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Physikalische Medizin/Rehab 26. September 2007

Im Spiel Entwicklungsdefizite aufholen

Bereits im Jahr 2005 erweiterte die REHA Radkersburg ihre etablierte Kinder-Rehabilitation um das Konzept der „Konduktiven Förderung“ nach dem ungarischen Neurologen Dr. Andras Petö. Hierbei handelt es sich um ein Konzept, das Kindern mit zerebralen Defiziten eine günstige Entwicklung ihrer Fähigkeiten ermöglicht.

Bad Radkersburg ist ein Kurort. Und insbesonders tätig in der Kinder-Rehabilitation. Am 14. September wurde nun das erweiterte Kindertherapiezentrum „Kids Chance“ eröffnet.
Die Kinder und ihre Eltern sind in einem Vierstern-Hotel untergebracht und werden von einem multidisziplinären Team aus Physio- und Ergotherapeuten, Fachärzten und Logopäden betreut.
Neurologische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter unterscheiden sich grundsätzlich von denen bei Erwachsenen.
Viele Fähigkeiten sind noch nicht erworben worden: Gehen, Sprechen, Essen, Trinken und vieles mehr müssen erst gelernt werden. Voraussetzung hierfür ist ein bestmöglicher Informationsaustausch zwischen zentralem Nervensystem und Umwelt. Störungen der Hirnentwicklung wie infantile Zerebralparese führen zu Einschränkungen der zentralen Kommunikations- und Verarbeitungsfähigkeit.
Die Kinder-Rehabilitation ist darauf ebenso wie auf das Entwicklungspotenzial der betroffenen Patienten abgestimmt.
Gemeinsam mit der Therapie wird auch die Adaptierung an die Umwelt zur Minderung des Handicaps durchgeführt. Die Ärzte Woche sprach mit dem ärztlichen Leiter Prim Dr. Wolfgang Kubik über sein Zentrum und das Konzept der konduktiven Förderung.

Das Kindertherapiezentrum Bad Radkersburg ist eine Art Modell für Österreich. Die Rundumbetreuung der Kinder im Rahmen der konduktiven Förderung ist von therapeutischer sowie ärztlicher Seite gewährleistet. Was ist das Besondere am Gesamtkonzept hier in Radkersburg?
Kubik: Das Besondere unseres Konzeptes besteht darin, wie bei uns pädagogische Maßnahmen und Therapie kombiniert werden. Durch den pädagogischen Hintergrund ist es möglich, dass die Kinder spielerisch lernen, welche Fähigkeiten sie haben und wie sie diese Fähigkeiten umsetzen können. Und sie lernen, wie sie das bereits vorhandene Wissen im Alltag verwenden können.

Bei welchen Krankheitsbildern ist das Therapiekonzept anwendbar?
Kubik: Bei körperlichen Defiziten auf Grund von Hirnleistungsstörungen wie beispielsweise infantiler Zerebralparese. Sobald ein Kind in seiner Wahrnehmung oder in seiner Mobilität eingeschränkt ist, kann es in diesem Umfeld therapiert werden. Es ist nebensächlich, ob wir etwas falsch erkennen oder etwas nicht durchführen können. Beides führt zu Fehlverhalten. Das Kind hat im Unterschied zum Erwachsenen die Fähigkeiten noch nicht erworben, die man normalerweise als Heranwachsender erwirbt. Und genau bei diesen Defiziten fördern wir – sensorisch und motorisch. Einzigartig in Österreich ist unser spielerisches Konzept: dass wir dem Kind neue Fähigkeiten beibringen, ohne dass es das Gefühl hat: Das ist Therapie.

