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Wie die Jungfrau zum Kinde ...

Psychosomatische und psychische Aspekte der negierten Schwangerschaft.

Die verleugnete, verdrängte oder negierte Schwangerschaft ist ein Phänomen, bei dem eine bestehende Gravidität von der Schwangeren nicht bewusst als solche wahrgenommen wird, sondern erst zu einem fortgeschrittenen Gestationszeitpunkt bekannt bzw. ärztlich diagnostiziert wird – im Extremfall erst durch die Geburt.

 

Die Schwangerschaftsverleugnung ist im Gegensatz zur eher exotischen eingebildeten Schwangerschaft (die „Grossesse nerveuse“) relativ häufig. Prof. Dr. Christoph Brezinka von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Innsbruck fand bei einer Gesamtgeburtenzahl von 29.462 innerhalb eines Zeitraumes von einem Jahr in Tirol 62 Fälle negierter Schwangerschaften, das heißt, auf etwa 475 Schwangerschaften kommt eine verleugnete Schwangerschaft. Diese Zahlen decken sich mit jenen, die in anderen Zentren (Berlin, Celle, Wales, Ohio) gefunden wurden. Bei mehr als einem Drittel wurde die Diagnose erst „sub partu“ gestellt.

Einschlusskriterien für eine negierte Schwangerschaft sind:

  • Erste ärztliche Diagnose ab der 20. Schwangerschaftswoche;
  • Bis dahin kein subjektives Wahrnehmen der Schwangerschaft von Seiten der Schwangeren;
  • Gar kein oder sehr später Beginn der Schwangerenvorsorge.

Bei den Frauen, welche die Kriterien einer negierten Schwangerschaft erfüllen, handelt es sich um eine heterogene Gruppe: die typische Schwangerschaftsverleugnerin gibt es nicht. Die weit verbreitete Ansicht, dass diese Frauen jung bzw. unreif, sexuell unerfahren, sozial desintegriert, von geringer Intelligenz, lügenhaft und/oder psychotisch seien, trifft nur auf wenige Fälle zu. Die psychotische Form der Nichtwahrnehmung der Schwangerschaft, gekennzeichnet Verleugnung der Gravidität auch nach der Geburt bei Frauen mit einer vorbestehenden Psychose, liegt bei etwa fünf Prozent der Frauen vor. Etwa gleich häufig sind Frauen mit einer leichten bis deutlichen Intelligenzminderung. Diese Zahlen decken sich weitgehend mit denen, die Dr. Jens Wessel (2007) in seiner Berliner Studie gefunden hat.

Das Durchschnittsalter der untersuchten Tiroler Frauen lag bei 26 Jahren (15–44 Jahre). Mehr als vier Fünftel lebten in fester Partnerschaft. Von 66 Frauen mit verdrängter Schwangerschaft an der Innsbrucker Frauenklinik waren 37 (56 %) Mehrgebärende (mindestens eine Geburt zuvor), acht (12 %) Erstgebärende (aber mindestens eine Schwangerschaft davor) und 21 (32 %) Erstschwangere, das heißt ohne Schwangerschaftserfahrung (Brezinka 2004).

Risikoschwangerschaft

Die Verleugnung der Schwangerschaft wurde dadurch unterstützt, dass bei vielen Betroffenen die üblichen Schwangerschaftszeichen fehlten (geringe Gewichtszunahme, selten Übelkeit, unregelmäßige Blutungen, weitere Einnahme der „Pille“).

Die verdrängte Schwangerschaft ist als Risikoschwangerschaft einzustufen, da es häufiger zu Komplikationen wie hypotrophen Neugeborenen und Frühgeburtlichkeit kommt. Weiters sind vier (7 %) der Kinder gestorben. Eine erhöhte mütterliche Gefährdung besteht aufgrund der fehlenden vorherigen Wahrnehmung der Gravidität auch für die Frauen bei unerwarteten und plötzlichen Geburten zu Hause (Wessel 2007).

Wie eine Angststörung

Die Verleugnung der Schwangerschaft kann als Anpassungsstörung gesehen werden. Eine Schwangerschaft ist immer eine psychische bzw. psychosoziale Belastungssituation, speziell wenn sie aus verschiedenen Gründen unpassend ist (z. B. ungeplante, unerwünschte Schwangerschaft). Dies kann einhergehen mit Unsicherheit und Angst, Gefühlen der Abhängigkeit von Bezugspersonen, besonders dem Partner und der Ursprungsfamilie, beruflichen Einbußen, Angst vor Ablehnung von Seiten der Familie (Tabuisierung der Sexualität) und der Schwangerschaft als Ausdruck gelebter Sexualität. Eine Schwangerschaft erfordert ein hohes Maß an Anpassungsleistung und gute Bewältigungsstrategien. Die Schwangerschaft kann zu einer Bedrohung von Lebensplänen führen und unbewusste, ungelöste Konflikte aktualisieren, die interindividuell sehr unterschiedlich und meist komplexer Natur sind. Bei (fast) allen Frauen war die Mutterschaft Teil ihres Lebensplans.

