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Pflege 16. Jänner 2008

Forschung an potenten Zellen

Die ethischen Fragen im Hinblick auf die Stammzellforschung sind in Österreich noch unzureichend bearbeitet. Eine Tagung zu diesem Thema unter Mitwirkung der Bioethikkommission soll eine öffentliche Debatte anstoßen. Unter anderem wird erörtert werden, ob die aktuellen Studienergebnisse auf dem Gebiet die ethische Diskussion rund um die Stammzellenforschung obsolet machen könnten.

Die Ereignisse überschlagen sich in letzter Zeit förmlich: Erst im November vorigen Jahres berichteten US-Forscher, dass es ihnen gelungen sei, Hautzellen zu Stammzellen rückzuprogrammieren. Mit der neuen Technik könnten aus adultem Körpergewebe Stammzellen gewonnen werden, die über die Eigenschaften von embryonalen Stammzellen verfügten. Mit den sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen haben die Forscher bei Mäusen bereits erste Therapieerfolge nachgewiesen.
Erst in der Vorwoche brachte die Online-Ausgabe der Zeitschrift Cell Stem Cell eine neue Sensation, als Vorabmeldung noch vor der Veröffentlichung im Februarheft: Eine Forschergruppe um Dr. Robert Lanza (Advanced Cell Technology, Worcester) könne embryonale Stammzellen (ES) aus Embryonen gewinnen, ohne diese zu zerstören. Die Technik ist der Präimplantationsdiagnostik (PID) angelehnt: Einige einzelne Zellen werden dabei aus dem Blastomere-Stadium des sich entwickelnden Keims entnommen (Blastomerbiopsie). Ein Protein namens Laminin erhält die gewonnenen Zellen im pluripotenten Zustand. Die verbleibende Blastomere bleibt entwicklungsfähig.

Der Schlüssel zur ethisch korrekten Stammzellforschung?

Die Begeisterung ist groß: Die umstrittene Forschung an embryonalen Stammzellen, die im Reagenzglas künstlich befruchtete Embryonen „verbraucht“, könnte von nun an obsolet sein. Doch ist das zu erwarten? Prof. Dr. Ulrich Körtner, Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission und Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin (IERM) an der Universität Wien kann diese Hoffnung nicht teilen: „Eine weitere Forschung an herkömmlich hergestellten pluripotenten embryonalen Stammzellen wird man sich wohl nicht ersparen können“, betont Körtner. Vielmehr würden vorerst viele Vergleichsstudien nötig sein, die klären, ob die neuartigen Stammzellen tatsächlich vergleichbare Eigenschaften haben.
Zudem, so Körtner, zeichnen sich für die pluripotenten menschlichen Zellen neben den bekannten möglichen klinischen Anwendungen auch neue Anwendungsgebiete ab. Die Stammzellen erscheinen interessant für pharmakologische und toxikologische Untersuchungen. Dabei sind nicht nur pharmakologische Studien an Stammzellen zur Überprüfung von Wirkstoffen denkbar. Vielmehr könnten Tests mit chemischen Substanzen eventuell Tierversuche ersetzen und embryonale Stammzelllinien durch embryotoxische Wirkstoffprüfungen zur Verbesserung der Reproduktionsrate bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF) beitragen.

Überfälliger Diskurs

Ein Stammzellforschungsgesetz gibt es in Österreich nicht, lediglich das Fortpflanzungsmedizingesetz verbietet die Herstellung von embryonalen Stammzellen. Nicht verboten ist hingegen ihre Einfuhr. So wird in Österreich dennoch an den Zellen geforscht. Ein ethisch wie rechtlich unbefriedigender Zustand, aber eine typisch österreichische Lösung. Denn offenbar können alle Beteiligten mit der schlampigen Situation gut leben: Körtner: „Die Gegner rufen nicht nach einem Gesetz, weil es als Förderung der umstrittenen Forschung verstanden werden könnte. Und manche Befürworter der Forschung befürchten, dass ein Gesetz nur zur Beschränkungen der Forschungsfreiheit führen würde.
Prof. Dr. Erwin Wagner, führender Stammzellforscher am Institut für molekulare Pathologie (IMP), zieht jedoch die Konsequenzen: „Ich habe mich daher entschlossen, Österreich zu verlassen, um in einem Land mit liberaleren Stammzellgesetzen wie Spanien ungehindert forschen zu können.“ Die Bioethikkommission will nun eine öffentliche Diskussion in Gang bringen. Den Auftakt macht die zweitägige Tagung in Wien, bei der der Status quo erörtert werden soll. Wie gehen andere Gesellschaften mit der brisanten Fragestellung um? Für die Vorsitzende der Bioethikkommission, Dr. Christiane Druml, ist vor allem entscheidend, dass Österreich sich nicht auf die bequeme Position zurückziehen kann, die umstrittene Forschung in heimischen Labors zu verbieten und damit ins Ausland auszulagern. Druml im Gespräch mit der Ärzte Woche: „Ich kann nicht sagen, ich lagere die Forschung aus, aber wenn es dann positive Ergebnisse für Patientengruppen gibt, wenden wir sie bei uns dann an. Das ist nicht ethisch.“ Bis zum Herbst will Druml dem Bundeskanzler ihren Bericht zum Thema übergeben können.

Stammzellforschung:
Tagung des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin und der Bioethikkommission
17. und 18. Jänner 2008, Festsaal des Obersten Gerichtshofs im Justizpalast, Schmerlingplatz 10-11

Inge Smolek, Ärzte Woche 3/2008

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