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Depressionen von zugewanderten Menschen zeigen eine große Neigung, zu chronifizieren.
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Prof. Dr. Thomas Stompe Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH Wien

 

Krankheit mit Migrationshintergrund

Die transkulturelle Psychiatrie ist in Österreich ein junges Fach mit großer Zukunft.

Migranten leiden häufiger an psychischen Erkrankungen als die Bevölkerung des Aufnahmelandes. Tatsächlich ist Migration der stärkste bekannte psychosoziale Prädiktor für Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis und für bipolar affektive Erkrankungen. Trotzdem ist die transkulturelle Psychiatrie in Österreich noch sehr jung. Um das Fach einem breiteren Publikum vorzustellen, wird im Wiener AKH eine Tagung mit dem Titel „Transkulturelle Psychiatrie in Österreich – quo vadis?“ stattfinden.

 

Österreich blickt auf eine lange Tradition als Einwanderungsland zurück. 19 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung haben einen Migrationshintergrund (siehe Zahlen und Fakten). Das sind Personen, die entweder im Ausland geboren wurden und sich gegenwärtig mit einem ausländischen Pass in Österreich befinden, oder Einwanderer, die inzwischen eingebürgert wurden. Zu einem geringeren Teil zählen zu dieser Gruppe auch Migranten der zweiten Generation, also Personen mit zumindest einem aus dem Ausland zugewanderten Elternteil, die in Österreich geboren wurden.

Ich kam, sah und stand am Rand

Migration ist eine besondere Belastung. Viele der Einwanderer kommen – unabhängig davon, ob es sich um Arbeitsmigranten oder um Flüchtlinge handelt – aus schlechten sozialen Verhältnissen, hatten in der Heimat kaum Zugang zu einem medizinischen System, das dem westlichen Standard entspricht. Vielfältige Traumatisierungen durch Bürgerkriege sind häufig. Auch in der neuen Heimat sind Migranten starken psychischen und oft auch physischen Belastungen ausgesetzt. Die Verlagerung des Lebensmittelpunktes, die Identitäts- und Wertediffusion beanspruchen Bewältigungsmechanismen, die aufgrund der Sozialisationsbedingungen in der alten Heimat oft ohnehin nur unzureichend ausgebildet werden konnten.

Die Einwanderer sind daher häufig den neuen Herausforderungen nicht gewachsen und – aus bildungsfernen sozialen Lagen stammend – mit dem für einen sozialen Aufstieg erforderlichen Spracherwerb überfordert. Die Folge ist eine zumindest partielle gesellschaftliche Exklusion, das Festlegen auf Berufe wie Hilfsarbeiter – verbunden mit schwerer, in der Regel gesundheitsschädigender Arbeit. Dementsprechend sind zugewanderte Menschen üblicherweise stärker mit somatischen und psychischen Erkrankungen belastet als die Bevölkerung des Aufnahmelandes.

Migranten leiden häufiger unter Magengeschwüren oder Kopfschmerzen als die einheimische Bevölkerung. Aufgrund ungünstiger sozioökonomischer Verhältnisse im Herkunftsland erkranken Migranten im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung häufiger an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder HIV.

Die Belastung mit kardiovaskulären Erkrankungen hängt ebenfalls stark von der Herkunftsregion der Migranten ab: Assoziiert mit insulinresistentem Diabetes mellitus fanden sich bei südostasiatischen Einwanderern höhere Raten an koronaren Herzerkrankungen und Nierenversagen als in der englischen Bevölkerung. Bei Migranten aus Schwarzafrika und von den Kariben war bei gleicher Grunderkrankung die Insultrate höher, die Prävalenz für KHK dagegen niedriger. Carballo et al. gingen 1998 davon aus, dass hier neben genetischen Faktoren kultureigene Ernährungsgewohnheiten eine gewisse Rolle spielen könnten. Diese scheinen manchmal auch eine positive Wirkung auf die Häufigkeit gewisser Erkrankungen auszuüben. Prostatakarzinome finden sich bei griechischen Migranten deutlich seltener als im Aufnahmeland. Generell liegt die Prävalenz für Karzinome bei Migranten aus traditionellen Kulturen im Allgemeinen deutlich unter der Prävalenz der Gastbevölkerung.

