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Pflege 7. Februar 2008

Man muss es auf den Punkt bringen

Die Ärzteschaft wird von der Politik im Stich gelassen.

Zwar lobt man ständig das ach so gute – nein, das beste – Gesundheitssystem, doch man wird nicht müde, es auf Schleuderkurs zu halten. Während die Bürger dieses Landes kaltschnäuzig via Rundfunkgebühren, Benzin, Energiepreise usw. abgezockt werden, schiebt Sozialminister Erwin Buchinger 100 Euro als Teuerungsabgeltung den Ärmsten als hoch gelobte Einmalzahlung hinüber und kann sich dabei noch mit beiden Händen auf die Schulter klopfen. Der Finanzminister hingegen klopft sich auf die Schenkel – ist der doch ein Profiteur der Teuerung.
Einheitliche Kassentarife werden gefordert, gesplitterte Honorarverhandlungen und befristete Kassenverträge sind die neuen Lieblingsthemen unserer Gesundheitspolitiker und Gewerkschaftsbosse. Fein, wenn man damit von den eigenen Problemen so leicht ablenken kann. Davon, dass man es nicht schafft, Kassen zusammenzulegen und Bürokratiekosten zu senken. Stattdessen fordert man Honorarabschläge in zweistelliger Höhe.
Es wird Zeit, dem kranken Kassensystem und der „Krankheitspolitik“ eine Therapie zu verschaffen. Dazu sollten wir Ärzte uns unserer wirtschaftlichen Potenz voll bewusst sein. 8.061 Kassenärzte betreuen im niedergelassenen Bereich die Bevölkerung und haben dabei 78 Millionen Patientenkontakte. Das sind über 350.000 Kontakte pro Tag. Fast 50 pro Ordination und Tag. Jahrein, jahraus. Die Kassenärzte beschäftigen über 25.000 Mitarbeiter mit einer Lohnsumme von fast einer Milliarde Euro. Mit ihrer Hilfe behandeln sie pro Jahr über 32 Millionen Behandlungsfälle und verwalten damit 35 Millionen Krankenstandstage. Diese kosten die Wirtschaft laut Dr. Martin Gleitsmann von der Wirtschaftskammer 16 Milliarden Euro. 5,5 Milliarden allein für Lohnfortzahlungen.
Zur Einleitung der Therapie eine Rechenaufgabe für unsere Experten: Was wäre, wenn die durchschnittliche Krankenstandsdauer von 11,5 Tagen um einen einzigen Tag wächst? Damit sich die Gehirne nicht zu sehr überanstrengen: Das macht allein an Lohnfortzahlungskosten (das heißt ohne Therapiekosten) 400 Millionen Euro! Vergleich gefällig: Das entspricht dem Abgang der Krankenkassen im Jahr 2007.
Es gilt, den Patienten aufzufordern, die bitteren Pillen zu schlucken. Nachdem er bisher nicht wirklich zuhören wollte, müssen wir Ärzte etwas lauter werden. Auftakt bildet die Versammlung Wiener Kassenärzte. Bedauerlicherweise – so sagen erfahrene Diagnostiker – wird das allein nicht reichen. Durchaus möglich, dass Dorner zum Daume werden muss, um die Politiker zur Räson zu rufen.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 6/2008

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