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Böse oder krank? Diese Frage ist gewichtiger Gegenstand vieler Prozesse.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 12. Dezember 2009

Das ganz normale Böse

Das Böse ist der Preis, den wir für unsere Freiheit zahlen.Prof. Dr. Reinhard Haller begab sich auf die Suche nach dem Code der Bösartigkeit. Er war Sachverständiger in spektakulären Gerichtsfällen, vom Mörder Jack Unterweger bis zum Bombenleger Franz Fuchs. Im Gespräch mit der Ärzte Woche erklärt er, warum das Böse indirekt mit den Errungenschaften der Zivilisation korreliert, was eine Gesellschaft vom Schlachtfeld fernhält und warum wir unseren tumben Instinkt wachrütteln sollten.

 

Ich habe Ihr Buch mit wachsender Faszination gelesen und mich anschließend gefragt, warum uns das abgrundtiefe Böse derart fesselt?

HALLER: Zum einen faszinieren uns menschliche Extreme, und das Böse ist Teil eines extremen Verhaltens. Zum anderen wissen die meisten Menschen, dass auch sie böse Anteile in sich tragen. Im Normalfall werden diese dunklen Seiten gut kompensiert und unterdrückt, freilich ohne die Neugier daran zu verlieren. Sehen wir nun das Böse in anderen Personen oder Dingen, dann werden die dunklen Seiten dorthin projiziert, wo wir sie abgelöst von der eigenen Persönlichkeit betrachten können.

 

Sie versuchen, als Mann der Wissenschaft das Böse zu beurteilen und in einen ICD-Code zu packen. Wie geht das?

HALLER: Eigentlich ist das Böse ein unwissenschaftlicher Begriff und wird von theologischer, philosophischer und psychologischer Seite unterschiedlich verwendet. Trotzdem muss sich die Kriminalpsychiatrie festlegen und attestiert dem Bösen bestimmte Verhaltensbilder, wie Entmenschlichung anderer, fehlende Empathie, direkte Aggression, das Überspringen des Moralinstinktes sowie einen hohen Planungsgrad. Dies sind Aspekte, die vor allem beim psychopathischen Täter vorkommen. Aus Sicht des Gutachters dürfen freilich keine Störungen oder Erkrankungen vorliegen, die Verstand und freien Willen beeinträchtigen.

 

Was unterscheidet nun die kranke von der bösen Tat?

HALLER: Natürlich bleibt das Ergebnis gleich böse. Aber der Unterschied liegt in der Frage des freien Willens, die ein spannendes juristisches, neurologisches und philosophisches Rätsel ist. Es gibt ja Hirnforscher, die behaupten, wir wären für unsere Handlungen gar nicht verantwortlich. Vielmehr seien unsere Handlungen durch diverse Strukturen bzw. Anomalien und physiologische Abläufe vordeterminiert. Für eine funktionierende Rechtssprechung setzt der Gesetzgeber den freien Willen aber voraus. Wir Gerichtsgutachter müssen nun einschätzen, ob dieser infolge einer Geisteskrankheit oder eines Rausches zum Tatzeitpunkt eingeschränkt war. Die philosophische Seite der Willensfreiheit können auch wir nicht lösen.

 

Braucht es für grauenvolle Taten einen psychopathischen Charakter bzw. kranken Geist oder ist jeder zu einer Gräueltat imstande?

HALLER: Hier muss ich die zwei wichtigsten Thesen hinsichtlich der Anfälligkeit gegenüber dem Bösen erklären: Zum einen gibt es die Ansicht, dass der Mensch als gewalttätiges Wesen geboren wird, dem man mithilfe der Erziehung und der Kultur das Böse erst nehmen muss, während Vertreter der anderen Seite den Menschen als primär gut bewerten, der durch die schnöde Welt jedoch in Versuchung geführt wird. Ich selbst neige der ersten These zu und erkenne demnach die Bedeutung der Erziehung und der Verbrechensprävention an. Prinzipiell halte ich unter bestimmten Umständen jeden zu einer Tötung für fähig, sei es in Notwehr, im heftigen Affekt oder in einer verzweifelten Situation. Natürlich hängt die individuelle Messlatte der Tötungshemmung unterschiedlich hoch.

 

Demnach kann die zivilisierte Gesellschaft die Neigung zur bösen Tat kulturell und erzieherisch eindämmen?

