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Abb. 1: Weibliche Fangschrecken wie die europäische Gottesanbeterin verspeisen die Männchen mitunter während oder nach dem Geschlechtsverkehr.

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Dr. Thomas Knech

 

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Abb. 2: Weibliche Koalas wurden dabei beobachtet, mit Tatzenhieben paarungsunlustige Männchen bis zur Kopulationslaune zu provozieren.

 

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Abb. 3: Laut Eibl-Eibesfeld stammen Verhaltensweisen wie Schnäbeln oder Küssen aus dem Repertoire der Brutpflege.

 
Psychiatrie und Psychotherapie 28. September 2009

Erotisierte Grausamkeit

Eine kleine Naturgeschichte des Sadomasochismus

Zusammenfassung: Paraphilien sind von ihrer Genese her schwer zu erklären, wenn man sich auf die ontogenetische Entwicklung beschränkt. Schlüsselerlebnisse mögen in einigen Fällen erhellend sein, sind aber nicht regelhaft nachweisbar. Der Autor schlägt ein phylogenetisch orientiertes Erklärungsmodell vor, welches die Naturgeschichte von Dominanz- und Submissionsverhalten in den Fortpflanzungsritualen der Arten nachzeichnet. Dabei zeigt sich, dass einige Verhaltensmuster, welche an Sadomasochismus erinnern, durchaus ihren Funktionswert für die Fortpflanzung haben, was ihnen ein Fortbestehen in der aufsteigenden Evolutionsreihe ermöglichte.

Summary: Paraphilias are hard to explain as to their genesis, if one is limited to ontogenetic development. Key experiences may be elucidating in some cases, but they cannot be found in the history of every single case. The author proposes an explanation model on a phylogenetic basis, following up the natural history of dominance and submission behaviour in the reproductive behaviour of various animals. It shows, that some of these behavioural patterns resembling sadism/masochism, represent a certain survival advantage for their bearers while reproducing themselves, which is rewarded by a genetic passing on in the chain of evolution.

„Sexualität“ wird zumindest im Bereich des Menschlichen mit Vorstellungsbildern wie „Liebe“, „Zärtlichkeit“ und „gegenseitige Achtung“ assoziiert. Sadomasochismus hat dagegen die Konnotation „bizarr“, „brutal“, „abartig“, ja „pervers“. Somit erscheint diese Spielform als exaktes Gegenstück dessen, was man gemeinhin unter geschlechtlicher Liebe in ihrer normalen Ausprägung versteht.

In neuer Zeit wird Sadomasochismus in der diagnostischen Kategorie der „Paraphilien“ erfasst. Das diagnostische Manual ICD-10 (4) liefert unter Code F65.5 die folgenden Erläuterungen: „Es werden sexuelle Aktivitäten mit Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art von Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufügt, um Sadismus“.

Wie sich eine Triebverirrung so fernab der Norm entwickeln kann, darüber schweigen sich die Standardwerke der Sexologie aus (zum Beispiel 1). Rein ontogenetisch ausgerichtete Theorien wie diejenige von Freud (zitiert nach 18), welcher beim Masochisten einen nach innen gewendeten Todestrieb postuliert, können heute nicht mehr befriedigen. Evolutionspsychologie und evolutionäre Psychiatrie (3) haben indessen Wege eröffnet, wie über erweiterte Erklärungsmodelle auf stammesgeschichtlicher Basis zu neuen Verständnisansätzen bei bisher schlecht verstandenen psychischen Störungen zu gelangen ist.

Beobachtungen bei Tieren

Da ein unmittelbar einleuchtendes biopsychologisches Modell beim Menschen fehlt, soll im folgenden nach tierischen Verhaltensmustern Ausschau gehalten werden, die Elemente von sadomasochistischen Praktiken enthalten. Damit verbindet sich die Hoffnung einen allfälligen Funktionswert dieser Phänomene im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung zu ermitteln. Da sich der Sadismus relativ leicht von der Dominanz-Aggression ableiten lässt, bleibt im Grunde der Masochismus das größere Rätsel.

