; in den Entwicklungsphasen eines Lebens sind die Anforderungen an die Selbstfürsorge sehr unterschiedlich. Dies können sein: die Fähigkeit zur Abgrenzung, zur Behauptung, aber auch die Möglichkeit, andere Menschen mit ihren eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen akzeptieren zu können. Was dabei zudem wesentlich ist, um eine insgesamt selbstfürsorgliche Haltung erwerben zu können, ist die Fähigkeit zum Umgang mit der eigenen Aggressivität, die das ganze Leben immer wieder erlernt werden muss. Dies weist auch darauf hin, dass Selbstfürsorge keine stabile Eigenschaft darstellt. Sicherlich, die Voraussetzungen dafür, für sich selbst sorgen zu können, werden unter Umständen sehr früh gelegt oder zerstört. Dennoch ist die Haltung der Selbstfürsorge eine, um die wir ein ganzes Leben lang ringen müssen.

Von Traumatisierung betroffene, suchtkranke Frauen können zumeist in Ermangelung früher guter Beziehungserfahrungen die komplexen Voraussetzungen, die einen in die Lage versetzen, fürsorglich mit sich umzugehen, nicht erwerben. Die frühen Beziehungserfahrungen dieser Frauen sind dabei einerseits geprägt von Instabilität oder Unzuverlässigkeit in Bezug auf Unterstützung und Beziehung beziehungsweise Bindung. Signifikant andere waren nicht dazu fähig für emotionale Unterstützung, Bindung, Stärke oder tatsächlichen Schutz zu sorgen, weil sie gefühlsmäßig labil und unvorhersagbar, unzuverlässig oder unberechenbar waren. Es mangelte also an emotionaler Versorgung, es fehlten Aufmerksamkeit, Zuneigung und Wärme; es mangelte an Empathie und nicht zuletzt mangelte es an Schutz.

Andererseits waren die Beziehungserfahrungen auch gekennzeichnet von der Erwartung, dass signifikante andere Menschen einen verletzen, missbrauchen, demütigen, betrügen, manipulieren oder ausnutzen konnten, wobei dies auch die Empfindung beinhaltete, dass die Schädigung vorsätzlich war, weil man es eben nicht anders verdient hatte. In der Folge entwickelte sich aus diesen Bedingungen das Gefühl unvollständig beziehungsweise fehlerhaft zu sein. Die betroffenen Frauen empfanden sich schon sehr früh als mangelhaft, schlecht, nicht gewollt, minderwertig oder auch nicht liebenswert signifikanten Anderen gegenüber.

Selbstverletzendes Verhalten scheint in diesem Zusammenhang die zentrale, meist einzige, Möglichkeit der Selbstfürsorge: Das Zufügen von Schmerz, destruktives, selbstschädigendes Verhalten gegen die eigene Person, gegen den eigenen Körper stellt die einzige beziehungsweise zu einem überwiegenden Anteil kennengelernte und somit auch „verdiente“ Form der Zuwendung dar.

An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass nicht jedes Verhalten, das nach außen als sehr destruktiv imponiert, als Zerstörung intendiert ist. Es stellt sich dabei eben immer auch die Frage, ob nicht ein bewahrendes, vielleicht sogar fürsorgliches Element im destruktiven Verhalten liegen kann. Von den Betroffenen erlebte, destruktive Impulse werden gewissermaßen auf den Körper abgeleitet. Selbstzerstörung hat in diesem Zusammenhang die Funktion, die Beziehung zu anderen positiv zu erhalten – Selbstzerstörung scheint diesbezüglich einen Schutz vor offener Aggression gegen andere Personen darzustellen. Natürlich ist das keine gute, sondern eher eine schmerzhafte und erschreckende Lösung. Aber man darf im Zusammenhang mit Menschen, die selbstdestruktives Verhalten ausüben, neben dieser Destruktivität nicht deren fürsorgliche Aspekte übersehen.