HALLER: So ist es. Und auch wenn es simpel klingt. Die Umgebung gibt die entscheidenden Impulse. Folgerichtig ist es bedeutungsvoll, wie stark Faktoren wie Mitmenschlichkeit, Empathie und Kultur in der Gesellschaft verankert sind. Schwinden sie, so ist auch das Böse im Vormarsch. Ich stimme in diesem Zusammenhang Freud zu, der die Förderung der Kultur auf allen Ebenen empfiehlt. Neben der Kunst zählt auch der sportliche Wettstreit dazu, der fast alle Elemente eines Krieges aufweist und daher als Kriegsersatz fungiert. Denken Sie etwa an den Fußball, wo es um Sieg und Niederlage geht, um den Aufmarsch der Fans mit Uniformierungen, um Angriff und Verteidigung und so weiter. Viele sehen darin eine primitive Geschichte – ich nicht. Das ist ein Fortschritt, denn ist es nicht besser, dass die Menschen mit Bällen aufeinander schießen als mit Kanonen und Gewehren?

Was wir nicht können, ist das Böse zu verbieten. Denn je mehr wir versuchen, die Kultivierung des Bösen zu unterdrücken, umso eher wird es an einem anderen Ort wieder herauskommen. Der Mensch braucht die freie Entscheidung, und das Böse ist nun einmal der Preis, den wir für die Freiheit zahlen.

 

Ich denke jetzt an Stanley Kubricks A Clockwork Orange. Das klingt nämlich so, als ob man das Böse bei jedem Menschen abbauen kann.

HALLER: Das könnte man mit Ja beantworten, freilich mit Einschränkungen. Bei Menschen mit psychopathischem Charakter ist das Böse tief in ihrer Persönlichkeit verwurzelt, ein dominanter Teil ihres Wesens. Der Psychopath ist gewissenslos und hat kaum moralisches Verantwortungsgefühl. Darüber hinaus ist er ein extremer Narziss ohne Empathie. Natürlich zeigen solche Menschen eine starke Tendenz zu delinquentem Verhalten und sadistischer Aggression.

Ist das Böse hingegen Ausdruck eines kranken Geistes, so liegt es an uns Ärzten, dem mit therapeutischen Mitteln entgegenzuwirken. So können wir etwa bei Menschen, die aufgrund einer psychischen Störung gewalttätig sind, Neuroleptika verabreichen oder eine Psychotherapie einleiten. Hier tragen wir Ärzte eine gewaltige Verantwortung.

 

Sie sagten vorhin, dass jeder Mensch das Böse in unterschiedlichen Schattierungen in sich trägt. Wie soll man sich damit arrangieren?

HALLER: Unsere dunklen Seiten werden schon in Alltagssituationen provoziert. So führen beispielsweise fortgesetzte Partnerschaftsprobleme, Mobbing oder andere tiefe Kränkungsgefühle dazu, dass heftige Emotionen freigesetzt werden. Wenn dann auch noch berauschende Stimulanzien hinzukommen, entsteht ein explosiver Cocktail.

Was wir tun können, um solche Entwicklungen zu stoppen, liegt also auf der Hand: Zum einen sollten wir weniger kränken, aber auch weniger kränkbar werden, wie es im Zeitalter des Narzissmus derzeit üblich ist. Wir müssen lernen, unseren Emotionen mit mehr Gelassenheit – nicht mit Gleichgültigkeit! – gegenüberzustehen. In Partnerschaften müssen wir uns um einen Machtausgleich bemühen. In meiner Arbeit lernte ich bald, wie gefährlich die einseitige Verteilung von Macht sein kann. Außerdem denke ich, dass ein kultivierter Umgang mit Alkohol und Drogen potenziell böse Situationen entschärft. Letztlich aber ist in jedem Menschen ein bestimmtes Quantum an Moralinstinkt vorhanden, das wir stärken und pflegen sollten. Mir ist durchaus bewusst, dass dies vielleicht unwissenschaftlich klingt.

 

In Ihrem Buch schreiben Sie allerdings, dass das Böse nicht unbedingt genetisch determiniert ist, warum soll es dann die Moral sein?

HALLER: Das Böse als ganzes Komplexes ist tatsächlich nicht von Natur aus vorhanden. Allerdings gibt es genetisch geprägte Verhaltensweisen, die zum Bösen führen können, beispielsweise Jähzorn oder Impulsivität. Kurzum, diverse Wurzeln des Bösen lassen sich von unseren Genen ableiten. Das gilt auch für die Psychopathie, die zu einem erheblichen Teil angeboren sein kann. Andererseits gibt es Theorien, die als Auslöser dieser Verhaltensstörungen frühkindliche Traumatisierungen, Quälereien oder eine lieblose Erziehung anführen.