Im Hinblick auf Vergleiche zwischen tierischem und menschlichem Verhalten muss festgehalten werden, dass solche immer mit der gebotenen Vorsicht vorgenommen werden müssen. So geht es beispielsweise nicht an, Imponiergehabe und Dominanzstreben bei Fischen und Reptilien mit menschlichen S/M-Ritualen direkt in Homologie zu setzen, zumal hier nicht von einer Abstammungsähnlichkeit ausgegangen werden kann. Somit haben wir es bestenfalls mit einer Analogie, einer Funktionsähnlichkeit, zu tun. Diese vergleichend-verhaltenswissenschaftlichen Betrachtungen dienen dementsprechend in erster Linie dem Zweck, Funktionsprinzipien in der Evolution und ihren Anpassungswert aufzuzeigen. Stellt man aber beispielsweise bei unseren nächsten tierischen Verwandten, den Schimpansen (98 % gemeinsame Gene!) Gemeinsamkeiten im Verhalten fest, so kann dies sehr wohl Homologie (Abstammungsähnlichkeit) bedeuten, zumal diese Verhaltensmuster dann höchstwahrscheinlich von einem gemeinsamen Vorfahren übernommen wurden (etwa die gemeinsame Revierverteidigung).

Fasst man die aufsteigende Tierreihe ins Auge, so fällt auf, dass Zärtlichkeit erst von einer gewissen Entwicklungsstufe an das prägende Stilelement bei der geschlechtlichen Vereinigung ist. Gemäß Eibl-Eibesfeld (8) stammen diese Verhaltensweisen (schnäbeln, küssen, etc.) aus dem Repertoire der Brutpflege und kommen nur bei Vögeln (Abb. 3) und Säugetieren vor. Auf niedrigeren Stufen der Evolutionsreihe besteht dagegen das Vorspiel zum Geschlechtsakt in weitaus weniger behutsamen Praktiken: Auf der Stufe der Insekten – zum Beispiel Fangschrecken (Abb. 1) und Spinnentiere – ist zumeist das Weibchen der dominante Part, welches das Männchen während des Geschlechtsaktes tötet und anschließend verspeist (sexueller Kannibalismus ist – wenngleich selten – auch beim Menschen ein Thema).

Richtet man den Blick auf die Ordnung der Wirbeltiere, so sind auch aus der Klasse der Fische relevante Daten über einschlägige Balzrituale bekannt. Das augenfälligste Beispiel liefern wohl Buntbarsche (Cichliden), wo das sexuelle Vorspiel buchstäblich aus einem Turnierkampf zwischen männlichem und weiblichem Tier besteht (man fühlt sich an Siegfried und Brunhilde erinnert). Nur wenn sich das Männchen als überlegen erweist, können sich bei ihm Begattungsbereitschaft und beim Weibchen eine sexuelle Gestimmtheit aufbauen. Im anderen Fall ist das Männchen „psychologisch kastriert“ und das Weibchen verliert sein erotisches Interesse gänzlich (17). Der Selektionswert dieses Prozesses ist offenkundig, bildet im Grund ein vereinfachtes Analogon zu den Rivalenkämpfen, was freilich nur dann funktioniert, wenn der Geschlechterdimorphismus (Größe, Stärke) nicht zu ausgeprägt ist. Beim Quappenbuntbarsch verhält es sich sogar so, dass sich die Männchen durchwegs klein und „schüchtern“ darstellen, während sich das farbenprächtige Weibchen dagegen balzend aufplustert und durch diese Dominanzsignale den Liebesakt einleitet (16).

