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Die transzendenten Anteile der Seele werden von den Religionen gehütet.

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Das moderne Menschenbild der Ökonomie sieht den Menschen als monetär determinierten Automaten.

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Die Phrenologie ist überholt, aber die Neurobiologie charakterisiert den Menschen als eine von subkortikalen Schaltkreisen dominierte bio-molekulare Marionette.

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Trotz aller Fortschritte der bildgebenden Verfahren, der Neurobiochemie und der Molekulargenetik bleibt das Erleben selbst nur der jeweiligen Person vertraut.

 
Psychiatrie und Psychotherapie 22. Dezember 2009

Hat die Seele in der Gegenwart noch einen Platz?*

Ein Plädoyer für die Wiederaneignung des Begriffes „Seele“

„Die Zeit“ zitierte 2008 einen Ausspruch des Neurowissenschaftlers Gerhard Roth: „... die meisten meiner neurowissenschaftlichen Kollegen (wären) schockiert, wenn ich sie fragte, ob man in der Hirnforschung noch etwas mit dem Begriff der Seele anfangen könne oder wo im Gehirn die Seele sitze.“ Gerhard Roth fragt dennoch in seiner Abhandlung: „Hat die Seele in der Hirnforschung noch einen Platz?“ und antwortet: „Das Seelische ist ein physikalischer Zustand eigener Art, d. h. ein Zustand, der den Naturgesetzen nicht widerspricht und aufs Engste mit bekannten physikalischen (chemischen, physiologischen) Zuständen interagiert, ohne dass seine spezifischen Gesetze bereits hinreichend bekannt sein müssen.“ Diese Aussage ist besonders deshalb so bemerkenswert, da Gerhard Roth auch zu den Proponenten des „Manifestes der Neurowissenschaftler“ zählte, dessen Aussagen in einem Neurodeterminismus gipfelten. Zu diesem Thema wurde auch am 26. Jänner 2008 am Symposium „Psychiatrie und Philosophie: Homo Neurobiologicus? – Menschenbilder der modernen Psychiatrie“ in München diskutiert.

Wie können wir heute noch über die Seele sprechen? Der Terminus „Seele“ hat in den Industrienationen der westlichen Welt das merkwürdige Privileg, einerseits immer noch allgegenwärtig und andererseits schon längst inexistent zu sein. Seele und Geist sind Begriffe, welche die Menschen über Jahrtausende bewegt und zu den verschiedensten Erkenntnissen angeregt haben. Eng im Zusammenhang mit dem Erstarken der Naturwissenschaften und mit dem Schwinden der haltverleihenden Strukturen von Philosophie und Religion schwindet auch der Seelenbegriff. Die Seele hat ihre transzendenten Anteile abgelegt, diese werden heute von der Theologie und den Religionen sowie – in Ansätzen – von Kunst und Literatur gehütet und bewahrt.

Aber selbst in der Gegenwart beinhaltet er noch ein großes Faszinosum: In der Alltagspsychologie dient der Terminus „Seele“ immer noch als Kürzel für emotionale Befindlichkeiten, er dient aber auch als Metapher für eine Person in ihrer Ganzheit und für die Würde des Menschen.

Insgesamt sind die Vorstellungen der Seele heute widersprüchlicher denn je, sie reichen von den Begriffen der Lebenskraft hin zur Summe der kognitiven Prozesse und zur metaphysisch gedachten Anima immortalis. Die Seele wird definiert als das Prinzip der Einheit der psychischen und geistigen Vorgänge, die empirisch jedoch nur in einzelnen Aspekten erfassbar sind; sie wird als Wesenheit gedacht, die die bewussten Erfahrungen des Ich zusammenfasst. Der Begriff der Seele ist – so er noch gebraucht wird – heute somit von einer verwirrenden Vielfalt, er fasst alle Regungen des Menschen zusammen, sein Bewusstsein, sein planendes Denken, seinen Antrieb, seine Gemütslage und seine Gestimmtheit. Die Seele kennzeichnet somit das Wesen eines Menschen und auch dessen Beziehungen zum Nächsten. Zur Seele, zum Begriff der Psyche, gehört ihr Mythos und eine vieltausendjährige Geschichte, gehören Metaphern und ein definiertes humanistisches Menschenbild.