Trauma und Sucht

Neben der „klinischen Erfahrung“ und einigen anekdotischen Beobachtungen lagen lange Zeit keine genauen Zahlen bezüglich Trauma und Sucht vor. 1997 berichteten Wilsnack et al., dass ein problematischer Alkoholkonsum bei Frauen mit sexualisierter Gewalterfahrung doppelt so häufig ist wie bei Frauen ohne diese Erfahrung. Durchschnittlich 39 Prozent der weiblichen und 31 Prozent der männlichen, alkoholabhängigen Patienten berichten über Gewalterfahrungen in der Kindheit (Kemmner et al. 2004). Auch Kinder aus Suchtfamilien berichten zu knapp einem Drittel über tägliche oder häufige Episoden physischer Gewalt während der Kindheit (Klein et al. 2001) – also in etwa ähnlich wie alle Suchterkrankten – allerdings steigt die Wahrscheinlichkeit eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu entwickeln bei der Alkoholabhängigkeit eines Elternteils um das mehr als fünffache und bei einer Abhängigkeitserkrankung beider Elternteile um mehr als das 15-fache (!) (Lachner et al. 1997).

Der klinische Eindruck scheint sich also zu bestätigen – Gewalterfahrungen scheinen einen massiven Risikofaktor für die Entwicklung einer Suchterkrankung darzustellen. Aber die Erklärungsmodelle für den wechselseitigen Zusammenhang lassen sich – trotz deren Plausibilität – nicht nur mit der Selbstmedikationshypothese erklären. Klare Zusammenhänge lassen sich auch deswegen nur schwer erkennen, da die Diagnose einer PTBS bei Suchterkrankungen meist erst um Jahre verzögert gestellt wird. Die Einnahme eines Suchtmittels verhindert das Auftreten typischer Symptome wie zum Beispiel eines Hyperarousals oder dieses wird als Entzugserscheinung fehlinterpretiert, sodass eine klare Diagnose erst während einer qualifizierten Entwöhnungsbehandlung gestellt wird.

Stichtagserhebung am Anton-Proksch-Institut

Um dieser Problematik in einem klinischen Umfeld nachzugehen, wurde im Anton-Proksch-Institut, einem Rehabilitationszentrum für Abhängigkeitserkrankungen, eine Stichtagsuntersuchung durchgeführt. Die Stichprobe bestand aus 50 Männern und 50 Frauen in stationärer Behandlung in unserem Institut. Ausschlusskriterien waren ein massiv ausgeprägtes organisches Psychosyndrom beziehungsweise Patienten im akuten körperlichen Entzug.

Wir wollten der Frage nachgehen, ob es einen Zusammenhang zwischen erlittenen Traumata und dem Aufwachsen in einer Suchtfamilie gibt. Klein (2001) hat zwar diesen Zusammenhang bereits festgestellt – aber nur über das Erleben physischer Gewalt. Aus klinischen Beobachtungen ist allerdings bekannt, dass auch Traumata durch emotionale oder physische Vernachlässigung ein Hauptthema bei Patienten aus Suchtfamilien darstellt. Außerdem wollten wir auch eventuell geschlechtsspezifische Unterschiede erheben.

Das Ergebnis: 80 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen berichten über subjektiv belastende Erlebnisse. Ein Grund für den hohen Prozentsatz an Schicksalsschlägen bei unseren Patienten mag darin liegen, dass es sich dabei um das subjektive Erleben und nicht um fremddefinierte traumatische Erlebnisse handelt. 67 Prozent der Männer und 89 Prozent der Frauen berichten über Gewalterfahrungen aller Art. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass nicht nur Gewalterfahrungen zu einer Traumatisierung bis hin zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen können, sondern dass auch subjektiv erlebte Vernachlässigungen in der Kindheit bleibende psychische Schäden hinterlassen können. 50 Prozent unserer Patienten berichten über subjektiv erlebte Vernachlässigungen in der Kindheit; wobei sich Frauen und Männer in diesem Punkt nicht unterscheiden.

Ein interessanter Aspekt ergibt sich bei der Betrachtung des Zeitpunktes, des Lebensalters in dem ein belastendes Ereignis aufgetreten ist. Unsere Daten zeigen, dass Männer eher in der Kindheit Gewalterfahrungen ausgesetzt waren, während sich Frauen zu einem überwiegenden Teil im Erwachsenenalter mit Gewalt konfrontiert sehen (siehe Tab. 1).