Kampf und Unterwerfung finden wir denn auch als einziges Austragungsmittel des Präludiums bei Reptilien. Das im Rivalenkampf bereits siegreiche Männchen gelangt via Niederringen des Weibchens zur Begattung, während sich der Verlierer zurückzieht. Dies hat einen weiteren evolutionär relevanten Nebeneffekt die sexuelle Veranlagung der Männchen betreffend. Diese müssen in der Lage sein schnellstmöglich von der kämpferischen Gestimmtheit in die sexuelle überzuwechseln – ein schwieriges Unterfangen, da Stimmungswechsel nicht augenblicklich zu bewerkstelligen sind. Deshalb sind bei männlichen Exemplaren Vermischungen von Dominanz-Aggression und sexueller Bereitschaft wahrscheinlicher als bei Weibchen, was auch für den Menschen-Mann gilt und was unter Umständen die Weiche in Richtung einer sadistischen Entwicklung stellen kann. (15).

Auf der Stufe der Vögel tauchen dann Verhaltenselemente zärtlicher und fürsorglicher Art auf, so das gegenseitige Sich-Füttern. Allerdings bleiben auch hier Reste von Dominanzstreben im Paarungsspiel erhalten, indem zu beobachten ist, dass beispielsweise bei einer bestimmten Finkenart zuweilen beide Partner in die Rolle des dominanten Futtergebers drängen. Gelingt es dem Männchen nicht, sich durchzusetzen, ist die Paarbildung in Frage gestellt (7).

Noch näher am sadomasochistischen Ritual bewegt sich der so genannte „Schnabelflirt“, wie er bei diversen Vogelarten zu sehen ist (zum Beispiel bei Gimpeln). Hier traktiert das Weibchen das balzende Männchen mit Schnabelhieben. Gelingt es diesem, sein Werbeverhalten trotz dieser schmerzhaften Misshandlungen aufrecht zu erhalten, besteht es den Test und gelangt zur Kopulation (14). Eine analoge, höchst eindrückliche Szene konnte ich vor wenigen Jahren am alten Fischerhafen von Ascona beobachten: Ein Täuberich versuchte zum wiederholten Mal, eine Taube zu besteigen, wurde jedoch genauso oft abgeschüttelt. Plötzlich setzte sie ihm die Schnabelspitze auf die Wange, worauf er die längste Zeit seinen Kopf kräftig dagegen drückte. Schließlich ließ sie ihn ohne weiteren Widerstand aufsteigen.

Letzten Endes wird auch bei höheren Vertebraten (etwa Koalas, Abb. 2) beobachtet, dass Weibchen mit Tatzenhieben paarungsunlustige Männchen provozieren, bis diese in Kopulationslaune geraten. Bei größeren, wehrhaften Raubtieren ergab sich ohnehin die Notwendigkeit, dass die Aggressivität bei Aufkommen einer sexuellen Gestimmtheit zuverlässig gehemmt wird, damit eine gefahrlose Annäherung der Geschlechtspartner überhaupt möglich wird, dies umso mehr, als die Erektion ein parasympathisches Phänomen ist, Aggressionsbereitschaft dagegen vom Sympathikus getragen wird.

Erkenntnisse beim Menschen

Es ist eine Binsenwahrheit, dass das männliche Paarungsverhalten beim Menschen eher aktiv und dominant, das weibliche dagegen eher passiv-submissiv angelegt ist. Von Sadomasochisten ist indessen bekannt, dass sie relativ leicht von der dominanten in die devote Rolle und umgekehrt wechseln können, was bei Homosexuellen noch ausgeprägter ist als bei Heterosexuellen, wobei absolut Rollenfixierte in der Minderheit sind (2). Die häufige Koppelung von Homosexualität und Sadomasochismus belegt auch die ausgedehnte Szene der „Ledermänner“.

Da masochistische Verhaltensweisen den weiblichen sexuellen Reaktionsmustern näherstehen, stellt sich natürlich die Frage einer unvollständigen maskulinen Prägung der entsprechenden zentralnervösen Hirnstrukturen. Der Sexologe Ernest Borneman neigt dezidiert zur Ansicht, dass dem Masochismus ein homosexuelles Element innewohnt: „… hierin liegt zweifellos, wie bei allen masochistischen Handlungen, eine homosexuelle Komponente“. Dabei unterscheidet dieser Autor verschiedene Formen des Masochismus, wozu die nachstehenden zwei in unserem Kontext sicher die wichtigen sind: Beim sexuellen oder Konjunktionsmasochismus werden Schmerzzufügung und Demütigung nur zur Stimulation zwecks Einleitung des Geschlechtsverkehrs eingesetzt.

