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Psychiatrie und Psychotherapie 22. September 2009

Abstinenz als Therapieerfolg?

Das zu erreichende Behandlungsziel bei Alkoholkranken wird noch immer mit falschen Maßstäben gemessen.

Das Dogma, dass nur eine lebenslange Abstinenz als wirklicher Behandlungserfolg bei Alkoholkranken zählt, sollte schon lange der Vergangenheit angehören. Zumal die Alkoholabhängigkeit eine chronische Erkrankung darstellt und als solche auch bei der Definition der Therapieziele berücksichtigt werden sollte.

 

Wenn man Fragen zur Prognose einer Erkrankung im Allgemeinen und zu den Behandlungserfolgen im Besonderen beantworten möchte, dann muss vorerst geklärt werden, was das Therapieziel sein soll, was also als Behandlungserfolg gewertet wird. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie z. B. Diabetes mellitus, chronische Hypertonie oder chronische Polyarthritis, bei denen definitionsgemäß keine Restitutio ad integrum erreicht werden kann, ist die Festlegung des jeweiligen Behandlungsziels von besonderer Bedeutung und darüber hinaus auch sehr unterschiedlich.

So werden bei Diabetes möglichst stabile Blutzuckerwerte angestrebt, wobei niemand das Therapieziel festlegen würde, dass nie wieder starke Blutzuckerschwankungen auftreten dürfen. Auch bei der chronischen Hypertonie ist das oberste Ziel, die Blutdruckwerte möglichst in der Norm zu halten. Dabei werden auch hier stärkere Blutdruckschwankungen toleriert. Und bei der chronischen Arthritis werden eine deutliche Schmerzverminderung neben dem Mindern von Beweglichkeitseinschränkungen als Behandlungserfolg angesehen.

Das Maximum als Ziel

Bei der Bewertung von Behandlungserfolgen bei der Alkoholkrankheit wird jedoch mit anderen Maßstäben gemessen als bei anderen chronischen Erkrankungen. Obwohl es sich, wie allgemein bekannt, auch um eine chronische Erkrankung handelt, zählt als Behandlungserfolg hier für viele nur das theoretisch zu erreichende Maximum: Bei bereits auch körperlich abhängigen Alkoholkranken ist dies die lebenslange Abstinenz, da ein moderates und weitgehend kontrolliertes Trinken, zumindest über längere Zeiträume, dann nicht mehr möglich ist.

Nur wenn lebenslange Abstinenz erreicht wird, darf von einem Therapieerfolg gesprochen werden. Das Auftreten eines Rückfalls (bei anderen chronischen Erkrankungen als Krankheitsrezidiv bezeichnet) tilgt die vorangegangene Zeit der Abstinenz, selbst dann, wenn sie von erheblicher Dauer war. Bei Auftreten von Rückfällen, auch wenn sie ohne wesentliche Auswirkung auf den körperlichen und psychischen Zustand bzw. auf die soziale Situation bleiben, wird von einem Therapieversagen oder gar von sehr schlechter Prognose der Erkrankung gesprochen.

Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die Alkoholkrankheit im Vergleich mit anderen chronischen Erkrankungen bewertet wird. Keiner würde auf die Idee kommen, wegen einiger Tage dauernden Blutzucker- bzw. Blutdruckschwankungen oder dem Auftreten kurz dauernder Schmerzen bei Polyarthritis von schlechter Prognose der Erkrankung, infaustem Verlauf oder gar von einem Therapiemisserfolg zu sprechen. Bei der Alkoholkrankheit wird aber ein Absolutheitsanspruch gestellt, dem sowohl die Ärzte als auch Patienten nicht gerecht werden können. Durch die entstehenden Versagensängste werden alle Beteiligten entmutigt, womit diese negative Bewertung der Prognose zum krankheitserhaltenden Moment werden kann.

Bewertet man die Alkoholkrankheit ebenso wie jede andere chronische Erkrankung, dann zeigt sich, dass selbst dann, wenn man nur die Abstinenz als Erfolgskriterium heranzieht, die Prognose keineswegs schlechter ist als bei anderen chronischen Erkrankungen. Im Gegenteil, sie ist sogar in den meisten Fällen als deutlich besser einzustufen! Welcher jugendliche Diabetiker hat über Jahre hinaus nie mehr abnorme Blutzuckerwerte? Welcher Bluthochdruckkranke hat über viele Jahre immer stabile Blutdruckwerte? Welcher an chronischer Polyarthritis Erkrankte kennt Jahre andauernde schmerzfreie Intervalle? Im Gegensatz dazu gibt es eine ganze Reihe von Alkoholkranken, die über sehr lange Zeiträume (viele Jahre) überhaupt keine Rückfälle haben, manche sogar lebenslang keine mehr. Daneben gibt es eine große Gruppe von Kranken, die nur einige wenige Rückfälle haben, die ihrerseits ohne wesentliche körperliche, psychische bzw. soziale Auswirkungen bleiben.

Prognose deutlich besser

Wie bei allen anderen Erkrankungen hängt auch bei der Alkoholkrankheit die Prognose sowie der Behandlungserfolg ganz wesentlich vom jeweiligen Stadium der Krankheit ab und auch davon, ob sie nun behandelt wird oder nicht: Je länger eine Krankheit unbehandelt besteht, desto schlechter die Prognose und die Behandlungsaussichten. Es wäre daher wünschenswert, wenn mittels intensiver Aufklärungsmaßnahmen auch bei der Alkoholkrankheit eine Früherkennung ermöglicht würde.

Die Behandlungsprognose der Alkoholkrankheit hängt, wie entsprechende Studien zeigten, ganz wesentlich von der Regelmäßigkeit der Behandlungskontakte ab. Gelingt es, eine kontinuierliche ambulante Behandlung zu erreichen, dann kann davon ausgegangen werden, dass etwa 60 bis 80 Prozent über lange Zeitstrecken hinweg dauerhaft abstinent bleiben können, viele davon sogar lebenslang. Eine Erfolgsrate, die bei anderen chronischen Erkrankungen, auch bei regelmäßiger Behandlung, nicht erreicht werden kann.

Legt man die gleichen Bewertungsmaßstäbe wie bei anderen chronischen Erkrankungen an, dann hat die Alkoholkrankheit unter den chronischen Erkrankungen eine besonders gute Prognose, in keinem Fall ist die so schlecht, wie oftmals noch immer behauptet.

 

Prim. Prof. Dr. Michael Musalek ist als Leiter des Anton-Proksch-Institutes in Kalksburg tätig.

Von Prof. Dr. Michael Musalek, Ärzte Woche 39 /2009

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