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© Foto: Carolin Knabbe, Schön Kliniken
Abb. 1: Training des räumlichen Gehörs bei Schwerhörigkeit und Tinnitus
© Schön Kliniken

Univ.-Doz. Dr. Gernot Langs

© Privat

Dr. Christine Schneider

Nach Jastreboff, 1996

Abb. 3: Habituation der Reaktion

© Buenos Dias / photos.com

Abb. 4: Vor dem Geräusch im Kopf gibt es kein Entkommen.

Abb. 5: Henne oder Ei? (Langs et al.)

Langs und Schneider

Abb. 6a: Die „Tinnitus-Spirale“

Nach Hautzinger

Abb. 6b: Der Zusammenhang von Stimmung und Aktivitäten

 
Psychiatrie und Psychotherapie 11. November 2009

Therapie des chronisch-komplexen Tinnitus

Der integrativ-verhaltensmedizinische Ansatz

Tinnitus ist ein Phänomen, welches für fast jeden Menschen physiologisch unter ruhigen Umgebungsbedingungen subjektiv wahrnehmbar wird. Im psychosomatisch-psychotherapeutischen Setting ist dieses Symptom in der Regel im Rahmen einer Somatisierungsstörung (F45.0; F45.1) oder des chronisch-komplexen Tinnitus (F54.0, H93.1) anzutreffen. In der vorliegenden Arbeit wird ein integrativer HNO-ärztlicher und psychosomatischer Therapieansatz vorgestellt: Ziel der Behandlung ist es, die Komponenten der akustischen Wahrnehmung zu reorganisieren, das Ohrgeräusch und die psychisch emotionale Wertung zu entkoppeln sowie dessen psychologische Bedeutung zu ändern. Weiters wird ein Modell vorgestellt, wie die Depression – als häufigste komorbide Achse-I-Störung – in das diagnostisch-therapeutische Erklärungsmodell integriert werden kann. Zuletzt werden Möglichkeiten erörtert, wie Patienten mit chronisch-komplexem Tinnitus zur Aufnahme einer psychotherapeutischen Behandlung motiviert werden können.

Tinnitus – vom lateinischen „tinnere“ = klingeln – beschreibt die subjektive Wahrnehmung von Tönen und Geräuschen ohne einen entsprechenden akustischen Reiz von außen (Abb. 4). Im angloamerikanischen Sprachraum wurde der Terminus „Tinnitus“ bereits 1693 im Oxford English Dictionary erwähnt – es handelt sich also nicht um ein neues Phänomen oder eine Modediagnose.

Grundsätzlich lässt sich zwischen einem subjektiven und einem objektiven Tinnitus unterscheiden, wobei der objektive Tinnitus durch physiologische oder anatomische Anomalien bedingt ist und durch entsprechende Untersuchungsmethoden (wie Auskultation) auch für die Umgebung „hörbar“ gemacht werden kann. Davon unterscheidet man den subjektiven Tinnitus, der nur vom Betroffenen wahrgenommen wird und derzeit mit den gängigen audiologischen Methoden nicht zu objektivieren ist. Ansatzweise gelingt dies bei der Messung der Distorsionsprodukte otoakustischer Emissionen. Die otoakustischen Emissionen objektivieren die cochleäre Funktion und messen die Funktionsfähigkeit der äußeren Haarzellen im Innenohr.

Die äußeren Haarzellen sind efferent organisiert und haben die Aufgabe, eingehende akustische Signale zu verstärken oder abzuschwächen. In dem damit verbundenen so genannten Steigerungsprofil lässt sich eine Norm-, Hypo- oder Hyperfunktion der Sinneszellen darstellen. Bei Patienten mit Tinnitus ist das Wachstumsprofil auffallend steil im Sinne einer Hypermotilität der äußeren Haarzellen. Der Tinnitus könnte somit als Folge der vermehrten Aktivität des cochleären Verstärkers (= äußere Haarzellen) gewertet werden. Auf den konkreten Ablauf der Untersuchung wird im Verlauf noch eingegangen.

