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Unerwünschte Annäherung

Erstmals in Österreich: Repräsentative Daten für die Häufigkeit von Stalking erhoben.

Bisher gab es für Österreich keine exakten Prävalenzdaten für das Phänomen Stalking. In einer am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der MedUni Graz durchgeführten Studie wurde nun erstmals die Häufigkeit von Stalking anhand einer repräsentativen Stichprobe der weiblichen Bevölkerung des Bundeslandes Steiermark erhoben. Dabei zeigte sich, dass fortwährende unerwünschte Annäherungs- oder Kommunikationsversuche auch zu einer erheblichen Beeinträchtigung der psychischen, sozialen oder körperlichen Gesundheit der Betroffenen führen können.

Unter Stalking wird das obsessive Verfolgen und Belästigen einer Person verstanden, deren psychische und physische Unversehrtheit und Sicherheit dadurch bedroht wird. Nach einer wissenschaftlich akzeptierten Arbeitsdefinition werden unerwünschte Versuche, sich einem anderen Menschen anzunähern oder mit ihm zu kommunizieren, dann als Stalking bezeichnet, wenn sie mindestens zehn Mal und zumindest vier Wochen andauernd sind.

Zweitausend Steirerinnen wurden für eine Studie, die am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Freidl durchgeführt wurde, telefonisch zu ihren Erfahrungen mit Stalking befragt (repräsentative Zufallsstichprobe der weiblichen Bevölkerung über 18 Jahren). Drei Stalkingstufen wurden unterschieden:

  • Unerwünschte Kontakte oder Annäherungen über einen längeren Zeitraum bzw. Missbrauch persönlicher Daten durch eine andere Person
  • Vier bis neun derartige Kontaktnahmen pro Monat
  • Mindestens zehn derartige Kontaktnahmen pro Monat.

Junge, partnerlose Städterinnen

Die Auswertung zeigt, dass Stalking ein beträchtliches und unterschätztes Problem darstellt: Je nach Definition gaben zwischen sechs und 18 Prozent aller Frauen an, irgendwann in ihrem Leben schon einmal gestalkt worden zu sein. Die entsprechenden Ein- und Fünfjahresprävalenzen lagen zwischen 1,2 und vier Prozent bzw. 2,4 und 8,1 Prozent. Mit diesen Zahlen befindet sich die Steiermark im unteren Bereich des internationalen Durchschnitts. „Auffallend ist, dass die Betroffenen oft über viele Jahre gestalkt wurden“, berichtet Freidl. Die längste berichtete Stalkingdauer betrug 54 Jahre.

In Abhängigkeit von der Stringenz der Definition gaben 39 bis 43 Prozent der gestalkten Frauen an, dass das Stalkinggeschehen negative Auswirkungen auf ihre Lebensführung habe, 32 bis 40 Prozent fühlten sich auch gesundheitlich beeinträchtigt.

Es zeigte sich, dass jüngere und nicht in Partnerschaft lebende Frauen häufiger gestalkt wurden. Dasselbe gilt für Städterinnen. Bildung, verstanden als soziale Schichtvariable, hatte hingegen keinen Einfluss.

Interessant auch die Geschlechterverteilung: Nach der Literatur sind ehemalige Intimpartner die größte und problematischste Gruppe der Stalker.

Daneben gibt es offenbar noch viele andere Motive für Stalking. „Ein bemerkenswertes Ergebnis unserer Studie ist, dass immerhin 19 Prozent der Frauen von einer Frau gestalkt wurden“, so Freidl. „Alles in allem bestätigen unsere Daten, dass Stalking zu einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der gesundheitlichen und sozialen Lebensqualität führen kann und nicht bagatellisiert werden darf. Wer die Probleme gestalkter Personen nicht ernst nimmt, macht sie ein zweites Mal zum Opfer.“ Neben einer besseren wissenschaftlichen Aufarbeitung des Problems wünscht sich Sozialmediziner Freidl, der kürzlich seine Antrittsvorlesung hielt, vor allem auch einen Ausbau der psychosozialen Betreuungsangebote für die Betroffenen.

Quelle: MedUni Graz

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