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Physikalische Medizin/Rehab 23. Jänner 2007

Die Therapie braucht Geduld und Konsequenz

Über die Ursachen der fortgesetzten Schmerzen in den Muskeln, Sehnen und Schleimbeuteln, die das Fibromyalgie-Syndrom kennzeichnen, wird noch spekuliert. Eine multimodale Behandlung, die psychologische Aspekte aufweist, eine Patientenschulung beinhaltet und die Schmerzschwelle hinaufsetzt, hat die größten Erfolgsaussichten bei der nicht entzündlichen rheumatischen Erkrankung.

Ob es sich bei der Fibromyalgie tatsächlich um eine eigenständige Krankheit handelt, darüber schieden sich lange Zeit die Geister, auch wenn das American College of Rheumatology ACR bereits 1990 eine Definition erstellt hatte. Demnach handelt es sich beim Fibromyalgie-Syndrom um Muskelschmerzen der oberen und unteren Extremitäten und der rechten und linken Körperhälfte, der Wirbelsäule und der vorderen Thoraxwand für mindestens drei Monate, wobei mindestens elf von 18 Druckpunkten bei digitaler Palpation schmerzhaft und darüber hinaus die Laborbefunde unauffällig sind.
Die sperrige Erläuterung ist freilich wenig praxisrelevant, zumal „schon das Wort Fibromyalgie unglücklich gewählt ist“. Das befand Prof. Dr. Winfried Graninger, Leiter der Klinischen Abteilung für Rheumatologie an der Grazer MedUni, anlässlich einer Pressekonferenz vorvergangene Woche in Wien. Die zum rheumatischen Formenkreis gehörende, nicht entzündliche Erkrankung beschränkt sich nämlich nicht nur auf Muskelschmerzen. Vielmehr „tut den Betroffenen alles weh“, auch die Sehnen und Schleimbeutel. Dazu kommen bei 70 Prozent der Patienten anhaltende Erschöpfung und verminderte Belastbarkeit. Viele der Betroffenen leiden auch an Kopfschmerzen, Reizdarm, Schlafstörungen, an einer Raynaud-Symptomatik oder aber an vermehrtem Schwitzen, und etwa bei drei Viertel sind psychische Störungen feststellbar. Mit ein Grund, warum oft gemeint wurde, der Schmerz der Fibromyalgie-Patienten sitze eigentlich in der Seele.
„Die Diagnose ist schwer festzumachen“, so Graninger. Denn anders als etwa beim Diabetes gibt es keine messbaren Werte, die die Krankheit kennzeichnen, an der rund 3,3 Prozent der Österreicher leiden, siebenmal mehr Frauen als Männer. Über die Ursachen wird noch spekuliert, möglich ist eine Schmerzverarbeitung – ausgelöst durch eine dramatische Stresssituation oder durch eine frühere Schmerzerfahrung. „Das ist auch den Patienten schwer zu erklären“, berichtete der ärztliche Leiter des Fachbereichs Physikalische Medizin am Landeskrankenhaus Stolz­alpe Dr. Gerhard Fürst.

Keine Deformationen

Unbestritten ist: Die Betroffenen stehen unter einem beträchtlichen Leidensdruck. Aber auch wenn man laut Graninger als Arzt nicht gleich helfen kann und die Voraussetzungen für die Therapie „Geduld, Liebe und Wissen“ sind, so haben Untersuchungen doch gezeigt, dass die Symptomatik bei bis zu einem Drittel der Patienten, die im primären Setting beim Allgemeinmediziner behandelt werden können, nach zwei Jahren remittiert. Zudem wird immer wieder festgestellt, dass eine Verschlechterung selten eintritt und es auch zu keinerlei Deformationen wie etwa bei chronischer Polyarthritis kommt.
Angelpunkt der Behandlung ist es, die Schmerzschwelle anzuheben, standardisierte Therapie gibt es dazu allerdings keine. Am wirksamsten ist eine multimodale Vorgangsweise, bei der sowohl körperorientierte als auch psychologische Elemente berücksichtigt werden und die Patientenschulung einen Platz hat.

Konsequente Aktivierung trotz Schmerz

In der letzten Zeit verdichten sich die Hinweise darauf, dass belastende Lebenssituationen die Beschwerden begünstigen, ein individueller Zuschnitt der Behandlung ist deshalb grundlegend. Wärmeanwendungen, Bäder, Elektrotherapie und Heilmassagen sind anfangs hilfreich, um eine erste Erleichterung zu verschaffen. Dann aber lautet der therapeutische Grundsatz laut Fürst: „Konsequente Aktivierung trotz Schmerz“, denn eine nicht überfordernde Trainingstherapie unter Anleitung hat bisher die besten Erfolge gezeigt. Antirheumatika oder Schmerzmittel können probiert werden, haben aber nur eine begrenzte Wirksamkeit: Selbst unter fortwährender kombinierter medikamentöser Therapie ist beim Fibromyalgie-Syndrom nur in 30 bis 50 Prozent eine Schmerzlinderung zu erzielen. Bestimmte Antidepressiva – etwa mit der Substanz Amitriptylin – helfen einem Teil der Betroffenen schon in geringer Dosierung, da sie die Schmerzempfindlichkeit herabsetzen und den Schlaf verbessern können.
Eine aktuelle Pilotstudie zur Überprüfung des Zusatzeffektes der Gasteiner Heilstollentherapie machte sichtbar, dass mit einem solchen multimodalen Therapieprogramm unter Einbeziehung der Gasteiner Heilstollentherapie kurz- und mittelfristig positive Effekte zu verzeichnen sind. Die Gasteiner Heilstollentherapie ist eine Kombination aus milder Überwärmungsbehandlung und Radonaufnahme über die Haut und Atemwege.

Stimmungsverbesserung und Schmerzlinderung

Die wärmeinduzierte muskuläre Entspannung, Gefäßerweiterung und Durchblutungssteigerung wirken allein schon schmerzlindernd. „Radon hemmt die Botenstoffe der zentralen Schmerzverarbeitung“, erläuterte Prim. Dr. Gudrun Lind-Albrecht, Chefärztin des Gasteiner Heilstollens, „und steigert vermutlich das im Gehirn verfügbare Serotonin. Die Folge sind eine Stimmungsverbesserung und eine deutlich anhaltende Schmerzlinderung.“
Nicht wenige Patienten, die bereits eine Odyssee durch etliche Ärztepraxen, aber auch durch die Lokalitäten diverser „außermedizinischer Abzockspezialisten“ (Graninger) hinter sich haben, ehe überhaupt die richtige Diagnose gestellt wird, gehen davon aus, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Deshalb ist es wichtig, die Betroffenen zu ermuntern, sich selber um ihre Gesundheit zu kümmern, und, wie Fürst es formulierte, „den Blickpunkt nicht auf die Krankheit zu richten, sondern auf die Ressourcen“.

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