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Ein Leiden mit vielen Symptomen

Fibromyalgie stellt einen Komplex aus unterschiedlichen Symptomen dar. Diese Symptome umfassen nahezu gleichzeitig chronische Schmerzen in Körperregionen unterhalb und oberhalb der Taille und im Bereich der Wirbelsäule (spontan sowie multiple Druckschmerzpunkte bei starkem Fingerdruck), eine Schmerzdauer von mehr als drei Monaten, Schlafstörungen, teilweise morgendliches Steifigkeitsgefühl, chronische Erschöpfungszustände, Kälteempfindlichkeit, Mundtrockenheit, Reizblase. Diese Symptomvielfalt involviert mehrere Fachdisziplinen (Rheumatologie, Orthopädie, Neurologie, Psychiatrie, Psychologie).

Bereits 1904 findet sich der Terminus „Fibrositis-Syndrom“ in der medizinischen Fachliteratur. Charakteristisch ist, dass sowohl die Routine- als auch die speziellen Rheumalaborparameter im Normbereich liegen. Diese Vielzahl an Symptomen führt auch zu unterschiedlichen Bezeichnungen in Abhängigkeit von deren Aktualität: Primäres Fibromyalgie-Syndrom, generalisierte Tendomyopathie, Fibrositis-Syndrom, polytope Insertionstendopathie, Weichteilrheumatismus, Myalgie, chronischer Erschöpfungszustand, psychogener Rheumatismus, chronisches Schmerzsyndrom. Wenngleich auch keine eindeutig fassbaren Veränderungen an Gelenken, Sehnen und Muskeln sowie inneren Organen vorliegen (deshalb auch als „primäre Fibromyalgie“ bezeichnet), was im Widerspruch zur subjektiven Symptomatik steht, muss bedacht werden, dass der Schmerz eine Empfindung darstellt. Diese Empfindung ist ein Persönlichkeitsmerkmal und wird von biopsychosozialen Komponenten geprägt. Auslösende Faktoren sind unklar.

Jedoch ist man heute der Auffassung, dass die Fibromyalgie vorwiegend einen Ausdruck einer Störung auf der psychosozialen Komponente der Schmerzempfindung darstellt. Vereinzelt finden sich diese Symptom-Konstellationen familiär gehäuft. Die Schmerzempfindlichkeit ist der Schmerzschwelle gleichzusetzen. Allgemeinbefinden, Lebensqualität, soziale Kompetenz, Freizeitaktivitäten, Arbeitsfähigkeit werden in wesentlichem Ausmaß negativ durch diesen Symptomenkomplex beeinflusst. Veränderungen in nervalen Strukturen und deren Neurotransmitter (Botenstoffe) sind wohl erkennbar. Ob es sich dabei um Ursache oder Folge dieser lang dauernden Symptome handelt, bleibt schlüssig bislang unbeantwortet. Wir wissen, dass lang dauernde Schmerzen zu Veränderungen dieser Botenstoffe im Nervensystem führen und das Schmerzgedächtnis und somit die Schmerzschwelle beeinflussen. Um dieses vielfältige Beschwerdebild besser analysieren zu können, wurden 1990 Klassifikationskriterien für die primäre Fibromyalgie festgelegt (American College of Rheumatology). Sie stellen eine wichtige Basis für Forschung, Evaluation von Behandlungskonzepten und Patientenführung dar. Zu beachten ist, dass Klassifikationskriterien keine Diagnose­kriterien sind!

Die Fibromyalgie betrifft überwiegend Frauen, der Altersgipfel liegt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Auch bei Kindern, vor allem Mädchen um die Pubertät, ist dieses Bild bekannt. Zum Vollbild vergehen etwa drei bis fünf Jahre. Da eine diagnostische Objektivierung nicht gegeben ist, stellt die Differenzialdiagnose (Ausschlussdiagnose) eine klare Herausforderung an den Arzt dar. Zahlreich sind die Krankheitsbilder mit nahezu gleichartigen Symptomen. Bei bekannter zugrunde liegender Erkrankung werden diese Symptome auch als „sekundäre Fibromyalgie“ bezeichnet. Die Therapiekonzepte erfordern ein individuelles Planen, gemeinsames Besprechen, Transparenz, Flexibilität beim Einsatz der Möglichkeiten und regelmäßige Evaluierung. Eine Hilfe bei der Planung stellt das Biopsychosoziale Säulenmodell dar. Es unterstreicht die Multimodalität der Therapiemöglichkeiten (u.a. allgemeines medizinisches Behandlungsprogramm, Arzt und Psychologe, Entspannungstechniken, Konditionierung, Schmerzcoping, Fremdmotivation (z.B. Sport in der Gruppe), Patientenschulung, psychologische Betreuung). Erwähnt werden muss u.a., dass wohl verschiedene Medikationsschemata als ein Teil der Behandlung eingesetzt werden, jedoch besteht kein Platz für die systemische Behandlung mit Kortikoiden. Diagnose, Differenzialdiagnose, Behandlung und Verlaufsbewertung erfordern ein Teammanagement auf den unterschiedlichsten Ebenen der biopsychosozialen Komponenten.

Kontakt: Prim. Doz. Dr. Franz Singer, Sonderkrankenanstalt/Rehabilitationszentrum der PVA für Rheumatologie, Orthopädie und Neurologie, Laab/Walde
E-Mail:

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