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Foto: Buenos Dias/photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Am anderen Ende erwartet Alkoholabhängige oder deren Angehörige ein „Alkofonist“, der wirklich weiß, wie man unter Alkoholismus leidet und mit eigenen Erfahrungen aufwarten kann.
 

Alkoholismus: Spezialisten auf Draht

Der erste Schritt zu einer „trockenen Phase“ kann auch über einen „Alkofonisten“ per Telefon erfolgen.

Wo bekommt der Alkoholabhängige oder dessen (koabhängige) Angehörige guten Rat? Die meisten Betroffenen machen sich zunächst allein auf die Suche nach einem Heilmittel – und scheitern daher auch einsam. Doch an wen soll man sich mit einer tabuisierten Krankheit wenden, für die man sich im allgemeinen Glauben zu schämen hat? Hier kann der Griff zum Telefon viel bewirken, und eine „Alko-Helpline“ gibt es bereits seit mehreren Jahren.

 

Verdrängung ist ein wesentlicher Teil des Umgangs mit dem Problem Alkoholismus. Dieser Vorgang findet sowohl im Individuum als auch in der Gesellschaft statt. Angefangen von freundlichen Euphemismen wie dem „Schlummertrunk“, dem „Reparaturseidel“, dem „Begrüßungsschluck“, dem „Dämmerschoppen“ und dem „Katerfrühstück“ gibt es viele Umschreibungen für den schädlichen Umgang mit Alkohol. Dementsprechend fällt es vielen Betroffenen – und das sind in Österreich immerhin 1,2 Millionen Menschen – schwer, sich mit ihrer Situation nüchtern auseinanderzusetzen. Hilfe tut also Not.

Es gibt heute einerseits die Möglichkeit, relativ einfach im Internet zu einem Selbstbeurteilungsfragebogen (zum Beispiel CAGE- oder AUDIT-Test) zu kommen, der ein niederschwelliges Angebot darstellen könnte. Dabei ist eine geringe Anzahl von Fragen zu beantworten; aus den Antworten ergibt sich ein Punktewert, der darauf hinweist, ob das Trinkmuster bereits als problematisch oder gar krankhaft zu betrachten ist. Andererseits ist nichts so hilfreich und unmittelbar Einsicht vermittelnd wie der persönliche Kontakt mit Betroffenen, die sich mit solchen Situationen reflektiert beschäftigen.

Daher wurde schon vor mehreren Jahren an der Station für alkoholkranke Männer des Wiener Otto-Wagner-Spitals eine telefonisch erreichbare Informationsstelle etabliert, bei der – unter dem Titel „Alko-Helpline“ – Interessierte und Betroffene sowohl sachliche als auch persönliche Informationen über das Entstehen der Alkoholkrankheit und über Behandlungsmöglichkeiten erhalten können.

Nachhilfe bringt auch den Lehrer weiter

Betrieben wird die „Alko-Helpline“ von Patienten während der stationären Entwöhnung. „Empowerment“ ist die Devise. Schließlich weiß man, dass Wissen über eine Materie am besten erlangt wird, wenn man dieses – etwa im Rahmen einer Nachhilfe – selbst weitergeben kann. Dann ist man bereit, die Mühe, Informationen zusammenzutragen und zu ordnen, auf sich zu nehmen.

Die „Alkofonisten“

Was erleben also unsere Patienten? Sie melden sich freiwillig als „Alkofonisten“ und werden dann von Mitgliedern des psychologischen Teams eingeschult. Es werden ihnen schriftliche Informationen, wie zum Beispiel Listen mit Namen und Adressen anderer Entwöhnungseinrichtungen und Entzugsmöglichkeiten, zur Verfügung gestellt. Weiters erhalten sie, so wie alle anderen Patienten der Abteilung, während des stationären Entwöhnungsprogramms im Rahmen der Psychoedukation medizinische und psychologische Informationen über das Wesen der Alkoholkrankheit, über Theorien zu deren Entstehung, über medikamentöse und sonstige Behandlungsmöglichkeiten sowie über den Verlauf der Erkrankung.

Sie haben dann zu den Betriebszeiten der Helpline (wochentags von 8:00 bis 20:00 Uhr) ein Mobiltelefon bei sich, über das sie erreichbar sind. Die von ihnen geführten Anrufe werden dokumentiert und dann in einer Supervision besprochen.

Die Anrufer sind oft Betroffene, manchmal aber auch Angehörige oder Menschen, die sich einfach für das Thema interessieren. Es ist unserer Wahrnehmung nach noch nie vorgekommen, dass Anrufer unseren Patienten nicht wertschätzend begegnet sind und abwertend mit den ihnen erteilten Informationen umgegangen wären. Die möglichen Folgen für die Bevölkerung – im Sinne des gesundheitsfördernden Krankenhauses – sind: Es wird ihr ein niederschwelliges Angebot entgegengebracht, bei dem sogar anonym angerufen werden kann und daher niemand Angst haben muss, sich in irgendeiner Weise deklarieren zu müssen. Das hilft, sich aus einem Stadium der Verleugnung des Problems zu einem der sachlichen Auseinandersetzung weiterzuentwickeln.

Was sind die Folgen für die Patienten? Sie erleben sich als „Experten“ aufgewertet und anerkannt, es kommt dadurch zu einer Hebung des oft ohnehin mangelhaft ausgeprägten Selbstbewusstseins. So können wesentliche therapeutische Fortschritte gebahnt werden, indem die Patienten lernen, dass sie sich in manchen Bereichen eigentlich doch mehr zutrauen könnten.

Fremdberatung inspiriert zur eigenen Reflexion

Für viele ist es aber auch eine Möglichkeit zur Selbsterkenntnis: So berichtete ein Patient, dem die Ehefrau eines Alkoholkranken ihr Leid klagte und ihn um Rat ersuchte, wie sie denn ihren Mann dazu bewegen könnte, mit dem Trinken aufzuhören, dass er erst jetzt begriffen habe, was er seiner eigenen Frau angetan hatte. Andere Patienten erzählten, dass sie erst durch die Anfragen motiviert wurden, sich ernsthaft damit zu beschäftigten, Gründe zu entdecken, warum sie gerade diesen speziellen Zeitpunkt für den Beginn ihrer Entwöhnungsbehandlung gewählt hatten („Was hat Sie dazu gebracht, gerade jetzt mit dem Trinken aufhören zu wollen?“) oder woran sie ihre Behandlungsbedürftigkeit erkannten („Woran merkt man denn, dass man zu viel trinkt?“).

Die „Alko-Helpline“ ist ein wesentlicher Bestandteil des A.E.I.O.U.-Konzepts zur Alkoholismustherapie der Station für Alkoholkranke Männer am Otto-Wagner-Spital und wird von der Ideologie des „fit for life – leben.alkoholfrei“ getragen, wonach das Therapieziel einer Entwöhnung die Fähigkeit zu einem unabhängigen, erfüllten und selbstbestimmten Leben ist.

 

Prim. Dr. Harald P. David ist Ärztlicher Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie und Alkoholkranke, Otto-Wagner-Spital.

Von Prim. Dr. Harald P. David, Ärzte Woche 25 /2009

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