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Achtung: Verachtung! Dargestellt vom Autor
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Duchenne beim Stimulationsexperiment

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Wer verachtet wird, ist ausgegrenzt.

 

Verachtung – eine Gefühlsbestimmung* – Teil 1

Scham als Strafe für Sosein, Falschsein, Anderssein

Es scheint beliebtere Gefühle zu geben, beispielsweise den Ekel – bemisst man Beliebtheit an der Publikationstätigkeit zum Thema. Das Gefühl der Verachtung hingegen findet vergleichsweise wenig explizite Resonanz in der Fachliteratur und bietet auch physiologisch wenig Erklärungsansätze. Dieser Text trägt in zwei Teilen Beschreibungen, Erkenntnisse und Überlegungen zusammen, um kaleidoskopisch Aspekte dieses Themas aufscheinen zu lassen.

Die Herkunft der Verachtung

Beginnen möchte ich mit einem Blick auf das Wort selbst und seine Herkunft. „Verachten“ ist eine von mehreren Präfixbildungen des Verbes „achten“: „aufpassen, beachten; für etwas halten; schätzen; hochachten“ (mhd. ahten, ahd. ahton). Dies lässt sich zurückverfolgen auf einen gotischen Stamm mit der Bedeutung „Sinn, Verstand“ und noch weiter auf eine indogermanische Wurzel mit der Bedeutung „nachdenken, überlegen“. Der Gebrauch des Wortes „verachten“ oder „verächtlich“ ist erstmals belegt für das 15. Jahrhundert (3). Das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm (2) führt aus: Verachtung: „nichtbeachtung, übersehen“, „geringschätzen, miszachtende handlungsweise“, und: „das verachtetwerden, zustand, darin etwas oder einer verachtet wird“.

Schaut man in andere Sprachen, begegnet uns im Englischen, Italienischen und Französischen eine Einwortübersetzung wie contempt, disprezzo, mépris. Andere Sprachen lassen hier eine beträchtliche sprachliche Differenzierung erkennen. So führt ein Internet-Wörterbuch beispielsweise für das Arabische allein sechs Übersetzungsmöglichkeiten auf, insgesamt zehn für das Japanische und immerhin noch neun für das Türkische.

Ein kognitives Gefühl

In der Literatur wird Verachtung zumeist beiläufig im Zusammenhang mit Gefühlen wie Scham, Ärger, Wut oder Ekel erwähnt; über alle diese Gefühle gibt es ausführliche Erörterungen. Die Anerkennung der Verachtung als eigenständige Emotion im Sinne dieses Primärgefühls ist durchaus umstritten. Unumstritten hingegen sind Freude, Überraschung, Trauer, Scham, Ekel und Ärger: Die Verachtung bleibt in diesem Kreise gewissermaßen ein Wackelkandidat. Ekman selbst rechnet die Verachtung sehr wohl zu den Grundgefühlen und er schreibt (5): „Verachtung ist dem Ekel verwandt und dennoch von ihm zu unterscheiden. ... Verachtung wird stets nur Menschen oder menschlichem Handeln entgegengebracht, nicht aber Geschmack, Gerüchen oder Berührungen. In Hundekot zu treten mag Ekel erregen, niemals aber Verachtung. Die Vorstellung, Kalbshirn zu essen, mag ekelhaft sein, aber sie beschwört keine Verachtung herauf. Allerdings können Sie sehr wohl Menschen gegenüber, die solche Ekel erregenden Dinge essen, Verachtung empfinden, denn Verachtung birgt immer auch ein Element der Herablassung gegenüber dem Objekt der Verachtung. Wenn Sie Personen und ihren Aktionen Geringschätzung entgegenbringen, fühlen Sie sich (in der Regel moralisch) überlegen.“ Bei Krause hört es sich so an (8): „Im Falle der Verachtung ist das Objekt external und vom Subjekt scheinbar dauerhaft sehr scharf entlang der Verfügung über Machtmittel geschieden. Das Subjekt erlebt sich dem Objekt gegenüber dauerhaft überlegen.“ Ekman spricht von der Nähe der Verachtung zum Ekel. Ekel ist ein viszerales, von vegetativen Erscheinungen begleitetes Gefühl mit einem Objektbezug, zu dem zumindest die Vorstellung eines physischen Bezuges besteht. Wir ekeln uns beispielsweise vor bestimmten Gerüchen, die in unsere Nase kriechen wie bei Fäkalien. Verachtung wird im Gegensatz zum Ekel weniger von einer erlebbar veränderten Körperphysiologie wie der Ausschüttung von Stresshormonen geprägt, die Wirkung vollzieht sich vielmehr im Mentalen. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von der Verachtung als einem kognitiven Gefühl oder auch einem kalten Gefühl sprechen in Abgrenzung zur Hitze beispielsweise des Ärgers.