Von einem akuten Tinnitus spricht man bei einer Dauer von bis zu drei Monaten. Pathophysiologisch für den primären Generator des Ohrgeräusches können sowohl cochleäre als auch zentrale auditive Mechanismen sein, wobei über 90 Prozent der Tinnituspatienten eine cochleäre Hörstörung haben. Die Tinnitusfrequenz liegt dann in der Regel im Bereich des größten Hörverlustes. Letztendlich kann ein Ohrgeräusch jedoch auf allen Stationen der Hörbahn generiert werden. Die Ursachen der Hörstörung können mannigfaltig sein: Hörsturz, akutes Lärmtrauma oder eine schubweise progrediente Innenohr-Hörstörung. Die therapeutischen Ansätze im Akutstadium sind dementsprechend unterschiedlich.

Bei Normakusis, also wenn keine Schädigung der Sinneszellen vorliegt, geht man von einer Schwächung des zentral auditiven Filtersystems aus: Die Spontanaktivitäten aus der Cochlea und dem Hörnerven werden in die bewusste Wahrnehmung eingeschaltet. Die Funktionsfähigkeit des zentral auditiven Filters ist eklatant mit der emotionalen Verfassung des Patienten verbunden. Stressoren jeglicher Art schwächen die Filterfunktion und die Trennung zwischen Stör- und Nutzschall ist damit beeinträchtigt. In der Folge gelangen Störsignale aus der Schnecke, oder eben auch die normale Spontanaktivität, in die bewusste auditive Wahrnehmung.

Einteilung des Tinnitus

Viele Menschen leiden unter Ohrgeräuschen: So fanden Heller und Bergmann, dass in einem schalldichten Raum 94 Prozent der Probanden ein Geräusch wahrnahmen, das sie als „von den Ohren kommend“ beschrieben. Dies bedeutet, dass Tinnitus unter bestimmten Umgebungsbedingungen, zum Beispiel absolute Stille, als normales physiologisches Phänomen zu werten ist. Das Ohrgeräusch wird durch Umgebungsgeräusche unterdrückt und dann nicht mehr wahrgenommen. Krankheitswert bekommt das Ohrgeräusch erst, wenn Betroffene dadurch eine Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität erfahren. Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde wird der Schweregrad der Erkrankung in vier Stadien erfasst:

  • Als kompensiert gilt der Tinnitus im Grad I und II. Beim Grad I besteht kein Leidensdruck, beim Grad II ist das Ohrgeräusch hauptsächlich in der Stille hörbar und stört unter Stress und Belastung.
  • Als dekompensiert gilt der Tinnitus im Grad III und IV mit massiver Beeinträchtigung aller Lebensbereiche und Entwicklung einer Sekundärsymptomatik bei hohem Leidensdruck. Die Ohrgeräusche führen zu einer dauerhaften Beeinträchtigung im privaten und beruflichen Bereich mit Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Erleben bis hin zur Berufsunfähigkeit.

 

Zudem wird eine Unterscheidung nach dem Zeitverlauf vorgenommen: Das akute Stadium reicht vom ersten Auftreten bis zu einer Dauer von drei Monaten, die subakute Phase bewegt sich zwischen drei Monaten bis zu einem Jahr. Besteht der Tinnitus länger als ein Jahr, spricht man vom chronischen Tinnitus.

Nach einer Studie der Deutschen Tinnitus Liga aus dem Jahr 1999 leiden 1,1 Prozent der deutschen Bevölkerung unter einem Tinnitus Grad III oder IV, das sind etwa 1,5 Millionen Menschen.

