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Psychiatrische Tageskliniken – ein Zukunftskonzept?

Bericht von der ersten österreichischen Tagesklinik-Tagung.

Am 19. Juni 2009 fand die erste österreichische Tagesklinik-Tagung in Hollabrunn im Weinviertel statt. Die Veranstaltung hatte „aktuelle Herausforderungen und therapeutische Möglichkeiten“ zum Thema und sollte den an Tageskliniken tätigen Berufsgruppen, Betroffenen und Angehörigen Erfahrungsaustausch und Vernetzung ermöglichen.

 

Tageskliniken finden zunehmende Verbreitung in der Therapie von Menschen mit unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen. Die Behandlung unterscheidet sich in einigen Punkten von der stationären Therapie: Das Therapieangebot ist vielfach dichter und die Tatsache, dass die Patienten Abende und Wochenenden zu Hause verbringen, ermöglicht ihnen, stärker in ihr Alltagsleben eingebunden zu bleiben. Auf diese Weise haben die Klienten die Gelegenheit, in der Therapie Erfahrenes und Erlerntes in ihrem Alltag und im gesellschaftlichen Leben umzusetzen.

Neue Klientel

Die Vorträge befassten sich einerseits mit der aktuellen Situation psychiatrischer Tageskliniken in Österreich und Deutschland, andererseits mit den dahinter liegenden Konzepten und aktuellen Themen. So wurde unter anderem deutlich, dass sich das Klientel für Tageskliniken in den letzten Jahren gewandelt und ausgeweitet hat.

Waren anfangs Personen mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis die hauptsächliche Zielgruppe, so werden seit einigen Jahren zunehmend Menschen mit Depressionen und Angststörungen tagesklinisch behandelt. Zudem werden spezialisierte Tageskliniken mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegründet, wie etwa Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerontopsychiatrie, Ess-Störungen oder die für Wien geplante Tagesklinik mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt.

In sämtlichen Beiträgen und Diskussionen wurde die Wichtigkeit der Tagesklinik als Schnittstelle betont. Tageskliniken bieten eine intensive psychiatrische Therapie mit täglicher Überprüfung der Behandlungsergebnisse in der familiären und sozialen Realität und können so zu einer besseren sozialen Inklusion wesentlich beitragen. Sie erfordern aber gleichzeitig auch mehr Eigenverantwortung vom Einzelnen.

So betonte etwa Prim. Dr. Johanna Winkler von der Nervenklinik Linz die täglich erneut notwendige bewusste Entscheidung jedes Teilnehmers, in die Tagesklinik zu kommen. Dabei führen die Kombination von Therapie und Rehabilitation und das dadurch mögliche gezielte Training praktischer Handlungskompetenzen auch zu einer generell hohen Zufriedenheit bei Patienten und Angehörigen. Der Karlsruher Prof. Dr. Bernd Eikelmann, Vorsitzender der deutschen Arbeitsgemeinschaft Tageskliniken (DATPPP), berichtete unter anderem von einer steigenden Zahl der Tagesklinikplätze in Deutschland. Im Vergleich: Im Jahr 2006 standen 12.000 Tagesklinikplätze zur Verfügung – etwa 2.000 Plätze mehr als 2003. Eikelmann schätzt, dass etwa 30 Prozent aller Patienten mit psychischen Erkrankungen teilstationär betreut werden.

Prof. Dr. Johannes Wancata von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH erklärte, dass die Zahl der Tagesklinikplätze in Österreich derzeit noch wesentlich geringer ist – etwa 300. Zudem gäbe es in einigen Bundesländern, wie zum beispiel dem Burgenland, noch gar keine adäquate Versorgung.

Der Patient als Partner

Prof. Dr. Michaela Amering, ebenfalls von der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH, betonte personenzentriertes Arbeiten. Dabei strich sie vor allem die Notwendigkeit, mit den Klienten auf partnerschaftlicher Basis zu arbeiten, heraus. Das bedeutet das Angebot und die Akzeptanz von Patientenvereinbarungen, aber auch das einfache Nachfragen – zum Beispiel nach bereits vorhandenen Coping-Strategien – und Ernstnehmen der Klienten. Zweites Anliegen Amerings war die Stigma-Resistenz. Der Begriff bezeichnet die Widerstandsfähigkeit und innere Stärke, die jemand entwickeln kann, um mit Stigmatisierung und Diskriminierung besser umzugehen. Stigma-Resistenz bietet so die Chance, „von innen“ gegen das Stigma zu arbeiten.

Als weitere unerlässliche Konzepte für personenzentriertes Arbeiten wurden in den Vorträgen Recovery, also die Chance, sich von einer schweren psychischen Erkrankung zu erholen und wieder zu einem selbstbestimmten und sinnerfüllten Leben zu finden, und Empowerment-Maßnahmen und -Strategien hervorgestrichen, die es Betroffenen ermöglichen, wieder selbstbestimmt zu agieren.

Spezifisches Angebot

Bei der Gegenüberstellung der diagnosespezifischen Tagesklinik des Wiener AKH mit der diagnoseübergreifenden Tagesklinik in Hollabrunn stellte sich heraus, dass in der Tagesklinik des AKH – mit dem Behandlungsschwerpunkt Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis – störungsspezifische Besonderheiten gezielt beachtet und bearbeitet werden können und Patienten im diagnoseübergreifenden Angebot vom höheren Selbstregulationspotenzial der Gruppe profitieren. Die Vielfalt der angebotenen Arbeitsgruppen auf der Tagung lieferte ein gutes Abbild des therapeutischen Teams, das an Tageskliniken beschäftigt ist.

Verschiedenste therapeutische Berufsgruppen, wie im Bereich Musik- und Ergotherapie, Sozialarbeit, Psychologie, Pflege, boten die Möglichkeit, sich über neue Ideen zu informieren und auszutauschen. Zwar fehlten in der Arbeitsgruppe „Trialog“, einem Diskussionsforum für Betroffene, Angehörige und Profis, heuer noch die Betroffenen, aber das Forum bot immerhin spannende Diskussionen zwischen Angehörigen und Mitarbeitern.

Organisiert wurde die Veranstaltung von Dr. Wolfgang Grill, Oberarzt der Sozialpsychiatrischen Abteilung im LK Weinviertel Hollabrunn, OA Dr. Ingrid Sibitz und Ergotherapeutin Birgit Elsayed-Glaser, beide von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Wiener AKH.

Insgesamt zeigte ein voller Saal mit über 100 Teilnehmern aus ganz Österreich deutlich, dass großes Interesse daran besteht, sich auch in Zukunft über das Thema Tageskliniken auszutauschen und über neue Entwicklungen zu informieren. Besonders erfreulich: Aus manchen Tageskliniken, wie etwa Tulln, reisten Team und Patienten zusammen zur Tagung an. 2010 wird die Tagung in Freistadt/OÖ stattfinden.

Von ET Birgit Elsayed-Glaser, Ärzte Woche 28 /2009

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