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© DSA Robert Hutfless
Die Kreativwerkstätte der Abteilung für Forensische Psychiatrie und Alkoholkranke

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Prim. Dr. Harald P. David

 

© Foto: Privat

Mag. Cornelia Kubin

 

 
Psychiatrie und Psychotherapie 28. September 2009

Der informierte Trinker – wozu?

Wissen als wesentliche Voraussetzung für Mündigkeit

Das Schlagwort vom mündigen Patienten macht derzeit die Runde in allen gesundheitspolitischen Diskussionen. Dabei ist nicht ganz klar, ob es sich um ein Einfordern von Patientenrechten auf Information und Mitgestaltung des therapeutischen Prozesses – sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene (Mitspracherecht von Patientenvertretern bei der Planung von gesundheitspolitischen Maßnahmen, Finanzierung von Therapieprogrammen etc.) – oder eher um das Abschieben von therapeutischer Verantwortung mit dem Hintergedanken, dass sich der Patient ja aussuchen könne, für welche Behandlungsmethode er sich entschließe, wie intensiv er mitarbeite und wie eigenverantwortlich er therapeutische Empfehlungen umsetze, handelt.

So divergierend diese beiden Einschätzungen auch sein mögen, ist ihnen doch gemeinsam, dass eine Grundlage für jede Entscheidungsfähigkeit eines Patienten die gründliche und sachliche Information über Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten ist.

Auch hier könnte man es sich als Behandler jetzt leicht machen und darauf verweisen, dass es ohnehin in der populärwissenschaftlichen Literatur oder gar im Internet reichlich Materialien zur Diagnostik und Therapie jeglichen Krankheitsbildes gibt. Damit greift man aber sicherlich zu kurz, weil erstens die Qualität der dargebotenen Information von Laien nicht überprüft werden kann, zweitens die ungefilterte beziehungsweise unreflektierte Informationsaufnahme von einem emotional betroffenen Erkrankten oder Angehörigen oft keine sachliche Entscheidungsfindung zulässt und drittens es große Bevölkerungsgruppen gibt, denen aufgrund von Alter, Behinderung oder Fremdsprachigkeit diese Quellen nicht zugänglich sind.

Nichts desto weniger ist aber auf jeden Fall davon auszugehen, dass eine der wesentlichen Voraussetzungen für Mündigkeit Wissen ist. Wissen ist aber nur dann verwertbar, wenn es verstanden, geordnet und in einen Zusammenhang gebracht werden kann. Noch besser abrufbar und zugänglicher ist es dann, wenn es auch mit Erfahrung / Erleben verknüpft ist.

Seit der Entstehung der Gruppentherapie in der Arbeit mit Tuberkulosekranken im Jahr 1905 (durch S. Pratt) ist bekannt, dass gesundheitsorientierte Wissens- und Erfahrungsvermittlung in der Gruppe effizienter ist. Aus dieser Erkenntnis haben sich später auch die verschiedenen Formen der Gruppentherapie entwickelt, die etwa seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts unverzichtbarer Bestandteil des psychiatrischen und psychotherapeutischen Handelns sind.

Seit 1980 wird vor allem in der Schulung von Patienten mit Schizophrenie die Psychoedukation als Instrument der Wissensvermittlung verwendet, um den Patienten sachliche Einsichten über das Wesen ihrer Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten zu vermitteln. Auch diese Vorgangsweise ist mittlerweile Standard in der Psychiatrie geworden.

An der Station für Alkoholkranke Männer des Sozialmedizinischen Zentrums Otto-Wagner-Spital werden hauptsächlich langzeitarbeitslose, langzeitobdachlose, sozial depravierte Alkoholiker in einem mittelfristigen Entwöhnungsprogramm behandelt, welches von einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Pflegerschaft, Psychologen, Sozialarbeitern und Ergotherapeuten angeboten wird. Dabei gehört die Psychoedukation seit langem zum therapeutischen Armamentarium und wurde durch die Einführung einer „Arbeitsmappe“, die den Patienten zu Beginn der stationären Entwöhnungsbehandlung ausgehändigt wird, ergänzt.

In der Psychoedukation, die zum Teil ein verpflichtender Bestandteil des Programms ist, werden die Patienten über verschiedene Facetten der Alkoholkrankheit unterrichtet. Dies passiert zum Teil in Vorträgen durch Mitglieder des multiprofessionellen therapeutischen Teams. So berichtet zum Beispiel die Ärzteschaft über medizinische Auswirkungen des Alkoholkonsums, die Rolle von Medikamenten in der Behandlung, Craving und die Wechselwirkungen zwischen Alkohol und anderen Genussmitteln mit Medikamenten. Die Psychologen informieren über Abwehrmechanismen und Behandlungswiderstände, Rückfälle und die Rolle der Angehörigen. Das Pflegepersonal thematisiert Alltagsstrukturierung, Freizeitgestaltung, Ernährung und andere Faktoren des Gesundheitsverhaltens. Mit den Sozialarbeitern können rechtliche und soziale Folgen des Alkoholkonsums besprochen werden.

