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Lange medizinische Tradition

Von Prof. Dr. Wolfgang Marktl, Wien

Die Balneologie befasst sich mit der Anwendung so genannter ortsgebundener natürlicher Heilvorkommen auf den Menschen. Bei diesen Heilvorkommen handelt es sich um Heilwässer, Heilgase und Peloide, worunter Heilmoore, Heilerden etc. zu verstehen sind.
Die Anwendung von Heilwässern zur Beeinflussung von Beschwerden beruht auf einer sehr langen medizinischen Tradition, wobei sich naturgemäß der Stellenwert dieser Anwendungen im Laufe der Geschichte verändert hat. Ursprünglich beruhte die Anwendung von natürlichen Heilvorkommen in erster Linie auf ärztlicher Erfahrung.

Wissenschaftliche Bewertung

Mit der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise begann jedoch auch eine Neubewertung von natürlichen Heilvorkommen auf der Basis von chemischen Analysen und physikalischen Untersuchungen. So wurde festgestellt, dass sich die empirisch als Heilwässer genutzten Wässer im Hinblick auf die chemischen Inhaltsstoffe und die physikalischen Eigenschaften von jenen Wässern unterscheiden, die der Mensch für Alltagszwecke verwendet. Diese Erkenntnisse haben zu Definitionen von natürlichen Heilvorkommen auf naturwissenschaftlicher Basis geführt und stellen auch die Grundlage der Bezeichnung von Heilwässern sowie Peloiden dar. Im Laufe der Zeit haben sich daraus auch jene gesetzlichen Bestimmungen entwickelt, die auch heute noch ausschlaggebend für die gesetzliche Anerkennung von Heilvorkommen sind.
Von den drei weiter oben genannten Gruppen der ortsgebundenen natürlichen Heilvorkommen stellen die Heilwässer die größte Gruppe. Für die Anerkennung eines Wassers als Heilwasser spielt einerseits der Gesamtgehalt an im Wasser gelösten chemischen Verbindungen eine Rolle, andererseits können auch unabhängig von der Gesamtmineralisation bestimmte spezielle Inhaltsstoffe eine Heilwasseranerkennung begründen. Solche Inhaltsstoffe sind z.B. zweiwertiger Schwefel, Radon, Jod, CO2 oder ein höherer Kochsalzgehalt. Immer schon wurden auch Wässer als Heilwässer anerkannt, die am Ursprungsort eine höhere Temperatur aufwiesen. Diese Wässer werden als Thermalwässer bezeichnet und spielen in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Rolle.
Bei den Heilgasen handelt es sich praktisch nur um Radon und CO2. Diese beiden Gase können einerseits im Wasser gelöst vorhanden sein, andererseits aber auch als frei aufsteigende Quellgase für Behandlungen genutzt werden.

Einmal ist keinmal

Schließlich unterscheidet man bei den Peloiden zwischen jenen, die vorwiegend organischen Ursprungs sind und daher Torfprodukte darstellen, und jenen, die höhere Anteile anorganischer Verbindungen enthalten. Zu der letzterwähnten Gruppe zählen Fango oder verschiedene Heilerden.
Für das Verständnis der Wirkungsweise von natürlichen ortsgebundenen Kurmitteln ist es ganz wesentlich festzuhalten, dass eine einmalige Anwendung eines Heilwassers, Heilgases oder Peloids zwar durchaus messbare Veränderungen verschiedener Funktionen im Organismus hervorrufen kann, dass diese Veränderungen aber nicht mit der Heilwirkung gleichzusetzen sind. Die Heilwirkung geht vielmehr von der wiederholten Anwendung des Heilmittels aus. Durch die dabei wiederholt gesetzten Reize werden im Organismus jene Auswirkungen hervorgerufen, die für den therapeutischen Effekt des Heilmittels verantwortlich sind. Es besteht dabei die Vorstellung, dass durch die Einwirkung des Kurmittels auf die Haut die in der Haut gelegenen Sinnesrezeptoren gereizt werden und diese Reizung über die Nerven in das Körperinnere geleitet wird, von wo aus eine Beeinflussung der Organfunktionen erfolgt.
Wie bereits ausgeführt, können verschiedene Arten von Heilwässern, Heilgasen und von Peloiden unterschieden werden, die jeweils ihre Besonderheiten aufweisen. Nachfolgend werden einige dieser Besonderheiten kurz charakterisiert.
Bei den Heilwässern spielen die Thermalwässer die größte Rolle. Nach den gesetzlichen Grundlagen kann ein Wasser dann als Thermalwasser bezeichnet werden, wenn seine Temperatur am Ursprungsort 20° C übersteigt. Wie leicht erkennbar ist, hat diese Festlegung primär keinen medizinischen Grund, da Wasser mit dieser Temperatur als kalt empfunden wird. Es war jedoch auffallend, dass es Wässer gibt, deren Temperatur höher ist, als dies üblicherweise der Fall ist.