Im sozialen Raum

Der Versuch, Verachtung zu definieren, berücksichtigt zumeist drei Aspekte: Verachtung ist interpersonal, sie bezieht sich auf die Negativhandlungen eines Gegenübers (Mißbilligung) und lässt Überlegenheitsgefühle entwickeln (17). Verachtung geschieht zwischen mir und einem Anderen, in einem sozialen Raum, wobei der Andere durch sein Sosein oder durch eine bestimmte Handlung, eine Tat, zum Objekt meiner Verachtung wird. Verachtung geht über die bloße Ablehnung eines Gegenübers hinaus, sie zielt auf eine Aberkennung von Ehre, Würde, auf den gesellschaftlichen Ausschluss, eine soziale Ausgrenzung, Stigmatisierung. Man könnte auch von der Verachtung als sozialem Ekel oder einem sozialen Derivat von Ekel (9) sprechen. Im Extremfall begleitet die Gefühlsäußerung der Verachtung die Tötung von Menschen, denke man an die Vernichtungsmaschinerie von „unwertem“, stigmatisiertem Leben in der Nazizeit.

In der Verachtung mache ich mein Gegenüber klein und mich selbst groß mit einem Gefühl einer wie auch immer begründeten Überlegenheit, die nach außen als Arroganz oder Hochmut wirkt. Das Gegenteil der Verachtung wäre demnach Bewunderung, Achtung, Anerkennung, das Gegen-stück der Verachtung ist jedoch die Scham.

Bleiben wir kurz bei der Scham und sprechen zunächst über sie im Begriff Schamkultur. Die Begriffe Schamkultur (assoziiert mit Ländern des nahen und fernen Ostens) und Schuldkultur, der westlichen Welt zugeschrieben, gehen zurück auf den englischen Altphilologen Eric Robertson Dodds. In der Schamkultur gilt die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut und die öffentliche Verweigerung von Wertschätzung oder gar Demütigung als größtes Unglück. In der Schuldkultur empfindet ein Regelverletzer Schuld, die er sühnen kann. An dieser Stelle eine Aussage eines persischen Patienten, den ich zur Verachtung befragte. Er sagte: „Verachtung ist die beste Art, einen Menschen zu bestrafen. In der westlichen Kultur wollen und sollen alle gleich sein, überall heißt es ‚Gleichberechtigung‘, niemand darf verachtet werden. Bei uns gibt es Unterschiede und dafür braucht man die Verachtung.“

So gesehen macht es auch Sinn, sprachlich im Hinblick auf die Schamauslöser zu differenzieren. Die vormals genannten Sprachen mit ihren zahlreichen Ausdrucksformen für “Verachtung” sind Schamkulturen zuzuordnen; Schuldkulturen auf der anderen Seite tun sich eher schwer mit der Verachtung, sie ist „einfach“ negativ konnotiert.