Wechselhafte Geschichte

Den Fragen nach der letzten Wahrheit und der Seele sind die Menschen zu allen Zeiten mit großer Beharrlichkeit nachgegangen. Die Antworten fielen, je nach Zeitpunkt und dem geographischen Raum, unterschiedlich aus. Was die hebräische Bibel und das Neue Testament in tiefsinnige Gleichnisse kleidet und die Upanischaden in weitschweifenden Sprachgirlanden erzählen, formulieren die griechischen Philosophen in klaren Begriffen – deren Seelenvorstellung wird dann auch weitgehend in die christliche Lehre eingebunden. Meister Eckhart beschreibt die Seele in mystisch verklärter Ergriffenheit, C. G. Jung spricht von Animus und Anima, Sigmund Freud kreiert den Begriff des seelischen Apparates, der radikale Materialismus leugnet die Existenz und Eigenständigkeit mentaler und psychischer Prozesse. Bei J. Eccles feierte die Seele für kurze Zeit als „selbstbewusster Geist“ ihre Auferstehung.

Die Neurowissenschaften wollen aber, genauso wie die naturwissenschaftlich orientierte Psychiatrie und andere so genannte exakte Wissenschaften, von der Seele nichts mehr wissen. Francis Crick (1916-2004) bekannte in seinem Buch „Was die Seele wirklich ist“ mit Nachdruck: „Ein moderner Neurobiologe braucht die Vorstellung der Seele nicht, um das Verhalten von Menschen und anderen Lebewesen zu erklären.“

Diese kritische Haltung hat eine lange Tradition: Schon Voltaire (1694-1778) schrieb im „Philosophischen Wörterbuch“: „Seele nennen wir, was mit Leben erfüllt. Mehr wissen wir, weil unser Verstand beschränkt ist, leider nicht. Drei Viertel der Menschheit geht darüber nicht hinaus und hat an der Seele kein Interesse, das andere Viertel sucht und findet nichts, noch wird jemals irgendjemand etwas finden.“ Und selbst Friedrich Schiller (1759-1805) brachte im „Musenalmanach für das Jahr 1797“ die Seele zum Verstummen: „Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr.“

Die Seelenheilkunde

Die wechselhafte Geschichte des Seelenbegriffes spiegelt sich auch in der Entwicklung der „Seelenheilkunde“. Im Laufe ihrer Geschichte ist die wissenschaftliche Psychiatrie immer wieder verschiedenen Versuchungen erlegen – denken wir an die unkritische Generalisierung genetischer Ergebnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, an die sozialwissenschaftliche Gegenreaktion der Nachkriegsjahre, die im Klassenparadigma und im sozialen Konstruktivismus gipfelte, und an verschiedene psychoanalytische oder biologisch-psychiatrische Extremformulierungen. Heute scheinen vor allem die großartigen, beeindruckenden Erfolge der Neurowissenschaften und – in Abhängigkeit davon – der biologischen Psychiatrie die Betrachtungsweisen des Menschen in Gesundheit und seelischer Not zu definieren. In der Wissenschaft vom Menschen findet sich stets die Gefahr vereinfachender und verkürzender Theorien.Alle diese verschiedenen Sichtweisen sind extrem reduktionistisch, sie beinhalten lediglich Teilwahrheiten. Sinnvoll sind diese Gegensätze aber nur dann zu lösen, wenn sich Psychiater um eine umfassende Sichtweise des Menschen bemühen.

Sehr häufig aber beanspruchen diese Theorien, neue Menschen- und Weltbilder generieren zu können, die dann mit Absolutheitsanspruch vertreten werden. Dazu zählt in der Gegenwart einmal das Menschenbild der Ökonomie, das den Menschen als monetär determinierten Automaten sieht, zum anderen das Menschenbild der modernen Neurobiologie, das ihrerseits den Menschen als eine von subkortikalen Schaltkreisen dominierte, bio-molekulare Marionette charakterisiert: Der Mensch kann sein Handeln nur im Nachhinein von der kortikalen Ebene aus kommentieren, nicht aber selbst, nicht willentlich, gestalten.

