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Pflege 28. März 2008

2,2 Milliarden Euro für rezeptpflichtige Medikamente

2,2 Milliarden Euro mussten die Sozialversicherungen voriges Jahr für rezeptpflichtige Medikamente zahlen. Seitens der ärztlichen Standesvertretung wurde allen Ernstes verlangt, die Arzneimitteldistribution in die Arztpraxen zu verlagern.

Schließlich wäre das für den Patienten einfacher – schon vergessen? „Der Patient läuft nicht – es läuft das Rezept.“ Und: Für die Kassen wäre die Abgabe von Medikamenten in Ärztepraxen billiger. In Wirklichkeit eine absurde, nein groteske Situation. Die 1.184 Apotheken sonnen sich in einem einzigartigen Gebietsschutz und versuchen, durch allerlei Tricks ihre Gesundheitskompetenz unter Beweis zu stellen und vor allem ihr Geschäft anzukurbeln. Die 968 „Hausapotheker“ lukrieren bei der Arzneimitteldistribution oft mehr als für ihre Kassenarztleistung und sichern so in dünn besiedelten Gebieten ihre Existenz.
Überall dort, wo es sich auszahlt, kann ein Apotheker in Zukunft die Hausapotheke ablösen. Schön für die „Pillendreher“, die eigentlich schon längst zu Regalbetreuern, wenn auch mit besonderer Ware, mutiert sind. 2,2 Milliarden Euro zahlen die Sozialversicherungen für Medikamente. Der Anteil an nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln, Nahrungsergänzungsmitteln und anderen Gesundheitsprodukten darf auf rund eine Milliarde Euro geschätzt werden. Während sich Apotheker und Ärzte einen völlig entbehrlichen Fight liefern, scharren schon ganz andere in den Startlöchern. Internetversand und Drogeriemarktketten drängen in den Markt. Selbst wenn es die Herrschaften nicht wahr haben wollen: Das ist die Zukunft. Längst gibt es in vielen Ländern ein Shop-in-Shop-System von Apotheken in Supermärkten. Warum also nicht auch bei uns? Längst kann sich der Bürger mit Essen und Trinken leichter gefährden als mit – noch – rezeptpflichtigen Arzneimitteln.
Eine Liberalisierung im Verkauf von Medikamenten brächte ohne Zweifel eine Entlastung der Krankenkassen. Ganz zu Schweigen davon, würde man den hohen Mehrwertsteuersatz bei Arzneimitteln um die Hälfte senken. Schließlich hat Geld kein Mascherl. Zuerst den Kassen 440 Millionen an Mehrwertsteuer abzuverlangen, um dann einen Bruchteil davon zu refundieren, ist wohl ein Meisterstück finanzpolitischer Trickserei. Der einzige Kollateralschaden für den Steuertopf wäre der Verzicht auf jenen Anteil der Mehrwertsteuer, der dem Konsumenten außerhalb der Kassenrezepte für Arzneimittel aus der Tasche gezogen wird.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 13/2008

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