Beim perversen oder Kompensationsmasochismus treten die sadomasochistischen Rituale an die Stelle der geschlechtlichen Vereinigung, ersetzen den Koitus also vollständig. Dabei kennen die extremen Praktiken kaum eine Grenze, wie das folgende Zitat belegt: „Bekannt aus der Fachliteratur ist der Fall des homosexuellen Masochisten, der sich von einigen eigens hierzu angestellten Strichjungen nackt auf eine Schlachtbank schnallen ließ und ihnen befahl, sich so zu benehmen, als ob sie ihn schlachten wollten. Sie mußten Schlächterschürzen tragen und Schlächterbeile schärfen. Beim Geräusch des „Wetzens“ dieser Instrumente ejakulierte er dann ohne manuelle Hilfe.“ (1) Um die zum Aufbau sexueller Erregung notwendige devot-submissive Gestimmtheit erst einmal zu erlangen, wird demnach ein hochsuggestives Szenarium aufgebaut, wo sich der Masochist in seine Rolle als Sklave, Diener, Schüler, Zögling, Kind oder gar Tier hineingleiten lassen kann.

Die neurophysiologischen Grundlagen des (Sado-) Masochismus müssen vorerst Gegenstand von Spekulationen bleiben. Frühe Prägungserlebnisse wurden insbesondere bei Sadisten immer wieder angegeben, so zum Beispiel erste Erektionen im Zusammenhang mit Tierquälerei, Hausschlachtungen etc. (10), doch ist die Befundlage bei Masochisten weniger ergiebig. Sexuelle Erregungen angesichts von erzieherischen Sanktionen (Schlägen etc.) werden zwar genannt, heben aber die Frage nach einer vorbestehenden Veranlagung keineswegs auf.

Wenn es um frühe sexuelle Prägungen geht, steht zweifelsohne das Diencephalon mit den verschiedenen Hypothalamuskernen im Mittelpunkt des Interesses (Übersicht bei 12). Auf dieser Ebene haben männliche und weibliche Prägungsmuster ihr Substrat, wobei unterschiedliche fetale Androgenspiegel in der Schwangerschaft den Ausschlag geben. Der Geschlechterdimorphismus Mann versus Frau widerspiegelt sich sodann in unterschiedlichen Volumina und Formen bestimmter Hypothalamuskerne. Bemerkenswert ist dabei, dass Homosexuelle tendenziell dem weiblichen Prägungsmuster zuneigen: So sei gemäß Le Vay (13) der dritte interstitielle Kern des anterioren Hypothalamus bei männlichen Homosexuellen nur halb so groß wie bei Heterosexuellen. Laut Swaab und Mitarb (20) sei dafür der vasopressinhaltige Subnucleus des Nucleus suprachiasmaticus rund doppelt so groß wie bei Heterosexuellen. Daneben sollen die Morphologie von Commissura anterior und des Isthmus corporis callosi eher dem weiblichen Typus zuneigen. Demnach könnte ein relativ tiefer Androgenspiegel in vulnerablen Phasen der Schwangerschaft einer der Faktoren sein, welche zu einer „Fehlprägung“ der spezifischen diencephalen Strukturen führen. Zumindest in Tierversuchen konnte dies erhärtet werden (6).

Entsprechende Untersuchungen an Masochisten liegen bis dato jedoch nicht vor. Es bleibt aber der Sachverhalt, dass sich männliche Sexualität normalerweise durchaus mit dominant-aggressiver Gestimmtheit verträgt, nicht aber mit ängstlich-submissiver, während Angst beim weiblichen Geschlecht die sexuelle Bereitschaft nicht beeinträchtigt. Bei einzelnen Frauen soll Angst sogar Spontanorgasmen provozieren können (6).