„Gehirn“ versus „Person“

Der Terminus „Gehirn“ hat in der Sprache der Naturwissenschafter, aber auch der Psychologen und Psychiater, die Begriffe „Person“, „Seele“, „Ich“ oder „das Selbst“ weitgehend ersetzt. Gesund oder krank ist aber nicht allein das Hirn, sondern vielmehr die ganze Person. Es ist auch nicht das Hirn, das mit der Umwelt in Beziehung tritt, sondern der konkrete Mensch, die Person mit ihrer Biographie und den vielfältigen Prägungen, die ihr Dasein entwirft und entfaltet, deren Existenz gelingt oder scheitert. Die biologisch orientierte Psychiatrie und die Neurowissenschaften begeben sich in die Gefahr, nicht nur das Innenleben des Menschen, sondern auch dessen biographische Einmaligkeit und Individualität genauso aus dem Blickfeld zu verlieren wie die Fragen nach der Entstehung von Intuition und Kreativität und den Ursprüngen und Bedingungen des Geistes und des Bewusstseins.

Obgleich das Ich-Erleben auf gesetzmäßigen, neuroanatomischen Strukturen, neurophysiologischen Abläufen und definierten Informationsverarbeitungsprozessen gegründet ist, kann nur der Einzelne Zeuge seines eigenen Erlebens, seiner Wahrnehmungen und Emotionen sein. Das Durchsichtigmachen einer Person mittels bildgebender Verfahren, die Einblicke in seinen Biochemismus durch die Positronenemissionstomographie, das objektivierende Erhellen und die vielfältigen diagnostischen Maßnahmen können nicht das subjektive Erleben eines Menschen zeigen, sondern immer nur auf dessen organische Grundlage verweisen.

Sauberkeit und Klarheit sind besonders auch im semantischen Bereich angezeigt: Die Gleichsetzung der Individual- und Gemeinschaftsebene mit der biologisch-physiologischen Ebene birgt Gefahren in sich. Das Wort „Geist“ oder „Kognition“ kann beispielsweise auf zwei Ebenen angewandt werden. Darauf wies und weist immer wieder Daniel Hell hin. Wenn der schlecht definierte Begriff „Kognition“ einerseits für biologische, andererseits für psychische Phänomene gebraucht wird, besteht die Gefahr, dass Subjekt- und Objektebene ineinander übergehen, obwohl im einen Fall eine physiologische Funktion, im anderen Fall ein bewusstes Erleben gemeint ist und sich diese Dimensionen grundsätzlich unterscheiden. Aus der neurowissenschaftlichen Erklärung der biologischen Bedingungen für kognitive Prozesse wird plötzlich ein dem subjektiven Ich-Erleben entsprechender, geistig-psychischer Mechanismus. Trotz aller Fortschritte der bildgebenden Verfahren, der Neurobiochemie und der Molekulargenetik bleibt das Erleben selbst nur der jeweiligen Person vertraut. Die Selbstwahrnehmung, das Reagieren auf Anforderungen, die Einschätzung der jeweiligen Situation und das planende, vorausschauende Denken ist immer Ausdruck der jeweiligen Persönlichkeit mit ihrer Biographie und ihren neuronalen Voraussetzungen.

Das menschliche Bewusstsein

Ungelöst ist auch immer noch die Frage nach dem Selbstbewusstsein. Ist das „Ich“, ist der freie Wille, ist die Selbstreflexion nur eine Illusion, somit ein Ausfluss vorwissenschaftlichen Denkens und mythischer Ergriffenheit? Kann aber Selbstbewusstsein ausschließlich mit den Methoden der Hirnforschung erklärt werden? Kann „Bewusstsein“ mit dem Begriff „Gehirn“ oder „Person“ mit „Seele“ gleichgesetzt werden? Entsprechen dem Bewusstsein ausschließlich chemische und elektrische Vorgänge?