Therapeutische Ansätze

Das Versorgungssystem für Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen in Deutschland unterscheidet sich in vielen Punkten von jenem in anderen europäischen Ländern. Neben der Tatsache, dass Richtlinienpsychotherapie von den gesetzlichen Krankenkassen beziehungsweise den privaten Krankenversicherungen übernommen wird, stehen auch im teil- beziehungsweise vollstationären Setting psychosomatische Behandlungsangebote zur Verfügung. In den letzten Jahren sind durch die Kooperation von HNO-Fachärzten und Psychotherapeuten und die Unterstützung von Seiten der Selbsthilfegruppen „Tinnituszentren“ entstanden, die sich auf die Behandlung des chronisch-komplexen Tinnitus spezialisiert haben. Auf die Unterschiede in den Versorgungs-Systemen kann hier nicht im Detail eingegangen werden; die therapeutischen Möglichkeiten werden deshalb prototypisch dargestellt und können an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden.

Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Die Durchführung der Tinnitus-Retraining-Therapie erfordert die enge Zusammenarbeit eines HNO-Facharztes mit einem (ärztlichen oder psychologischen) Psychotherapeuten und einem Hörgeräteakustiker. Ziel der TRT ist es, dem Patienten ein mehrdimensionales Tinnitusverständnis zu vermitteln, um aus dem Erklärungsmodell die entsprechenden Bewältigungsstrategien ableiten zu können. Viele Betroffene sind aus nachvollziehbarem Grund der Meinung, dass „mit den Ohren etwas nicht in Ordnung“ sei. Dies ist analog zu sehen mit der Auffassung, wie sie beispielsweise für Schmerz zutreffend ist, dass nämlich dessen zugrundeliegende Ursache immer in dem Organ oder Körperteil liegen müsse, in dem er wahrgenommen wird. Dies trifft für akute Schmerzen und Beschwerden in der Tat zu, da sie hier als Warnzeichen zu werten sind. Neue Forschungsergebnisse, auch mit funktioneller Bildgebung (PET, fMRI), haben jedoch eindrucksvoll gezeigt, dass für chronische Beschwerden, etwa chronischen Schmerz und chronisch-komplexen Tinnitus, in erster Linie funktionelle, zentralnervöse Mechanismen verantwortlich sind.

Jastreboff und Hazell (Abb. 3) entwickelten 1993 ein neurophysiologisches Modell, das den Tinnitus unabhängig von seinem primären Generator als Folge abnormer neuronaler Aktivität in der Hörbahn sieht, die in höheren auditorischen Zentren als Geräusch interpretiert wird. Diese Erkenntnis wurde aus Elementen der Verhaltensforschung im Tiermodell und elektrophysiologischen Messungen der Spontan aktivität des Colliculus inferior gewonnen. TRT versteht sich als Counselling, nicht aber als Psychotherapie im engeren Sinne: Ursprünglich basiert das TRT-Konzept auf einem ausführlichen Anamnesegespräch unter besonderer Berücksichtigung der Hörstörungen wie Tinnitus, Hyperakusis und Schwerhörigkeit. Danach wird der Patient ausführlich neuro-otologisch und allgemeinmedizinisch untersucht.

Auf dem Boden der Diagnostik erfolgt ein sogenanntes direktives Counselling: Die Befunde werden erklärt und die Zusammenhänge der Hörverarbeitung und der damit verbundenen besonderen Bewertung von Ohrgeräuschen vermittelt. Primäres Ziel ist die Entängstigung des Patienten. In der dazugehörigen Soundtherapie wird der Betroffene dazu angeleitet, Umweltgeräusche aktiv in die bewusste Wahrnehmung mit einzubeziehen, um eine Reduktion der Tinnituswahrnehmung zu erreichen, wobei auch Noiser eingesetzt werden können.

Der integrativ-verhaltensmedizinische Ansatz

Basierend auf der TRT wurde der integrativ-verhaltensmedizinische Ansatz entwickelt, der zwar auch die Multiprofessionalität als Voraussetzung hat, über Counselling aber weit hinausgeht. Die Therapeuten erstellen gemeinsam mit ihren Patienten ein individuelles Erklärungsmodell beziehungsweise Störungsmodell, in das neben dem chronisch-komplexen Tinnitus auch komorbide somatische und psychische Störungen integriert werden. Sowohl aus Kompetenzgründen als auch aus Gründen der Therapie-Adhärenz wird dabei der Kooperation und Kompetenz der einzelnen Experten ein sehr hoher Stellenwert beigemessen.

