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Die physiotherapeutischen Interventionen werden individuell abgestimmt: Information steht an erster Stelle, ganz besonders über Entleerungstechniken und -verhaltensweisen.

Elisabeth Udier, MSc

Physiotherapeutin, selbstständig in Klagenfurt, Leiterin des fachlichen Netzwerks Uro-, Prokto-, Gynäkologie und Geburtshilfe, Physio Austria 

 
Physikalische Medizin/Rehab 6. September 2013

Physiotherapie bei Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz kann verschiedenste Ursachen haben – die Faktoren, die physiotherapeutisch beeinflusst werden können.

Anorektale Inkontinenz kann fest, flüssig oder gasförmig sein. Bei Winden denken die wenigsten Patienten bereits an Inkontinenz, daher besprechen sie es auch nicht mit dem Arzt oder dem Therapeuten. Ausnahme ist, wenn sie direkt darauf angesprochen werden. Winde sind nach dem Wexner Score die erste Stufe der Stuhlinkontinenz.

Nicht wenige Patienten, die mit Harninkontinenz zu mir überwiesen werde, weisen auch Grad 1 der Stuhlinkontinenz auf. Diese Patienten haben Glück, denn so kann die Stuhlinkontinenz in diesem frühen Stadium eventuell mitbehandelt werden und sie bleiben gesellschaftlich integriert, denn Stuhlinkontinenz ab Grad 2, der Verlust von weichem Stuhl, führt schnell zur Vereinsamung, da zum Abgang auch noch die Geruchsbelästigung dazukommt.

Anale und rektale Ursachen

Hypotonie des analen Sphinkters oder verminderte anale Compliance können eine anale Ursache sein. Sie kann mit analer Hypersensibilität einhergehen, bei der der Drang unüberwindbar scheint.

Auch eine rektale Hyposensibilität kann zu einer analen Inkontinenz führen. In diesem Fall verhärtet sich der Stuhl, weil kein Drang da ist, und dann kann es zu einem Durchsickern rund um den festen Stuhl kommen. Dadurch kommt es mit der Zeit auch zu einer Vergrößerung des funktionellen Rektums. In diesem Fall Stuhlinkontinenz von Obstipation zu unterscheiden, bedarf einer genauen Anamnese und Untersuchung.

Der physiotherapeutische Befund …

… stützt sich zuerst auf die ärztliche Diagnose: Koloskopie, Labortests, Manometrie, etc. Ein einleitender Fragebogen liefert weitere Informationen über die Symptome, Entleerungsgewohnheiten und deren Auswirkungen.

Die Untersuchung umfasst die Körperhaltung, Beweglichkeit, ganz besonders rund ums knöcherne Becken. Beim Beckenboden werden beurteilt: Ruhetonus, Kontraktilität und Entspannungsfähigkeit, Sensibilität, Propriozeption und Elastizität. Die Muskelaktivität kann nach dem PERFect-Schema getestet werden. Hierbei werden der Ruhetonus, die Reaktionsfähigkeit, Ausdauer, Schnellkraft und die Entspannungsfähigkeit gemessen. Neben der Muskelaktivität werden bei dieser Untersuchung auch Narben, Triggerpunkte und andere schmerzhafte Bereiche identifiziert. Ich teste in meiner Praxis bei dieser Problematik anal, bei Bedarf bei Frauen auch vaginal. So kann eine zusätzlich bestehende Organsenkung anorektale Beschwerden verstärken, eventuell aber auch vermindern.

Auch das Os coccygis wird genau untersucht. Manche Verspannungen erhalten sich durch Probleme rund ums Os coccygis. Auch das wird von Klienten oft erst bei direkter Nachfrage erwähnt: Man ist einmal aufs Steißbein gefallen und seither tut es bei längerem Sitzen, bei Belastung weh.

Die Palpation und Funktionsprüfung der Bauchwand ist ein wichtiger Teil der Untersuchung. Die Zusammenarbeit von Zwerchfell und Beckenboden, die beiden Diaphragmen, die die „Massage der Bauch -und Beckenorgane“ sicherstellen, wird beurteilt und schließen die Befundung ab.

Die physiotherapeutische Behandlung

Eine gute Zusammenarbeit von Arzt und Therapeut erleichtern die Behandlung und verbessern das Gesamtergebnis. Ganz besonders, wenn Medikamenten und Physiotherapie zeitgleich angewandt werden, braucht es die Absprache um hier im Sinne des Patienten optimal therapieren zu können.

Die physiotherapeutischen Interventionen werden individuell abgestimmt: Information steht an erster Stelle, ganz besonders über Entleerungstechniken und -verhaltensweisen. Manuelle Techniken im Analbereich, für Beckenboden, Becken oder Bauchraum, Biofeedback, Elektrostimulation und Übungen werden verwendet um Veränderungen der Muskulatur, der Fascien, des Bindegewebes oder / und der Funktion herbeizuführen.

Die Optimierung der intraabdominellen Druckverhältnisse sowohl in Ruhe als auch bei Bewegung, ganz besonders in alltagstypischen Bewegungen der jeweiligen Person, können zu einer Funktionsverbesserung führen.

Muskulär ist es oft notwendig, zuerst die Ansteuerung wieder zu erlernen, bevor dann Koordination, Entspannung, Kraft und Ausdauer ins rechte Verhältnis gesetzt werden. Koordinative Veränderungen können rasch stattfinden; ist jedoch morphologische Veränderung das Ziel einer Übung, so bedarf es eines längeren Zeitraums um es zu erreichen.

Große Herausforderung in der Therapie ist, immer wieder so zu motivieren, dass Klienten so lange im Üben bleiben, bis der Körper möglichst neue Gewohnheiten und Automatismen kreiert hat, damit Belastung wieder ein positiver Reiz für den Körper wird und nicht aufgrund von Schwäche jedesmal zu Überlastung und damit zu Schädigung führt. Hierfür bedarf es ständiger Anpassung der Therapie und klar formulierter Therapieziele, um zu optimalen Ergebnissen zu gelangen.

So kann es sinnvoll sein, nach einer ersten intensiven Zeit mit passiven und aktiven Therapiemaßnahmen die Abstände zwischen den Therapien zu vergrößern, um die Zeiten morphologischer Veränderungen einzubeziehen.

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