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Abb. 1: Diabetes und Depression sind in Österreich häufig miteinander vergesellschaftet
 
Psychiatrie und Psychotherapie 11. November 2009

Depression und Diabetes

Silvia Reiszner und Karin Gutiérrez-Lobos, Wien

Sind Frauen anders krank?

Depression und Diabetes stellen eine schwer zu therapierende Kombination dar

Sowohl die Depression als auch der Diabetes mellitus sind weit verbreitete Leiden mit ausgeprägtem Einfluss auf die Lebensqualität, Berufsunfähigkeit, Lebenserwartung und Gesundheitskosten. Gemäß WHO ist zu erwarten, dass die depressiven Erkrankungen im Jahr 2020 nach Herz-Kreislauferkrankungen bereits die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit darstellen werden. Die häufigsten Krankheiten bei (vorzeitigen) Invaliditätspensionen von Frauen in Österreich liegen bereits jetzt in der Psyche (1). In Österreich leiden derzeit mindestens 400.000 Menschen (5 % der Bevölkerung) an einer behandlungsbedürftigen Depression. Weiters findet man weltweit einen Anstieg von Adipositas und damit verbunden eine stetig steigende Zahl an Typ-2-Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen. Schätzungen zufolge leiden mindestens 100.000 ÖsterreicherInnen an einer Depression und einem Typ-2-Diabetes (Abb. 1).

Korrelation zwischen Diabetes und Depression

Zwischen Diabetes mellitus und depressiven Erkrankungen besteht eine enge Wechselbeziehung. Statistisch gesehen besitzen DiabetikerInnen gegenüber der Normalbevölkerung ein etwa zweifach erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Umgekehrt zeigen die Ergebnisse einer Metaanalyse von Knol et al. (2006), dass Depressionen die Wahrscheinlichkeit, nachfolgend an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, um 37 % erhöhen (2). Weiters haben Frauen mit Diabetes ein zweifach erhöhtes Risiko für depressive Störungen.

Kein Erklärungsmodell für gehäuftes Auftreten

Obwohl bis heute kein abschließendes Erklärungsmodell für die erhöhte Depressionsprävalenz und die daraus resultierenden Wechselwirkungen zwischen Depression und Diabetes vorliegt, herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass es sich um ein komplexes Geflecht psychosomatischer und somatopsychischer Interaktionen handelt. Die depressive Erkrankung bei DiabetikerInnen, sowie bei NichtdiabetikerInnen, wird trotz der hohen Anzahl an betroffenen Personen wenig bis gar nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen und wird unter Praxisbedingungen oft nicht erkannt und unzureichend behandelt.

Sehr unterschiedliche Präsentation der Depression

Des Weiteren kann das Erscheinungsbild von Depressionen, die von Interesse-, Freud- und Antriebslosigkeit gekennzeichnet sind, sich bei Frauen und Männern oft sehr unterschiedlich zeigen. Bei Männern stehen oft Schlaflosigkeit und Agitiertheit, Gereiztheit im Vordergrund, während Frauen häufiger über Symptome wie Müdigkeit, Appetitsteigerung, Gewichtszunahme, psychomotorische Verlangsamung, sozialer Rückzug sowie ein erhöhtes Schlafbedürfnis berichten. Zu den typisch weiblichen ätiologischen Faktoren für depressive Erkrankungen zählen Doppel- und Dreifachbelastungen, die aus der Verantwortung für Kinder (eventuell als Alleinerzieherin), der Integration in die Arbeitswelt und der Betreuung der Elterngeneration rühren.

Kardiovaskuläre Komplikationen und Diabetes

In Bezug auf kardiovaskuläre Komplikationen ist bekannt, dass die Diagnose „Diabetes“ das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko bei Frauen negativer zu beeinflussen scheint als jenes von männlichen Patienten. Mögliche Erklärungen sind einerseits der Verlust kardioprotektiver Wirkung von Sexualhormonen und andererseits weniger aggressive therapeutische Maßnahmen (3).

Allgemein gehen unbehandelte Depressionen mit gesundheitsschädigendem Verhalten einher. Depressive DiabetikerInnen rauchen eher, sind wenig motiviert für Bewegung und haben schlechtere Ernährungsgewohnheiten beziehungsweise ist die korrekte Medikamenteneinnahme vielfach auch problematisch (4, 5). Auch ist die Tatsache, dass sich Frauen und Männer im Gesundheitsverhalten unterscheiden, zu berücksichtigen (z. B. neigen Frauen dazu im Arztgespräch ihre Beschwerden zu verharm- losen).

Ineinander verknüpfte Therapie notwendig

Die Wechselbeziehung zwischen Diabetes und Depression ist für die Therapie bedeutsam, da einerseits die konsequente Behandlung einer Depression die Stoffwechsellage bei Diabetes verbessern kann und umgekehrt kann sich eine optimale Blutzuckereinstellung positiv auf den Verlauf einer Depression auswirken. Depressionen sind bei DiabetikerInnen mit Antidepressiva und / oder Psychotherapie annähernd so gut behandelbar wie bei depressiven PatientInnen ohne Diabetes. Bei der pharmakologischen Behandlung der Depression bei DiabetikerInnen ist zu bedenken, dass das verwendete Präparat keine Steigerung des Gewichts oder Appetits bewirken soll, und auch unerwünschte Effekte auf das Herz-Kreislauf-System sollen möglichst gering sein. Der Wirkstoff Sertralin (SSRI) hat sich als geeignetes Mittel zur Rückfallprophylaxe herauskristallisiert (6). Weniger geeignet sind trizyklische AD, welche mit einer Gewichtszunahme einhergehen, bzw. scheint auch die Einnahme von atypischen Antipsychotika mit einem höheren Risiko zur Entwicklung eines Typ-2-Diabetes verbunden zu sein.

Selten adäquate Therapie

Selbst wenn eine depressive Erkrankung erkannt wird, kommt es jedoch nur in der Minderzahl der Fälle zu einer adäquaten Therapie. Hauptgründe sind Ängste der PatientInnen vor Psychopharmaka oder Psychotherapie, frühzeitige Therapieabbrüche, unterdosierte Medikation oder aber auch ungeeignete Präparate. Es ist wichtig, dass eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung aufgebaut wird, um ein Behandlungskonzept zu erstellen, und entsprechende Medikamentendosen individuell angepasst werden.

Literatur

 

(1) “Die Presse”, Print-Ausgabe, 04.02.2009.

(2) Knol MJ, Twisk JWR, Beekman ATF, Heine RJ, Snoek FJ, Pouwer F (2006) Depression as a risk factor fort he onset of type 2 diabetes mellitus. A meta-analysis. Diabetologica 49: 837-845.

(3) Lin EHB, Katon W, Von Korff M, et al (2004) Relationship of depression and diabetes selfcare, medication adherence, and preventive care. Diabetes Care 27: 2154-2160.

(4) Gonzalez JS, Safren SA, Delahanty LM, Cagliero E, Wexler DJ, Meigs JB, Grant RW (2008) Symptoms of depression prospectively predict poorer self-care in patients with type 2 diabetes. Diabet Med 25: 1102-1107.

(5) Göbl C (2009) Werden empfohlene Zielwerte gleichermaßen erreicht? Gendermedizin 1: 14-15.

(6) Petrak F, Herpertz S (2009) Treatment of depression in diabetes: an update. Curr Opin Psychiatry 22: 211-217.

Zur Person
Mag.a Silvia Reiszner
Klinische und Gesundheitspsychologin
Vizerektorat für Personalentwicklung und Frauenförderung
Medizinische Universität Wien
Spitalgasse 23
1090 Wien
Fax: ++43/1/40160-910180
E-Mail:
Zur Person
Ao. Univ.-Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos
Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapeutin
Vizerektorin für Personalentwicklung und Frauenförderung
Medizinische Universität Wien
Spitalgasse 23
1090 Wien
Fax: ++43/1/40160-910180
E-Mail:

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