Die Aufgaben des HNO-Arztes sind die umfassende Diagnostik und Beratung. So erfolgen zu Beginn der Therapie eine HNO-ärztliche Spiegeluntersuchung und eine neuro-otologische Basisdiagnostik, um organische Grundlagen des Tinnitus zu erfassen. Dazu gehören Reintonaudiogramm, Sprachaudiogramm, audiometrische Tinnitusbestimmung, otoakustische Emissionen und die Hirnstammreflexaudiometrie (BERA).

  • Das Reintonaudiogramm erfasst das Hörvermögen für reine Töne zwischen 0,125 und 8 kHz.
  • Das Sprachaudiogramm gibt Auskunft über die Wortverständlichkeit. Der Patient spricht einsilbige Wörter (z.B. Baum, Raum etc.) und mehrsilbige Zahlen nach.
  • Die Bestimmung der Tinnitusfrequenz erfolgt subjektiv am Audiometer. Dem Patienten werden verschiedene Geräusche dargeboten, und zwar in der Regel Geräusche der Qualitäten tonal, Schmalband- oder Breitbandrauschen unterschiedlicher Frequenzen, bis eine Zuordnung der Qualität möglich ist.
  • Die Tinnitusintensität wird durch die Messung der Verdeckbarkeit ermittelt. Nachdem die Tinnitusfrequenz ermittelt wurde, wird die gefundene Frequenz beziehungsweise das Frequenzgemisch in Schritten von 5 dB so lange gesteigert, bis der Patient angibt, seinen eigenen Tinnitus nicht mehr wahrzunehmen. Hier kann man in der Regel feststellen, dass der Tinnitus bei der Messung nie höher als 15 bis maximal 20 dB über der Hörschwelle liegt und zwar immer unabhängig davon, wie laut und quälend der Patient sein Ohrgeräusch zum Zeitpunkt der Messung erlebt. Zum Vergleich: Das Ticken einer Uhr ist etwa 15 db laut, das Rascheln von Laub beim Spaziergang durch den Park 20 db.

 

Die Messung der otoakustischen Emissionen stellt eine objektive Hörprüfung dar und ist ein Parameter zur Prüfung der Funktionsfähigkeit der äußeren Haarzellen (Sinneszellen im Innenohr). Distorsionsprodukte werden ermittelt, indem das Ohr mit zwei unterschiedlichen Prüftönen, die zueinander in einem festen Verhältnis stehen, beschallt wird und deren Reaktionen mit Hilfe zweier Mikrophoneinheiten und einer empfindlichen Computeranalyse ausgewertet werden. Auf Basis des Reintonaudiogrammes wird unterschieden in Norm-, Hypo- und Hyperfunktion. Mit Hilfe der Hirnstammreflexaudiometrie können Veränderungen des Hörnerven, beispielsweise Akustikusneurinome, erfasst werden.

Bei speziellen Fragestellungen erfolgen auch psychoakustische Messungen wie BMLD (= binaural masking level difference) oder gap detection (dient der sicheren Unterscheidung so genannter Plosivlaute), beispielsweise bei Hinweisen auf zentral auditive Verarbeitungsstörungen. Diese ergeben sich, wenn anamnestisch Hinweise auf eine Hörstörung, die sich in Gruppensituationen oder im Störschall bei Hintergrundgeräuschen bemerkbar machen, vorliegen.

