zur Navigation zum Inhalt
 
Psychiatrie und Psychotherapie 29. September 2008

Jeder ist ein Fremder

Bei Menschen mit Migrationshintergrund äußern sich psychiatrische und psychosomatische Erkrankungen oft anders als erwartet. Daher sind Fehldiagnosen und infolgedessen ineffektive Therapien nicht selten. Beim Kongress für transkulturelle Psychiatrie soll die Ärzteschaft für dieses Thema sensibilisiert werden.

„Wir freuen uns sehr über das große Interesse an dem Kongress“, so Mitorganisator Dr. Thomas Stom­pe von der Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie der Universitätsklinik Wien. Dies sei ein deutlicher Auftrag, in diesem Feld für eine stärkere Vernetzung und Fortbildungsangebote zu sorgen.
Ziel wäre, dass im Gesundheitswesen tätige Personen ihre transkulturelle Kompetenz auf- und ausbauen, gerade bei der Diagnose und Behandlung psychiatrischer bzw. psychosomatischer Symptome. Zu oft landeten Betroffene bei Beratungseinrichtungen, die weder die Ressourcen noch die Qualifikation hätten, diese adäquat zu erkennen und zu behandeln.
„Wünschenswert wären Ambulanzen an allen größeren Standorten“, meint Dr. Stompe. Allgemein bräuchte es ein stärkeres Bewusstsein, dass bei Menschen mit Migrationshintergrund oft andere Vorgangsweisen gefordert sind. Weiters betont er: „Es kann nicht sein, dass diese Menschen erst dann adäquat betreut werden, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen.“ Dolmetscher sollten leicht verfügbar sein, und es sei wichtig ist, dass weibliche Patienten von Frauen übersetzt werden, insbesondere wenn es um die Aufarbeitung von Missbrauchsereignissen geht.

Gefahr falscher Diagnosen

Bei Menschen mit Migrationshintergrund sind posttraumatische Beschwerden häufig, zeigen sich aber oft anders als bei Menschen, die in Österreich aufgewachsen sind. Halluzinationen sind häufiger, und es besteht die Gefahr, dass fälschlich eine Schizophrenie diagnostiziert wird. Bei Schwarzafrikanern sind Depressionen teilweise mit Verfolgungsideen verbunden oder der Vorstellung, verhext zu sein. Das sind regional geprägte Erklärungs- und Bewältigungsmuster für den Krankheitsverlauf. Häufig bei Patienten mit Migrationshintergrund sind auch Angststörungen oder dissoziative Störungen. Hier besteht die Gefahr von Fehldiagnosen. Traumatische Migrationserfahrungen können den Ausbruch von veranlagten Krankheiten triggern.
Der Wiener Kongress steht unter dem Motto „Jeder ist weltweit ein Fremder“. Zentrale Themen sind neben einem Blick auf die Geschichte der transkulturellen Psychiatrie auch aktuelle Daten zur Lebenssituation von Migranten. Analysiert wird, wie diese psychiatrische Einrichtungen nutzen.
Neben Aspekten der gerontopsychiatrischen Versorgung geht es auch um das sensible Thema Delinquenz sowie um transkulturelle Aspekte bei der Erkennung und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 39/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben