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Pflege 19. Juni 2008

120: Das Ende der Fahnenstange

Der Alterungsprozess bewirkt zahlreiche Veränderungen des Gastrointestinaltraktes, die mit Leistungseinbußen korrelieren. In diesem Zusammenhang werden ein Abbau der kognitiven Leistung, Osteoporose sowie ein signifikanter Appetitverlust diskutiert. Daher könnte eine altersspezifische Ernährung durchaus Vorteile bringen.

Für ein Lebensalter von bis zu 120 Jahren sei der Mensch vorprogrammiert und laut Prof. Dr. Cornel C. Sieber vom Klinikum Nürnberg Nord, Innere Medizin und Geriatrie, fänden sich für dieses „Ende der Fahnenstange“ bereits Hinweise in der Bibel. „Altern ist ein normaler Vorgang, aber sowohl die physischen Veränderungen als auch die Lebensweise – und hier vor allem die altersgerechte Ernährung – tragen dazu bei, wie hoch die Fahnenstange des Lebens erklommen wird.“ Mit dem Thema „Is(s)t Alter anders? Ernährung in Prävention und Therapie“ befasste sich deshalb auch der 25. Ernährungskongress der österreichischen Diätologen in Wien.
Naturgemäß stand dabei die Funktion des Gastrointestinaltraktes als das zentrale Organ der Nährstoffresorption im Mittelpunkt. Hier laufen im Verlauf des physiologischen Alterungsprozesses Leistungs- und Milieuveränderungen ab. „Im Bereich von Leber, Pankreas und Dünndarm lässt sich zwar eine altersassoziierte Leistungseinbuße feststellen, diese Organe haben aber eine hohe Reservekapazität“, erläuterte Dr. Jürgen M. Bauer, Lehrstuhl für Innere Medizin V – Geriatrie, Universität Erlangen-Nürnberg. Im Magen tritt keine Abnahme der Säuresekretion ein, aber als Folge einer chronischen Infektion mit Helicobacter pylori oder der im Alter häufigen Langzeitverordnung eines Protonenpumpenblockers (PPI) kann eine Verminderung der Vitamin-B12-Resorption eintreten.

Bakterienflora ändert sich

Betrachtet man die intestinale bakterielle Flora näher, so ergeben sich zwei Besonderheiten. Zunächst findet sich bei älteren Menschen vielfach eine bakterielle Überbesiedelung des Dünndarms, die zu einer chronischen Diarrhoe und zu einer Malabsorption führen kann. Zum anderen werden altersassoziierte Veränderungen in der Zusammensetzung der bakteriellen Dickdarmflora dokumentiert. Dabei tritt eine Verschiebung der Anaerobiern zu Aerobiern und eine Einbuße der Stämme der Gesamtzahl an Bifidobakterien ein.
Da der Darm mittlerweile als größtes immunologisches Organ gilt, wirken sich diese Veränderungen auch auf eine Verminderung der Immunabwehr aus. Daher befindet sich der ältere Mensch in einem ständigen „Low grade inflamation“-Zustand. Dieser geringgradige Entzündungszustand wird als eine mögliche Ursache für den Abbau der Skelettmuskulatur und der kognitiven Leistung, für Appetitverlust sowie das Altern per se betrachtet. „Es wird mit Interesse verfolgt, ob die Einnahme von Präbiotika in dieser Hinsicht Vorteile bringt“, erklärte Bauer.

Energiebedarf sinkt

Ein erhöhtes Lebensalter geht auch mit einer Grundumsatzabnahme einher, die auf etwa vier Prozent pro Dekade geschätzt wird. Noch wichtiger ist allerdings die deutliche Abnahme des durch geringere körperliche Aktivität bedingten Energieumsatzes. Dieser sinkt dabei um etwa 150 kcal pro Dekade. In zahlreichen Studien konnte eine dementsprechende Abnahme der Energiezufuhr nachgewiesen werden. Neben der veränderten körperlichen Aktivität sind weitere Faktoren wie raschere Sättigung, Abnahme des Geruchs- und Geschmacksempfindens und die fehlende Kompensation nach einer Periode verringerter Energiezufuhr verantwortlich.
Was die Veränderungen in der Körperzusammensetzung betrifft, so nimmt der Fettanteil zu, der Muskelanteil hingegen ab. Auch in absoluten Zahlen lässt sich ab dem 30. Lebensjahr pro Dekade eine drei- bis achtprozentige Abnahme der Muskelmasse beobachten, in besonders ausgeprägten Fällen spricht man von Sarkopenie. „Eine Abnahme der Muskelmasse bedeutet eine erhöhte Gefährdung für Immobilität und Invalidität. Die Sarkopenie muss daher rechtzeitig diagnostiziert und therapiert werden“, appelliert Geriater Bauer an die niedergelassenen Ärzte. Körperliches Training zählt zu den Standardtherapien. Vitamin D besitzt neben seiner beachtlichen Wirkung für den Knochenstoffwechsel außerdem eine Bedeutung für die Muskelfunktion. In Anbetracht der hohen Prävalenz des Vitamin-D-Mangels bei älteren Menschen verdient dieser Aspekt besondere Beachtung. Neuere Studienergebnisse weisen ferner darauf hin, dass durch die Zufuhr essentieller Aminosäuren, insbesondere Leucin, eine muskelanabole Wirkung erzielt werden kann. Weitere Studien sind allerdings noch erforderlich, um die klinische Relevanz dieser Beobachtungen zu belegen.

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