Dem Patienten werden im neuro-otologischen Counselling die Befunde mit dem Ziel erklärt, sie selbst zu verstehen und zu interpretieren. Der Patient wird durch diese Informationen, ganz im verhaltenstherapeutischen Sinn, zum Experten seiner Erkrankung. Dies führt zu einer Verminderung der „Katastrophisierungstendenzen“ in Bezug auf den Tinnitus und damit zu einer Reduktion des Angstlevels. Negative Kognitionen, wie „der Tinnitus wird womöglich immer lauter oder macht mich verrückt“ können ausgeräumt werden. Dies gibt dem Betroffenen zunehmend die Möglichkeit, sich objektiv mit seinen Beschwerden auseinanderzusetzen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die gezielte Behandlung der Hörstörungen, die durch die oben erwähnte audiologische Diagnostik erfasst und auch quantifiziert werden. Im Vordergrund steht als aktives Verfahren die Hörtherapie. Diese basiert auf der Fähigkeit des Gehirnes über Lernprozesse plastische Veränderungen (= Neuroplastizität) zu erreichen. Der Patient lernt, den Störungen des Hörens mit den eigenen Hörfähigkeiten zu begegnen. Dazu sind die Übungen sehr einfach, damit sie nach Beendigung der Therapie auch ohne therapeutische Begleitung und ohne großen technischen Aufwand angewendet werden können. Als Beispiel sei das Lauschen von positiv besetzten Naturgeräuschen angeführt. Die Patienten werden auch motiviert, eine eigene „Lieblingsübung“ zu kreieren.

Dieses Vorgehen fördert die Compliance und ermutigt die Betroffenen, die Übungen regelmäßig im Alltag anzuwenden. Inhalte beziehungsweise Ziele der Hörtherapie (Abb. 1) sind also die Vermittlung von Strategien und Methoden um den Tinnitus zu überhören, Übungen zum Fokussieren bei lauten Umgebungsgeräuschen, Hörtraining für Hörgeräteträger sowie aktive und rezeptive Musik- und Klangtherapie. Für den Fall, dass neben dem Tinnitus auch eine Hyperakusis (Lärmüberempfindlichkeit) besteht, muss die „Abkehr von der Stille“ trainiert werden.

Apparative Versorgung

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die suffiziente apparative Versorgung mit Hör- oder Rauschgeräten. Ohrgeräusche können mit oder ohne Hörverlust auftreten. Der Hörverlust kann auf einer Schädigung der Haarzellen im Innenohr mit eventuell gesteigerter efferenter Verstärkung oder fehlender zentraler Filterung beruhen. Häufig ist der Tinnitus Erstsymptom einer Schwerhörigkeit. Eine Hörgeräteanpassung sollte schon frühzeitig – auch bei einem nur geringen Hörverlust oder insbesondere auch einseitiger Schwerhörigkeit – erfolgen. Hierbei geht es zwar primär um die Verbesserung des räumlichen und sozialen Verstehens, aber auch das körpereigene Störsignal Tinnitus tritt durch Verstärkung von externen Schallereignissen in den Hintergrund. Zu bevorzugen ist eine möglichst offene Versorgung, um eine natürliche Schallübertragung zu gewährleisten.

Tinnitus bei Normakusis beruht auf einer gesteigerten zentralen Erregung sowie fehlender Inhibition in allen Stationen der Hörbahn. Diese Patienten können Rauschgeneratoren (Noiser) einsetzen. Noiser senden ein Rauschsignal aus, welches in der Einstellung leiser als der Tinnitus ist, und bewirken, dass zunächst das Tinnitussignal schwerer erkannt und letztendlich aus der bewussten Wahrnehmung herausgefiltert wird. Die einfache Bedienbarkeit sollte im Vordergrund stehen. Auf digitale Geräte kann dabei verzichtet werden, versorgt werden immer beide Ohren. Eine enge Kooperation mit dem Hörgeräteakustiker ist bei der Versorgung des Patienten unbedingt erforderlich.