44 Prozent unserer männlichen und 62 Prozent unserer weiblichen Patienten sind in Suchtfamilien aufgewachsen. Von allen in einer Suchtfamilie aufgewachsenen Patienten geben lediglich 20 Prozent an, keiner Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. In der Gruppe der Non-COA’s (COA = children of alcoholics), also derer, die nicht aus einer Suchtfamilie stammen wachsen doppelt so viele (40 %) gewaltfrei auf. Der Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen in einer Suchtfamilie und der Wahrscheinlichkeit Gewalt zu erfahren ist vor allem durch die Varianz in der Gruppe der Männer zu erklären. Das heißt: Das Aufwachsen in einer Suchtfamilie erhöht bei Männern die Wahrscheinlichkeit gerade in einer sensiblen Phase der Persönlichkeitsentwicklung mit Gewalt konfrontiert zu sein. Die Erstmanifestation von Gewalt findet bei Männern aus Suchtfamilien ausschließlich in der Kindheit statt und setzt sich dann bis in das Erwachsenenalter fort. Bei Frauen aus Suchtfamilien ergibt sich dieser signifikante Zusammenhang hingegen nicht. Aus den erhobenen Daten ergibt sich, dass Frauen unabhängig davon, ob sie in einer Suchtfamilie aufwachsen oder nicht, zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklung Gewalt ausgesetzt sein können. Tendenziell erleben suchtkranke Frauen Gewalt erst im späteren Lebensalter (Feselmayer et al., 2006).

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Nicht nur aus der Literatur (Michaela Huber, 2004) sondern auch aufgrund unserer klinischen Beobachtungen sehen wir, dass der Umgang mit erlebter Gewalt geschlechtsspezifisch ist. So sehen wir, dass traumatisierte junge Männer ihre Gewalt eher nach außen richten, während traumatisierte junge Frauen zu selbstverletzendem Verhalten neigen. Von Bedeutung sind dabei sicherlich nicht nur der „geschlechtsspezifische“ Umgang mit Gefühlen, sondern wohl auch die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie Mann und Frau „zu sein haben“. Vor allem das Gefühl der Wut gilt oft als „unweiblich“ – gerade Wut ist allerdings auch die stärkste emotionale Reaktion auf ein Trauma. Wut kann eine durchaus sinnvolle Reaktion auf unerträgliche Ereignisse darstellen. Wenn man dies berücksichtigt, kann man leichter verstehen, warum Frauen so viel häufiger zu vorsätzlicher Selbstverletzung neigen als Männer (Andorfer, 2005).

So ist bei 50 Prozent der unter 30-jährigen Frauen, die in das Therapieprogramm der Wohneinheit für junge Frauen im Anton-Proksch-Institut integriert wurden, selbstverletzendes Verhalten zu finden. Neben der tatsächlich vorsätzlichen Verletzung des eigenen Körpers (Schneiden, Ritzen, Schlagen, Verbrennen etc.) finden sich bei den betroffenen jungen Frauen auch andere Formen selbstverletzenden Verhaltens wie Essstörungen, der regelmäßige Missbrauch von legalen und illegalen Suchtmitteln, zwanghaftes Geldausgeben oder Stehlen, sowie auch häufiges, riskantes sexuelles Verhalten, bis hin zu tatsächlichen Suizidversuchen.

Aus der Anamnese der betroffenen Frauen wird deutlich, dass mit einem Trauma und den damit verbundenen Gefühlen nicht richtig umgegangen werden konnte, was wiederum zur Folge hat, dass die Betroffenen ein hohes Maß an übriggebliebener Wut und Schmerz „zurückbehalten“. Selbstverletzendes Verhalten scheint vordergründig der Versuch zu sein, mit solchen Gefühlen umzugehen, wenn es zu kompliziert wird sie einzugestehen, wenn es zu unerträglich wird sie zu ertragen beziehungsweise sie zu bewältigen.

Die oben genannten Daten führen uns zu dem Schluss, dass das Aufwachsen in einer suchtbelasteten Familie nicht nur für junge Frauen, sondern auch für junge Männer weitreichende Auswirkungen für ihr späteres Leben hat. Gerade Gewalterfahrungen in der Kindheit, wie sie gehäuft bei alkoholkranken Männern auftreten, stellen eine erhöhte Vulnerabilität für die Ausbildung psychischer Erkrankungen dar. Schlagwort: „Aus geschlagenen Burschen werden schlagende Väter“. Um dies zu verhindern, sollte dem konstruktiven Umgang mit den eigenen aggressiven Impulsen in der therapeutischen Arbeit mit Männern breiter Raum gegeben werden. Vor allem sollte von dem – leider auch bei Psychotherapeuten verbreiteten – Vorurteil abgegangen werden, dass PTBS überwiegend bei Frauen auftritt. Sowohl bezüglich der Diagnostik als auch in der Behandlung sollte dieser wichtige Aspekt Berücksichtigung finden.