Wie Kaplan (11) postuliert, werden das Partnerschema und das Sexualverhalten in definierten Zeitabschnitten der Schwangerschaft hormonell eingeprägt, ersteres in der 13. bis 15. Schwangerschaftswoche, zweiteres in der 20. bis 25. Schwangerschaftswoche. Ein relatives Androgendefizit in diesem späteren Schwangerschaftsabschnitt könnte erklären, warum auch in Männergehirnen Teile der weiblichen sexuellen Reaktionsnorm verankert sein können, so zum Beispiel das Aufkommen von sexueller Bereitschaft in Situationen des Unterworfenseins. Hypothetisch könnte beispielsweise ein übergroßer mütterlicher Stress in dieser vulnerablen Phase über die Erhöhung der Glucocorticoide mit den diencephalen Prägungsvorgängen interferieren und so eine Prädisposition für spätere, partiell feminine, Reaktionsmuster schaffen (5). Damit wäre Masochismus neben Homo- und Transsexualität Ausdruck einer teilweise feminisierten Prägung, bei der der Betroffene ein atypisches, eher weiblich anmutendes Erregungsmuster in Verbindung mit Gefühlen des Ausgeliefertseins und des Gedemütigtwerdens aufweist.

Ebenfalls ungeklärt ist die heutige Vergesellschaftung von Sadomasochismus mit Fetischismus. Allerdings zielt diese Spielart des Fetischismus weniger auf eine ersatzweise Beschäftigung mit symbolischen Ersatzobjekten wie Wäsche, Schuhe, Haare etc. Vielmehr geht es darum, das Gegenüber im sadomasochistischen Ritual in seiner Reizwirkung zu überhöhen und im Sinne einer „überoptimalen Attrappe“ zu stilisieren, was offenbar das Erreichen einer sexuellen Erregung für diese Individuen erleichtert und was als integraler Bestandteil des oben erwähnten Szenarios zu sehen ist.

Bemerkenswert ist, dass es sich auch beim Fetischismus um ein Erbstück aus unserer Stammesgeschichte zu handeln scheint: Nach den Beobachtungen von Epstein (9) nahm diese Tendenz in der Phylogenese mit dem Interesse für extrakorporale Objekte und der Fähigkeit zum Symbolisieren (nach dem Pars-pro-toto-Prinzip) ihren Anfang. So soll die Beschäftigung mit einem Gummistiefel bei Schimpansen und Pavianen Erektionen oder sogar Ejakulationen auslösen.

Abschließende Erklärungen

Auch wenn die Pathogenese von Sadomasochismus noch nicht als aufgeklärt gelten darf, sind doch ein paar grundsätzliche Dinge klar geworden:

  • Der Mensch ist bei der Geburt keine Tabula rasa; vielmehr ist sein Gehirn bereits in mehrfacher Hinsicht vorgeprägt, sei es durch die genetische Ausstattung, durch intrauterine Prägung oder allfällige frühe Traumatisierungen. Damit ist unter Umständen bereits eine Basis für sexuelle Fehlentwicklungen gelegt.
  • Gene enthalten stammesgeschichtlich erworbene Informationen, die zum Teil erst im Zug des menschlichen Reifungsprozesses zum Ausdruck kommen. Bei den manifest werdenden Phänomenen kann es sich auch um sexuelle Normabweichungen handeln.
  • Im Fall von Sadismus und Masochismus sind durchaus Verhaltenselemente aus der Phylogenese bekannt, welche diese devianten Verhaltensweisen teilweise vorwegnehmen. Bei diesen (tierischen) Verhaltensmustern ist sogar ein gewisser evolutionärer Überlebensvorteil (vorab hinsichtlich der sexuellen Auslese) zu erkennen, was ihr Fortbestehen in der Tierreihe zumindest partiell erklären kann.