Funktion der Verleugnung

Die Negation der Schwangerschaft hat mehrere Funktionen für die Betroffenen:

  • Schutz vor Abtreibung:
  • Schutz nach außen (z. B. Angst, von Partner/Eltern zur Abtreibung gedrängt zu werden)
  • Schutz nach innen: Wessel (2007) weist darauf hin, dass meist ein eigener, hoch ambivalenter Kinderwunsch besteht; über eine zu späte Schwangerschaftswahrnehmung können die Frauen das Kind bekommen, da sonst bei früherer Diagnose eventuell eine Interruptio erfolgt wäre.
  • Vermeidung der Auseinandersetzung mit der Realität für eine längere Zeit: dadurch ist eine Weiterführung des gewohnten Lebens möglich, da eventuell schwerwiegende und schmerzliche Affekte ausgeblendet werden können.

Die Abwehrmechanismen bei der Negation der Schwangerschaft sind eingebettet in ein Anpassungsverhalten; es liegen dabei sowohl unbewusste als auch bewusste Anteile vor („middle knowledge“), das heißt, Verleugnung und Rationalisierung werden dabei durch Uminterpretation und weitere Bewältigungsformen wie Verheimlichung, Fasten, forcierte körperliche Aktivitäten, sozialen Rückzug oder aktives Vermeiden von Untersuchungen unterstützt.

Bezüglich einer zugrunde liegenden psychischen Störung ist davon auszugehen, dass das Störungsspektrum von weitgehend ungestört über neurotische und Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Psychosen vom schizophrenen Typus reicht.

Risikofaktoren

Risikofaktoren für eine Verleugnung der Schwangerschaft sind:

  • Akute Trennungserfahrungen (die Schwangerschaft steht dann im Kontrast zur Partnersituation);
  • Autonomiebestrebungen (Schwangerschaft steht im Gegensatz zum Bedürfnis nach Eigenständigkeit, z. B. Loslösung vom Elternhaus);
  • Chronische familiäre bzw. zwischenmenschliche Konflikte verbunden mit mangelnder psychosozialer Unterstützung;
  • Schwere psychische Störung (z. B. Psychose) oder deutlich verminderte Intelligenz;
  • Chronische Essstörungen: Viele der betroffenen Frauen weisen anamnestisch eine subklinische oder klinische Form einer Essstörung auf. Durch die unzähligen Diäten haben die betroffenen Frauen irgendwann aufgehört, auf den eigenen Körper, der „oft Ärger gemacht hat“, zu hören und auf ihn zu achten;
  • Fehlinterpretation: z. B. weitere Einnahme der Pille, Frauen über 40 Jahre (Aussagen von Ärzten: „Sie können keine Kinder mehr bekommen“);
  • Oft gleichgültiges und lustloses Verhältnis zur Sexualität.

Die Prognose bezüglich der späteren Mutter-Kind-Beziehung bzw. die Fähigkeit der Kindesmutter, den Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden, hängt vor allem von zwei Faktoren ab:

  • Von der Psychopathologie der Kindesmutter;
  • Von der psychosozialen Unterstützung der Kindesmutter postpartal (besonders durch eigene Mutter und Kindesvater).

Drei Viertel der untersuchten Frauen waren in der Lage und bereit, dass nach der Geburt das Kind bei ihnen verblieb; ein nicht unbeträchtlicher Teil der Frauen (17 %) gab ihr Kind aber zur Adoption frei.

Wessel (2007) führte etwa ein Jahr postpartal eine Nachuntersuchung bei Frauen mit einer Schwangerschaftsverdrängung durch. Wesentliche Ergebnisse waren:

  • Frauen mit einer Schwangerschaftsverdrängung drücken weniger Gefühle aus und nehmen eigene Konflikte in geringerem Umfang wahr (Hinweise auf Alexithymie).
  • Die frühe somatische, kognitive, psychomotorische Entwicklung der Kinder verlief weitgehend regelrecht.
  • Die Mutter-Kind-Beziehung ist häufig durch eher zurückhaltendes, weniger fürsorgliches Verhalten der Frauen gekennzeichnet.

Umgang mit der Kindsmutter

Brezinka gibt folgende Empfehlungen für den Umgang mit Frauen, welche die Schwangerschaft verleugnet haben:

  • Die Patientin, deren Negation gerade aufgehoben wurde, nicht ziehen lassen (z.B. „den Mutter-Kind-Pass machen wir nächstes Mal“), rasch den Mutter-Kind-Pass („Symbol der Schwangerschaft“) ausstellen;
  • wenn irgendwie möglich über Nacht aufnehmen;
  • Kontakt mit dem Hausarzt und anderen Ärzten aufnehmen, um eventuelle Belastungen (z. B. Röntgenbestrahlung, Medikamente) zu erfahren;
  • zügig eine psychologische Betreuung organisieren;
  • Frauen darin bestärken, dass sie nicht „spinnen“ bzw. dass eine Negation der Schwangerschaft ein nicht so seltenes Ereignis ist.

 

Prof. Dr. Johann F. Kinzl ist am Department für Psychiatrie und Psychotherapie der medizinischen Universität Innsbruck tätig.

Von Prof. Dr. Johann F. Kinzl, Ärzte Woche 28 /2009

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