Was den Moralinstinkt betrifft, so wurden in allen Kulturen und Zeiten, unabhängig von Sprache und Religion, bestimmte Taten als böse definiert. Die angeborene Hemmung, solchen Verhaltensweisen zu folgen, wird als Moralinstinkt subsumiert. Weil wir diesen Instinkt aber nicht lokalisieren können, gilt es noch als unwissenschaftlich, sich eingehend mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei ist es gerade ein anderer Instinkt, nämlich der des allerersten Eindruckes, der uns häufig vor bösen Menschen warnt. Das Gefühl des „da stimmt etwas nicht“ sollte von jedem Einzelnen kultiviert und von der Forschung deutlich mehr beachtet werden.

 

Widerspricht dies nicht der Auffassung, dass gerade Psychopathen charmante und redegewandte Blender sind.

HALLER: Es gibt wirklich den Charme des Psychopathen, das ist Teil seiner malignen Persönlichkeit. Viele Opfer, die der oberflächlichen Ausstrahlung dieser Menschen erlegen sind, bereuten, der allerersten Eingebung nicht nachgegeben zu haben. Diese wird laut neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen bereits nach zirka 0,6 Sekunden gebildet.

 

Nehmen wir an, ich hätte das Böse in einem Menschen aufblitzen sehen, wie kann ich mich schützen, wenn er sich im unmittelbaren Umfeld wie Familie oder Berufsleben befindet?

HALLER: Das ist sehr schwierig, vor allem, weil diese Psychopathen häufig an den Hebeln der Macht sitzen. Klassischerweise fand man sie zu früheren Zeiten in kriegerischen Positionen, die ja heute nicht mehr in dieser Fülle vorhanden sind. Heute leiten sie durchaus die wirtschaftlichen Geschicke von Unternehmen, da ein psychopathischer Charakter beileibe kein Hindernis für das Erklimmen der Karriereleiter ist, die Spielwiese für Psychopathen ist deutlich breiter geworden. Oft verrät Psychopathen auch ihre Ausdrucksweise, beispielsweise wenn ein Manager eine Firma saniert und „250 Stellen freisetzt“, dann ist das schon sehr entlarvend. Hier kann ich den Rat geben, diese Menschen möglichst auf Distanz zu halten.

 

Wie wichtig ist das Böse in geringen Nuancen für das tägliche Überleben, oder anders gefragt, gibt es die gesunde Portion Bösartigkeit?

HALLER: Ich zitiere in meinem Buch den Philosophen Friedrich Nietzsche, der böse Triebe als zweckmäßig, arterhaltend und ebenso unentbehrlich wie die guten bezeichnet. Reduziert man das Böse auf den Aggressionstrieb, dann ist dieser Impuls natürlich wichtig für unser tägliches Überleben und zum Schutze unserer Interessen. Aggression ist in seiner Urform zwar auch eine destruktive Kraft, allerdings kann sie in einer höheren Form im Wettbewerb, im Sport und sogar in der Kunst Großartiges hervorbringen.

Das wirklich Böse beginnt aber dort, wo man andere bewusst schädigt, insbesondere dann, wenn man es weitgehend frei von Emotionen und Affekten tut und seine innere Instanz, also den vorhin erwähnten Moralinstinkt, spürbar überschreitet.

 

Wie viel Böses geht von Menschen aus, die es eigentlich nur gut meinen?

HALLER (lacht): Jaja, das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Das passiert dann, wenn an sich gute Ideen zur Obsession werden. Fanatiker neigen ja dazu, ihre Sicht der Dinge anderen rücksichtslos aufzudrängen. Dafür gibt es genügend Beispiele, auf religiöser Ebene etwa die Hexenverbrennungen im Mittelalter. Wenn sich Menschen über andere erheben und über sie richten, dann beginnt für mich das Gute böse zu werden, auch wenn dahinter ein hehres Ziel steht.

 

Sie treffen aufgrund Ihrer Arbeit täglich auf das Böse. Gibt es noch etwas, was Ihnen den Schlaf raubt?

HALLER: Mein Umgang mit dem Bösen ist ein bewusst akademischer. Ich versuche mir diese wissenschaftliche Brille zu erhalten, sonst wäre vieles schwer aushaltbar. Der Onkologe hat ja auch nicht ununterbrochen Angst vor einem Karzinom, obwohl er über dessen Gefahren genau Bescheid weiß. Und doch, Taten, denen Kinder zum Opfer fallen, die rauben mir auch heute noch den Schlaf.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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