Die Neurowissenschaft tut sich sehr schwer aus der unübersehbaren Vielzahl neuronaler Aktivitäten ein einheitliches „Ich“ zu erklären. Den Geist einzig auf die Materie zu reduzieren bereitet auch in der Gegenwart noch unlösbare Schwierigkeiten: Die Eigenschaften des Geistigen müssten durch Eigenschaften des Materiellen eindeutig definiert werden. Auch der angesehene Neurowissenschaftler Kim glaubt nicht, dass die Eigenschaften eines so komplexen Systems wie des zentralen Nervensystems ausschließlich auf die Grundeigenschaften der Materie zurückgeführt werden könnten. Diesbezüglich äußerte der erst vor kurzem verstorbene Neurophysiologe Otto Creutzfeld folgende Gedanken: „Denken ist zwar gebunden an den Apparat des Gehirns ... aber es ist damit nicht hinreichend erklärt? Denn Denken setzt Symbole der Wirklichkeit voraus und kombiniert diese Symbole nach Gesetzen, die dieser Symbolwelt inhärent sind. Weder die Symbole dieser Welt noch die Logik ihrer Kombinationen sind aber durch neurale Strukturen festgelegt.“ Michael Hagner erläutert die Gedanken Creutzfelds mit einem aktuellen Beispiel: „Den Nervenzellen ist es gleichgültig, ob der Irakkrieg als berechtigt oder als widerrechtlich und unberechtigt angesehen wird. Den Menschen als politische Wesen ist dies aber nicht gleichgültig: Gerade dieser Unterschied ist von großer Bedeutung.“

Das menschliche Bewusstsein und die kognitiven Leistungen beruhen auf neuronalen Funktionen. Noch immer ist aber nicht bekannt, wie oder weshalb diese Eigenschaften entstehen. Auch für Damasio besteht immer noch ein zentrales Erklärungsdefizit: Wie entsteht aus einem neuronalen Muster ein Gedanke? Obwohl er zwar selbstredend überzeugt ist, dass Gedanken biologische Prozesse sind, bekennt er, dass dieser Übergang nicht beschreibbar ist: „Wir haben ja noch nicht einmal eine vollständige Theorie der physikalischen Materie. Finden wir erst einmal heraus, was Materie genau ist und dann lassen Sie uns über Immaterielles reden ... Wir wissen noch wenig über die Bedingungen, die dazu führen, dass der Kosmos, dass Leben überhaupt möglich ist. Es ist durchaus vorstellbar, dass es organisierende Kräfte gibt, die man ‚Natur‘ nennen könnte oder auch ‚strukturelle geistige Prinzipien‘. Ich möchte darüber nicht urteilen. Aber ich denke, es wäre sehr plump, das beim jetzigen Stand des Wissens rundweg abzulehnen.“ (A. Damasio 2000) Könnten die „strukturellen geistigen Prinzipien, die das vielfältige menschliche Leben ermöglichen“ nicht mit dem Begriff der Seele gleichgesetzt werden?

Auch Yves von Cramon gab kürzlich in seinem Festvortrag zum 40-jährigen Bestehen der Medizinischen Fakultät der TU München zu bedenken, „dass wir, um das Gehirn und seine Funktionsweisen bis ins Letzte zu verstehen, die Möglichkeiten der Materie bis ins Letzte durchschauen müssten, was wir ganz offensichtlich nicht können.“

Trotz des gigantischen Wissenszuwachses der Neurosciences muss in aller Bescheidenheit festgehalten werden, dass die Funktion des Gehirns nur in groben Ansätzen verstanden werden kann. Infolgedessen ist es auch nicht möglich, detailliertere, empirisch fundierte Hypothesen über die Wechselwirkungen zwischen Geist und Gehirn, zwischen Körper und Seele zu erarbeiten.

Gegen die Überwindung des Seelenbegriffes

„Unsere Kenntnisse über die biologischen Mechanismen von Wahrnehmung, Denken und Erinnern werden immer präziser, aber wissen wir damit“, fragt F. Müller-Spahn, selbst maßgebend an der Entwicklung der Neurowissenschaften beteiligt, „wie der immaterielle Geist Einfluss auf den materiellen Körper nimmt und umgekehrt? ... Ist die Hoffnung, das menschliche Bewusstsein, den Geist und die Seele als Funktion des Gehirns erklären zu können, nicht a priori zum Scheitern verurteilt? Sind sie mit Begriffen aus der Physik, der Molekularbiologie, der Chemie und der Informatik überhaupt definierbar?“ Er formuliert treffend Fragen und Positionen, die zunehmend in das Gesichtsfeld der Naturwissenschafter treten: „Die uralte und immer wieder aktuelle Schicksalsfrage der Menschheit nach den inneren Verbindungen von Geist, Psyche und Soma, nach dem biologischen Substrat der menschlichen Persönlichkeit und nach der Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen angesichts der Macht des Genoms wird zunächst weiterhin ein Mysterium bleiben. Es zu ergründen ist die gemeinsame Aufgabe der Philosophie, Psychologie und Biologie. Die moderne Naturwissenschaft ist ohne geisteswissenschaftliche Einbindung fragwürdig. Derzeit besteht offenbar eine allgemeine Tendenz, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Funktion des Gehirns überzubewerten. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Medizin wieder auf ihre tiefen philosophischen, metaphysischen Wurzeln besinnt.“

