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Pflege 8. Oktober 2008

Schwer kranke, alte Patienten – liegen lassen oder behandeln?

Alte Menschen werden im Durchschnitt schlechter medizinisch betreut als junge. „Nur etwa die Hälfte der Schlaganfallpatienten oder der Patienten im Wachkoma erhält entsprechende, weiterführende Behandlungen. Von einer Übertherapie, wie oft behauptet wird, kann nicht die Rede sein“, appelliert Dr. Johann Donis, Vorstand der Neurologischen Abteilung, Geriatriezentrum Am Wienerwald, an das ethisch verantwortliche Handeln der Mediziner, Politiker und Angehörigen.

Gerade bei der Betreuung älterer, schwer behinderter Patienten, die ihr Lebensende in einem Pflegeheim verbringen, ist die Qualität der medizinischen Behandlung oft unzureichend. So erhalten nur 53 Prozent der Patienten in Langzeitpflegeeinrichtungen eine medizinisch indizierte orale Antikoagulation. Im Vergleich zu jüngeren Menschen werden älteren Schlaganfallpatienten um etwa die Hälfte weniger Verordnungen für Logopädie, Physio- und Ergotherapie bewilligt.
Einfach liegen lassen, bis das Lebensende kommt – oder behandeln und betreuen?

Wann ist ein Leben lebenswert?

Auf der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach wurden unter dem Hauptthema „Geriatrie“ auch Fragen der Ethik – „Wenn das gestern kein Morgen mehr hat“ – diskutiert. Mit den modernen medizinischen Möglichkeiten können heute Menschen fast unbegrenzt lang am Leben oder vielmehr am „Scheinleben“ erhalten werden. Häufig entstehen dann Gedanken über ein sinnloses Leben, eine Apparatemedizin, ein menschenunwürdiges Dahinsiechen und schließlich auch über die Kosten. Wann ist ein Leben lebenswert und wann ist es nicht mehr lebenswert? „Die Lebensqualität ist ein höchst subjektiver Parameter, und ich bezweifle, dass irgendjemand die Lebensqualität eines anderen Menschen einschätzen kann. Was bedeutet das nun für unser Tun?“, fragt Donis, der sich auch mit ethischen Entscheidungshilfen auseinandersetzt. Wenn man schwer kranke, alte Menschen einfach liegen lässt, nur aufbewahrt, komme das einer passiven, stillen Euthanasie gleich. Mit einer aktiven Behandlung werde der kranke, alte Mensch in die Gesellschaft integriert, er partizipiert.

Lieber tot als schwer krank

Es ist ein Phänomen, dass sich der Mensch offenbar leichter vorstellen kann, tot zu sein, als schwer krank oder behindert. In Österreich gibt es seit 2006 ein Patientenverfügungsgesetz als vorausschauende Willenserklärung zur medizinischen Nichtbehandlung im Falle der Einwilligungsunfähigkeit. Gründe sind vor allem die Angst, als Pflegefall unzähligen Behandlungen ausgeliefert zu sein, wie künstliche Ernährung, Reanimation oder Beatmung. Aber auch der Wunsch, anderen nicht zur Last zu fallen, spielt dabei eine Rolle. Damit hat der Arzt gewisse Vorgaben, wie er in kritischen Situationen zu entscheiden hat.
Das Gesetz verlangt eine umfassende, fundierte Beratung, also eine bewusste Auseinandersetzung mit der Entscheidung über Leben oder Tod. Trotzdem bleiben viele Fragen offen, etwa ob die eingetretene Situation zum gegenwärtigen Zeitpunkt der damaligen Entscheidung entspricht. Dazu kommt, dass in einer Zeit der Ressourcenbeschränkung auch Konflikte zwischen Handeln und nicht Handeln entstehen können.

Konzepte den Bedürfnissen des Patienten anpassen

An der Neurologischen Abteilung im Geriatriezentrum Am Wienerwald werden vor allem Patienten im Wachkoma betreut. Es sind Menschen, denen in der Regel jegliche Form der Lebensqualität abgesprochen wird. „Wenn man sich aber für die Erhaltung des Lebens entscheidet, geht es darum, behandelbare Erkrankungen wahrzunehmen, Komplikationen zu verhindern, Funktionsausfälle zu behandeln und eine Kommunikation anzubahnen. Um die Integration dieser schwer behinderten Menschen in die Gesellschaft zu ermöglichen, sind unterschiedliche Betreuungskonzepte entsprechend den Bedürfnissen des Patienten, die Anpassung des Umfeldes und die Unterstützung der Familie notwendig. Es geht aber sicher nicht um die Verlängerung des Lebens um jeden Preis“, betont Donis.

 Auslaufmodell Solidaritätsprinzip

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