Therapeutische Implikationen – Stabilisierung und Selbstfürsorge

Die Behandlung von traumatisierten, suchtkranken Frauen am Anton-Proksch-Institut konzentriert sich im stationären Setting auf die ersten beiden Phasen traumazentrierter Psychotherapie: Stabilisierung und Begegnung mit dem Trauma. Traumakonfrontation und Traumaintegration erfolgen bei ausreichender Stabilisierung zu einem späteren Zeitpunkt im Einzelsetting. Ziel eines am Anton-Proksch-Institut implementierten ressourcenorientierten Behandlungsmoduls für traumatisierte suchtkranke Frauen sind Affekt- und Stressregulation, Ressourcenfindung und –stärkung sowie Entwicklung von Selbstfürsorge. Letztendlich geht es um die „Substitution“ des Suchtmittels und anderer selbstverletzender Verhaltensweisen durch neue „skills“.

Die Besonderheiten bezüglich Stabilisierung und Selbstfürsorge bei suchtkranken Menschen liegen vor allem in folgenden Bereichen: Die Abstinenz ist die Grundlage jeglicher Stabilisierungstechniken, wobei stabilisierende Imaginationstechniken bereits in der Entzugsphase als unterstützend erlebt werden (Reddemann 2006). Die Stabiliserungsphase ist im Regelfall bei suchtkranken Patienten länger anzusetzen. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist auch herauszufinden, was an der Droge zur Stabilisierung gedient hat. Besonders zu achten ist auf die Tatsache, dass eine Destabilisierung durch zu frühe Traumakonfrontation, wie sie in vielen strukturierten Therapiemanualen vorgesehen ist, zu einem erhöhten Craving und damit zu einer erhöhten Rezidivgefahr führen kann.

In sieben wöchentlichen Gruppensitzungen zu je 90 Minuten stehen folgende Themenschwerpunkte im Fokus des therapeutischen Vorgehens:

  • Psychoedukation (Was ist ein Trauma? – Traumafolgeschäden und Verflechtung mit Sucht – neurobiologische Grundlagen von Trauma- und Ressourcennetzwerken)
  • Stabilisierungstechniken und Ressourcenübungen (Einsatz von Imaginationstechniken und Ressourcenübungen)
  • Arbeit mit dem inneren Kind (Begegnung mit den positiven inneren Kindern)
  • Umgang mit negativen Gefühlen („Substitution“ des Suchtmittels durch Erlernen neuer, hilfreicher „skills“)
  • Entwicklung selbstfürsorglichen Verhaltens

Entwicklung und Förderung von Selbstfürsorge

Destruktives Verhalten gegen die eigene Person, gegen den eigenen Körper, stellt letztlich immer den verzweifelten und mitunter bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Versuch der Betroffenen dar, sich vor unerträglich negativen Gefühlen und Impulsen zu schützen. Insofern kann man – wie bereits ausgeführt – selbst destruktives Verhalten als eine Form von Selbstfürsorge betrachten. Als Therapeut übernimmt man bei diesen Patienten mitunter über längere Zeit durch Grenzsetzung und konsequente Deutung des selbstdestruktiven Verhaltens stellvertretend für die Betroffenen die Fürsorgefunktion, bis es ihnen schließlich gelingt, diese Funktion selbst zu übernehmen.

Gemäß der kognitiven Lerntheorie von Bandura erfolgt beispielsweise innerhalb des therapeutischen Prozesses ein Stück weit auch ein „Lernen am Modell“. Allein durch die intensive, emotional engagierte Auseinandersetzung des Therapeuten mit der Betroffenen und ihrem Verhalten lernt diese eine andere Art des Umgehens mit sich kennen und kann zunehmend diese Verhaltensstile verinnerlichen.

Im Verlauf einer Therapie kann es dazu kommen, dass alte „Notfallfunktionen“, also die selbst zerstörerischen Mechanismen, Schritt um Schritt durch konstruktive Strategien, die sich als Selbstfürsorge manifestieren, ersetzt werden. Dabei ist es hilfreich, wenn man sich als Therapeut stets der Tatsache bewusst ist, dass selbst das destruktivste Verhalten für die Betroffenen letztlich eine Schutzfunktion erfüllt. Obwohl es darum geht, mit den destruktiven Kräften der Betroffenen zu ringen, geht es nicht um einen Kampf „gegen“ diese Mechanismen, sondern um deren schrittweise Veränderung. Dabei kann es auch sinnvoll sein, dies mitunter in einer verbalen Intervention auszudrücken – zum Beispiel ausdrücken, dass das selbstdestruktive Verhalten bisher eine hilfreiche Funktion erfüllt hat und bei aller Destruktivität einen positiven Kern besitzt, sich heute aber zugleich auch als negativ und selbstschädigend auswirkt.