Die Rolle der Psychotherapie

Die Aufgabe des Psychotherapeuten ist es, ein umfassendes Störungs- beziehungsweise Erklärungsmodell zu erstellen. Darin werden, entsprechend dem verhaltensmedizinischen Ansatz, prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren berücksichtigt und ein vertikales sowie horizontales Bedingungsmodell erstellt. Neben der Erarbeitung von Bewältigungsstrategien für den Tinnitus und dessen Folgen auf der symptomatischen Ebene hat es sich als sinnvoll erwiesen, auch die Leitsätze der Patienten zu explorieren und gegebenenfalls zu hinterfragen und zu korrigieren, falls diese aus Sicht des Patienten und des Therapeuten als wesentliches Element des Störungsmodelles identifiziert werden.

Aufgabe des Psychotherapeuten ist es aber auch, den Patienten zu motivieren, vom HNO-Arzt vorgeschlagene Hilfsmittel auszuprobieren und dieses Thema regelmäßig aufzugreifen. Während Brillen mittlerweile als modisches Accessoire betrachtet werden, gilt das Tragen von Hörgeräten noch immer als äußerliches Zeichen einer Behinderung beziehungsweise von „alt sein“ und wird daher aus Angst vor daraus resultierenden intrapsychischen und interaktionellen Problemen abgelehnt. Daher ist eines der prioritären Ziele zu Beginn der Therapie die „radikale“ Akzeptanz einer eventuell diagnostizierten Hörminderung. Gerade durch die Hörstörung entstehen erst viele interaktionelle und damit psychische Probleme (z. B. soziale Isolation, da Treffen mit Freunden vermieden werden oder Fehler durch „Verhören“ im beruflichen Setting), sodass die Hörhilfe oft die einfachste Möglichkeit darstellt, diesen Circulus vitiosus zu durchbrechen.

Schwerhörigkeit kann nicht psychotherapeutisch behandelt werden und bessert sich auch nicht. Wenn die Patienten nicht bereit sind, Hörgeräte zu tragen, ist es wichtig, ihnen die positiven Konsequenzen der Hörgeräteversorgung mit Überzeugung darzulegen, Pro und Contra ausführlich zu thematisieren und eventuell auch den Kontakt zu bereits versorgten Betroffenen zu vermitteln. Wenn die Patienten Hörhilfen unter fachkundiger Anleitung erst einmal ausprobiert haben, ist die Barriere oft durchbrochen und die Compliance hergestellt. Auch hier gilt es mit einem speziell geschulten HNO-Arzt und Hörgeräteakustiker zusammenzuarbeiten. Dennoch ist es für Psychotherapeuten, die Patienten mit einem chronisch-komplexen Tinnitus behandeln, eine wichtige Voraussetzung, sich mit den Grundlagen des Hörens und der apparativen Versorgung auseinanderzusetzen.

Der chronisch komplexe Tinnitus kann mit weiteren Achse-I-Störungen vergesellschaftet sein – in erster Linie sind depressive Syndrome zu nennen. Die Patienten sehen die affektive Störung in der Mehrzahl der Fälle als Folge des Tinnitus und sind daher der Überzeugung, dass mit einem Verschwinden des Tinnitus auch die depressive Symptomatik „wegbehandelt“ sei. Dieses subjektive Krankheitsmodell, dass also die Depression immer Folge des Tinnitus ist, hat sich bisher in keiner Studie bestätigt. Vielmehr zeichnet sich ab, dass bei vielen Patienten bei genauer Anamneseerhebung eine affektive Störung bereits in der Vorgeschichte zu diagnostizieren ist. Dennoch ist nach unserer Erfahrung davon abzusehen, mit dem Patienten zu Beginn der Therapie in ein Streitgespräch zu treten. Vielmehr ist es wichtig, den Betroffenen nahezubringen, dass beide Störungen beziehungsweise Erkrankungen gleichwertig zu werten und zu behandeln sind – es muss demnach für beide Symptomkomplexe ein spezifisches Behandlungsangebot vorgehalten werden.