Was bedeutet das in der Praxis?
Kubik: In einem Tagesablauf werden bestimmte Maßnahmen als Ziele gesetzt. Und diese Ziele werden ins Spiel eingebracht. Wir versuchen, einen strukturierten Tagesplan durchzuführen, mit Spielsequenzen, welche verschiedene Therapieunterlagen haben. Das Kind soll motiviert sein, die Sequenzen von selbst durchzuführen. Beispielsweise das Aufrichten und Stehen. Aus dem Stehen sollten manuelle Tätigkeiten durchgeführt werden können. Dass Erreichen der Einzelziele wird spielerisch unterlegt. Damit hat das Kind Motivation, über einen bestimmten Zeitraum hinweg zu stehen.

Was ist der Kern der konduktiven Förderung?
Kubik: Über das Spiel erlebt das Kind Freude am Erwerb neuer motorischer Erfahrungen. Und auch immer wieder neue Motivation. Durch häufiges Wiederholen und entsprechende Hilfsmittel versuchen wir, beim Kind motorische Selbständigkeit zu erreichen. Wenn das Kind motiviert ist und sich wohl fühlt, merkt es gar nicht, dass es etwas Schweres bewältigen soll. Im Spiel lernt das Kind sozusagen automatisch.

Kinder, die aufgrund zerebraler Bewegungsstörungen kaum bewegungsfähig sind, kommen hierher. Was lernen die Kinder in den drei Wochen Aufenthalt?
Kubik: Die Ziele werden speziell auf die jeweiligen Fähigkeiten des Kindes abgestimmt. Man versucht, Schritt für Schritt das, was das Kind kann, zu verbessern. Kann das Kind vom Liegen nicht ins Sitzen kommen, dann ist das Sitzen gar nicht das erste Problem. Erst wird die Körperwahrnehmung des Kindes geschult. Es lernt die Lage, in der es sich befindet, wahrzunehmen und aus dieser Position heraus die Umgebung zu erforschen. Das Erforschen der Umgebung ist ein Spieltrieb. Und dieser Spieltrieb wird nun von uns unterstützt: durch das Einbringen verschiedener „Aufmerksamkeiten“ in den Wahrnehmungsbereich des Kindes. Oder indem wir bestimmte Spiele mit dem Kind spielen, die es in seiner Position beherrschen kann. Wenn das Kind eine andere Position erlernt hat, versucht das Kind, die Maßnahmen, welche es in der vorangegangen Haltung erlernt hat, auch in der neuen Position durchzuführen. Das Kind versucht, Erlerntes in der neuen Position anzuwenden und zu festigen. So kommt es beispielsweise erst von der Rückenlage in die Bauchlage, dann ins Sitzen und ins Krabbeln. Es lernt spielerisch, Entwicklungsstufen, die es vorher möglicherweise nicht hätte erlernen können, trotzdem zu erreichen.

Wie erfolgt dann der Übergang zurück in die Alltagsrealität?
Kubik: Wir führen viele Gespräche mit den Eltern. Wir versuchen, den Eltern einen Weg zu zeigen, wie sie die erlernten Funktionen zu Hause in den Tagesablauf einbauen und erweitern können. Dabei geben wir ganz kleine Ideen, ganz einfache Ideen, die nicht zu einer Überforderung des Familienlebens führen. Diese Übungen werden in den Tagesablauf eingebaut, die stetige Wiederholung gewährleistet einen andauernden Lernprozess. Die Eltern müssen für die konduktive Therapie nicht ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen, sondern nur Momente davon. Ein Beispiel: Liest man jeden Abend nur ein paar Buchstaben einer Geschichte, hat man am Ende eines Tages die ganze Geschichte gelesen. So kommt man gemeinsam mit den Eltern ans Ziel, zum normalen Leben.

Welche Kosten entstehen den Eltern?
Kubik: Keine, dank eines Vertrages mit dem Land Steiermark. Die gesamte Leistung, also auch die Unterbringung einer Begleitperson, wird vom Land finanziert. Hierzu ist es notwendig, einen Antrag über die Bezirkshauptmannschaft zu stellen. Zur Klärung der Kostenübernahme bei Patienten aus anderen Bundesländern sind wir gern behilflich.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 39/2007

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