Die Verachtung soll im Gegenüber Gefühle von Scham auslösen, es geht dabei weniger um die Gefühle Angst und Ohnmacht, wie Zorn oder Wut sie auslösen; es geht um die Scham des Verachtet-Werdens. Die Verachtung als Ursache der Scham unterscheidet sich deutlich von Ärger und Hass als Vergeltung und Strafe bei der Schuld. Der Psychiater und Psychoanalytiker Léon Wurmser unterscheidet diese Aggressionsarten in „heiße“ und „kalte“ Affekte (20). Verachtung bezeichnet er als „kalten“ Affekt, worunter er versteht, dass das verachtete Objekt so behandelt wird, als ob es nicht existieren würde. Bei Schuldgefühlen sagt das Gewissen: „Du verhältst dich ungehörig, hast Strafe verdient!“, bei Scham hört es sich so an: „Du bist ein ungehöriger Mensch, Du gehörst nicht mehr zu uns!“ (7). Durch diese Form der Zurückweisung entsteht durch die Verachtung beim Verachteten ein Gefühl des Verlassen-Werdens und der Isolation. Das verachtete Subjekt wird zu einem Gegenstand, einer Sache“ (15). Man könnte sagen, dass der objektivierende Blick der Verachtung die Bestrafung mittels Scham ist, wie sie subjektiv als Ausgestoßen-Werden erlebt und erlitten wird. Im Gegensatz dazu sind Hass und Ärger, die der Strafende bei der Schuld benutzt, eher „heiße“ Affekte, sie wollen verletzen, verstümmeln, gar töten, in Stücke schlagen.

Der Philosoph Richard Wollheim führt aus (18): „Erstens: Wenn wir Scham empfinden, dann fühlen wir uns kritisiert für die Art von Mensch, die wir geworden sind. Wenn wir uns schuldig fühlen, dann fühlen wir uns kritisiert für etwas, was wir getan oder unterlassen haben. Zweitens: Bei Scham bezieht sich die Kritik auf ein Ideal, das zu erfüllen uns nicht gelungen ist. Bei Schuld bezieht sich die Kritik auf ein Regelwerk, das wir verletzt haben. ... Viertens können wir im Fall der Scham der Kritik nur dadurch begegnen und sie erwidern, daß wir selbst versuchen, uns in unserer Art, wie wir sind, zu ändern. Im Fall der Schuld können wir der Kritik nur dadurch begegnen und sie erwidern, daß wir versuchen, das wiedergutzumachen, was wir getan haben. Und schließlich empfinden wir bei Scham die Kritik, als ob sie uns durch einen Blick zugestellt wird: Wir empfinden einen Blick der Mißbilligung. Schuld wird uns dagegen durch Worte übermittelt.“

Dieser „Blick der Mißbilligung“ ist ein Blick im Wortsinn, ein Vektor für die Scham. Die mimische Palette, mit der einem Gegenüber Verachtung signalisiert werden kann, ist grundsätzlich vielfältig und kann hochindividuell sein. Doch gibt es allgemein verständliche und universelle Veränderungen der Gesichtsmuskulatur, die als Verachtung gedeutet werden.

Verdünnter Ekel

Als erster Wissenschaftler hat sich mit dem Ausdrucksgehalt der Gesichtsmuskulatur der Biologe Guillaume Duchenne (1806-1875) beschäftigt. Er arbeitete bei seinen Stimulationsexperimenten unter anderem mit einer Prostituierten, einem Morphinisten, einem Schauspieler und am häufigsten mit dem einem Mann, den er so beschreibt: „Ein alter zahnloser Mann mit schmalem Gesicht, dessen Züge nicht direkt häßlich waren, aber doch an Gewöhnlichkeit grenzten und dessen Gesichtsausdruck vollkommen zu seinem harmlosen Charakter und bescheidenem Verstande paßten.“(4) Als Ergebnis seiner Experimente wies er bekanntermaßen einzelnen Gesichtsmuskeln typische Ausdrucksfunktionen zu.

Auch Charles Darwin (1809 –1882) hat sich als Zeitgenosse Duchennes in seinem Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und bei den Tieren“ (1) mit der Körpersprache von „Spott, Geringschätzung, Hohn und herausforderndem Trotz“ beschäftigt, „die kaum von Verachtung zu unterscheiden“ sei. Er schreibt: Die Verachtung sei „mimisch charakterisiert durch ein einseitiges unbedeutendes Entblößen des Eckzahnes, verschiedentlich übergehend in eine dem Lächeln ähnliche Bewegung. Der Beleidiger wird damit so bedeutungslos, daß er nur Erheiterung erregt. Es wird von den Kaffern berichtet, die Verachtung für gewöhnlich durch ein Lächeln zeigen.“

Duchenne beschreibt das subtotale Schließen der Augenlider oder auch das Wegwenden der Augen beziehungsweise des ganzen Körpers als Ausdruck der Geringschätzung. Die verachtete Person sei es damit nicht wert, angesehen zu werden. „Die gewöhnlichste Methode, Verachtung auszudrücken, ist die durch gewisse Bewegungen um die Nase und um den Mund. ... Die Nase kann leicht in die Höhe gewendet sein, was allem Anscheine nach Folge des Aufwerfens der Oberlippe ist, oder die Bewegung kann in ein bloßes Runzeln der Nase abgekürzt sein. ... In äußersten Fällen strecken wir ... beide Lippen vor und erheben sie oder auch nur die Oberlippe allein, gewissermaßen um die Nasenlöcher wie mit einer Klappe zu schließen ... Wir scheinen hierdurch der verachteten Person sagen zu wollen, daß sie widerwärtig riecht, in nahezu derselben Art und Weise, wie wir ihr durch unsre halbgeschlossenen Augenlider oder durch das Wegwenden unsres Gesichts ausdrücken, daß sie nicht wert ist, angesehen zu werden. Man darf indessen nicht etwa annehmen, daß derartige Ideen wirklich durch die Seele ziehen, wenn wir unsre Verachtung aus drücken. Da wir aber, sooft wir nur einen unangenehmen Geruch oder einen unangenehmen Anblick wahrgenommen haben, Bewegungen dieser Art ausgeführt haben, so sind sie konventionell oder fixiert worden und werden nun unter jedem analogen Seelenzustande angewendet.“ Im selben Buch schreibt Darwin auch etwas zur Gestik der Verachtung, das anekdotisch anmutet. So erwähnt er das Fingerschnippen („etwas wegschnippen“), oder auch den Bericht über einen Griechisch-Professor in Harvard, der zum Ausdruck der Verachtung den Daumennagel vom Rand des oberen Vorderzahnes wegschnippte, als werde ein Stück Nagel ausgespuckt. Dies habe er selbst erklärt als „östliches Pendant zum Fingerschnippen“. Über die Dakota-Indianer liege folgender Bericht vor: Die Hand werde geschlossen vor der Brust gehalten, dann strecke sich der Arm plötzlich nach vorne und die Hand öffne sich mit gespreizten Fingern. Dies könnte das Wegwerfen eines wertlosen Gegenstandes ausdrücken. Ein Grönländer werfe zum Ausdruck der Verachtung die Nase auf und stoße einen leisen Laut durch sie aus. Weit verbreitet sei das Ausspucken als Geste des Ausstoßens von etwas Widerwärtigem aus dem Mund.

Der heutige Forschungsstand weicht von diesen Pioniererkenntnissen ab. Verfolgt man die mimischen Veränderungen eines Gesichtes aus der Neutralstellung in Richtung des Ausdrucks von Ekel, so findet man in den ersten mimischen Veränderungen einen Gesichtsausdruck, den sicherlich die meisten als einen Ausdruck der Verachtung akzeptieren würden. Als erste Annäherung wäre abzuleiten, dass die Mimik der Verachtung gewissermaßen eine Verdünnungsform des Ekels ist.

Nach Paul Ekman ist der Ekel relativ leicht zu identifizieren: Als charakteristisch gilt hier das Naserümpfen und Anheben der Oberlippe. Im Übergang zur Verachtung tritt eine Lateralisierung der Lippenhebung auf, der Mundwinkel ist einseitig angespannt und leicht nach oben verzogen. Und genau dies sei typisch für den Gesichtsausdruck der Verachtung, und man kann es selbst nachvollziehen: Man spürt während der Verachtung eine Anspannung in einem der Mundwinkel.