Die Diskussion um Henne oder Ei (Abb. 5) kann zwar für den Langzeitverlauf beziehungsweise die Langzeittherapie der affektiven Störung durchaus von Relevanz sein, ist aber für den Einstieg in die Therapie von sekundärem Interesse. Um dem Patienten die Akzeptanz dieses Ansatzes und Vorgehens zu erleichtern, empfiehlt es sich, mit den Betroffenen ein übergeordnetes, beide Erkrankungen integrierendes, Störungsmodell zu entwickeln. In der Folge können auch übergeordnete kognitive Schemata wie Hilflosigkeit und Resignation – sowohl gegenüber dem Tinnitus als auch gegenüber der depressiven Symptomatik – angesprochen werden. Dabei empfiehlt es sich, dass Parallelen gezogen werden zwischen Verhaltensweisen, Gefühlen und Gedanken im Umgang mit dem Tinnitus und der Depression. Durch die Identifikation der übergeordneten Schemata können nunmehr therapeutische Strategien abgeleitet werden, die bei der Bewältigung beider Syndrome wirksam sind. Ziel ist es, den Patienten Strategien zu vermitteln, die die Selbststeuerungsfähigkeiten reaktivieren und fördern. Als hilfreich hat sich dabei die Gegenüberstellung der Depressionsspirale und der Tinnitusspirale (Abb. 6) erwiesen.

Zur Motivierung

Tinnitus-Betroffene haben zu Beginn meist ein somatisches Krankheitsmodell und erwarten daher, dass sie organmedizinisch behandelt werden. Sie suchen daher primär einen HNO-Arzt auf und werden untersucht. Die somatischen Therapiemöglichkeiten beim chronisch komplexen Tinnitus sind sehr rasch ausgeschöpft. Die Patienten sind jedoch verzweifelt und greifen nach jedem Strohhalm und geraten dabei leider immer wieder an unseriöse Therapieangebote, die sehr viel Geld kosten und keinerlei dauerhafte Besserung bringen können. Sie wollen allerdings keinesfalls als psychisch krank gesehen werden und sind daher auch für eine Psychotherapie nicht offen.

Zu diesem Zeitpunkt liegt es an der Bereitwilligkeit und Offenheit beziehungsweise Überzeugung des HNO-Arztes, dass nun nicht-somatische Therapieoptionen ausprobiert werden sollten. Keinesfalls dürfen die Patienten den Eindruck vermittelt bekommen, dass sie nun in die „Psycho-Ecke“ abgeschoben werden. Es soll ihnen vermittelt werden, dass durch die enge Kooperation zwischen Arzt und Psychotherapeut – und bei Bedarf auch Hörgeräteakustiker – gute Behandlungserfolge erzielt werden können und es durchaus einen Versuch (Formulierung!) wert ist, dieses Angebot zumindest auszuprobieren. Falls der Patient nun in der Tat zum Therapeuten geht, ist es wichtig, nicht zu früh psychologische Aspekte in den Vordergrund zu stellen, sondern Interesse am Leiden des Patienten im HNO-Bereich zu zeigen und die spezifische therapeutische Kompetenz zu erläutern. Auch der Hinweis auf die gute und erfolgreiche enge Zusammenarbeit mit den anderen beteiligen Berufsgruppen ist nützlich.

Insgesamt ist es wichtig, dass für die Behandlung von Tinnitus-Patienten alle therapeutisch Tätigen (also HNO-Ärzte und Psychotherapeuten) die Kooperation leben und den Alleinanspruch auf Heilung in den Hintergrund stellen. Wir empfehlen regelmäßige Rücksprachen, um Missverständnissen und damit einem Therapieabbruch rechtzeitig entgegenzuwirken.

 

Literatur bei den Verfassern

1 Medizinisch Psychosomatische Klinik, Bad Bramstedt

2 Medizinisch Psychosomatische Klinik, Bad Arolsen

G. Langs1, C. Schneider2, psychopraxis. neuropraxis 5/2009

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