zur Navigation zum Inhalt
 
Physikalische Medizin/Rehab 12. Dezember 2006

Schockfrostung für den Schmerz und die Entzündung

Die Liste der Indikationen, bei denen eine Ganzkörper-Kältetherapie helfen kann, ist lang: Sie reicht von chronisch-entzündlichen rheumatischen Erkrankungen über die Rehabilitation nach Wirbelsäulenoperationen bis zu Neurodermitis. Nicht immer müssen entzündliche Prozesse im Vordergrund stehen, um eine therapeutische Wirkung zu erzielen. Aber „wenn neben chronischen Schmerzen auch eine Entzündung vorliegt, profitieren die Patienten doppelt“, so Dr. Sabine Weinzettl, kurärztliche Leiterin des Kurzentrums Bad Vöslau.

Anderer Wirkmechanismus

Kälte wurde bereits in der Antike therapeutisch angewendet. Die Ganzkörper-Kältetherapie wurde erstmals von japanischen Ärzten vor etwa 20 Jahren eingesetzt, seit den 80er-Jahren auch in Europa. Sie beruht auf einem ganz anderen Wirkmechanismus als die lokale Kälteanwendung. Während etwa ein Eisbeutel auf einem angestoßenen Knie zur Schmerzreduktion so lange liegen bleiben muss, bis die Kälte ins Gelenk vorgedrungen ist, also die Gewebstemperatur gesunken ist, reichen bei der Ganzkörper-Kryotherapie schon drei Minuten Aufenthalt in der eisigen Kammer.
„Durch den Kältereiz wird die Umschaltung zwischen dem ersten und zweiten Neuron im Bereich des Rückenmarks blockiert“, erläutert die Ärztin. Der Kältereiz überlagert sozusagen den Schmerzreiz.

Ein leichtes, nicht unangenehmes Brennen auf der Haut

Durch die extreme, auf der Erde nirgendwo vorkommende Temperatur von rund minus 110 Grad kühlt die Haut plötzlich und schockartig ab, die Hauttemperatur sinkt auf zwei Grad. Dabei ist die körperliche Empfindung jedoch nicht Kälte oder das Gefühl unterkühlt zu werden, sondern ein leichtes Brennen, das die meisten Patienten nicht als unangenehm empfinden.
Der Körper selbst kühlt jedoch nicht aus, denn die Kälte betäubt schlagartig die Nerven, und die Blutgefäße bilden eine Schutzzone um den Körperkern, so bleibt der Körper während der kurzen Aufenthaltsdauer unverändert warm. „Nur ganz wenige Patienten sagen, dass sie sich nach der Behandlung nicht erwärmen konnten, für sie ist die Kryotherapie nicht geeignet“, weiß Weinzettl aus Erfahrung. Zwar gibt es noch nicht sehr viele Studien dazu, doch festgestellt wurde bisher, dass es gleichzeitig mit der Schmerzreduktion zu einer Abnahme der Endorphine, der Dopamine und der Serotoninkonzentration und zu einem Kortisolabfall kommt. Vermutlich erfolgt über die Blockade der Gamma-Neurone eine Entspannung der Muskulatur.
Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass bei Patienten mit entzündlichen rheumatischen Erkrankungen unter der Therapie die Anzahl der T-Helferzellen signifikant abnimmt, während jene der T-Suppressorzellen zunimmt. Daher wird ein immunmodulierender Effekt der Ganzkörper-Kältetherapie vermutet (Fricke R. Was leistet die Kältetherapie bei rheumatischen Erkrankungen? Rheuma J 1999;(1):28-29.)
Der Raum selbst gleicht einer Saunakabine, ist allerdings aus Metall. Vorgelagert sind zwei kleinere Kammern mit Temperaturen von minus zehn und minus 60 Grad, sie haben Schleusenwirkung. Die Luftfeuchtigkeit ist extrem niedrig, andernfalls würde man vor lauter Nebel gar nichts sehen. Die Patienten tragen außer Badekleidung nur Mund-, Nasen- und Ohrenschutz sowie Handschuhe und Socken und feste Schuhe. Durch ein Sichtfenster, aber auch via Kamera und Monitor sind sie mit dem Therapeuten immer in Kontakt, Musik motiviert zusätzlich, sich während des Aufenthalts in der Kältekammer zu bewegen.

Zu Anfang zwei- bis dreimal täglich in die kalte Kammer

„Schon nach einer Minute setzt die schmerzreduzierende Wirkung ein“, erklärt Weinzettl, nach drei Minuten sind die Patienten so gut wie schmerzfrei, und das für Stunden. Diese Zeit wird für Physiotherapie genützt, denn „ohne Schmerzen können die Patienten ihre Gelenke viel besser durchbewegen, sie können Bewegungen machen, die im normalen Leben für sie nicht möglich sind“, so die Kurärztin.
Wie viele Behandlungen notwendig sind, hängt vom Beschwerdebild und dem unmittelbaren Therapieeffekt ab. In den ersten Tagen sind zwei bis drei Aufenthalte pro Tag sinnvoll, später jedenfalls zwei. Um einen länger anhaltenden Effekt zu erzielen, sind etwa 20 Behandlungen erforderlich. In Abhängigkeit von der Anzahl der Behandlungen kann sich dann im Verlaufe der Zeit eine länger dauernde Schmerzreduzierung oder gar Schmerzfreiheit einstellen, die mehrere Monate anhalten kann.
„Etliche Patienten haben mir erzählt, dass sie ein halbes Jahr lang keinerlei Schmerzmittel gebraucht haben“, berichtet Weinzettl.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben