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Pflege 20. Juni 2008

Patientenanwalt Gerald Bachinger liebt es, sich als Sprecher der österreichischen Patientenanwälte medial in Szene zu setzen.

Während acht andere aus Bachingers Garde bescheiden ihrem Namen gerecht werden und sich voll der Aufgabe, Anwälte von Patienten zu sein, widmen, lässt der niederösterreichische keine Gelegenheit aus, der Öffentlichkeit seine Meinung zu spenden. Man könnte sagen, das ist ja sein Job. Schön. Aber warum nimmt er ihn nicht mit jener Qualität wahr, die er so leidenschaftlich von anderen verlangt?
Er findet es für „unethisch und unverfroren“, dass Kassenärzte streiken. Und überhaupt: „Sie nehmen die Patienten als Faustpfand!“ Da muss man sich doch mal die Frage stellen: Wer tut was? Fünfzehntausend niedergelassene Ärzte wagen es, aus Protest gegen eine Gesundheitsreform, die sich nicht einmal Kassensanierungsreform nennen kann, ihre Ordinationen für einen Tag geschlossen zu halten. Es geht um ihre Existenz. Und um das Fortbestehen einer Versorgungssäule, auf der eines der besten Gesundheitssysteme ruht. Seit Jahren trachten, so könnte man meinen, Regierungsmitglieder danach, unser Gesundheitssystem an die Wand zu fahren. Eine Neuregelungen der Arbeitslosenkrankenversicherung, die Rezeptgebührendeckelung, die Krankenversicherung in der Schwangerschaft, die Änderung in der Spitalsfinanzierung, die unvollständige Abdeckung der Kosten aus der Abschaffung der Vorsteuer­abzugsfähigkeit bedeuten für die Krankenkassen Millionen Ausgaben ohne entsprechende Deckung. Würden noch seitens der Wirtschaft die nicht einbringbaren Arbeitgeberbeiträge abgedeckt und die vorgeschriebenen Beiträge ordentlich bezahlt werden, bliebe den Kassen noch Geld in der Kasse. Aber das kratzt natürlich einen Patientenanwalt von Format wenig. Medienwirksamer ist allemal, „Gschichterln“ zu Systemfehlern hochzustilisieren. Stichworte „Werbegeschenke“ und „Gratis-Kongresse“. Schon lange sorgt ein strikter Kodex der pharmazeutischen Industrie dafür, dass eine Beeinflussung oder gar Abhängigkeit gar nicht aufkommen kann. Kann man nachlesen.
Da war noch der Vorwurf, die Ärzte bedienen sich der Patienten als Faustpfand. Lieber Herr Bachinger: Wir Ärzte dienen den Patienten, wir bedienen uns derer nicht! Wie ist das bei ihnen? Der Ordinationssperrtag am 16. Juni war nur ein Wink. Ein Wink für Partytiger und Sozialfighter. Für jene, die sich beim Niederwalzen der Kassenärzte so gar nicht über die Auswirkungen für die Patienten den Kopf zerbrechen wollen. Wahrscheinlich haben sie auch gar keine Zeit dazu. Gilt doch ihr Interesse vielleicht mehr ihrer Zeit danach. Blöd ist nur, dass man heutzutage in Österreich nur dann Politiker loswird, wenn man ihnen einen gut dotierten Folgejob anbieten kann.
Dass es auch anders, nämlich gemeinsam mit den Ärzten, geht, zeigte dieser Tage der Wiener Patientenanwalt: Er bot seine Vermittlerdienste an. Eigentlich logisch, denn ohne Ärzte kein Gesundheitssystem. Das wäre wirklich schlecht für die Patienten.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 25/2008

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