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Pflege 13. Dezember 2007

Warm anziehen, Herr Minister!

24-Stunden-Pflege. Man weiß, worum es geht. Dazu muss man weder Ex-Bundeskanzler noch Bundespräsident sein. Wer hat nicht in seiner Verwandtschaft oder unmittelbaren Bekanntschaft einen solchen „Fall“? Was heißt hier Fall? Es geht um einen lieben Menschen, Pensionsbezieher, der im vorgerückten Alter, auf eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung angewiesen ist. Aus medizinischen Gründen natürlich. Nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt, bei Alzheimer oder progredienter seniler Demenz.
Ein Leben lang hat er für unsere Gesellschaft geschuftet. In der Kindheit oder Jugend den 2. Weltkrieg überlebt. War Mitglied der Wiederaufbaugesellschaft. Berufstätig gewesen und/oder Kinder großgezogen. Wenn man Glück hat, hat man Familie. Die bereits großen Kinder leben aber schon längst ihr eigenes Leben in einem getrennten Haushalt. Und da passiert es: Man wird zum Pflegefall. Wenn’s blöd kommt, dann ordentlich. Auf einmal ist man auf fremde Hilfe angewiesen. Nein, viel schlimmer: Man ist dem Sozialstaat ausgeliefert. Nach jahrzehntelangem Steuerzahlen zum Pensionsbezieher geworden, wird man unverschuldet durch einen Schicksalsschlag zum Pflegefall. Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Rede ist hier nicht von einer kleinen Gehbehinderung, sondern von jenem Fall der Behinderung, der zumindest einen 180-Stunden-Betreuungsaufwand nötig macht. Das sind nämlich die Fälle, die einer 24-Stunden-Pflege bedürfen.
Selten sind die Betroffenen ausreichend wohlhabend. Mit einer Pension von z. B. 1.500 Euro musste man sich schon als Gesunder durchkämpfen. Miete, Verpflegung und nunmehr gedeckelte Rezeptgebühr fressen schnell eine Durchschnittspension auf. Unter dem Durchschnitt sollte man besser keinesfalls liegen. Denn dann geht’s ab ins Heim. Für jene, die es noch nicht wissen: Pflegeheimbewohner überleben das erste Jahr meistens nicht. Also, wenn es sich nur irgendwie ausgeht – man möchte schließlich länger leben – bedient man sich einer 24-Stunden-Pflege aus der Slowakei. Denn hierzulande gibt es weder ausreichend Pflegekräfte, noch könnte man sich diese leisten. Es reicht ohnehin, dass sich diese mit Kost und Quartier auf über 2.000 Euro pro Monat zu Buche schlagen. Dafür muss Oma schon wirklich viel gehäkelt haben als sie noch gesund und munter war.
Nachdem „dankenswerterweise“ vor einem Jahr die Illegalität aufgedeckt wurde, quälen sich unsere Staatsführer um eine Lösung herum. Nun gibt es ein Hausbetreuungsgesetz. Selbst mit dem Bisserl staatlicher Unterstützung explodieren für die Betroffenen die Kosten. Mehrkosten von über 1.000 Euro steht eine Förderung von 225 bis 800 Euro gegenüber. Letztere, wenn die Pflegepersonen angestellt werden. Bei fünf Wochen Urlaub und durchschnittlich zehn Tagen Krankenstand kann diese Version keine Akzeptanz finden. Selbst als Bezieher einer Pflegegeldstufe 5 kamen bislang nur jene durch, die sich einer Hofratspension erfreuen dürfen. Das sind nicht wirklich viele. Deshalb ab ins Heim. Dass gerade Sozialminister Buchinger – ein Sozialdemokrat der besonderen Klasse – eine inakzeptable Lösung durchzupowern versucht, zeigt von sozialer Kälte. Sollten denn hunderte Rollstuhlfahrer auf der Parlamentsrampe „zwischengeparkt“ werden, wird er sich warm anziehen müssen.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 50/2007

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