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Pflege 10. April 2008

Houston – wir haben ein Problem

Wenn man als Arzt in Österreich die Medien studiert, wird man den Eindruck nicht los, dass wir Ärzte ein Problem haben. Die Kassen sind pleite und weil man ihnen nicht mehr Geld geben will, sondern sie vielmehr noch weiter ausraubt (nichtaufwandsneutrale Mehrwertsteuer-, Rezeptgebührabgeltung u.s.w.), wird der Fehlbetrag immer größer. Die Spitäler bleiben, wie es ausschaut, fest in der Hand der Landesfürsten. Die Kassen dürfen nichtsdestotrotz eine gutes Drittel ihrer Einnahmen „ung’schaut“ abliefern. Die Blöden sind die Kassenärzte.
Kanzler Gusenbauer als „Sozialfighter“ und die Gesundheitsministerin als „Partylöwin“ hinzustellen entpuppt sich immer mehr als schlechter Witz. Schlecht, weil er unverstanden bleibt. Deshalb können die niedergelassenen Ärzte – ähnlich wie die Kosmonauten im All – ohne festen Boden unter den Füßen nur rufen: Weihburggasse (Ärztekammer): Wir haben ein Problem! Wir kommen mit der Message einfach nicht durch.
Das beste Beispiel dafür ist Peter Rabls Kommentar im Sonntagskurier. Rabl prophezeit, dass die Ärzte die Hauptlast der Kassensanierung tragen werden müssen. Denn „die Ärzte treffen 80 Prozent der kostenrelevanten Entscheidungen“. Und: „gnadenloser Maßstab sind die Analyse der Kostensteigerungen und regionalen Unterschiede der ärztlichen Versorgung und ihrer Finanzierung“. Dass in Oberösterreich eine Fachärzteunterversorgung besteht, hat sich noch nicht bis zu Rabl herumgesprochen. Dass es in Oberösterreich „teilweise drastisch niedrigere Tarife“ gibt, schon. Dass alle Kassentarife lokal gewachsen sind und mit wirtschaftlich kalkulierter Leistungsbezogenheit schon lange nichts mehr am Hut haben, konnte Rabl bedauerlicherweise nicht recherchieren. Vielmehr erscheint ihm die „ärztliche Propaganda als Versuch der Geiselnahme von Patienten“. Ob Houston oder Wien – wir bringen das Problem noch immer nicht hinüber.
Noch ein Beispiel gefällig: Rabl ist der Meinung, dass der Reformplan, die Entscheidung über die Verordnung konkreter Medikamente von den Ärzten zu den Apothekern zu verlagern, einen ebenso heimlichen wie empfindlichen Nerv vieler Mediziner trifft. Seiner Einschätzung nach drücken Pharmakonzerne teure, oft nur angeblich ganz neue Medikamente über fragwürdige Zahlungen und Geschenke an die verschreibenden Ärzte in den Markt. Und: „Wenn Mediziner nicht mehr allein über die Medikamente entscheiden können, fällt daher ein vielfach höchst lukrativer Teil ihrer Tätigkeit weg.“ Also schön wäre es. Leider gibt es da ein Arzneimittelgesetz, einen Pharmig-Kodex und eine Zulassungsinstanz beim Hauptverband, die Preise und Boxen mit der Industrie verhandelt. Die Aut-idem-Verschreibung verdoppelt bestenfalls die Außendienstbesuche für die pharmazeutische Industrie. Und damit wird nichts billiger. Wenn ein Urgestein des Journalismus so danebenliegen kann, wie können „Sozialfighter“ und „Partylöwinnen“ da eine bessere Perspektive haben?

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 15/2008

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