Die Lebensgeschichten von Menschen mit Suchtproblemen sind häufig von traumatischen Erfahrungen geprägt, die oft bereits in der Kindheit beginnen und sich über die Lebensspanne hinweg fortsetzen. Bei vielen Betroffenen können der Einsatz eines Suchtmittels oder andere selbstschädigende, selbstverletzende Verhaltensweisen vor diesem Hintergrund zu einer Überlebensstrategie werden, die nur schwer aufgegeben werden kann, wenn nicht hilfreichere Bewältigungsstrategien an ihre Stelle treten. Das Wissen um diese Zusammenhänge und mögliche Hilfen für Betroffene hat sich in den letzten Jahren erheblich erweitert. Ziel unseres ressourcenorientierten Therapiemoduls für traumatisierte Frauen ist es, Stabilisierung einzuleiten, um die Kräfte der Selbstfürsorge zu stärken und damit die Macht der selbstzerstörerischen Impulse zu verringern.

1 Klinische und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin, Anton-Proksch-Institut, Wien

2 Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, Verhaltenstherapeutin i. A. u. S., Anton-Proksch-Institut, Wien

Andorfer U. (2005) Klärung der Entstehungsbedingungen von multi-impulsivem, selbstschädigendem Verhalten bei alkoholabhängigen Frauen. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Naturwissenschaften an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien.

Feselmayer, S., Scheibenbogen, O., Andorfer, U., Mayr, M., Beiglböck, W. (2006) Trauma und Sucht. In: Wiener Zeitschrift für Suchtforschung. Jg. 29, Nr. 3.

Huber, M. (2004) Wege der Traumabehandlung. Junfermann, Paderborn

Kemmner, C., Klein, M., Zemlin, U. (2004) Gewalterfahrungen bei Patientinnen und Patienten einer Fachklinik für Alkoholabhängige: Ergebnisse einer Prävalenzerhebung und Konsequenzen für das Behandlungsprogramm. Suchttherapie, 5, 124-131.

Klein, M. Zobel, M. (2001) Prävention und Frühintervention bei Kindern aus suchtbelasteten Familien-Ergebnisse einer Modellstudie. In: Zobel, M. (Hrsg): Wenn Eltern zu viel trinken. Risiken und Chancen für die Kinder. Psychiatrieverlag, Bonn

Lachner, G., Wittchen, H.-U. (1997) Familiär übertragene Vulnerabilitätsmerkmale für Alkoholmissbrauch und –abhängigkeit. In: Watzl, H., Rockstroh, B. (Hrsg.) Abhängigkeit und Missbrauch von Alkohol und Drogen, Hogrefe, Göttingen

Reddemann, L. & Teunißen, S. (2006) Ressourcenorientierung in der Behandlung suchtkranker Patientinnen und Patienten. In: Schäfer, I., Krausz, M. (Hrsg.) Trauma und Sucht. Konzepte-Diagnostik-Behandlung. Klett-Cotta, Stuttgart

Simpson, C.A. & Porter, G.L. (1981) Self Mutilation in Children and Adolescents. Bulettin of the Meninnger Clinic, 45, 428-438.

Van der Kolk, B., Perry, C. & Herman, J. (1991) Childhood Origins of Self-Destructive Behavior. American Journal of Psychiatry, 148, 1665-1671.

Wilsnack, S.C., Vogeltanz,N.D., Klassen, A.D., Harris, T.R. (1997) Childhood sexual abuse and women´s substance abuse: national surveys findings. Journal Studies on Alcohol, 58, 264-271

Weitere Literatur bei den Verfassern
Tabelle 1
 KindErwachsener
Mann 75 % 16,7 %
Frau 25 % 83,3 %
Tab. 1: Männer sind eher in der Kindheit Gewalterfahrungen ausgesetzt, Frauen werden zu einem überwiegenden Teil im Erwachsenenalter mit Gewalt konfrontiert.

S. Feselmayer1, U. Andorfer2, psychopraxis. neuropraxis 6/2009

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