Ein Photo einer Frau mit einem hochgezogenen Mundwinkel (ähnlich dem Autorenphoto) wurde von einem in den USA lebenden Japaner näher untersucht (11). Dabei interessierte er sich für einen möglichen Unterschied zwischen Japanern und US-Amerikanern bei der Deutung dieses Gesichtsausdrucks. Er fand heraus, dass mehrheitlich beide Gruppen darin Verachtung sahen, jedoch die Japaner treffsicherer als die Amerikaner. Amerikaner sahen in diesem Gesicht eher auch Ärger oder Ekel. Dies ist nicht überraschend, da Verachtung „oftmals eine milde Variante von Zorn im Schlepptau“ hat (6). Aber auch Ekel tritt leicht hinzu, wenn – so Ekman – „die angewiderte Person damit hadert, sich angewidert zu fühlen.“

Eine weitere häufige Vermischung der Verachtung mit einem anderen Gefühl ist die Mischung mit Freude, mit einem Hochgefühl. Der hochgezogene Mundwinkel mischt sich mit dem Anflug eines Lächelns: Es entsteht ein selbstgefälliger Gesichtsausdruck, der Freude oder gar eher doch ein Triumphgefühl der Überlegenheit signalisieren soll. Ekman betont, obwohl Verachtung zu den negativen Gefühlen zählt, werde sie in dem Moment der Verachtung häufig angenehm empfunden, auch wenn man sich im Nachhinein schämt.

Angesichts der mimischen Äußerungen der Verachtung fällt eine Besonderheit auf. Anders als bei der Mimik der anderen Primärgefühle ist das Gesicht der Verachtung asymmetrisch, schief. Ein möglicher Erklärungsansatz hierfür könnte die Beobachtung sein, dass bei einem bewussten, willentlich herbeigeführten Mienenspiel die Bewegungsimpulse stärker lateralisiert auftreten. Unwillkürliche Mimik entsteht blitzschnell, ohne eine bewusste Steuerung, gesteuert von weniger lateralisierten, tiefer gelegenen und damit auch älteren Hirnstrukturen, betrifft also beide Gehirnhälften gleichermaßen und zeigt sich im Effektor-Organ des Gesichtsmuskels symmetrisch. Die Asymmetrie des mimischen Ausdrucks der Verachtung könnte demnach auf eine Dominanz des kognitiven Anteils bei der Verachtung hinweisen – bei aller Zurückhaltung, die bei solchen Deutungen immer geboten ist. Verachtung als ein Gefühl mit einer kognitiven Prägung, gebunden an eine Gedankenformation, die in Wechselwirkung mit der emotionalen Resonanz steht. Dabei ist es möglich, dass sich die Verachtung zirkelförmig verstärkt bis zum Wutgefühl oder auch mental zu überdauerndem Hass.

Als ein vortreffliches Beispiel einer inszenierten Verachtung dient die Aufzeichnung einer Pressekonferenz von Klaus Kinski aus dem Jahr 1989, gut zwei Jahre vor seinem Tod (Extra auf: Paganini. 2-DVD-Set. SPV, Hannover, 2003). Er hat unter zuletzt großem Zeitdruck seinen ersten eigenen Film „Paganini“ fertig gestellt, um ihn beim Filmwettbewerb in Cannes als Beitrag zu präsentieren. Doch der Film wird vom Festivalleiter Gilles Jacob wegen der expliziten Szenen des Filmes und seines mangelnden künstlerischen Gehalts abgelehnt. Zur Pressekonferenz in Cannes betritt zunächst ein gut gelaunter Kinski den Raum, eher die Bühne, an seiner Hand die noch sehr junge Lebensgefährtin und Hauptdarstellerin seines Filmes. Er nimmt Platz und ordnet sein gefärbtes Haar vor einem möglicherweise imaginierten Spiegel.