Die Psychiatrie bewegt sich seit ihrer Geburtsstunde vor 200 Jahren in eben diesem Spannungsfeld zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Trotz der starken naturwissenschaftlichen Orientierung ist die Psychiatrie, wie Nancy Andreassen vor wenigen Jahren schrieb, nach wie vor die am stärksten humanistisch-philosophisch geprägte medizinische Disziplin, eine Disziplin mit reicher philosophischer und kultureller Tradition.

In einem humanistischen Bild des Menschen findet der Seelenbegriff auch heute noch viele Befürworter: Der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer ortet die Seele in der Interaktion, sie existiert durch die Beziehung. G. Burda bezeichnet diese Funktion der Psyche als „intermediales Dazwischen“. In der Einfühlungsgabe, in der Empathie findet auch der Tübinger Theologe Dirk Evers den einzig möglichen Zugang zur Seele eines anderen. In „Die neuen Leiden der Seele“ schreibt Julia Kristeva (geboren 1941): „Die Seele garantiert die Verantwortung des lebenden Menschen seinem Körper gegenüber und entzieht ihn der biologischen Fatalität, indem sie ihn als sprechenden Körper betrachtet ... Die Seele macht handlungsfähig.“

Sind Seele, Geist, Person, Subjekt, Empathie, Introspektion, Selbstwahrnehmung heute im psychiatrischen Diskurs auch vernachlässigte Begriffe (Bach), so drücken sie doch eine Sichtweise aus, die das Verhältnis der Menschen zueinander bestimmt. Der Begriff „Seele“ steht somit immer noch als Metapher für ein Menschenbild, das von Ehrfurcht vor dem Menschen geprägt ist, das Wertschätzung und Achtung ausdrückt und Arzt und Therapeuten als Fürsprecher und Beschützer der ihm anvertrauten Patienten ausweist. Ein Abrücken von dieser Haltung birgt die Gefahr der Enthumanisierung der mitmenschlichen Beziehungen in sich.

Es gibt infolgedessen viele und gute Gründe, die Überwindung der Seele in einem rationalen Weltbild nicht widerstandslos hinzunehmen. Auch ernst zu nehmende Forscher bemühten sich um die Wiederaneignung des Begriffes der Seele. Körper und Seele sind zwei Perspektiven des Lebendigen, sie stellen zwei Betrachtungsmöglichkeiten ein und desselben Wesens dar, die nicht erst „zusammengesetzt“ werden müssen, weil sie beide nicht ohne die andere möglich sind. Diese These ist somit radikal nicht dualistisch. Christoph Rehmann-Sutter fasst diese Gedanken in treffender Weise zusammen: „Bei der Zuschreibung der Beseeltheit von lebenden Wesen handelt es sich um einen Akt der Anerkennung, um die Anerkennung der Würde, der Wertschätzung und der Rechte des Anderen, mit dem wir es zu tun haben ... Wir sind verantwortlich dafür, ob die lebendigen Anderen uns als beseelt erscheinen oder ob wir davon absehen und sie im Stand der Objekte belassen.“

1 Univ.-Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Sozialpsychiatrie, Innsbruck

* Der Text folgt einem Referat anlässlich des Festsymposiums „30 Jahre Österreichische Gesellschaft für Analytische Psychologie – C. G. Jung Gesellschaft" am 9. 5. 2009. In leicht veränderter Form wurde diese Arbeit auch am 26. 1. 2008 am Symposium „Psychiatrie und Philosophie: Homo Neurobiologicus? – Menschenbilder der modernen Psychiatrie“ an der Technischen Universität München vorgetragen.

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