Heiße Wässer

Diese natürlichen Thermalwässer wurden daher schon seit Jahrhunderten für medizinische Zwecke genutzt, werden aber je nach Einsatz aufgewärmt. Durch die Fortschritte der Bohrtechnik ist es heute möglich, Wässer aus größeren Tiefen zu fördern. Diese Wässer weisen weit höhere Temperaturen auf als die klassischen natürlichen Thermalwässer. Eine Folge davon ist auch, dass mehr Inhaltsstoffe im Wasser gelöst werden. Die „modernen“ Thermen sind daher heiße Wässer mit einer hohen Mineralisation. Da die Schmerzgrenze im Wasser bei 43 bis 45° C liegt, müssen diese Thermalwässer für die Anwendung abgekühlt werden.
Eine weitere Gruppe von Heilwässern sind die CO2-hältigen Wässer, die auch als Säuerlinge bezeichnet werden. Bei diesen Wässern führt der CO2-Gehalt zu einer deutlich ausgeprägten Durchblutungssteigerung und einer damit einhergehenden Verbesserung der Sauerstoffversorgung von Organen und Geweben. Diese Wässer werden daher bevorzugt bei Erkrankungen eingesetzt, bei denen eine Störung der Durchblutung vorhanden ist.
Für die Erkrankungen des Bewegungsapparates sind die Schwefelwässer von Bedeutung. Diese Art von Heilwässern gilt als sehr reizstark, weswegen manchmal starke Reaktionen auftreten können. Für die Schwefelwässer sind verschiedene Auswirkungen im Stoffwechsel der Haut beschrieben, die sich auch in die etwas tiefer gelegenen Schichten, wie z.B. dem Gelenksknorpel, fortsetzen und als Erklärung für die therapeutischen Effekte von Schwefelbädern herangezogen werden.
Als ein letztes Beispiel für typische Heilwasserwirkungen werden Radonanwendungen gewählt. Das Edelgas Radon durchdringt, wie übrigens auch CO2 leicht alle biologischen Membranen und kann so auch in das Innere des Organismus eindringen und von dort aus seine Wirkungen entfalten. Dabei reichert sich das Radon besonders in lipidreichen Membranen wie jenen der Nerven- und Drüsenzellen an. Diese Eigenheit wird in Beziehung gesetzt mit nachgewiesenen Wirkungen von Radonbädern wie Schmerzverminderung und Anregung der Sekretionstätigkeit verschiedener Hormondrüsen.
Bei den Peloiden spielen wahrscheinlich nicht so sehr die chemischen Inhaltsstoffe, sondern die besonderen thermophysikalischen Eigenschaften eine Rolle. Die­se Eigenschaften haben zur Folge, dass die Peloide mit höheren Temperaturen als das Wasser angewendet werden können, ohne dass ein unangenehmes Hitze- oder Schmerzgefühl entsteht. Ein weiterer Vorteil dieser Medien ist auch, dass sie eine gute Wärmehaltung besitzen, weswegen sie über den Zeitraum der Anwendung so gut wie keinen Temperatur­abfall erleiden. Mit Hilfe der Peloide ist es daher möglich, schonend, aber doch intensiv und gleich bleibend Wärme in den Organismus einzubringen. Dies bewährt sich bei allen Zuständen, bei denen eine solche Art der Therapie angezeigt ist. Dazu gehören auch verschiedene Erkrankungen des Bewegungsapparates, besonders wenn sie z.B. mit Muskelverspannungen einhergehen.

Ärztliche Kunst

Aus der Tatsache, dass praktisch für alle natürlichen Kurmittel die Heilanzeige der Erkrankungen des Bewegungsapparates gilt, sollte jedoch nicht der unzutreffende Schluss gezogen werden, dass es gleichgültig sei, mit welchem Kurmittel eine bestehende Erkrankung des Bewegungsapparates behandelt wird. Die ärztliche Kunst besteht darin, in Abhängigkeit von der Art und dem Stadium einer bestehenden Erkrankung das richtige Kurmittel zu finden und einzusetzen. Um dies bewerkstelligen zu können, ist eine intensive Auseinandersetzung mit balneologischen Fragestellungen unabdingbar.

Kontakt: Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl, Zentrum für Physiologie und Pathophysiologie der Medizinischen Universität Wien
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