Psychische Erkrankungen

Die meisten psychischen Erkrankungen sind bei Migranten aber deutlich häufiger vertreten als in der Aufnahmegesellschaft. Migration ist der stärkste bekannte psychosoziale Prädiktor für Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis und für bipolar affektive Erkrankungen. Vom gesteigerten Risiko für Schizophrenie sind allerdings vorwiegend Arbeitsmigranten, nicht jedoch Flüchtlinge betroffen. Auch die Inhalte von Wahn und Halluzinationen erkrankter Migranten unterscheiden sich von den psychotischen Erlebnissen von Patienten der Aufnahmegesellschaft mitunter erheblich. Depressionen von Migranten zeigen große Neigung, zu chronifizieren. Besonders bei Flüchtlingen finden sich außerordentlich hohe Raten an Anpassungs- und posttraumatischen Belastungsstörungen.

Transkulturelle Psychiatrie

Die transkulturelle Psychiatrie ist in Österreich ein sehr junges Fach. In den letzten 15 Jahren etablierten sich Institutionen wie ESRA, ZEBRA, Heyamat und andere Institutionen, die sich der Betreuung psychisch kranker Migranten widmen. 1994 wurde an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie eine transkulturelle Ambulanz gegründet, später folgten die Wiener Universitätsklinik des Kindes- und Jugendalters, die psychiatrische Universitätsklinik Innsbruck und das Wagner-Jauregg Spital Linz diesem Beispiel.

Trotz dieser Initiativen sind die genannten Einrichtungen nicht in der Lage, eine flächendeckende Betreuung zu gewährleisten. Als enormes Problem erweist sich, dass transkulturelle Psychiatrie, wie auch interkulturelle Medizin im Allgemeinen, nicht verpflichtend in die universitären Ausbildungsgänge integriert ist. Der Umgang mit kranken Migranten stellt besondere Herausforderungen: Es ist nötig, den kulturellen Hintergrund zu verstehen, damit eine tragfähige therapeutische Beziehung entstehen kann. Ohne Wissen über die kulturspezifische Phänomenologie psychischer Erkrankungen, über die kulturspezifischen Krankheitskonzepte und die Erwartungshaltungen an den behandelnden Arzt, über kulturelle Tabus und Wertehaltungen, über die Fallstricke, die eine Arbeit mit Dolmetschern gerade im medizinischen Bereich bereithält, ist keine hochwertige Arbeit möglich.

Um das Fach und die hier geschilderte Problematik einem breiteren Publikum näher zu bringen, findet am 24. Oktober 2009 im AKH-Wien die Tagung „Transkulturelle Psychiatrie in Österreich – quo vadis?“ statt, in der theoretische Konzepte und die aktuelle praktische Betreuungssituation vorgestellt werden sollen. Für 2010 ist die Etablierung eines Curriculums für interkulturelle Medizin und transkulturelle Psychiatrie geplant. Durch diese Maßnahmen sollen Behandlungsstandards für Migranten erreicht werden, die mit denen anderer europäischer Länder wie etwa den Niederlanden, Frankreich und England vergleichbar sind.

 

Information und Anmeldung: „Transkulturelle Psychiatrie in Österreich – quo vadis?“:

Tel.: +43(0)1/718 02 18,

E-Mail:

Kasten:
Zahlen und Fakten
Die meisten Migranten (443.000 Personen) kommen aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Über 190.000 deutsche Staatsbürger arbeiten inzwischen in Österreich. Türkischstämmige Migranten sind mit 177.000 Personen an die dritte Stelle zurückgefallen. Größere Teile der in Österreich lebenden Migranten stammen aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks. 2007 lebten 56.000 Polen, 50.000 Rumänen, 50.000 Tschechen, 23.000 Russen und 20.000 Slowaken in Österreich. Aus Afrika stammen hingegen lediglich 39.000 Migranten, 13.000 davon aus Ägypten, 8.000 aus Nigeria und 2.400 aus Ghana. Aus Asien kommen 98.000 Migranten, 14.000 aus China, 13.000 aus dem Iran, 11.500 aus Indien und ebenfalls 11.500 aus den Philippinen. 10.000 Bürger aus den Vereinigten Staaten leben ebenfalls in Österreich. Nach den Angaben des Innenministeriums befinden sich darüber hinaus etwa 100.000 illegale Migranten in Österreich.

Von Prof. Dr. Thomas Stompe, Ärzte Woche 41 /2009

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