 

Hormonelle Fehlprägungen aufgrund von relativem Androgenmangel in der kritischen Schwangerschaftsphase könnten also insbesondere beim männlichen Masochismus eine entsprechende Erklärung liefern, wie es zu einem partiell weiblichen Reaktionsmuster im sexuellen Erregungsablauf kommen kann. Dabei können Gefühle des Ausgeliefertseins oder der Erniedrigung atypischerweise das Arousal eines männlichen Individuums verstärken. Solche Erlebnisse haben dann die natürliche Tendenz sich durch sexuelle Gratifikation selbst zu verstärken und einzuschleifen. Durch das Ausbleiben der intrauterinen Androgenwirkung bliebe es also in diesem Aspekt des Sexualerlebens einfach beim embryonal angelegten weiblichen Grundtypus, dies bei normalem Erscheinungsbild und im Übrigen heterosexuell orientierter Triebausrichtung.

1 Psychiatrische Klinik Münsterlingen

1. Borneman E. (1990): Enzyklopädie der Sexualität. Ullstein, Frankfurt a. M.

2. Breslow N., Evans L., Langley J. (1986): Comparisons among heterosexual, bisexual and homosexual male sadomasochists. J Homosex 13, 83-107

3. Brüne M., Ribbert H. (2002): Grundätzliches zur Konzeption einer evolutionären Psychiatrie. Schweiz Arch Neurol Psychatr. 153, 4-10

4. Dilling H., Mombour W., Schmidt M.H. (2000): Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10. Huber, Bern S. 246-247

5. Dörner G, Götz F, Döcke WD (1983): Prevention of demasculinisation and feminisation of the brain in perinatally stressed male rats by perinatal androgen treatment, Exper Dlin Endocrinol 81, 88-90

6. Eibl-Eibesfeldt I. (1984): Die Biologie des menschlichen Verhaltens – Grundriß der Humanethologie. Piper, München

7. Eibl-Eibesfeldt I (1987): Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung. Piper, München

8. Eibl-Eibesfeldt I (1990): Dominance, submission and love: Sexual pathologies from the perspecitve of ethology. In: Feierman JT (ED): Pedophilia-biosocial dimensions. Springer, New York, S. 151-175

9. Epstein AW (1975): The fetish object: phylogenetic considerations. Arch Sex Behav 4, 303-308

10. Johnson BR, Becker JV (1997): Natural born killers? – The development of the sexually sadistic killer. J Am Acad Psychiatry Law 25, 335-348

11. Kaplan L (1990): Das Mona-Lisa-Syndrom: Männer, die wie Frauen fühlen. Econ, Düsseldorf

12. Knecht T. (2002): Die sogenannten Paraphilien – Biologisch-psychiatrische Aspekte der sexuellen Deviationen. Schweiz Med Forum 22, 543-549

13. Le Vay S (1991): A difference in hypothalamic structure between heterosexual and homosexual men. Science 253, 1034-1037

14. Lorenz K. (1963): Das sogenannte Böse – Zur Naturgeschichte der Aggression. Borotha – Schoeler, Wien

15. Medicus G. Hopf S (2001): Der natürliche Unterschied – Zur Biopsychologie der Geschlechterdifferenz. In: Brüne M, Ribbert H (Hrsg.): Evolutionsbiologische Konzepte in der Psychiatrie. Lang, Frankfurt a.M. S. 143-174

16. Miersch M. (1999): Das bizarre Sexualleben der Tiere. Eichborn, Frankfurt a. M.

17. Oehlert B. (1958): Kampf und Paarbildung einiger Cichliden. Z Tierpsychol 15, 141-174

18. Peters U.H. (2005): Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. 5. Aufl. Urban und Fischer, München

19. Schrut A. (2005): A psychodynamic (non-oedipal) and brain function hypothesis regarding a type of male sexual masochism. J Am Acad Psychoanal Dynam Psychiatry 33, 333-349

20. Swaab D., Hofman M. (1995): Sexual differentiation of the human hypothalamus in relation to gender and sexual orientation. Trends Neurosci 18, 264-270

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