Im Verlauf seiner Erklärung führt er rasch ein rhetorisches Stilmittel ein, in dem er sich den Namen dieses Herrn Jacob soufflieren lässt, den er sich selbst offenbar nicht merken will. Es folgt eine rasche Abfolge von Zorn- oder Wutausbrüchen, die zeitweilig wie auf Knopfdruck unterbrochen werden von einem lockeren Plauderton. Auch dieses Umschalten verweist auf die Inszenierung, die hinter dem Auftritt steckt. Die Zornausbrüche sind instrumentalisiert und dienen der Intensivierung seiner Verachtung, die dann in einem fulminanten Schlussmonolog zum angewiderten Werfen des Mikrophons auf den Tisch führt. Ein verächtlicher Gesichtsausdruck begleitet diese Handlung und das Ende der Pressekonferenz. Insgesamt eine perfekte Aufführung, die sicherlich ihre von beiden Seiten – von Kinski und der Kritik/dem Publikum – herbeigesehnte Wirkung nicht verfehlt hat: Ein Beispiel einer inszenierten, vorsätzlichen und öffentlichen Verachtung als Reaktion auf eine massive Kränkung eines kränkbaren Mannes.

1 Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Hochschule Hannover

* Dieser Text folgt dem Vortrag der Ringvorlesung „Geist, Psyche und Gehirn. Philosophie der Gefühle“, Leibniz Universität Hannover, November 2007

1 Darwin C: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und bei den Tieren. Frankfurt am Main, 2000

2 Der Digitale Grimm®. Frankfurt am Main, 2004

3 Der Große DUDEN, Etymologie. Mannheim, 1963

4 Duchenne de Boulogne GB: Mechanisme de la Physiognomie Humaine ou Analyse Electro-Physiologique de l‘Expression des Passions, 1862

5 Ekman P, Friesen WV: Unmasking the Face. Prentice Hall, Upper Saddle River, N.J., 1975 zitiert in: Ekman P: Gefühle lesen. München, 2004

6 Ekman P: Emotions Revealed. Understanding Faces and Feelings. London, 2003. dt.: Gefühle lesen. München, 2004

7 Joraschky P: Psychodynamische Therapie der Sozialphobie. In: Katschnig H, Demal U, Windhaber J (Hg): Wenn Schüchternheit zur Krankheit wird. Wien, 1998

8 Krause R: Affekte und Gefühle aus psychoanalytischer Sicht. Psychotherapie im Dialog 2,2002. 120-6

9 Krause R: Psychodynamik der Emotionsstörungen. In: K.R. Scherer (Hg.): Psychologie der Emotion. Enzyklopädie der Psychologie. Motivation und Emotion, Band 3. Göttingen, 1990

10 Krause R: Verachtung, Ekel und Ärger des Therapeuten. In: Kernberg OF, Dulz B, Eckert J (Hg.): WIR - Psychotherapeuten über sich und ihren „unmöglichen“ Beruf. Stuttgart, 2005

11 Matsumoto D: Scalar Ratings of Contempt Expressions. Journal of Nonverbal Behavior, Volume 29, Number 2:2005, 91-104

12 Mentzos S: Psychoanalyse der Psychosen, Psychotherapie im Dialog. 3,2003:223-9

13 Mertens W: Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität, Bd.1. Stuttgart, 1997

14 Mitsch E: Egon Schiele. München,1975

15 Seidler G: Der Blick des Anderen – Eine Analyse der Scham. Stuttgart,1995

16 Tiedemann J: Die intersubjektive Natur der Scham, Dissertation FU Berlin, 2007

17 Wagner HL: The accessibility of the term „contempt“ and the meaning of the unilateral lip curl. Cognition & Emotion, 14(5): 2000, 689-710

18 Wollheim R: On the Emotions, 1999, deutsch: Emotionen - Eine Philosophie der Gefühle, München, 2001

19 Wulff E: Wahnsinnslogik. Bonn, 1995

20 Wurmser L: Die Maske der Scham – Die Psychoanalyse von Schamaffekten und Schamkonflikten. Berlin, 1990

Stefan-M. Bartusch, psychopraxis. neuropraxis 3/2009

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