Anhand der „Arbeitsmappe“ können sich die Patienten in strukturierter Weise und unter Begleitung von Psychologen mit vorgegebenen Themen beschäftigen. Diese sind am ersten Tag „Mein Leben mit Alkohol“, am zweiten Tag „Meine Ziele, Pläne und Wünsche“, an den folgenden Tagen „Alkohol und andere Süchte“, „Alkohol und Körper“, „Alkohol in Literatur und Film“, „Alkohol und Gefühle“, „Alkohol und Denkleistung“ und „Alkohol und Gesellschaft“. Die Patienten halten ihre Gedanken in der „Arbeitsmappe“ schriftlich fest, anhand dieser Unterlagen werden die Themen dann in der Einzeltherapie beziehungsweise in der Gruppe besprochen.

Die Psychoedukation dient der Wissensvermittlung durch Fachleute an eine größere Gruppe von Patienten. Dadurch ist sichergestellt, dass diese über ein ähnliches Basiswissen verfügen, im weiteren Austausch darüber das Gleiche meinen und ein ähnliches Vokabular verwenden. Die Vorträge sind eher frontal, es besteht aber reichlich Möglichkeit für Fragen und Diskussion. Die Themen werden im Sinne einer laufenden Fortbildung turnusmäßig wiederholt, sodass jeder Patient die Gelegenheit hat, das gesamte Vorlesungsprogramm zu absolvieren. Verbindlich ist die zumindest viermalige Teilnahme daran.

Dagegen hat sich die „Arbeitsmappe“ als sehr guter Einstieg in das Therapieprogramm bewährt. Sie regt die Patienten zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit wichtigen Themen in Bezug auf ihre momentane Situation und ihren persönlichen Umgang mit Alkohol an und ist dadurch eine Initialzündung zum Nachdenken und zur Vorbereitung für Einzel- und Gruppentherapien. Durch die Vorgabe eines schriftlichen Themenkatalogs fallen auch verschiedene Ängste wie zum Beispiel vor persönlichen Konfrontationen oder davor, in besonderer Weise be- oder missachtet zu werden, weg. Die Verschriftlichung ermöglicht auch die Wahl des eigenen Tempos und der eigenen Ausführlichkeit in der Bearbeitung der Themen. Auch die spätere Reflexion, der Rückblick auf früher Gedachtes und Erlebtes, wird erleichtert. Die Kombination aus schriftlichen Aufzeichnungen und verbalem Austausch bewährt sich, da die Patienten zuerst für sich auf die Themen eingehen und ihre Gedanken, Ziele etc. aufschreiben und sie dann gemeinsam in der Gruppe aufarbeiten können. Es fällt leichter, Fragen vorzuformulieren und zu benennen, was man sich schon gedacht hat.

In der „Arbeitsmappe“ werden auch Suchtverlagerung und andere Abhängigkeiten thematisiert, was auch in einigen Fällen schon dazu geführt hat, dass Patienten sich mit ihrer Nikotin- oder Spielsucht auseinandergesetzt und entsprechende weiterführende therapeutische Angebote in Anspruch genommen haben.

Am Ende des zwölfwöchigen Entwöhnungsprogramms (in Einzelfällen auch länger) können die Patienten allein oder gemeinsam mit ihren Therapeuten Rückschau halten: Was hat sich geändert, was ist noch offen, was ist im Rahmen der ambulanten Nachbetreuung anzugehen oder abzuschließen.

Das Ziel des informierten Trinkers kann also sein, einen vorher zwar vordergründig geäußerten, aber vielleicht fremdbestimmten und nicht in der Person verankerten Veränderungswunsch zu vertiefen, zu versachlichen und konkret auf die Bedingungen der eigenen Person und des eigenen Umfelds abzustimmen. Der damit verbundene Aufwand lohnt sich für Patienten und Therapeuten.

Aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung und besseren Lesbarkeit wurde im obigen Text die männliche Form gewählt.

1 Ärztlicher Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie und Alkoholkranke, Otto-Wagner-Spital, Wien

2 Psychologin in Ausbildung an der Abteilung für Forensische Psychiatrie und Alkoholkranke, Otto-Wagner-Spital, Wien

H. P. David1 und C. Kubin2, psychopraxis. neuropraxis 4/2009

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