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Pflege 18. Oktober 2007

Wir streiken - wir streiken nicht - wir streiken zu spät.

Wir streiken, streiken nicht, streiken … Das ist so eine Geschichte. Besser eine schlechte Vorgeschichte. Die fast 12.000 Kassenärzte versorgen jahrein, jahraus die österreichsche Bevölkerung in jenen Krankheitsfällen, in denen keine Spitalsbetreuung notwendig ist. Die Anforderungen nehmen ständig zu, die erbrachten Leistungen steigen. Zu allem Überfluss werden in den Tintenburgen der Ministerien und der Sozialversicherungen ständig neue bürokratische Schikanen erfunden, die den Praxisalltag immer mühevoller werden lassen. Honoriert wird diese Aufopferung durch Honoraranpassungen unter der Inflationsrate. Von einer Honorarautomatik, gekoppelt an die Tariflohnindexsteigerung, können Kassenärzte nur träumen. Albträume werden es dann, wenn tolldreiste Verstaatlichungspläne sich in Gesetzesvorlagen schleichen, die auf eine Abschaffung der niedergelassenen Ärzteschaft und das Aussterben des freien Berufsstandes „Arzt“ hinauslaufen.
Da war das Maß voll. Unter diesen Arbeitsbedingungen konnte man nicht weiter bei der Tagesordnung bleiben. So konnten die Kassenärzte nicht weiter die medizinische Versorgung der Bevölkerung garantieren. Egal, ob Frau Kdolsky von den Umtrieben ihrer Vorzimmerbesatzung nichts gewusst hat oder absichtlich eine Sollbruchstelle einbauen ließ, das pro forma „Zurückrudern“ stellt keine Lösung dar. Der Ärztekammerpräsident wäre ihr fast auf den Leim gegangen und hatte die Streikdrohung bereits entschärft, bevor noch eine – nahezu unverbindliche – schriftliche Fassung der Vereinbarung auf dem Tisch lag. Dumm gelaufen. Kaum hatten sich alle Ärzte österreichweit solidarisch erklärt, war die Wirkung zunichte gemacht.
Der Gegenangriff ließ nicht eine Sekunde auf sich warten: Aus allen Löchern krochen sie hervor, um ihr Unverständnis kund zu tun. Ja und überhaupt: „Dürfen’s denn des – bei ihrem hippokratischen Eid?“ schallte aus Wirtschaftskammerkreisen. Nein! Sie dürfen nicht! – unterstützte auf einmal lautstark ein zu Recht weitgehend unbekannter Gewerkschafter (Bernhard Harreither) im Namen der gewerkschaftlich organisierten Spitalsärzte.
Da gab es natürlich auch für die Patientenanwälte Bachinger und Brustbauer kein Halten mehr: Man dürfe den Disput nicht auf dem Rücken der Patienten austragen. Richtig! Denn die Ärzte drohen mit einem Streik, um letztendlich ihre Patienten vor Schlimmen zu bewahren. Die Herren täten gut daran, sich für die ersten „Patientenanwälte“ – die Ärzte – stark zu machen, anstatt sich als publikumswirksame Trittbrettfahrer zu versuchen. Ungelöst für die Standesvertretung scheint es jedoch, das Problem rasch und geeignet der Öffentlichkeit zu vermitteln, bevor die eigenen Reihen langsam zerbröseln. Dann streiken wir zu spät.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 42/2007

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